{"id":2624,"date":"2017-01-14T20:55:10","date_gmt":"2017-01-14T20:55:10","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2624"},"modified":"2017-01-16T14:27:55","modified_gmt":"2017-01-16T14:27:55","slug":"prugel-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/prugel-frau\/","title":{"rendered":"PR\u00dcGEL-FRAU"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">berlin, 14. Januar 2017<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><span style=\"color: #000000;\">&#8212;-<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><em><strong><span style=\"color: #000000;\">winter 16\/17, Folge IX<\/span><\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ihre Eltern haben sich gek\u00fcmmert. Hilde war das einzige Kind. Die Mutter arbeitete in der Kantine bei Siemens, dort hatte sie auch ihren Mann kennen gelernt. Der baute irgendwelche klitzekleinen Teile zusammen und konnte zuhause alles Elektrische reparieren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Tags\u00fcber waren die Mutter und der Vater auf Arbeit. Zwischen f\u00fcnf und sechs kamen sie nach Hause, und dann hatten sie Zeit f\u00fcr die Tochter. Der Vater bastelte und spielte mit Hildchen; am Sonntag unternahmen sie lange Spazierg\u00e4nge in den Tiergarten oder in einen anderen Park, an ganz tollen Tagen besuchten sie den Zoo. Die Mutter brachte ihr das N\u00e4hen und Stricken bei; sie sang die ganze Zeit, und wenn sie nicht sang, las sie etwas vor. Mit der Mutter machte Hildchen auch die Hausaufgaben.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Eine unbeschwerte, selbstst\u00e4ndige Kindheit, die komplikationsfrei in die fr\u00f6hliche Pubert\u00e4t \u00fcberging. Sie war mit sich im Reinen \u2013 zumal sie den sch\u00f6nsten Busen von allen hatte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mit 17 durfte sie \u2013 die Lehre als Hutmacherin hatte sie mit sch\u00f6nen Noten abgeschlossen &#8211; freitags bis elf Uhr nachts weg. Man hatte nicht sehr viel Geld, und Hildchen lie\u00df sich erst einladen, wenn sie den Verehrer schon eine Weile kannte \u2013 also musste man beim Bummeln sparen. Kichernd und untergehenkelt zogen Hildchen und ihre Freundinnen von einem Schaufenster zum n\u00e4chsten und tr\u00e4umten, was sie sich kaufen w\u00fcrden, wenn sie denn einen reichen Mann geangelt h\u00e4tten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ihre erste erw\u00e4hnenswerte Romanze begann traumhaft und zerschellte albtraumhaft. Der Typ wollte ihre Titten und einen Fick, nicht mehr. Daf\u00fcr legte er sich ins Zeug. Nachdem er sie entjungfert hatte, ward er nicht mehr gesehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Sex hatte weh getan. Hildegard legte keinen gesteigerten Wert auf eine Wiederholung. Schwofen in Kl\u00e4rchens Ballhaus, ein Landpartie mit ein bisschen Knutschen, das war okay. Aber Beischlaf? Gott bewahre, musste sie nicht haben.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie genoss das Leben auch ohne Gebumse. Sie liebte Filme mit der Knef, Curd J\u00fcrgens, Hans Albers. Peter Kraus machte sie ganz wild, die wilden Jungs aus England und den Staaten auch. Hildchen war eine echte Partynudel, die f\u00fcr jeden Jux zu haben war. Sie traute sich, vom F\u00fcnf-Meter-Turm zu h\u00fcpfen, sie kreischte bei den Wannseer Wasserspielen am lautesten. Die Arbeitskollegen mochten die hilfsbereite, immer fr\u00f6hliche junge Kollegin. Die Eltern waren stolz, tierisch stolz auf ihr Hildchen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Manchmal fragte eine Freundin: \u201eSachma, warum haste keen Freund? Magste nich oda kannste nich?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Dann lachte Hildegard (es war ein ehrliches unverbogenes Lachen): \u201eWird schon werden. Ich hab\u2019s nich eilig. Kommt Zeit, kommt Rat.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Es kam:<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Pit.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Pit war der Mann ihres Lebens. Pit K\u00fcneke. Gro\u00df wie \u2019ne Telefonzelle. Echt einer zum Anlehnen. Die schwarzen Haare hatte er mit viel Brillantine nach hinten gek\u00e4mmt. Ohne seine Lederjacke verlie\u00df er das Haus nicht, er trug nur R\u00f6hrenjeans und spitze Schuhe.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u2019n Auto hatte er auch. Zu mehr als einem Ford Taunus reichte es nicht, doch immerhin: Er war rot und hatte wei\u00dfe pfeilf\u00f6rmige Rallyestreifen. Vierzylinder-Viertakt, 1172 Kubik, 38 PS, untenliegende Nockenwelle, Spitze 112 Stundenkilometer, bergab schaffte er an die 120.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Man konnte sich zu sechst rein packen und etwas unternehmen. Nun gut, das alles spielte sich in West-Berlin ab, auf die Transitstrecke trauten sie sich nicht. Aber auch in der Stadt tat Mobilit\u00e4t sehr gut. Die Lieblings-Disco der Clique lag in Steglitz, gebummelt wurde zwischen KadeWe.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Wer behaupten w\u00fcrde, Pit sei ein Kavalier gewesen, der irrt m\u00e4chtig. Pit hatte es nicht mit Manieren. Der war so selbstbewusst, dass man nur staunen konnte. Er trat auf wie ein bekannter Schauspieler oder Schlagers\u00e4nger oder so was. Was er sagte, musste stimmen, so war das nun mal.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Eigentlich behandelte er Hildchen von Anfang an wie Dreck. Er forderte sie zum Tanz auf und lie\u00df keinen Zweifel daran, dass sie zu ihm, dem ihr Unbekannten, Ja sagen musste. Er legte sie in seinem Taunus nach dem ersten Abend halbflach und lie\u00df sie danach zwei Wochen zappeln. Dann erbarmte er sich und schlief mit ihr. Es war ein warmer Sommerabend, er hatte in einer Seitenstra\u00dfe nahe der neuen Mauer geparkt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Es war sch\u00f6n, sie Hilde mochte Pits Kraft und Bestimmtheit. Es tat nicht weh, und sie genoss seine Aufmerksamkeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Er ber\u00fchrte ihren Arm, und die H\u00e4rchen stellten sich auf. Er k\u00fcsste sie, und sie musste die Augen schlie\u00dfen. Wenn sie miteinander schliefen, bekam Pit eine tiefe raunende Stimme \u2013 das machte ihr einen wohligen Schauder.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie verfiel diesem Mann.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Nach einem Jahr fragte er, ob sie heiraten wolle. Welch ein Gl\u00fcck!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie waren Mitte zwanzig. Hilde wurde zu Hilde K\u00fcneke und arbeitete weiter hart. Pi heiratete und erkl\u00e4rte, die harte k\u00f6rperliche Maloche als Kunstschmied sei nichts mehr f\u00fcr ihn. Er wollte hoch hinaus. Lie\u00df sich als Vertreter f\u00fcr Arzneimittel anheuern. Das war ein Job nach seinem Gusto. Er zog mit seinem K\u00f6fferchen los und beschwatzte die Kundschaft. Reden, ja, das konnte der Pit. Er verkaufte gut, anfangs zumindest.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Dann brachen die Ums\u00e4tze ein. Pit kam nach Hause und klagte, die \u00c4rzte und Apotheker seien bornierte Idioten. Denen konnte man es einfach nicht recht machen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Hilde f\u00fchlte mit ihrem Mann. Sie sah es ihm auch nach, dass er nun immer \u00f6fter angeschlagen heim kam. Sie fragte ihn nicht, ob er getrunken hatte \u2013 war ja auch nicht n\u00f6tig, er roch nach Alkohol.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Zuerst war er in diesem Zustand noch kleinm\u00fctig und traurig. Er sa\u00df am K\u00fcchentisch, trank Bier und Korn, blickte uninteressiert auf die Zeitung. Wenn er genug hatte, schlappte er ins Schlafzimmer und lie\u00df sich quer aufs Bett fallen. Sie zog ihm die Hosen und die Hausschuhe aus und schob ihn in die richtige Position. Ihr gefiel gar nicht, was sie sah: diesen gro\u00dfen Mann, der seine W\u00fcrde versoff und alles Zupackende von fr\u00fcher verloren hatte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Hilde K\u00fcneke gab Pit aber nicht auf. Sie hoffte, dass die Phase der Schw\u00e4che ein Ende haben w\u00fcrde, von einem Tag auf den anderen. Manchmal, am Sonntag, kam ja der Pit zum Vorschein, in den sie sich so verknallt hatte. Dann hatte sie wieder die H\u00e4rchen, die zu Berge standen; ihr wurde es zwischen den Beinen warm, und sie f\u00fchlte sich wundersam aufgeregt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Manchmal schliefen sie dann auch miteinander. Es war ganz sch\u00f6n, wirklich, zumindest unangenehm war es nicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Einmal fing er nach der Liebe an zu weinen. Er vergrub seinen Kopf zwischen ihren Br\u00fcsten, sein K\u00f6rper sch\u00fctterte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eWas haste denn?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eAch, Hildchen. Es geht nich weiter. Und ick wee\u00df nich, was ick machen soll. \u2019s is, als ob alle gegen mich w\u00e4ren.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eSag\u2019 das nicht. Wir haben\u2019s doch sch\u00f6n. Und Deine Gesch\u00e4fte werden auch wieder besser gehen. Mal ist es besser und mal schlechter, so isses halt.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eWennde meinst. Abe ick sach Dir, et is einfach Schei\u00dfe.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Pits Verzweiflung verwandelte sich in Zorn. Er kam immer sp\u00e4ter nach Hause, immer w\u00fctender. Seine schlechten Stimmungen begannen mit kalter Wut, die in hei\u00dfe Hass-Attacken umkippte. Er zerkn\u00fcllte die Zeitung, schob den Teller mit dem Abendbrot \u00fcber den Tisch. Er h\u00e4mmerte mit der Faust gegen die Wand und br\u00fcllte bei Kleinigkeiten los.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Dann kam Hildchen an der Reihe.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Es war im Fr\u00fchjahr. Den Tag \u00fcber hatte die Sonne geschienen, die Menschen machten frohe Gesichter, weil der Winter nun endg\u00fcltig passee war. Gro\u00dfes Sternen-Gefunkel am Nachthimmel, ein eindrucksvoller Vollmond schob sich \u00fcber die Stadt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Vollmond, das hie\u00df: Vorsicht! Pit reagierte ausgesprochen gereizt auf Vollmond.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Hilde hatte Buletten und Kartoffelp\u00fcree vorbereitet. Die waren kalt geworden, weil Pit sich wieder mal versp\u00e4tete. Gegen halb zehn kam er, Hilde h\u00f6rte seine schweren Schritte auf der Holztreppe in den ersten Stock. Der Schl\u00fcssel kratzte an der Haust\u00fcr, drehte sich schlie\u00dflich im Schloss. Schnaufend lie\u00df Pit sein K\u00f6fferchen fallen, h\u00e4ngte den Mantel an den Garderobenhaken und betrat die Wohnk\u00fcche. Er hatte einen stieren Blick und ungesund ger\u00f6tete Backen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eHallo, Pit\u201c, sagte Hilde, stand vom K\u00fcchentisch auf und wollte zum Herd.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eHallo\u201c, sagte Pit.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie machte sich an der Pfanne zu schaffen. \u201eWie war\u2019s heute?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Falsche Frage.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eWie immer. Ja, genau: Wie immer! Was gibt\u2019s \u2019n zum Essen?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eIst gleich fertig. Setz Dich doch schon mal hin und lies ein bisschen Zeitung.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eSachma, haste Tomaten uffe Ohrn? Ick hab jefragt, wat et zun Essn jibt. Un nich, wo de Zeitung is.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eSchon gut, es gibt Buletten und\u2026\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eViel f\u00e4llt Dir aber auch nicht ein.\u201c Pit redete nun sehr leise und zwang sich zum Hochdeutschen. \u201eSoweit ich mich erinnern kann, hatten wir erst letzte Woche Buletten, in der Woche davor und in der Woche davor auch. W\u00fcrde es Dir etwas ausmachen, ab und zu das Kochbuch zu konsultieren, vielleicht bringt Dich das auf neue Ideen. Das ist wohl das Mindeste, was ich nach einem langen Arbeitstag erwarten darf. Hat Madame das begriffen, habe ich mich verst\u00e4ndlich ausgedr\u00fcckt?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Hilde K\u00fcneke hob zwei Fleischb\u00e4lle auf den Teller, wollte Kartoffelbrei dazu tun.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eEntschuldigung, ich habe Dich etwas gefragt.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie klatschte schweigend den Brei neben die Buletten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eSo ist das also: Man redet nicht mehr mit mir. Ist das so?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie trug den Teller zum Tisch. Pit sah, wie seine wortlose Frau auf ihn zu kam. Er st\u00fctzte sich vom Stuhl hoch, stand nun da, gro\u00df und m\u00e4chtig und voller Zorn.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie wollte den Teller abstellen. Da schlug er zu. Das Geschirr fiel zu Boden, das P\u00fcree verteilte sich, die Buletten kollerten unter den Tisch. Hildes Wange r\u00f6tete sich sofort. Erstaunt blickte die Frau ihren Mann an. Erstaunt schaute er zur\u00fcck. Er \u00fcberlegte. Wieder flutete die Wut in ihm hoch.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Noch einmal schlug er zu. Diesmal fester.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Bann war gebrochen. Nur zu!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Hilde K\u00fcneke ertrug ihren Mann gegen alle Vernunft. Sie nahm hin, dass er sie verm\u00f6belte, erniedrigte, beschiss. Entweder stank er nach Fusel \u2013 oder nach fremder Frau. Er hatte keine Hemmungen mehr. Kam und ging, wann er wollte. Riss die frisch gewaschene W\u00e4sche aus dem Schrank, fra\u00df den K\u00fchlschrank leer und war wieder weg.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Anfangs weinte sie sich die Augen aus dem Kopf. Dann hatte sie keine Tr\u00e4nen mehr, nur noch Angst, wenn der Schl\u00fcssel sich im Schloss drehte. Hilde K\u00fcneke versuchte, ihr Leben an Pit vorbei zu f\u00fchren. Er bekam das mit und bestrafte sie f\u00fcr jede Eigenm\u00e4chtigkeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Pit wurde dick, unansehnlich. Ein formenloser Findling von Mann. Seine Gesicht zerr\u00fcttete in kurzer Zeit, die Nase verwuchs sich zu einer violett-adrigen Knolle. Die Firma entlie\u00df ihn, einen neuen Job bekam er nicht und wollte er auch nicht. Er verlie\u00df \u2013 wenn er denn zuhause aufwachte \u2013 vormittags die Wohnung und trieb sich in der Stadt herum. Doof nur, dass er keine Karre mehr hatte. Zuerst war der Lappen weg, wegen l\u00e4ppischer 1,2 Promille, dann der Taunus, wegen notorischer Klammheit. Pit hatte so seine Adressen. Ku\u2019damm, zwischen Uhlandstra\u00dfe und Halensee. Er sa\u00df die Zeit in seinen Pinten ab, bequatschte mit Kumpels Projekte, die das gro\u00dfe Geld bringen sollten, machte sich an Frauen ran, die ihm \u00fcber den Weg liefen. Abends hatte er dann genug \u2013 entweder kriegte er aber die Kurve nicht und versackte. Oder er schaffte es halbwegs aufrecht nach Hause, und dann standen die Chancen nicht schlecht, dass er sein Hildchen vertrimmte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein Gl\u00fcck, dass Pit \u2013 trotz seiner imposanten Statur \u2013 von anf\u00e4lliger Gesundheit war. Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte: Das Saufen bekam ihm nicht. Aufh\u00f6ren konnte er nicht mehr, obgleich er wusste, wie sehr er mit dem Feuer spielte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Auch der Arzt richtete nichts aus. \u201eHerr K\u00fcneke\u201c, sagte der Doktor, der ihn wegen einer schlimmen Grippe visitierte, \u201ewenn Sie das nicht in den Griff bekommen, kann ich f\u00fcr nichts garantieren.\u201c \u201eMir doch ejal\u201c, brummte Pit. Der Arzt, ungehalten: \u201eIch wei\u00df nicht, ob Sie mich richtig verstanden haben, Herr K\u00fcneke. Wenn Sie weiter so trinken, werden Sie daran sterben.\u201c K\u00fcneke, mit zornigen ger\u00f6teten Augen: \u201eHerr Dokta, det is imma noch meine Sache, wa? Also, sin\u2019Se ruhig, bittesch\u00f6n.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Arzt schrieb etwas gegen die Grippe auf, zuckte mit den Schultern, packte seine Siebensachen ein und dr\u00fcckte sich an Hildchen, die \u2013 blass und unger\u00fchrt \u2013 die Szene beobachtet hatte, vorbei durch die T\u00fcr.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Beim n\u00e4chsten Mal betrat er das Zimmer, in dem ein tot gesoffener Pit in seiner eigenen Schei\u00dfe und Kotze lag. Da war Hilde schon ausgezogen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong><span style=\"margin: 0px; line-height: 115%; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">N\u00e4chste Folge: Hilde h\u00e4lt durch<br \/>\n<\/span><\/span><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 14. Januar 2017\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;-\u00a0\u00a0\u00a0 winter 16\/17, Folge IX Ihre Eltern haben sich gek\u00fcmmert. Hilde war das einzige Kind. Die Mutter arbeitete in der Kantine bei Siemens, dort hatte sie auch ihren Mann kennen gelernt. Der baute irgendwelche klitzekleinen Teile zusammen und konnte zuhause alles Elektrische reparieren. 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