{"id":2794,"date":"2017-02-13T07:14:58","date_gmt":"2017-02-13T07:14:58","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2794"},"modified":"2017-02-13T07:17:31","modified_gmt":"2017-02-13T07:17:31","slug":"2794-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/2794-2\/","title":{"rendered":"WARME GEDANKEN"},"content":{"rendered":"<p>11. februar 2917, petersburg, 15 grad, sonnig\/lindow, -2 grad, heiter <em><strong>&#8212;- winter 16\/17, Folge 33<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Petersburg, West Virginia. Im Surplus Centre an der 19 Virginia Ave ist das Clinton-Klopapier runtergesetzt. Die Sechser-Rolle \u201cHillary\u201d kostet nur noch 7,99 statt fast 15 Dollar. Das Produkt ist vor den Wahlen wie rasend \u00fcber den Ladentisch des Waffenh\u00e4ndlers gegangen. Beworben wurde es mit dem Hinweis, sowohl Demokraten als auch Republikaner k\u00f6nnten sich mit dem extraweichen, mit Konterfeis der Politikerin Hillary Clinton bedruckten, dreilagigen Schmusepapier den Hintern abwischen.<\/p>\n<p>Gekauft haben es fast ausschlie\u00dflich Menschen, die wollten, dass Donald Trump Pr\u00e4sident w\u00fcrde. Die haben auch gerne noch einen Zehner f\u00fcr eine coole Trump-Trucker-Cap drauf gelegt. Das stand es geschrieben, davon tr\u00e4umen die Menschen in Petersburg:<\/p>\n<p>MAGA.<\/p>\n<p>Und so laufen sie dieser Tage durch ihre kleine Stadt, die einen vergleichsweise milden Winter erlebt:<\/p>\n<p>Mit einer schmuddlig werdenden Kappe auf dem Kopf, die gro\u00dfe Zeiten f\u00fcr die USA und f\u00fcr Petersburg in West Virginia verspricht.<\/p>\n<p>Und mit der Sicherheit im Kopf, der Durchgreifer in Washington sei der Heilsbringer. Der mache das schon richtig.<\/p>\n<p>Make America Great Again.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lindow. Dieser Tage dauert die Runde mit dem Hund zweieinhalb Stunden. Der See liegt stark unter Eis, selbst der Rhin ist zugefroren.<\/p>\n<p>Es ist ein eisgrauer Himmel und eine gro\u00dfe Stille. \u201eSputnik\u201c, der Hund, schliddert \u00fcber Eisplatte und tapst durch knisternden alten Schnee. An der schweigenden Klinik im Wald vorbei. Durch Lindow zum kleinen Hafen, dort sind die L\u00e4den der \u201eSeeperle\u201c verrammelt. Auf dem Campingplatz brennt ein Tageslicht in dem Wohnmobil des Dauermieters. Im Hafen br\u00fcllen Schlittschuh laufende Kinder ihren Spa\u00df ins Land.<\/p>\n<p>\u00dcber den Radweg zwischen den Feldern bei Klosterheide, in den stillen Wald, an der M\u00fchle vorbei. Noch ein paar verschlossene Datschen, dann ist die Runde zu Ende \u2013 und der Hund streckt sich herrgottfsfroh auf seinem Kissen aus, als ein Feuer im Kamin angez\u00fcndet wird.<\/p>\n<p>Seine Beine laufen, er fiept. Der Hund tr\u00e4umt.<\/p>\n<p>Vielleicht ist er in Gedanken im Sommer \u2013 wenn er sich gemessenen Trabs und auf trockenen Pfaden zur Umrundung auf die Pfoten macht.<\/p>\n<p>Wenn es nach B\u00e4rlauch duftet, auf dem See tuckert ein Hausboot, zwei Erpel schwingen sich auf zu galanten Abenteuern. Von Neuruppin im Westen ziehen im schnellen Verband bl\u00fctenwei\u00dfe\u00a0 Cirri \u00fcber die W\u00e4lder. Ein Fischreiher schnarrt. Aus dem St\u00e4dtchen Lindow kommt fernes Rauschen von Menschenleben und Verkehr.<\/p>\n<p>Ob der Gudelack unter Eis oder Fr\u00fchjahrs Erwachen im Wald:<\/p>\n<p>Der gute alte Fontane w\u00fcrde solche \u201eSputnik\u201c-Ausfl\u00fcge als \u201eheitere Landpartie\u201c\u00a0 bezeichnet haben. Da wird der Hund gerne mal zum Philosophen. Er setzt sich ans Ufer, dr\u00fcckt das Kreuz durch und blickt aufs Wasser. Er wittert in alle Richtungen, verfolgt ein Schw\u00e4nepaar, beobachtet das Hausboot, legt die Stirn in drei Falten. Was er denkt, bleibt sein Geheimnis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2783\" aria-describedby=\"caption-attachment-2783\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2783 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/gu2-300x199.jpg\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/gu2-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/gu2-768x509.jpg 768w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/gu2-600x397.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/gu2.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2783\" class=\"wp-caption-text\">Dirk: Spalten ist ganz einfach FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Lauf um den See f\u00fchrt durch den Kosmos der Mark Brandenburg. Hinter G\u00fchlen zum Beispiel ist im Wald Dirk zu h\u00f6ren. Gute Freunde nennen den Mann \u201eS\u00e4ge-Monster\u201c. Dann verbirgt er seinen Stolz hinter einem schelmischen Grienen.<\/p>\n<p>Dirk ist eine Seele von Mensch. Als Polizist\u00a0 k\u00fcmmert er sich um die Region zwischen Neuruppin und Rheinsberg. Da braucht es gro\u00dfe Geduld und ein Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Menschen, mit denen es das Leben nicht so \u00fcberm\u00e4\u00dfig gut gemeint\u00a0 hat.<\/p>\n<p>Neuruppin bis Rheinsberg, Schulzenhof bis Zempow \u2013 das sind Sehnsuchtsorte der Kultur. Tucholsky und Fontane, Strittmatter und die gro\u00dfen DDR-Filmer im Autokino auf der Pferdekoppel, aus der Stadt geflohene K\u00fcnstler und zur Ruhe kommende Schauspieler.<\/p>\n<p>Sicher, auch das ist das Revier, f\u00fcr das Dirk verantwortlich ist. Aber die Menschen, um die er sich k\u00fcmmern muss, haben oft Sorgen. Sie kennen das Leben nicht anders als ein Hartz-IV-Dasein. Sie haben Sorge um die Arbeit, sie f\u00fchlen sich ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Dirk schafft sich seinen Ausgleich zwischen den B\u00e4umen. Er liebt es, sein Ger\u00e4t in den Jeep zu packen und dann den \u201eWald aufzur\u00e4umen\u201c. Er mag es, das Holz mit dem Holzt zu arbeiten. Es ist ein gutes Gef\u00fchl, so ein St\u00fcck Buche auf dem Hackstock zu haben, es zu fixieren und dann die Axt in einen haarfeinen Spalt zu wuchten. Alles \u00fcber den Kopf heben, den Axtkopf auf den Hackstock sausen lassen, das Buchenholz splittert, die zwei gro\u00dfen Scheite fliegen ins Gras.<\/p>\n<p>Getroffen. Gemeistert.<\/p>\n<p>\u201eDu musst das Holz nicht auseinander hauen\u201c, sagt Dirk dann. \u201eDu musst es auseinander gucken.\u201c<\/p>\n<p>Das sind nicht viele W\u00f6rter. Und doch ist alles gesagt.<\/p>\n<p>Wer im Holz arbeitet, hat viel Zeit zum Nachdenken. Nat\u00fcrlich geht Dirk dann auch mal durch den Kopf, wie wohl alles wird in den kommenden Jahren. Werden seine Frau und er weiter ihr Leben f\u00fcr sich haben? Mit Grillabenden im Sommer, Silvesterfeier an der Ostsee, Angelpartien mit den Kumpels in Norwegen?<\/p>\n<p>Was wird aus den Fl\u00fcchtlingen, die hier im Ortsteil Klosterheide untergekommen sind? Bleibt alles friedlich oder rastet einer aus? Einer von den Fl\u00fcchtlingen oder einer von den rechten Glatzen, die arbeitslos in den Tag leben? Wird man in Lindow etwas von dem neuen amerikanischen Gef\u00fchl mitbekommen? Und wie wird das sein?<\/p>\n<p>Das sind alles viel zu gro\u00dfe Gedanken f\u00fcr einen kleinen Mann.<\/p>\n<p>Dirk hebt einen besonders m\u00e4chtigen Klotz auf den Hackstock. Er holt aus, die Axt saust ins Holz.<\/p>\n<p>Hau weg, die Sorgen!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Morgen: Angst und falscher Friede<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. februar 2917, petersburg, 15 grad, sonnig\/lindow, -2 grad, heiter &#8212;- winter 16\/17, Folge 33 &nbsp; Petersburg, West Virginia. Im Surplus Centre an der 19 Virginia Ave ist das Clinton-Klopapier runtergesetzt. Die Sechser-Rolle \u201cHillary\u201d kostet nur noch 7,99 statt fast 15 Dollar. 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