{"id":258,"date":"2015-01-09T07:03:32","date_gmt":"2015-01-09T07:03:32","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=258"},"modified":"2015-01-09T07:03:32","modified_gmt":"2015-01-09T07:03:32","slug":"mobliertes-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/mobliertes-leben\/","title":{"rendered":"M\u00d6BLIERTES LEBEN"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>berlin, 9. januar 2015<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Van Bo Le-Mentzel ist 37, aber er sieht aus wie ein Student in den Zwanzigern. Dabei doziert er seit Jahresbeginn als Gast-Prof an der Hochschule f\u00fcr bildende K\u00fcnste in Hamburg. Thema: Design f\u00fcr jedermann &#8211; auch und gerade f\u00fcr die Menschen, die es nicht so dicke haben. Der Mann muss also was drauf haben, denkt man.<\/strong><\/p>\n<p>Le-Mentzel hat etwas erfunden, was ihm letztlich die Gastprofessur einbrachte. Und was toll klingt:<\/p>\n<p>LEUTE, SEHT HER: HIER SIND SIE, DIE HARTZ-IV-M\u00d6BEL!<\/p>\n<p>Der Berliner, im Wedding gro\u00df geworden, hat als Radio-Moderator gejobbt, da nannte er sich Prime Lee. Sp\u00e4ter hat er mit Stra\u00dfenmusikern im Konzertsaal der Deutschen Oper eine CD aufgenommen. Er brachte Berliner Migranten-Promis in einer Weddinger Schule mit den Kids zusammen, und man redete \u00fcber Vorbilder und Tr\u00e4ume. Geil fanden das alle.<\/p>\n<p>Und dann hatte der gelernte Diplom-Ingenieur und Architekt diese Riesen-Idee. Vor vier Jahren stellte er die ersten Bauanleitungen f\u00fcr Hocker, St\u00fchle und ein Sofa ins Netz. Nett anzusehen, diese M\u00f6bel im Bauhaus-Stil! Und eine Wohltat f\u00fcrs Prekariat.<\/p>\n<p>DIE HARTZ-IV-M\u00d6BEL!<\/p>\n<p>Im Auftrag des Goethe-Instituts reiste Le-Mentzel als \u201eVertreter\u201c f\u00fcr seine Hartz-IV-Produkte nach Dublin, Rom, Warschau. Der umtriebige Vermarkter von Menschenfreundlichkeit baute ein Einquadratmeterhaus-Haus, das auf einen Autoparkplatz passt &#8211; eine Zeit lang stand es am Landwehrkanal und versetzte dort Passanten ins Staunen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_261\" aria-describedby=\"caption-attachment-261\" style=\"width: 188px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-261 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_1005-188x300.jpg\" alt=\"DSC_1005\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_1005-188x300.jpg 188w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_1005-600x958.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_1005.jpg 614w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-261\" class=\"wp-caption-text\">Hartz IV, na und? Anleitung zur Selbsthilfe. FOTOS: VOLKMER\/VETTEN<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6bel sind f\u00fcr mich ein soziales Thema, kein Design-Thema\u201c, sagt Le-Mentzel. \u201eM\u00f6bel k\u00f6nnen dein soziales Verhalten ver\u00e4ndern. Ich habe mir die Freiheit erlaubt, auf g\u00e4ngige Marketing-Tricks zu verzichten und habe das assozialste Wort Deutschlands gew\u00e4hlt: Hartz IV. Mit so einem Titel wird es nie ein Bestseller und damit versperre ich mir den Zugang zu den Playern in der M\u00f6belindustrie, aber was soll\u2019s?\u201c<\/p>\n<p>Zehn Euro Materialkosten muss der Heimwerker kalkulieren, wenn er den \u201eBerliner Hocker\u201c schreinern m\u00f6chte. Er hat dann die Wahl: Soll\u2019s ein\u00a0&#8220;24 Euro Chair&#8221; sein oder ein \u201eKreuzberg K\u00fcchenstuhl\u201c, der kostet 36 Euro? Ausrei\u00dfer nach oben gibt es auch, zum Beispiel das &#8220;SiWo Sofa&#8221;, da muss man dann schon 348 Euronen hin bl\u00e4ttern. Ganz sch\u00f6n happig f\u00fcr Hartz-IV-Menschen.<\/p>\n<p>\u201eOb bei Ikea oder auf dem Flohmarkt, es gibt sicher sehr viel einfachere und auch g\u00fcnstigere M\u00f6glichkeiten, als ein M\u00f6bel zu bauen. Mit meinem Preis kann ich also nicht punkten.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_263\" aria-describedby=\"caption-attachment-263\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-263 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_1011-300x217.jpg\" alt=\"DSC_1011\" width=\"300\" height=\"217\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_1011-300x217.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_1011-600x435.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_1011.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-263\" class=\"wp-caption-text\">Alles ganz einfach! Oder?<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Le-Mentzel wird von Freunden als Mensch beschrieben, der die Welt verbessern m\u00f6chte. Friedrich von Borries, der den Berliner Kreativen an die Hamburger Uni f\u00fcr Designtheorie geholt hat, schw\u00e4rmt: \u201eIch kenne niemanden, der eine so positive Zugewandtheit gegen\u00fcber Menschen hat.\u201c<\/p>\n<p>Nun also missioniert der Kreative aus Wedding die Hamburger. Dort wird er auch wieder seine Philosophie des zufriedenen \u00dcberlebens im Lande unter die Menschen bringen: \u201eIch habe meine Lebenserhaltungskosten auf 52 Wochen runtergerechnet und bin auf knapp 390 Euro pro Woche gekommen. Die brauche ich, um mich und meine kleine Familie am Leben zu halten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>Die Kindl-Passage in Berlin-Neuk\u00f6lln ist ein freudloser Ort. Dorthin m\u00fcssen Arbeitslose aus dem Kiez, wenn sie Erledigungen im Jobcenter zu verrichten haben. Sie f\u00fchlen sich nicht wohl in der Kindl-Passage.<\/p>\n<figure id=\"attachment_264\" aria-describedby=\"caption-attachment-264\" style=\"width: 269px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-264 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000844-269x300.jpg\" alt=\"P1000844\" width=\"269\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000844-269x300.jpg 269w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000844-600x670.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000844.jpg 878w\" sizes=\"auto, (max-width: 269px) 100vw, 269px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-264\" class=\"wp-caption-text\">Sozialverkauf? Nein, Sperrm\u00fcll!<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Beh\u00f6rde kommen sie auch an einem Gesch\u00e4ftsraum vorbei, hinter dem \u00fcbereinander gestapelte M\u00f6bel zu besichtigen sind. Die Schr\u00e4nke und Bettgestelle und Truhen und Sitzm\u00f6bel sind teilweise in ihre Einzelteile zerlegt. Das Spanholz ist aufgequollen und rissig. Die St\u00fchle wackeln, Schubladen funktionieren nicht, T\u00fcren schlie\u00dfen nicht.<\/p>\n<p>St\u00fchle gibt es schon f\u00fcr 15 Euro, eine Schrankwand wird f\u00fcr einen Hunderter angeboten, eine wacklige W\u00e4schekommode soll 40 Euro bringen. Dabei geh\u00f6rt das Zeug eigentlich auf den Sperrm\u00fcll.<\/p>\n<p>Doch hier soll es den Bed\u00fcrftigen im Land untergejubelt werden.<\/p>\n<p>DAS, LIEBE LEUTE, DAS SIND HARTZ-IV-M\u00d6BEL!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 9. januar 2015 Van Bo Le-Mentzel ist 37, aber er sieht aus wie ein Student in den Zwanzigern. 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