{"id":2634,"date":"2017-01-18T09:41:57","date_gmt":"2017-01-18T09:41:57","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2634"},"modified":"2017-01-18T09:41:57","modified_gmt":"2017-01-18T09:41:57","slug":"tanz-aufm-grab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/tanz-aufm-grab\/","title":{"rendered":"TANZ AUFM GRAB"},"content":{"rendered":"<p>berlin, 18.januar 2017\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0&#8212;-\u00a0\u00a0\u00a0<em><strong> winter 16\/17, Folge XI.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Hildegard K\u00fcneke! Gibt nicht auf. Auch wenn sie keine Hoffnung auf Besserung in ihrem Leben sieht, findet sie immer wieder einen Anlass zum Weitermachen. Am 16. Mai 2012 zieht sie ihr Ding bei der Polizei ab. Sie erstattet Anzeige gegen Unbekannt.<\/p>\n<p>Das Delikt: \u201eDiebstahl\u201c, der Vorgang auf der Wache Spandau bekommt\u00a0die Nummer 036376. Um 14.45 beginnt der beeindruckte Wachtmeister vor Ort mit den Notizen.<\/p>\n<p>\u201eIck vasteh Sie\u201c, sagt der Herr in Uniform, nachdem er das Schriftliche erledigt hat. \u201eDa h\u00e4ngt schlie\u00dflich Ihr Herz dran. So wat stiehlt man doch nich einfach so.\u201c<\/p>\n<p>Spricht\u2019s, nimmt das sicher gestellte Corpus Delicti unter den Arm und kehrt zur\u00fcck aufs Revier in der Moritzstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Die \u00e4ltere Dame sieht ihm nach. Dann marschiert sie \u00fcber den Spandauer Friedhof\u00a0 von der St\u00e4tte des Frevels wieder zu \u201eihrem\u201c Grab. Sehr zufrieden ist sie. Endlich w\u00fcrde Gerechtigkeit walten. Gerechtigkeit f\u00fcr ihren Knut und ihren Thomas D\u00f6rflein. Gerechtigkeit auch f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber der Reihe nach.<\/p>\n<p>Alles beginnt am 13. Februar. F\u00fcr den Valentinstag will Hildegard K\u00fcneke das Grab von Thomas D\u00f6rflein, dem geliebten Pfleger des noch geliebteren Eisb\u00e4ren Knut, pflegen, einen Bund roter Rosen in die Vase der langen grauen Stele stecken und drunter ein neues ewiges Licht anz\u00fcnden.<\/p>\n<p>Der Atem stockt ihr, als sie an der letzten Ruhest\u00e4tte eintrifft. Die Stele ist weg. Mit brachialer Gewalt aus den drei Schraubengewinden gebrochen. Fassungslos steht Frau K\u00fcneke \u2013 Freunde nennen sie \u201eHildchen\u201c &#8211; vor dem Tatort. Sie besorgt eine Vase f\u00fcr die Rosen und kehrt mit einem f\u00fcrchterlichen Gef\u00fchl zur\u00fcck nach Hause.<\/p>\n<p>Sie schlie\u00dft die T\u00fcr ihrer gem\u00fctlichen Wohnung in Charlottenburg, h\u00e4ngt den Mantel an den Haken, holt sich ein Bier zur Beruhigung aus dem K\u00fchlschrank, schaltet den Radioapparat ein. Ruhig ist sie noch immer nicht, nein, Hilde ist stinkesauer.<\/p>\n<p>Wenn es Knut und Thomas zu sch\u00fctzen gilt, wird sie zur L\u00f6win. Nachdem der erste Schrecken vor\u00fcber ist, macht sie sich an die Recherche. Sie will die Stele finden, sie wird sie finden, w\u00e4re ja gelacht.<\/p>\n<p>Die Miss Marple von Charlottenburg geht strategisch vor. Sie telefoniert mit dem Pfarrer, mit der Mutter von Thomas D\u00f6rflein. Die k\u00f6nnen ihr nicht weiter helfen.<\/p>\n<p>Dann ruft sie den Spandauer Steinmetz, der die Stele im Auftrag einer Schweizer Freundin von Thomas D\u00f6rflein gefertigt hat, an. \u201eSagen\u2019Se, wissen Sie, wat mit der Stele von dem Grab vom D\u00f6rflein passiert is? Die is nich mehr da.\u201c<\/p>\n<p>Nicht m\u00f6glich, meint der Handwerker. Aber halt! \u201eLiebe Frau, ich hab\u2019 da was Komisches gesehen. Vor ein paar Tagen hatte ich auf dem Friedhof zu tun \u2013 und da war ein neues Grab. Ich hab\u2019 mir noch gedacht, das ist ja nicht m\u00f6glich. Die Stele da hat genauso ausgesehen, wie die, die ich f\u00fcr den D\u00f6rflein gemacht habe.\u201c<\/p>\n<p>Hildchen l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, wo ungef\u00e4hr dieses Grab liegt. Es befinde sich in Abteilung 47 des Friedhofs \u201eIn den Kisseln\u201c, sagt der Steinhauer.<\/p>\n<p>Also fahndet sie einen Tag sp\u00e4ter in Abteilung 47. Reihe f\u00fcr Reihe klappert sie die Gr\u00e4ber ab. Und wird f\u00fcndig. Da steht sie, die Stele &#8211; und das ist sie. Auf dem Stein ist zu lesen \u201eF\u00fcr Knut\u201c. Kein Name, aber den braucht Hildchen nicht.<\/p>\n<p>Sie findet heraus, dass die Angeh\u00f6rigen von einem anderen Knut die Stele angeblich auf einem Tr\u00f6delmarkt gekauft haben wollen.<\/p>\n<p>So&#8217;ne Gauner aber auch! Geklaut haben&#8217;se, nix Anderes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hildegard K\u00fcneke ruft also in der Moritzstra\u00dfe an und erkl\u00e4rt, sie wolle Anzeige erstatten. Man vereinbart, dass ein Beamter sich am kommenden Nachmittag gegen zwei am Grab des Thomas D\u00f6rflein einfinden werde.<\/p>\n<p>Er ist stattlicher Mann mit Brille und dem Gesicht eines Polizisten, der schon vieles gesehen hat.<\/p>\n<p>\u201eAlso, die Dame, erz\u00e4hln\u2019Se mal.\u201c<\/p>\n<p>Hildchen legt los. Es hat sich soviel \u00c4rger und Zorn in den vergangen Monaten angestaut \u2013 nun kann sich die alte Dame endlich einmal Luft machen. Es wird eine Tirade des Frusts.<\/p>\n<p>\u201eNu ma langsam. Wir ham Zeit. Eins nachm Anderen.\u201c<\/p>\n<p>Hildchen beruhigt sich etwas und erz\u00e4hlt, der Reihe nach. Alles. \u201eIs das nich schlimm, Herr Wachtmeister?\u201c, fragt sie zum Schluss. \u201eDas is doch \u2019n janz \u00fcblet Vabrechn.\u201c<\/p>\n<p>So ganz \u00fcberzeugt ist der Herr Wachtmeister nicht. Sie m\u00f6ge ihm doch das andere Grab zeigen, meint er streng. Das, auf dem das vermeintliche Diebesgut st\u00fcnde.<\/p>\n<p>Logisch, sagt Frau K\u00fcneke. Man geht zur Abteilung 47, keine Minute dauert das. Und da ist sie, die Stele von Thomas\u2018 Grab, gewidmet \u201eF\u00fcr Knut\u201c.<\/p>\n<p>Der Herr Wachtmeister ist nun doch ein wenig verbl\u00fcfft. Telefoniert mit der Moritzstra\u00dfe. Ja, ist der Bescheid, er d\u00fcrfe aktiv werden. Also zieht er die Stele aus dem humosen Boden. Begutachtet die Unterseite.<\/p>\n<p>Und stellt fest: Die Abbruchstellen passen haargenau zu den Schraubenresten an D\u00f6rfleins Grab. Kein Zweifel, das ist die Stehl-Stele.<\/p>\n<p>Es ist 14.45 Uhr. Zehn Minuten sp\u00e4ter gibt es die Anzeige Schwarz auf Wei\u00df. Vorgangsnummer 036376.<\/p>\n<p>Der Herr Wachtmeister bezeugt der Berliner Miss Marple seinen Respekt und bringt das Diebesgut aufs Revier.<\/p>\n<p>Und die Dame? Tja, die h\u00e4tte jetzt gern \u2019n Piccol\u00f6chen dabei. Das ist doch mal ein Grund zum Feiern, oder?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Egal, die Fete wird schon bald nachgeholt. Die Stele steht wieder an ihrem Platz, Frau K\u00fcneke hat eingeladen und sich f\u00fcr die Fotos h\u00fcbsch gemacht. Wollmantel, drunter ein adrettes blaues Kost\u00fcm, Bluse, edle Nylons, St\u00f6ckelschuhe, Korsage unter der Bluse.<\/p>\n<p>Ein Reporter knipst und notiert. Sp\u00e4ter wird er im \u201eKurier\u201c schreiben:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eSpandauer Friedhof, der Himmel ist regengrau, durch die B\u00e4ume geht ein starker Wind. Mag man hier sein?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Klar! Die drei Damen vom Grab sind quietschfidel. Die kessen Berlinerinnen wackeln ein wenig mit den H\u00fcften und wippen mit den Zehenspitzen. Elvis Presley l\u00e4sst es aus dem CD-Player rocken, die Croissants sind bereit.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Presley. Croissants. Tolle Laune. So h\u00e4tte es der Thomas gewollt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Hilde aus Charlottenburg hat sich eine angesteckt und raucht mit Genuss. Erika aus Spandau blickt mit einem liebevollen Erinnern auf den Grabstein ihres Sohns. Karin aus Rudow summt zum Elvis, bricht ab und sagt, dass es der ganze Spandauer Friedhof auch h\u00f6ren m\u00f6ge:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>,Das haben sie sich verdient, der Thomas und der Knut. Sie sind so klasse gewesen.\u2019<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Hilde, Karin und Erika D\u00f6rflein haben sich geschworen, sie w\u00fcrden Knut und Thomas zeitlebens nicht vergessen. Alle 14 Tage kommen sie hierher, um das Grab zu pflegen. Dann harken sie die Erde und ordnen die vielen kleinen Porzellan-Eisb\u00e4ren. Sie arrangieren die Fan-Briefe und die Devotionalien. Und sie reden \u00fcber diesen klassekuschligen Knut, den der Thomas aufgep\u00e4ppelt hat.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>,Das waren vielleicht zwei Marken! Weisste noch, wie der Thomas dem Knut das Schwimmen beigebracht hat? Oder wie der Knut den Zoo-Besuchern \u2018nen Ball zugeschmissen hat? Oder wie die mit ihrem Berliner Charme die Fernsehfritzen aus der ganzen Welt rum gekriegt haben?\u2019<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Das war einmal. Knut ist im B\u00e4ren-Himmel, und Thomas musste vor drei Jahren begraben werden. Kaum war die Erde \u00fcber den Sarg geschaufelt, da waren auch schon die Fans da.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Und es waren so viele, dass Hildchen jetzt handeln musste. ,Der Zoo hat mit Knut zehn Millionen verdient \u2013 aber was ist jetzt? Nix. Nicht mal eine Nullachtfuffzen-Gedenktafel. Da habe ich gesagt, so geht es nicht weiter.\u2019<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Die\u00a0 alleinstehende Frau hat vom Ersparten rund 4000 Euro abgezweigt. Den Stein aus Carrara hat sie bestellt und die Nachbar-Parzelle von Thomas D\u00f6rfleins Grab f\u00fcr die n\u00e4chsten 17 Jahre gepachtet.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Jetzt haben Knut und Thomas das Denkmal, das sie verdienen\u2019.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Es hat begonnen zu nieseln. St\u00f6rt die drei Damen vom Grab nicht. Sie wackeln weiter zu Presley-Kl\u00e4ngen mit den Hintern, auch wenn der CD-Player ,so\u2019ne Faxen\u2019 macht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Es ist eine wunderbare Friedhofs-Fete \u2013 sowas hat man in Spandau wohl noch nicht erlebt. Irgendwann radelt ein \u00e4lterer Herr mit Schieberm\u00fctze vorbei und ist emp\u00f6rt. Bremst ab, betrachtet die Feier voller Verachtung und br\u00fcllt: ,Haut doch ab nach\u2019m Zoo.\u2019<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Da dreht sich die h\u00fcftschwingende Hilde um, fixiert den Miesepeter und erkl\u00e4rt so laut, dass man es in ganz Spandau h\u00f6ren m\u00f6ge:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>,Hau doch selber ab nach\u2019m Zoo. Da ist es nur noch langweilig \u2013 wo der Thomas und der Knut nicht mehr da sind. Aber Du passt da hin \u2013 geh\u2018 nur jleich bei die Affen! \u2019\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So steht es in der Zeitung. Und dann muss es wohl stimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>N\u00e4chste Folge: Letzte Ausfahrt Berlin<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 18.januar 2017\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0&#8212;-\u00a0\u00a0\u00a0 winter 16\/17, Folge XI. Hildegard K\u00fcneke! 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