{"id":2526,"date":"2016-12-29T14:05:06","date_gmt":"2016-12-29T14:05:06","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2526"},"modified":"2016-12-29T15:02:15","modified_gmt":"2016-12-29T15:02:15","slug":"2526-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/2526-2\/","title":{"rendered":"KARIN VOM ZOO"},"content":{"rendered":"<p>berlin, 29.dezember 2016\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;-\u00a0\u00a0\u00a0 <em><strong>winter &#8217;16\/17, Folge V.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Karin, Jahrgang \u201944, traut sich nicht mehr so recht raus aus ihrem Haus in Britz. Schon gar nicht, wenn es glatt und kalt ist. Dann zieht sie sich in den zweiten Stock zur\u00fcck und erlebt die Tage des zu Neige gehenden Jahres 2016 zusammen mit \u201eMauzi\u201c, dem Telefon und dem Fernseher.<\/p>\n<p>Sie hat Angst vor der Stadt, sie versteht die modernen Zeiten nicht. Sie ist einsam.<\/p>\n<p>Schon der Gang zum nahen Supermarkt: ein Abenteuer . Karin schl\u00fcpft in den blauen Anorak, ermahnt \u201eMauzi\u201c zum Artig-Sein. Sie steigt in die Winterstiefel und tastet sich vorsichtig am Stiegengel\u00e4nder hinunter ins Erdgeschoss.<\/p>\n<p>Sie muss den Schl\u00fcssel zweimal drehen \u2013 man kann ja nicht vorsichtig genug sein. Zerrt den Rollator aus der Mauernische, kurvt ums Haus und linst zum Gartentor.<\/p>\n<p>Ah ja, ihr Bekannter ist schon da. Dann isses ja gut.<\/p>\n<p>Wie immer, wenn sie zum Einkaufen will, hat sie ihn angerufen. Ob er sie begleiten k\u00f6nne. Er wisse schon: ihre Panikattacken.<\/p>\n<p>Mit ihm an der Seite schafft Karin dann den Einkauf ganz ordentlich. 300 Meter stadtausw\u00e4hrts auf der Mohriner Allee. Das Trottoir ist zwar holprig, aber Karin \u00e4rgert sich nicht sonderlich dr\u00fcber, schlie\u00dflich hat sie ja eine Menge zu erz\u00e4hlen. Das hat sich angestaut in ihrer langen Einsamkeit. Wenn sie schon mal mit jemandem redet, will sie auch los werden, was ihr alles durch den Kopf jagt. Karin ist ja nicht doof und sie beobachtet wach, was drau\u00dfen in der Welt passiert. Da macht sie sich dann schon ihre Gedanken \u2013 und wenn sie wen trifft, bricht alles aus ihr heraus.<\/p>\n<p>Das Einkaufen ist fix erledigt. Karin braucht nicht viel. Nudeln, ein bisschen Geb\u00e4ck, Saft, Butter, Brot, Fertiges f\u00fcr die Mikrowelle. Sie trinkt keinen Kaffee, sie raucht nicht, Alkohol mag sie nicht. Sie hat keine gro\u00dfen Anspr\u00fcche, wenn sie den K\u00fchlschrank f\u00fcllen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">xxx<\/p>\n<p>Diesmal ruft sie den Bekannten nicht wegen der Tour zum Supermarkt an. Sie wolle in die Stadt, zum Breitscheidplatz.\u00a0 \u201eIck brauch Dir, Du weest schon: die Panikattacke.\u201c<\/p>\n<p>Was sie in der Stadt wolle?<\/p>\n<p>Naja, wegen des Anschlags und so. Sie habe das im Fernsehen mitbekommen, dass da ganz viele Menschen \u2018ne Kerze aufstellen und um die Toten trauern. Da m\u00fcsse sie auch hin. Sie habe schon ein Schild gemacht, das muss nun in die City gebracht werden.<\/p>\n<p>Breitscheidplatz \u2013 das ist schlie\u00dflich nicht irgendwo. Das ist ihre zweite Heimat. Da, wo sie \u201eKnut\u201c besucht hat. Bisher ist der Breitscheidplatz was Sch\u00f6nes gewesen f\u00fcr Karin.<\/p>\n<p>Jetzt, wo diese schrecklichen Sachen passiert sind, muss sie hin. Mal nach dem Rechten sehen. Tun, was man so tun muss.<\/p>\n<p>\u201eWann haste Zeit?\u201c, fragt sie, und es klingt wie ein leiser Befehl.<\/p>\n<p>Morgen, sagt der Bekannte. Ist ja wohl ganz gut, wenn man so etwas macht. Wegen Terror und so. Also, morgen, das geht. Er ist schlie\u00dflich Rentner, da kann man sich die Zeit einteilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">xxx<\/p>\n<p>Es ist, wie immer, die Fahrt in eine andere Welt. Britz, da f\u00fchlt sich Karin zuhause. Neuk\u00f6lln, das ist schon aus ihrer Welt. Tempelhof und Kreuzberg, Sch\u00f6neberg und Charlottenburg \u2013 das waren immer kleine Reisen.<\/p>\n<p>Der Bekannte findet einen g\u00fcnstigen Behinderten-Parkplatz in der N\u00e4he der Ged\u00e4chtniskirche. Karin m\u00fcht sich aus dem Auto, mit dem Rollator kommt sie ganz gut voran.<\/p>\n<p>Der Asphalt gl\u00e4nzt nass, es sind viele Passanten unterwegs. Am Weihnachtsmarkt riecht es so nach Bratwurst, dass man Hunger kriegen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>\u201eSiehste, jetzt steh\u2019n se an jeder Ecke\u201c, grummelt Karin und deutet auf die Polizisten. Dann sieht sie die Beton-Absperrungen. \u201eJetzt kann da keen Laster mehr rin. H\u00e4tt\u2018 ihnen auch fr\u00fcher einfallen k\u00f6nnen, den Herrschaften.\u201c<\/p>\n<p>Auf die \u201eHerrschaften\u201c schimpft sie des \u00d6fteren, das sind die Politiker, die ihren Job nicht k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Karin und ihr Bekannter kommen an der gro\u00dfen Kerzeninsel gegen\u00fcber vom \u201eBikini Berlin\u201c an. Zwei Spanierinnen fotografieren sich \u2013 l\u00e4chelnde Sch\u00f6nheiten im Vordergrund sind sie, freuen sich \u00fcber das romantische Geflacker als Hintergrund. Das Foto wird sofort versandt. Eine Dame weint. Sonst schweigende Frauen und M\u00e4nner, auch die paar Kinder halten still. Ein junges Paar stellt die Einkaufst\u00fcten auf den Boden und kommt nicht weiter.<\/p>\n<p>\u201eJanz sch\u00f6n schlimm\u201c, sagt Karin und z\u00fcndet die mitgebrachte Kerze an. Sie blickt sich um, fragt den Bekannten, wo er denn ihr Bild platzieren w\u00fcrde. Er deutet auf den Boden. Quatsch , meint sie, da w\u00fcrde das Bild ja gleich verdeckt.<\/p>\n<p>\u201eSoll\u2019n de Leute morjen ooch noch seh\u2019n.\u201c<\/p>\n<p>Sie hat eine Stelle entdeckt. Gut, dass sie Pins im Gep\u00e4ck hat. Karin m\u00fcht sich zu dem mit Latten verkleideten M\u00fcllcontainer. Heftet ihr \u201eBild\u201c an.<\/p>\n<p>Sie hat sich echt M\u00fche gemacht. Auf blauem Bastelkarton hat Karin die kursiven Blockbuchstaben s\u00e4uberlich mit schwarzem Markierstift geschrieben:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Trauert um die Opfer<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>und mit der<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Polnischen Familie<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Denn \u2013 sagt sie \u2013 es ist ungerecht, dass man sich ausschlie\u00dflich um die Toten und Verletzten vom Breitscheidplatz k\u00fcmmere. Und dabei den Vater in Polen vergesse, der vor ein paar Jahren seinen ersten Sohn bei einem Unfall verloren hat. \u201eUnd nu haben\u2019se den anderen Jungen auf Arbeit erschossen. Da sitzt die Familie in Polen und wartet auf den Mann mit seinem Lkw \u2013 dabei hat der Verr\u00fcckte den umjebracht.\u201c<\/p>\n<p>Sch\u00f6n hat sie die Schrift hin bekommen. Dazu an den Ecken des Kartons gelbe Sterne aufgeklebt und das Berlin-Logo mit der roten Rose, das sie f\u00fcr solche Aktionen in der Schublade liegen hat. Sie hat ihren Bekannten gebeten, er solle die Pappe in so einem Spezialladen einschwei\u00dfen lassen, sodass sie den Berliner Winterregen aush\u00e4lt. Nun pinnt sie ihre Botschaft auf die Latten.<\/p>\n<p>Trauert um die Opfer und mit der Polnischen Familie<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">xxx<\/p>\n<p>Job erledigt.<\/p>\n<p>Karin l\u00e4sst sich zur\u00fcck in den S\u00fcden der Stadt chauffieren. Berlin ist an diesem Nachmittag ausgesprochen unwirtlich. Eine richtige Drecks-Stadt. In Neuk\u00f6lln kannste froh sein, wennde schnell voran kommst. Da haste das Gef\u00fchl, Du juckelst durch den Basar.<\/p>\n<p>Karin schimpft auf die T\u00fcrken und die Ausl\u00e4nder. Der Bekannte nickt.<\/p>\n<p>Dann passieren sie das Ortschild von Britz. Noch 100 Hausnummern auf der Mohriner Allee, dann ist Karin zuhause. Sie l\u00e4sst sich mit dem Rollator helfen. Schlie\u00dft mit doppeltem Dreh auf, steigt in den zweiten Stock, setzt Wasser f\u00fcr einen Tee auf, schaltet den Fernseher ein und sinkt in den abgewetzten Sessel.<\/p>\n<p>\u201eMauzi\u201c springt in Karins Scho\u00df. Frauchen ist ersch\u00f6pft. Das Wasser kocht, aber Karin bleibt sitzen. Sie nimmt noch nicht teil am TV-Programm. Sitzt einfach da und ist ganz froh, dass sich heute etwas getan hat. Ist alles gut gegangen, hat sich nach Leben angef\u00fchlt.<\/p>\n<p>Ihr Blick bleibt am Hochzeitsfoto h\u00e4ngen. Die junge Frau, die da mit der Kamera flirtet und von ihrem mageren Mann angeschmachtet wird \u2013 das ist sie. Das war sie mal, da war sie wohl 28.<\/p>\n<p>Und wenn sie sich recht erinnert, hat die junge Frau auf dem Foto damals noch Hoffnungen gehabt. Sie war schlie\u00dflich jung, sie tr\u00e4umte von dem, was da kommen w\u00fcrde. Jetzt, so hat die kesse Braut auf dem Foto gemeint, w\u00fcrde alles beginnen. Alles: die guten Tage eben.<\/p>\n<p>Nun ist sie 72 und sagt, wenn sie denn einer fragt:<\/p>\n<p>\u201eSchei\u00dfe war dit meistens. Kann\u2019s nicht anders beschreiben. Schei\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p>Dann h\u00e4lt sie inne.<\/p>\n<p>\u201eBis auf die Zeit mit Knut.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>N\u00e4chste Folge: Falsche Zeit, falscher Ort<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 29.dezember 2016\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;-\u00a0\u00a0\u00a0 winter &#8217;16\/17, Folge V. 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