{"id":267,"date":"2015-01-10T12:14:58","date_gmt":"2015-01-10T12:14:58","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=267"},"modified":"2015-01-10T12:29:21","modified_gmt":"2015-01-10T12:29:21","slug":"arbeits-los","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/arbeits-los\/","title":{"rendered":"ARBEITS-LOS"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>berlin, 10. januar \u00a0\u00a0\u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Hartz IV wird zehn Jahre alt. Ein willkommener Anlass, \u00fcber die Menschen \u201eganz unten\u201c nachzudenken. So war es geplant, bei den Radiosendern, in den Fernsehanstalten, von Chefredakteuren und Armuts-Journalisten. Doch dann ist es anders gekommen: Steuers\u00fcnder Uli Hoene\u00df gab sein Deb\u00fct als Knast-Freig\u00e4nger, die ersten elektronisch einparkenden Autos wurden vorgestellt, in Paris erschossen Irre zw\u00f6lf Mitarbeiter von \u201eCharlie Hebdo\u201c, Sturm \u201eElon\u201c w\u00fctete in den Mittelgebirgen.<\/strong><\/p>\n<p>Da war Hartz IV kein Tagesgespr\u00e4ch mehr. Hartz IV l\u00e4uft uns nicht weg.<\/p>\n<p>Die \u201eS\u00fcddeutsche\u201c hat dann aber doch im Wirtschaftsteil dem Thema ein gr\u00f6\u00dferes Forum gegeben. Sie zitiert den Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer, der seine Erkenntnisse mit den Worten \u201eArbeitslosigkeit zerst\u00f6rt\u201c auf den Punkt bringt. Die SZ weiter: \u201eMenschen werden nach Effizienz und N\u00fctzlichkeit beurteilt, nicht aber in ihrer Gleichwertigkeit. Hartz IV in der jetzigen Form signalisiert: Hier ist jemand nicht mehr brauchbar. Darum beginnt mit dieser Form der Sozialhilfe die Zone der\u00a0Verachtung.\u201c<\/p>\n<p>Da wurden die Leser denn doch aktiv. Professor Wolfgang Friedt aus Linden adaptiert das Heitmeyer\u2019sche Vokabular: \u201eIst den Akteuren bewusst gewesen, dass hier eine der gro\u00dfartigsten Erfindungen der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der Bundesrepublik Deutschland &#8211; die ,Soziale Marktwirtschaft\u2018 &#8211; zerst\u00f6rt worden ist? Mit Hartz IV ist enorm viel politische Glaubw\u00fcrdigkeit vernichtet worden.\u201c<\/p>\n<p>Dr. Rolf Kunstek aus Freiburg bezieht sich auf einen anderen Wissenschaftler, einen Experten in Sachen Armut: \u201eChristoph Butterwegge hat vollkommen richtig erkannt, dass Arbeitslose durch Hartz IV in die Armut gesto\u00dfen werden. Die Zahl der Arbeitslosen stieg von rund 2,6 Millionen 1991 auf rund 4,1 Millionen 1999 und unter ihnen die Zahl der Langzeitarbeitslosen auf rund 1,5 Millionen 1999. Das hei\u00dft, im Nachkriegsdeutschland gab es also zum ersten Mal eine massive strukturelle Arbeitslosigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Die aufmerksamen Leser der \u201eS\u00fcddeutschen\u201c malen ein d\u00fcsteres Bild der Gesellschaft. Es ist, als ob sie ihre geistigen Anleihen beim heiteren Melancholiker George Grosz genommen h\u00e4tten. Der ist im Berlin der \u201eroaring twenties\u201c durch die Friedrichstra\u00dfe und \u00fcber den Ku\u2019damm strawanzt und hat notiert:<\/p>\n<p>\u201eEs waren nicht nur junge Menschen, die da auf den Stra\u00dfen hin und her marschierten. Viele waren dabei, die konnten die Niederlage nicht verwinden. Dann waren viele dabei, die konnten in die normale Arbeitswelt, die sie verlassen hatten, nicht zur\u00fcck finden. Denn diese Welt war versunken. Es wimmelte von Arbeitslosen. Um sie zu beruhigen, gab man ihnen Schachspiel statt Arbeit.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_271\" aria-describedby=\"caption-attachment-271\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000873.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-271 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000873-300x227.jpg\" alt=\"P1000873\" width=\"300\" height=\"227\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000873-300x227.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000873-600x454.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000873.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-271\" class=\"wp-caption-text\">Ohne Arbeit ist der Mensch nichts &#8211; erkannte Kurt Tucholsky und malochte, bis ihm Kraft und Hoffnung ausgingen. FOTOS UND SZ-AUSRISS: DETLEF VETTEN<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Grosz hat da den Zustand des Landes nach dem Ersten Weltkrieg beschrieben. Und er hat \u2013 wie es scheint \u2013 ein paar zeitlose Zeilen zu Papier gebracht. Auch heute wimmelt es von ihnen, von den hoffnungsfreien Arbeitslosen.<\/p>\n<p>Vor 125 Jahren kam der Schriftsteller Kurt Tucholsky im Berliner Wedding zur Welt. Er hat die Menschen gesehen, die ihre Arbeit verloren hatten. Trost hatte er nicht f\u00fcr sie:<\/p>\n<p>\u201eArmut ist eben gewiss kein hoher Glanz von innen, wie Vater Rilke das nannte, sondern eine einzige Sauerei.\u201c<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr die Arbeit ist der Mensch auf der Welt, f\u00fcr die ernste Arbeit, die wo den ganzen Mann ausf\u00fcllt. Ob sie einen Sinn hat, ob sie schadet oder n\u00fctzt, ob sie Vergn\u00fcgen macht (,Arbeet soll Vajniejen machen? Ihnen piekt er woll?\u2018) \u2013: das ist alles ganz gleich. Es mu\u00df eine Arbeit sein. Und man mu\u00df morgens hingehen k\u00f6nnen. Sonst hat das Leben keinen Zweck.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine der schauerlichsten Folgen der Arbeitslosigkeit ist wohl die, dass Arbeit als Gnade vergeben wird. Es ist wie im Kriege: Wer die Butter hat, wird frech.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas Heiligste, das der Deutsche hat, ist die Arbeit.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_270\" aria-describedby=\"caption-attachment-270\" style=\"width: 247px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000876.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-270 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000876-247x300.jpg\" alt=\"P1000876\" width=\"247\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000876-247x300.jpg 247w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000876-600x730.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000876.jpg 806w\" sizes=\"auto, (max-width: 247px) 100vw, 247px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-270\" class=\"wp-caption-text\">Wo viele Hartz-IV-Biographieen enden: auf dem Abstellgleis.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aufgewachsen ist Tucholsky in der L\u00fcbecker Stra\u00dfe 13. An diesem Morgen, als sich die Geburt zum 125.en Mal j\u00e4hrt, geht ein strammer Wind durch die H\u00e4userflucht. Es nieselt, kein Hund ist auf der Stra\u00dfe. Nur in der Kneipe \u201eZur Post\u201c funzelt gelbliches Licht. Drei Menschen sitzen vor ihrem Bier, jeder f\u00fcr sich, jeder sehr einsam. Die Frau hat zuviel Rest-Makeup, die Wimperntusche ist verwischt. Die M\u00e4nner, unrasiert, schweigen zornig.<\/p>\n<p>Der Eine &#8211; er ist noch nicht sehr alt, aber Arbeit wird er wohl nie mehr haben &#8211; l\u00e4sst den Kopf sinken. Die Bedienung \u2013 ihre Schicht hat gerade begonnen, sie sieht rosig und nett aus \u2013 tritt an den Mann heran, legt ihm eine Hand auf die Schulter, mit der anderen stellt sie ein Schnapsglas Escorial gr\u00fcn auf den Tisch. Er blickt auf. Erstaunt.<\/p>\n<p>\u201eIcke? Warum?\u201c<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelt ihn an.<\/p>\n<p>\u201eNa, lass man! Weil Samstach is. Sch\u00f6net Wochenende ooch!\u201c<\/p>\n<p>Der Mann greift mit zitternden H\u00e4nden nach dem Glas und trinkt.<\/p>\n<p>Ja, auch das kann Hartz IV sein. Ein bisschen Trost im Escorial.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 berlin, 10. januar \u00a0\u00a0\u00a0 Hartz IV wird zehn Jahre alt. Ein willkommener Anlass, \u00fcber die Menschen \u201eganz unten\u201c nachzudenken. So war es geplant, bei den Radiosendern, in den Fernsehanstalten, von Chefredakteuren und Armuts-Journalisten. 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