{"id":2862,"date":"2017-03-15T05:40:32","date_gmt":"2017-03-15T05:40:32","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2862"},"modified":"2017-03-15T05:40:32","modified_gmt":"2017-03-15T05:40:32","slug":"schlaf-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/schlaf-gut\/","title":{"rendered":"&#8220;SCHLAF GUT!&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">28. februar<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0 <em><strong>&#8212;&#8212;\u00a0\u00a0 <\/strong><\/em><\/span><em><strong><span style=\"color: #000000;\">winter 16\/17, Folge 49<\/span><\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">New York, 1980<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Was das mit mir gemacht hat, als Vater meinen Bahnhof mit einem Fingerstupser zum Einsturz gebracht hat?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich habe mich gesch\u00e4mt. Wollte gar nicht runter zum Abendessen \u2013 aber das war nicht m\u00f6glich, Abendessen war Pflicht, wenn die Eltern nicht au\u00dfer Haus waren. Also habe ich am Tisch gesessen \u2013 ich wei\u00df noch, es gab Chicken Pot Pie, den mag ich normalerweise ganz gern \u2013 und zu tun gehabt, dass ich nicht auf den Tisch kotzte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich habe nicht begriffen, was da passiert war. So stolz war ich auf den Bahnhof gewesen. Und dann sah ich, wie er in sich zusammen fiel. Wie so ein morsches Hochhaus, das gesprengt wird. Es fehlte nur die Staubwolke. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Entsetzt war ich. Der Vater hatte ein L\u00e4cheln im Gesicht, als er das Geb\u00e4ude antippte. Es war ein b\u00f6ses L\u00e4cheln, das ich nicht aus dem Kopf bekam.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich habe geweint. Nicht sofort. Nach dem Abendessen bin ich in mein Zimmer und habe mich f\u00fcr die Nacht zurecht gemacht. Z\u00e4hne putzen. Gesicht waschen. Schlafanzug an. Ich habe mir ein Buch genommen und bin ins Bett gekrabbelt. Aber ich konnte die Bilder nicht angucken. Konnte es auch nicht verhindern, dass die Tr\u00e4nen kamen. Als ich die Mutter auf dem Flur h\u00f6rte, habe ich mir schnell \u00fcber die Wangen gewischt. Die Eltern hatten es nicht gern, wenn ich heulte. Jungs tun sowas nicht. Mutter kam ins Zimmer und war fr\u00f6hlich. \u201eSchlaf gut, Fred\u201c, sagte sie. Mehr nicht. Sie war wie immer. K\u00fcsste mich fl\u00fcchtig auf die Stirn und war wieder weg. Das Licht hatte sie gel\u00f6scht, es war nun dunkel im Zimmer, da konnte ich noch ein wenig weinen. Bin dann eingeschlafen. Am n\u00e4chsten Tag habe ich die Schienen aufger\u00e4umt und die Z\u00fcge ins Regal gestellt. Die Bauteile kamen in die Kisten und Eimer, und ich habe lange einen Bogen darum gemacht. So ein halbes Jahr oder so. Als ich wieder mit Lincoln Log spielte, habe ich nur noch flache D\u00e4cher gemacht. Von Giebeln habe ich die Finger gelassen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mutter, Du hast Dich vers\u00fcndigt. Uns Kinder hast Du allein gelassen in diesem Haus mit seinen 23 Zimmern und neun B\u00e4dern.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich kann das jetzt schon mal so schreiben, wie ich es f\u00fchle. Da hilft es, wenn ich mir einen verl\u00f6te, dann nehme ich keine R\u00fccksicht. Dann sehe ich Dich vor mir, wie Du bist. Und das geh\u00f6rt aufgeschrieben. Tut ja sonst keiner.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Du bist<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0 <\/span><span style=\"color: #000000;\">&#8211; sind wir mal ehrlich \u2013 in dieser Zeit nach dem Kriegsende so richtig aufgebl\u00fcht. Das letzte M\u00e4dchenhafte hat sich verfl\u00fcchtigt, und Du wurdest zur Dame der Gesellschaft. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mann, hast Du Dich aufgeplustert. Nie mehr biste ohne Hut aus dem Haus, zehn Meter gegen den Wind hat man Dein Parf\u00fcm gerochen. Den Friseur hattest Du jetzt in Manhattan, die Treffen mit den Freundinnen auch. Dauernd wurde eine Einladung im Haus T. vorbereitet, dauernd hast Du mit den Freundinnen besprochen, was man am besten zu den n\u00e4chsten Partys anzieht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Maryan, diese Schleimbacke, hat so getan, als ob sie ganz gierig auf die n\u00e4chste und die n\u00e4chste und die n\u00e4chste private Modeschau der Mutter sei. Da musste ich dann auch \u201eSitz!\u201c machen und meinen Senf dazu geben, wenn Mom in langen engen R\u00f6cken, schwarzwei\u00dfen Kost\u00fcmen, bauschigen Abendroben, herzigen Tennisr\u00f6ckchen durchs Zimmer stolzierte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mir ging das alles sonstwo vorbei, Mutter. Ich wollte, dass die Chose schnell vorbei war. Und ich hatte Bammel, dass ich etwas zur Mode sagen sollte. Dann stotterte ich und tippte regelm\u00e4\u00dfig daneben.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eIch finde das sch\u00f6n\u201c, sagte ich. Ach Quatsch, erkl\u00e4rte Maryan, das sei nicht h\u00fcbsch. Und Mutter meinte: \u201eK\u00f6nnte sein, Darling, dass Du Recht hast. Das legen wir mal lieber weg.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Zack!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Maryan hatte wieder mal gepunktet. Und ich war der Idiot.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mom war nicht b\u00f6sartig. Sie bestrafte mich nicht, das \u00fcberlie\u00df sie ihrem Mann. Sie behandelte mich freundlich. Aber ich sp\u00fcrte, dass sie mich nicht besonders beeindruckend fand. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich hatte es nicht drauf.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Morgen: Mary dockt an<\/span><\/span><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>28. februar\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;&#8212;\u00a0\u00a0 winter 16\/17, Folge 49 New York, 1980 \u00a0 Was das mit mir gemacht hat, als Vater meinen Bahnhof mit einem Fingerstupser zum Einsturz gebracht hat? Ich habe mich gesch\u00e4mt. Wollte gar nicht runter zum Abendessen \u2013 aber das war nicht m\u00f6glich, Abendessen war Pflicht, wenn die Eltern nicht au\u00dfer Haus waren. 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