{"id":2472,"date":"2016-12-22T14:25:56","date_gmt":"2016-12-22T14:25:56","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2472"},"modified":"2016-12-22T14:25:56","modified_gmt":"2016-12-22T14:25:56","slug":"beherzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/beherzt\/","title":{"rendered":"BEHERZT?"},"content":{"rendered":"<p>berlin, 22. Dezember 2016\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;\u00a0\u00a0<strong><em> winter 16\/17, I<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Im \u201eNostalgie\u201c ist es wie immer in den Tagen vor Weihnachten: Die Menschen tragen schon am Vormittag ihre Einsamkeit in die Kneipe. Sie stehen am Tresen und suchen Halt an den anderen Verlorenen. Alkohol hilft beim Wattieren der Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Einer studiert die \u201eBild\u201c. Nee, sagt er, traurig sein allein hilft nicht. Er sp\u00fcrt Hass und Zorn. Da treiben sich diese Kranken in unseren St\u00e4dten rum, und wir warten nur drauf, dass sie \u2018nen Sattelschlepper kapern und in den Weihnachtsmarkt brettern. Den Typen, der es gewesen sein kann, haben sie in Ravensburg schon mal im Knast gehabt. Hat nicht viel gefehlt, und er w\u00e4re abgeschoben worden. Aber dann haben sie ihn wieder laufen lassen.<\/p>\n<p>\u201eDas geht alles zu weit\u201c, sagt der Mann. Gestern hat in der Zeitung gestanden, der Anschlag habe uns ins Herz getroffen. So ein Ges\u00fclze! Wir brauchen jetzt Kerle, die das alles regeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">xxx<\/p>\n<p>Der Standbetreiber vor dem Schloss Charlottenburg ist bedr\u00fcckt, ja klar. \u201eAber, mal unter uns: Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich erstmal erleichtert. Wir halten den Markt offen, und die die Leute kommen. Ich habe das Gef\u00fchl, die Gl\u00fchwein-Kollegen werden noch mehr Gesch\u00e4ft machen als sonst. Ist ja so, dass die Menschen sofort was zum Bereden haben, auch wenn sie sich nicht kennen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">xxx<\/p>\n<p>In der Ringbahn umarmen sich eine \u00e4ltere Frau und ihr Begleiter ganz doll. Der Mann ist spillerig-d\u00fcrr und hat freundliche Augen. Ihr fehlt ein Schneidezahn, fr\u00fcher ist sie mal eine Sch\u00f6nheit gewesen, heute ist sie alt. Sie sieht gl\u00fccklich aus. \u201eIch freu\u2018 mich auf zuhause\u201c, sagt sie, er nickt. Sie m\u00fcssen in den Osten, noch einmal umsteigen.\u00a0Daheeme werden sie es sich gem\u00fctlich machen. Was Nettes zum Abendessen, ein bisschen kuscheln. Vielleicht was zum Lachen im Fernsehen. Nur keine Nachrichten. Sie haben die Nase gestrichen voll von Nachrichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">xxx<\/p>\n<p>Alexanderplatz. Keine Zeit. Niemand hat Zeit. Von dem Herrn mit dem Schild \u201eNein zum Terror!\u201c nimmt niemand Notiz.<\/p>\n<p>Am Markt gehen im \u201eSchlaraffenland\u201c die Neonlichter an. Wer nicht \u00fcber den Anschlag reden will, muss das nicht tun.<\/p>\n<p>Wir sind, haben die Politiker beobachtet, beherzt. Also, nichts wie rein ins Vergn\u00fcgen: \u201eChaos Airport\u201c. \u201eFuzzys Lachsaloon.\u201c \u201eWinter-Gaudi-Dorf\u201c. Kommen\u2019Se rin, k\u00f6nnen\u2019Se raus kieken. Und wer Courage hat, l\u00e4sst in der \u201eWilden Maus\u201c die Sau raus.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">xxx<\/p>\n<p>Checkpoint Charlie. Ein Vater erkl\u00e4rt seinen Kindern, wie das fr\u00fcher so war mit der Mauer. Sie gucken sich die Fotos an, linsen r\u00fcber zu den Kerlen in den falschen Uniformen. Sie frieren und sind nicht sonderlich interessiert. Der Vater versucht seinen Geschichtsunterricht aufzupeppen. Das seien schreckliche Zeiten gewesen, damals. Da h\u00e4tten viele Unschuldige sterben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Achja? Das M\u00e4dchen denkt nach. Dann fragt es, ob die Mauer-Zeiten vergleichbar seien mit der Sache auf dem Weihnachtsmarkt?<\/p>\n<p>Der Mann sucht nach einer Erkl\u00e4rung. Findet keine. Schlie\u00dflich meint er:<\/p>\n<p>\u201eIrgendwie ist es immer mal schlimm gewesen. Und dann haben sich die Sachen ver\u00e4ndert. Irgendwie.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Morgen: Tatort \u2013 den Ku\u2019damm runter<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 22. Dezember 2016\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;\u00a0\u00a0 winter 16\/17, I Im \u201eNostalgie\u201c ist es wie immer in den Tagen vor Weihnachten: Die Menschen tragen schon am Vormittag ihre Einsamkeit in die Kneipe. Sie stehen am Tresen und suchen Halt an den anderen Verlorenen. Alkohol hilft beim Wattieren der Gef\u00fchle. Einer studiert die \u201eBild\u201c. 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