{"id":2827,"date":"2017-03-03T21:01:25","date_gmt":"2017-03-03T21:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2827"},"modified":"2017-03-03T21:04:19","modified_gmt":"2017-03-03T21:04:19","slug":"heile-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/heile-welt\/","title":{"rendered":"HEILE WELT"},"content":{"rendered":"<ol start=\"20\">\n<li>februar<em><strong> &#8212;- winter 16\/17, Folge 43<\/strong><\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">New York, Queens, Mai 1980.<\/p>\n<p>Hat der Alte was gesagt? Sicher, er belfert ja immer noch, unten an der Treppe. \u201eS\u00e4ufer\u201c h\u00f6rt Fred und \u201erausschmei\u00dfen\u201c und \u201ekeinen Dollar, nicht einen Cent, jetzt ist endg\u00fcltig Schluss.\u201c<\/p>\n<p>Dann die Stimme der Mutter. Sie redet leise, sie will ihren Mann bes\u00e4nftigen.<\/p>\n<p>Das macht den noch zorniger. \u201eEr ist ein Verlierer. Ein Trump \u2013 ein Verlierer! Das kann nicht sein.\u201c<\/p>\n<p>Ja klar, es ist die alte Platte. Immer die gleiche Rille. Fred junior, der Verlierer. Fred junior, in den man soviel M\u00fche, soviel Geld rein gesteckt hat. Und jetzt baut er nur Mist. So einer geh\u00f6rt nicht in die Familie. Er hat seine Chance gehabt, er hat echt seine Chance gehabt.<\/p>\n<p>Nun ist Schluss.<\/p>\n<p>Claires Stimme, klar und freundlich. \u201eSir, Madam, das Abendessen ist fertig. Soll ich Mister Fred junior Bescheid sagen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eBl\u00f6dsinn\u201c raunzt Fred senior. \u201eDer isst doch nichts \u2013 voll, wie er ist. Au\u00dferdem will ich ihn nicht am Tisch sehen. Was ist mit Donald? Sollte der nicht kommen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht heute, Fred\u201c, sagt Frau Trump. \u201eEr ist mit Ivana in der Stadt bei einem Empfang\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eAh ja, wei\u00df es wieder. Mit den Typen von der Stadt. Der wickelt die ein, das ist gut.\u201c<\/p>\n<p>Stille im Erdgeschoss. Dann br\u00fcllt die Stimme des Vaters:<\/p>\n<p>\u201eH\u00f6rst Du es, Du Versager? Dein Bruder zeigt Dir, wie es geht. Das ist ein guter Trump. Kannst Du mich h\u00f6ren, du Niete?\u201c<\/p>\n<p>Er k\u00f6nnte schon. Aber Fred mag nichts mehr vom Alten wissen. Er erledigt seine Sachen, in kluger Reihenfolge:<\/p>\n<ol>\n<li>Pissen. Der Urin hat eine r\u00f6tliche F\u00e4rbung, das sieht nicht gesund aus. Doch das Pinkeln erleichtert ungemein. Fred seufzt froh, zieht den Rei\u00dfverschluss hoch.<\/li>\n<li>Musik. Er schlingert in sein Wohnzimmer zur Stereoanlage. \u201e<em>Day out &#8211; day in\/I needn&#8217;t tell you how my days begin\/When I awake I get up with a tingle\/One possibility in view\/That possibility of maybe seeing you.\u201d <\/em>Billie Holiday, alte Schnapsdrossel, Du Schwester im Geiste. Sing\u2019 weiter, bring\u2019 mir den Blues. Lauter drehen, noch lauter!<\/li>\n<li>Hausbar. Whiskey. Bushmills Malt. Drei Finger hoch, dann muss Fred nicht gleich wieder aufstehen.<\/li>\n<li>Fernseher. M*A*S*H. Ton abstellen, Bild laufen lassen.<\/li>\n<li>Couch. Setzen. Trinken. Nachdenken.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Fred ist zufrieden, dass er den Pegel wieder im Griff hat. War ein langer Weg vom \u201eTerminal\u201c in der 8th Avenue\/Ecke 41st Street hierher nach Queens. Der Taxifahrer hat die ganze Zeit gelabert, und Fred \u00e4rgerte sich die Pl\u00f6tze, dass er sich keinen Schluck f\u00fcr die Fahrt organisiert hatte. Musste den Fahrer bitten noch einmal anzuhalten, dann konnte er sich ein Getr\u00e4nk besorgen.<\/p>\n<p>War ganz gut gewesen, der Nachmittag. Fred hatte mit einer drallen Blonden rum gemacht, sie h\u00e4tte ihn wohl gerne eingeladen. Aber Fred mochte nicht mehr eingeladen werden. Das war finito mit den Ladys, das gab ihm nichts mehr.<\/p>\n<p>Der Barmann im \u201eTerminal hatte ihm geraten, die Biege zu machen, bevor der Tag aus dem Ruder lief. Und brav hatte sich Fred ein Taxi kommen lassen.<\/p>\n<p>Jetzt sitzt er hier bei seinem irischen Whiskey und f\u00fchlt sich sicher.<\/p>\n<p>So sicher, wie einer sich f\u00fchlen kann, der wei\u00df, dass er am Alkohol sterben wird \u2013 und lange hat er nicht mehr.<\/p>\n<p>Das mit dem Sterben ist schon okay, daran ist jetzt auch nichts mehr zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Fred Trump steht auf und tappt zu seinem Schreibtisch. Ein wuchtiges M\u00f6bel ist das, er hat den Tisch nie gemocht. Aber die Mutter legt Wert darauf, dass man etwas hermacht am Schreibtisch \u2013 also steht das Teil jetzt da.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Mann mit dem knittrigen hellen Anzug nimmt ein Foto vom Tisch und sieht drauf.<\/p>\n<p>F\u00fcnf junge Menschen. Er steht in der Mitte, er ist der \u00c4lteste. Souver\u00e4n sieht er aus, schlank und optimistisch. Er sieht aus wie einer, dem alles zufliegt.<\/p>\n<p>Die Geschwister links und rechts. Br\u00fcder mit blasierten Gesichtern. Die Schwestern, kalt und mit falschem Gel\u00e4chel.<\/p>\n<p>So war das. Der Vater hat den Fotografen bestellt, und die f\u00fcnf Kinder haben posiert wie Gewinner.<\/p>\n<p>Fred sieht sich in sein j\u00fcngeres Gesicht. Er kann da ein Lachen erkennen \u2013 das Lachen eines jungen Menschen, der sich auf das freut, was kommen wird. Er erinnert sich: Damals lie\u00df er sich zum Piloten ausbilden und fand alles spannend. Hatte noch keine Familie. K\u00fcmmerte sich nicht mehr um den furchtbaren Vater. Trank noch nicht.<\/p>\n<p>Damals war es gut.<\/p>\n<p>Ein bisschen schr\u00e4g stellt Fred das Foto zur\u00fcck auf den Tisch. Er zieht eine Schublade auf.<\/p>\n<p>Ihm bleibt nicht mehr viel zu tun.<\/p>\n<p>Er wird das alles aufschreiben. Diese Zeit, als die Dinge noch gut waren. Diese Sachen mit den Geschwistern. Dieses Ding mit Dad und Mom und so.<\/p>\n<p>Er wird es aufschreiben, weil es sein muss.<\/p>\n<p>Danach kann gestorben werden.<\/p>\n<p>Wie f\u00e4ngt er an?<\/p>\n<p>Vielleicht:<\/p>\n<p><em>Falls Sie wirklich meine Geschichte h\u00f6ren wollen, so m\u00f6chten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir besch\u00e4ftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erz\u00e4hlen g\u00e4be, aber ich habe keine Lust, das alles zu erz\u00e4hlen.<\/em><\/p>\n<p>Nein, so geht das nicht. Der Text geh\u00f6rt nicht Fred Trump. Der geh\u00f6rt seinem Lieblings-Schriftsteller. Ein Fred Trump singt keine Billie Holiday nach und er schreibt keinen anderen ab.<\/p>\n<p>Ein Fred Trump hat etwas Eigenes zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Morgen: Das Geschreibsel muss verschwinden<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>februar &#8212;- winter 16\/17, Folge 43 &nbsp; New York, Queens, Mai 1980. Hat der Alte was gesagt? Sicher, er belfert ja immer noch, unten an der Treppe. \u201eS\u00e4ufer\u201c h\u00f6rt Fred und \u201erausschmei\u00dfen\u201c und \u201ekeinen Dollar, nicht einen Cent, jetzt ist endg\u00fcltig Schluss.\u201c Dann die Stimme der Mutter. Sie redet leise, sie will ihren Mann bes\u00e4nftigen. 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