{"id":2652,"date":"2017-01-23T19:00:20","date_gmt":"2017-01-23T19:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2652"},"modified":"2017-01-23T19:00:20","modified_gmt":"2017-01-23T19:00:20","slug":"huhu-is-da-keener","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/huhu-is-da-keener\/","title":{"rendered":"HUHU, IS DA KEENER?"},"content":{"rendered":"<p>berlin, 19. januar 2017\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;- <strong>winter 16\/17, Folge XII<\/strong><\/p>\n<p>Monatelang ist Karin aus Britz, eine der Treuesten aus der \u201eKnut\u201c-Gemeinde, allein mit ihren Gedanken an den wei\u00dfen B\u00e4ren und seinen Tierpfleger Thomas D\u00f6rflein. Seit die Beiden nicht mehr sind, hat sie nur noch ihre Erinnerungen und die seltenen Telefonate mit anderen Frauen, die den Knut und den Thomas auch nicht aus dem Kopf bekommen.<\/p>\n<p>Karin verl\u00e4sst ihr Haus in der Mohriner Allee nicht mehr oft. Vor Kurzem verabredete sie sich mit einer Bekannten aus dem Supermarkt. Man traf sich beim Chinesen um die Ecke. Die alte Dame \u2013 sie ist schon \u00fcber 90 \u2013 schob ihren Rollator flott ins Restaurant. Karin tat sich schwerer.<\/p>\n<p>Man bestellte Fr\u00fchlingsrollen und Ente, alles schien gut. W\u00e4hrend des Hauptgangs begann Karin zu schwitzen und kriegte nur noch schlecht Luft. Mit rotem Kopf sagte sie, sie halte es nicht mehr aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eDit war wieda so\u2018ne Panik-Attacke. Da kann ick nix machen, da muss ick anne Luft.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Das Essen war zu Ende, Karin rettet sich zur\u00fcck in ihr Haus und schwor sich, erstmal keinen Fu\u00df vor die T\u00fcr zu setzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2540\" aria-describedby=\"caption-attachment-2540\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2540 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/knut9-300x198.jpg\" width=\"300\" height=\"198\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/knut9-300x198.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/knut9-768x507.jpg 768w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/knut9-600x396.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/knut9.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2540\" class=\"wp-caption-text\">St\u00f6\u00dfgen! Uff Knut! Prost! FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie telefoniert mit Hilde. Die ist nur am Lamentieren. Die Decke falle ihr auf den Kopf. Die Rente reiche vorn und hinten nicht. Tagelang sehe sie keinen Menschen. Nur Fernsehen und der Blick aus dem Fenster.<\/p>\n<p>\u201eMit Jammern wird\u2019s nicht besser\u201c, sagt Karin. Dabei versteht sie genau, was Hilde meint. Aber sie mag die Andere eigentlich gar nicht. Die flirtet immer noch mit den Kerlen, das kann sie nicht lassen.<\/p>\n<p>\u201eAch wei\u00dfte\u201c, erwidert Hilde. \u201eEs geht zu Ende, das wissen wir doch beide.\u201c<\/p>\n<p>Unvermittelt schluchzt sie. Was los sei, fragt Karin.<\/p>\n<p>Ach, sie habe das niemandem erz\u00e4hlt. Aber vor f\u00fcnf Wochen hat sich Hilde in die hei\u00dfe Wanne gelegt und in die Unterarme geschnitten. Sie sei auch schon ein bisschen weg gewesen vom Fenster, aber das Wasser habe sie nicht abgestellt gehabt. Hat nicht gemerkt, wie es \u00fcberlief. Hat auch nicht die Feuerwehrleute registriert, die die T\u00fcr aufbrachen, weil die Mieter unter ihr wegen des Wassers von der Decke Hilfe gerufen hatten.<\/p>\n<p>Im Krankenhaus hatten sie Hilde wieder auf die Beine gestellt. Sie war nach Hause gekommen, und in der Wohnung sah es aus wie Sau. Teppiche kaputt, Dielenboden aufgequollen, ein Brief von den Nachbarn mit einem Kostenvoranschlag f\u00fcr die Haftpflicht.<\/p>\n<p>Nur \u00c4rger.<\/p>\n<p>Und jetzt ist die letzte Kraft weg. \u201eIch mag nich mehr\u201c, sagt Hilde, es klingt sehr m\u00fcde.<\/p>\n<p>\u201eNa, denn f\u00e4hrst auch nich mit inne Limousine?\u201c<\/p>\n<p>Limousine? Wie denn?<\/p>\n<p>Karin erkl\u00e4rt: Sie hat so eine dieser Karossen gemietet, die man aus den Serien von fr\u00fcher kennt. \u201eDallas\u201c und \u201eDenver\u201c und so. Lang wie ein Lastwagen ist das Auto, kostet 150 Euro die Stunde, eine Pulle Sekt und der Chauffeur sind im Preis drin.<\/p>\n<p>\u201eUnd das haste jemietet?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, jenau.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBiste plemplem? Haste jeerbt?\u201c<\/p>\n<p>Nein erkl\u00e4rt Karin. Der Geburtstag von Knut hat sich gerade zum zehnten Mal gej\u00e4hrt \u2013 und \u00fcberhaupt. Es ist wieder Mal an der Zeit, aktiv zu trauern.<\/p>\n<p>\u201eKommste mit? Is noch \u2018n Platz frei inne Scheese.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNee, lass man.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa jut. Dann kannste\u2019t ja in Fernsehen kieken.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie, Fernsehen kommt ooch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eLogisch. Allet bestens vorbereitet. F\u00fcr\u2019n Knut nur vom Feinsten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2539\" aria-describedby=\"caption-attachment-2539\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2539 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/knut8-300x199.jpg\" width=\"300\" height=\"199\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2539\" class=\"wp-caption-text\">Watt denn? Du kennst den Knut nich? Na denn h\u00f6r ma jenau zu!<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Wagen misst neun gro\u00dfe M\u00e4nnerschritte und ist rosa wie ein Babydoll von Marilyn Monroe. Karin vom Zoo zuppelt sich den Anorak zurecht, gleich wird sie einer von der Presse fotografieren. Danach hat sie wieder Zeit f\u00fcr die junge Journalistin, die von nichts eine Ahnung hat. Wie soll sie auch, hat doch weder den Knut noch den Thomas je erlebt.<\/p>\n<p>Also kl\u00e4rt Karin sie auf.<\/p>\n<p>Die vier Freundinnen sind schon in die Limousine geklettert und wollen los.<\/p>\n<p>\u201eKarin, jetzt lass mal gut sein. Du hast f\u00fcrs Fahren gezahlt, nicht f\u00fcrs Stehen.\u201c<\/p>\n<p>Unwillig winkt Karin ab. Ja klar, sie hat bezahlt, dann bestimmt sie auch, wann gestartet wird.<\/p>\n<p>\u201e\u2018n sch\u00f6ner Mann is dit\u201c, sagt eine der Damen und kichert. Sie meint den Chauffeur, der den F\u00fchrerschein augenscheinlich noch nicht lange hat. Aber die Haare hat er nach hinten gegelt und den Damen ein Glas Champagner eingeschenkt. Au\u00dferdem riecht er nach Herrenparfum.<\/p>\n<p>Karin steigt zu.<\/p>\n<p>Na endlich!<\/p>\n<p>\u201eFahren\u2019Se mal den Ku\u2019damm rauf und runter. Denn zum Nolle und hinten rum zum Zoo. Beim Aquarium k\u00f6nnen\u2019Se uns raus lassen.\u201c<\/p>\n<p>Die Limousine setzt sich in Bewegung, die Damen sto\u00dfen spitze Schreie aus. Eine greift sich den Sekt und trinkt gleich aus der Pulle. Abends, kr\u00e4ht sie, sei sie nochwo eingeladen, das werde ein fr\u00f6hlicher Tag. Endlich mal was los.<\/p>\n<p>Karin besieht sich das Treiben der Freundinnen und kann nicht an sich halten. Sie redet und redet und redet. Den Ku\u2019damm rauf und den Ku\u2019damm runter, r\u00fcber zum Nolle. Drau\u00dfen schieben sich die Menschen \u00fcbers Trottoir. Wenn die Limousine an einer Ampel h\u00e4lt, ruft Karin durchs ge\u00f6ffnete Fenster, sie sei hier, man solle mal her sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eHuhu, Ihr da drau\u00dfen, Da kuckt Ihr, wa? K\u00f6nnt Ihr uns sehen, Ihr da drau\u00dfen? Die kucken ja gar nich richtich her, die ham Angst vor uns. Wir sin janz jro\u00dfe Tiere, wa? Nee, das is\u2019n Tach. Da hinten, schau mal, da hinten war mal \u2018n Tanzcaf\u00e9, w\u00e4r\u2018 ich auch gern rin, aber mein Oller konnt\u2018 nich tanzen, so krank, wie der war. Sie, Fahrer, jetz m\u00fcssen\u2019Se links, runter zum Zoo. Wieviel Uhr isses denn, jleich m\u00fcssen wir zum Fernsehen, die warten schon.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Wagen steht wieder. Drau\u00dfen eine Gruppe Japanerinnen.<\/p>\n<p>\u201eHuhuu!\u201c<\/p>\n<p>Keiner schaut. Karin mag das nicht.<\/p>\n<p>\u201eHuhuuu!\u201c<\/p>\n<p>Nochmal.<\/p>\n<p>\u201eHuhuuu!\u201c<\/p>\n<p>Berlin brummt vor Gesch\u00e4ftigkeit.<\/p>\n<p>Und die alte einsame Frau kuckt aus der Limousine, deren Leihzeit jetzt abl\u00e4uft.<\/p>\n<p>\u201eHuhuu, is da keener?\u201c<\/p>\n<p>Nee, Karin, nee.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 19. januar 2017\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;- winter 16\/17, Folge XII Monatelang ist Karin aus Britz, eine der Treuesten aus der \u201eKnut\u201c-Gemeinde, allein mit ihren Gedanken an den wei\u00dfen B\u00e4ren und seinen Tierpfleger Thomas D\u00f6rflein. 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