{"id":2864,"date":"2017-03-15T21:01:26","date_gmt":"2017-03-15T21:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2864"},"modified":"2017-03-18T14:37:45","modified_gmt":"2017-03-18T14:37:45","slug":"uberleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/uberleben\/","title":{"rendered":"\u00dcBERLEBEN"},"content":{"rendered":"<p>1. m\u00e4rz 2017 \u00a0 \u00a0<em><strong> &#8212;&#8212;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 winter 16\/17, Folge 50<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">New York, 1980<\/p>\n<p>Nein, ich streiche nichts. Betrunkene und Kinder sagen die Wahrheit, hei\u00dft es doch.<\/p>\n<p>Also habe ich gestern ganz sch\u00f6n die Hosen runter gelassen. Aber warum auch nicht? Dass Mom eine harte Nuss ist, wei\u00df jeder, der sie mal erlebt hat.<\/p>\n<p>Jetzt habe ich gerade mal den Schnaps zum Z\u00e4hneputzen intus, jetzt bin ich sozusagen n\u00fcchtern \u2013 da bringe ich ein bisschen mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Mom auf, als wenn ich den Wodka-Blick habe.<\/p>\n<p>Der Kopf kommt mir aufgeblasen vor, ich bin empfindlich gegen jedes Ger\u00e4usch.<\/p>\n<p>Mom ruft durchs Erdgeschoss, dass sie etwas braucht. Jane, das M\u00e4dchen, saugt Staub, deswegen muss Mutter schreien. Ihre Stimme ist schrill, sie s\u00e4gt in meinem Hirn, wie wenn einer auf der Laubs\u00e4ge Violine spielt.<\/p>\n<p>Diese Stimme hat sie, wenn sie die Leute rum kommandiert. Oder wenn etwas nicht so l\u00e4uft, wie sie sich das vorgestellt hat. Dann keift Mutter wie ein altes Weib aus einem schlechten griechischen Film.<\/p>\n<p>Mit dem Vater und mit seinen Gesch\u00e4ftspartnern, mit ihren Freundinnen und mit wichtigen Leuten gurrt sie. Macht einen auf Marylin Monroe. Piepst wie ein V\u00f6gelchen, ruckediguht wie eine liebeskranke Taube. Macht ihre Augen ganz gro\u00df und ist eine schwache Frau, die unbedingt gesch\u00fctzt werden muss vor der b\u00f6sen Welt.<\/p>\n<p>Doch keiner muss sich um meine Mutter Gedanken machen. Die sorgt schon f\u00fcr sich. Hat sie immer getan.<\/p>\n<p>Sie ist ma\u00dfgeschneidert f\u00fcr den Vater. Es hei\u00dft ja, die Schaben w\u00fcrden einen Atomkrieg \u00fcberleben. Wenn das so ist, k\u00f6nnen die sicher sein, die Schaben, dass nach dem Krieg die Eltern auch noch da sind. Vater und Mutter sind z\u00e4h, sensationell z\u00e4h sind die.<\/p>\n<p>Und sie erwarten, dass ihre Kinder so sind wie sie.<\/p>\n<p>In der Zeit, als der Krieg zu Ende ging, hat sich Mutter viel Zeit f\u00fcr mich genommen. Abends ist sie in mein Zimmer gekommen und hat mir \u2013 sozusagen als ihre eigene Gutenacht-Geschichte \u2013 etwas aus ihrem Leben erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ich habe gern zugeh\u00f6rt, habe es genossen, dass Mom auf der Bettkante sa\u00df und nur f\u00fcr mich da war. Ihre Geschichten waren spannend und haben mich in eine ganz fremde Abenteuer-Welt gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Mom ist in einem kleinen Dorf in Schottland gro\u00df geworden. Das Kaff hie\u00df Tong und war auf einer kleinen Insel. Sie haben nicht viel gehabt in der Familie der Mutter. Die Eltern mussten zehn Kinder versorgen, der Vater war Kleinbauer und Fischer. Die haben von fr\u00fch bis sp\u00e4t gebuckelt \u2013 und am Ende hat es nicht gereicht.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n war diese Kindheit nicht. Mutter musste bald die j\u00fcngeren Geschwister h\u00fcten, mit 14 ging sie von der Schule. \u201eIch h\u00e4tte gern mehr gelernt\u201c, hat sie mir erz\u00e4hlt, \u201eaber ich sollte Geld verdienen. Viel Arbeit gab es f\u00fcr junge Frauen nicht. Und dann war da noch die Sache mit der F\u00e4hre.\u201c<\/p>\n<p>Mutter hat die Geschichte erz\u00e4hlt, als sei sie dabei gewesen. Dabei war sie erst f\u00fcnf, als es passierte. Die \u00fcberlebenden Soldaten kamen aus dem Weltkrieg zur\u00fcck. Sie mussten noch mit der F\u00e4hre nach Tong \u00fcbersetzen, dann h\u00e4tte der Ort wieder 205 junge Kerle im heiratsf\u00e4higen Alter. Man hat sich sehr gefreut auf die Burschen.<\/p>\n<p>Es st\u00fcrmte an dem Abend, als sie erwartet wurden. Die F\u00e4hre hatte den Hafen fast erreicht, da lief sie auf einen Felsen und zerbrach. 205 Passagiere und die Besatzung ersoffen wie die M\u00e4use. Sie sollen die ganze Nacht geschrieen haben.<\/p>\n<p>\u201eNoch heute h\u00f6rt man sie in wilden N\u00e4chten rufen\u201c, sagte die Mutter, und mir war sehr gruselig bei dem Gedanken.<\/p>\n<p>Sie sagte auch, dass sie die Toten selbst klagen h\u00f6rte. \u201eAls ich aus der Schule kam, lebten wir auf einer unheimlichen Insel. Keine jungen M\u00e4nner, viele Beerdigungen, kein Geld, kein Lachen. Ich wusste nicht, was aus mir werden sollte. Weg musste ich, soviel war klar.\u201c<\/p>\n<p>Also hat sie mit 17 in Glasgow einen \u00dcberlanddampfer genommen und ist nach Westen gefahren.<\/p>\n<p>Genau an ihrem 18. Geburtstag ist meine Mutter in New York angekommen. Zwei Schwestern waren schon in der Stadt, die w\u00fcrden ihr zeigen, wie man \u00fcberlebt. Den Rest w\u00fcrde sie schon selbst erledigen.<\/p>\n<p>Denn eines war klar: Diese junge Frau war z\u00e4h. Schaben sind Zimperlieschen dagegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Morgen: Wie man einen Fred angelt<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. m\u00e4rz 2017 \u00a0 \u00a0 &#8212;&#8212;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 winter 16\/17, Folge 50 New York, 1980 Nein, ich streiche nichts. Betrunkene und Kinder sagen die Wahrheit, hei\u00dft es doch. Also habe ich gestern ganz sch\u00f6n die Hosen runter gelassen. Aber warum auch nicht? Dass Mom eine harte Nuss ist, wei\u00df jeder, der sie mal erlebt hat. 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