{"id":2838,"date":"2017-03-09T22:44:13","date_gmt":"2017-03-09T22:44:13","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2838"},"modified":"2017-03-09T22:46:00","modified_gmt":"2017-03-09T22:46:00","slug":"falsch-gewickelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/falsch-gewickelt\/","title":{"rendered":"FALSCH GEWICKELT"},"content":{"rendered":"<ol start=\"23\">\n<li style=\"text-align: left;\">februar 2017 <em><strong>&#8212;&#8211; winter 16\/17, Folge 44<\/strong><\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>New York, 1980<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>\u201eFalls Sie wirklich meine Geschichte h\u00f6ren wollen, so m\u00f6chten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir besch\u00e4ftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erz\u00e4hlen g\u00e4be, aber ich habe keine Lust, das alles zu erz\u00e4hlen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein, so geht das nicht. Der Text geh\u00f6rt nicht mir. Er geh\u00f6rt nicht Fred T. Der geh\u00f6rt seinem Lieblings-Schriftsteller. Aber ein Fred T. schreibt nicht ab. Nicht mal, wenn es der \u201eF\u00e4nger im Roggen\u201c ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da gibt es viele \u201eF\u00e4nger-im-Roggen\u201c-S\u00e4tze, die Fred T. gedacht haben k\u00f6nnte:<\/p>\n<p><em>\u201eWenn ich Pianist oder Schauspieler oder sonst etwas w\u00e4re und alle diese Esel mich f\u00fcr fabelhaft halten w\u00fcrden, k\u00f6nnte ich das nicht vertragen. Ich m\u00f6chte nicht einmal, dass sie auch klatschen w\u00fcrden. Die Leute klatschen immer f\u00fcr das Verkehrte.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIch bin im Grunde sehr verschwenderisch. Und was ich nicht ausgebe, verliere ich. Meistens vergesse ich sogar, in Restaurants und Nachtlokalen und so weiter, das Wechselgeld an mich zu nehmen. Meine Eltern macht das rasend.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eLetztes Jahr nahm ich mir vor, keinen Bl\u00f6dsinn mehr mit M\u00e4dchen zu machen, die ich im Grunde nicht gern hatte. Aber dann verstie\u00df ich in derselben Woche dagegen, in der ich den Vorsatz gefasst hatte \u2013 sogar noch am gleichen Tag. Ich gab mich den ganzen Abend mit einer dummen Gans ab. Vom Sex verstehe ich einfach nichts, im Ernst, nichts.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Echt: Das h\u00e4tte auch ein Fred T. schreiben k\u00f6nnen. Aber die S\u00e4tze geh\u00f6ren Salinger.<\/p>\n<p>Ein Fred T. hat etwas Eigenes zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich will mich ja nicht selbst zu sehr loben, das schickt sich nicht. Aber ich darf schon darauf hinweisen, dass mir die Lehrer immer bescheinigt haben, ich h\u00e4tte ein Talent zum Schreiben.<\/p>\n<p>Das glaube ich auch.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte ich Schriftsteller werden sollen, nicht Pilot. Vielleicht w\u00e4re dann alles ein wenig ertr\u00e4glicher gewesen.<\/p>\n<p>Ach was! Machen wir uns nichts vor. War schon in Ordnung, die Sache mit der Fliegerei.<\/p>\n<p>Das waren die besten Zeiten: da oben, mit der schwerelosen Helligkeit \u00fcber mir. Weit unten des Wolken-Chaos, durch das wir ins Licht gesto\u00dfen waren. Das Brummen der Maschine, die kleinen Ger\u00e4usche, die die Stewardessen beim Vorbereiten des Services machten. Der schale Kaffee, der besser schmeckte als in der sch\u00f6nsten Bar Venedigs. Das fast unf\u00fchlbare Vibrieren im Sitz. Das Gef\u00fchl, eins mit dem Flugzeug zu sein.<\/p>\n<p>Nein, das Fliegen hat mich nicht ans Saufen gebracht.<\/p>\n<p>Halt. Ich schweife ab. Fangen wir noch einmal an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1945 war meine Kindheit am sch\u00f6nsten. Entz\u00fcckt erlebte ich, dass die Welt ein gro\u00dfes Wunder war.<\/p>\n<p>Wochen schon waren die Eltern wie verwandelt. Die Mutter sang ohne Anlass. Nun, Singen kann man das wohl nicht nennen. Mutter summte Melodien. Pl\u00f6tzlich waren sie wieder da, die Melodien, die ein Jahr zuvor aus unserem Haus verschwunden waren.<\/p>\n<p>Die Eltern hatten damals erkl\u00e4rt, dass der gro\u00dfe Glenn Miller nicht mehr da sei. Verschollen vom Radar. Kein \u201eIn the Mood\u201c mehr und kein \u201eOne O\u2019Clock Jump\u201c oder \u201eChattanooga Choo Choo\u201c. Glen Miller wurde nicht mehr gespielt \u2013 sonst h\u00e4tte Mutter das Trauern wohl noch schwerer ertragen.<\/p>\n<p>Jetzt aber summte sie von morgens bis abends. Die Platten lagen wieder offen neben dem Phonographen und wurden rauf und runter genudelt.<\/p>\n<p>Wir Kinder waren erstaunt und angenehm ber\u00fchrt. Etwas Gro\u00dfes tat sich, wir sp\u00fcrten es.<\/p>\n<p>Dann kam der Mai, und eines Tages umarmte Vater die Mutter am helllichten Tag. Die Jungs, sagte er, h\u00e4tten es geschafft. Jetzt w\u00fcrden gro\u00dfe Zeiten anbrechen.<\/p>\n<p>Mutter nahm mich mit ins Kino. Wir sahen die \u201eDrei Caballeros\u201c von Walt Disney. Ich habe den Film gemocht, weil alles so lustig war. Aber noch mehr beeindruckt hat mich das Vorprogramm. Da waren Soldaten zu sehen, die lachten und die amerikanische Fahne schwenkten. Das hatte ich bisher immer anders gesehen: Da waren die Soldaten ernste M\u00e4nner gewesen, die mit Gewehren schnell rannten oder mit ihren Schiffen und Flugzeugen in gro\u00dfen Gefahren waren.<\/p>\n<p>Jetzt schwenkten sie Fahnen. Und eines Tages lag eine Illustrierte bei uns auf dem Tisch im Foyer, auf der ein Soldat eine Frau k\u00fcsste. Die Frau bog sich, rund um die Beiden waren andere Menschen, die mit Konfetti warfen und H\u00fcte in die Luft hoben. Alle lachten, und der Vater lie\u00df die Zeitung wochenlang auf dem Tisch liegen, sodass jeder sie sehen musste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war alles wunderbar. Mutter lachte und war sehr fr\u00f6hlich. Sie umarmte mich immer wieder, ohne dass ich etwas Besonderes gemacht h\u00e4tte. Sie erlaubte mir S\u00fc\u00dfigkeiten, sie erlaubte sowieso fast alles.<\/p>\n<p>Und der Vater redete mit uns Kindern. Fragte mich, ob es mir gut ginge, was ich denn da bastle, wer meine Freunde seien \u2013 solche Sachen.<\/p>\n<p>Dann ging er wieder zur Mutter und umarmte sie.<\/p>\n<p>Ich wusste nicht, wie ich all das deuten sollte. Aber besser, ich machte mir keine gro\u00dfen Gedanken. Es war sehr angenehm und so sollte es auch bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ich nicht ahnte, nicht ahnen konnte: Das waren die letzten unbek\u00fcmmerten Tage f\u00fcr mich. In ihrem Hochgef\u00fchl haben die Eltern sich zur\u00fcckgezogen und gev\u00f6gelt, was das Zeug hielt. So lange, bis Vater der Mutter den Samen f\u00fcr Donald eingepflanzt hatte. Und dann war auch bald Schluss mit lustig bei uns zuhause.<\/p>\n<p>\u201eJunge\u201c, sagte Dad zu mir, \u201ejetzt kommt unsere gro\u00dfe Zeit. Du wirst sehen.\u201c<\/p>\n<p>Ich nickte und linste r\u00fcber zu Mutters gro\u00dfem Bauch. Da drin wuchs das Monster Donald vor sich hin. Und keiner ahnte, wie das nochmal werden w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>februar 2017 &#8212;&#8211; winter 16\/17, Folge 44 &nbsp; New York, 1980 \u00a0\u201eFalls Sie wirklich meine Geschichte h\u00f6ren wollen, so m\u00f6chten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir besch\u00e4ftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2754,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,714],"tags":[747,811,809],"class_list":["post-2838","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-journal","category-winter-1617","tag-100-tage","tag-tag-35","tag-trump-fred","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2838","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2838"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2838\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2840,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2838\/revisions\/2840"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2754"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2838"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2838"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2838"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}