{"id":2459,"date":"2016-12-02T21:08:08","date_gmt":"2016-12-02T21:08:08","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2459"},"modified":"2016-12-02T21:08:08","modified_gmt":"2016-12-02T21:08:08","slug":"dicker-schadel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/dicker-schadel\/","title":{"rendered":"DICKER SCH\u00c4DEL"},"content":{"rendered":"<p>m\u00fcnchen\/berlin, 3. Dezember 2016\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;-\u00a0\u00a0<strong> Ist der FC Bayern in der Krise? Das behaupten zumindest die Schwarzseher unter den &#8220;Fachleuten&#8221;. Und sie machen als Schuldigen den Coach Carlo Ancelotti aus. Doch der Trainer steht weiter unter Beobachtung. Ihn\u00a0 wird das nicht sehr st\u00f6ren. Solche Situationen kennt er. Der Italiener hat sich an das Leben &#8220;in d\u00fcnner Luft&#8221; gew\u00f6hnt. Einer wie er ist aus hartem Holz. Und er kann sich auf seine Wurzeln verlassen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Carlo, die Wurzeln, Folge I (aus &#8220;Carlo Ancelotti &#8211; die Biographie&#8221;, erschienen 2016 im Riva Verlag).<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eEine kleine Welt. Ein Landst\u00e4dtchen irgendwo in der Po-Ebene. Jeder schl\u00e4gt sich herum, um die Welt nach seiner Fasson zu \u00e4ndern. Und es geschehen hier Dinge, die nirgendwo sonst in der Welt m\u00f6glich sind.\u201c<\/span><\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Kamera f\u00e4hrt in den menschenleeren Stra\u00dfen des lichtdurchfluteten Brescello spazieren, wir folgen ihr aufs Land und \u00fcber die \u00c4cker und die weiten flachen Felder vor dem gro\u00dfen Flu\u00df. In der Tat sind das Bilder einer kleinen Welt, die sich um sich selbst dreht.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eEine kleine Welt. Ein Landst\u00e4dtchen, irgendwo in Norditalien. Im Winter erschauert man unter der Herrschaft des Regens, im Sommer aber schwingt die Sonne ihr Strahlen-Szepter, entz\u00fcndet die Leidenschaften und bringt das Gehirn zum Kochen. Doch in der klaren Helle bewahren selbst die \u00e4rgsten Konflikte noch einen Hauch von Liebensw\u00fcrdigkeit. Man zankt sich, man schl\u00e4gt sich \u2013 aber man bleibt Mensch.<\/span><\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Und so k\u00f6nnen hier Dinge passieren, die nirgendwo sonst in der Welt m\u00f6glich sind.\u201c<\/span><\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">So beginnt eine Reihe von Verfilmungen der herrlichen Erz\u00e4hlungen eines eigenwilligen Satirikers, Karikaturisten und Widerborstigen aus der Region. Giovannino Guareschi hat mit \u201eDon Camillo und Peppone\u201c Weltliteratur geschrieben. Es geht um einen erzkatholischen Pfarrers und seinen kommunistischen Widersacher \u2013 der eine Pfaffe, der andere B\u00fcrgermeister \u2013, die sich schlagen und vertragen. Sie k\u00f6nnen nicht miteinander \u2013 und ohne einander geht es erst recht nicht. Zwischendrin h\u00e4lt Don Camillo auch gerne mal einen Schnack mit dem geduldigen freundlichen Jesus am Kreuz.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Das Ganze ist fromm und eigensinnig, dicksch\u00e4delig und sehr menschlich. Es wird gev\u00f6llt und pokuliert, gelacht und geweint, geliebt, gelebt, gestorben &#8211; und am Lagerfeuer werden dann die dicken Friedens-Zigarren geraucht. Manchmal steigen die Gegner auch in einen Boxring oder spielen Fu\u00dfball auf der Wiese.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Das ist ein Abziehbild der Heimat des Carlo Ancelotti. Es nimmt denn auch nicht Wunder, dass er \u2013 da ist er schon ein Fu\u00dfballstar \u2013 eine Nebenrolle an der Seite von Terence Hill in einem Klamauk-Streifen mit dem Titel \u201eDon Camillo haut auf die Pauke\u201c bekommt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Da nietet der kurz behoste d\u00fcnne Carletto alles nieder, was fremde Trikots tr\u00e4gt. Das reicht locker f\u00fcr ein Dutzend Platzverweise.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Aber zur\u00fcck in die Urzeit der \u201eCamillo\u201c-Streifen: In dieser Welt wird am 10. Juni 1959 in Reggiolo \u2013 das ist wirklich nicht weit von Brescello \u2013 Carlo Ancelotti geboren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Er wird nie viel aus dieser Zeit \u00f6ffentlich machen. Privates bleibt bei Ancelotti privat. Erstaunlicherweise \u00f6ffnet sich da der Italiener am bereitwilligsten, als er im \u201eExil\u201c Chelsea London trainiert. Da erz\u00e4hlt er schon mal in lockerer Runde und einem Anflug von Heimweh nach dem Training, wie das damals gewesen ist.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Wurzeln stecken tief in emilianischer Erde. Ancelottis Vater war Bauer, er kann sich an den Mann eigentlich nur als harten Hand-Arbeiter erinnern. Das kannte man auch gar nicht anders zuhause. Vater Ancelotti, die Nachbarn, die Menschen aus den D\u00f6rfern ringsum waren gefangen in einem Hamsterrad der Pflichten. Morgens in den Stall, das Vieh versorgen, die K\u00fche melken, ausmisten, kleines Fr\u00fchst\u00fcck, weiter in der \u201eM\u00fchle\u201c: die Felder bestellen, am Parmigiano werken, schlachten, das Schweinerne verwursten, Abendarbeit im Stall, zwei Glas Wein und ein Blick in die Lokalzeitung. Bett. Am n\u00e4chsten Morgen das gleiche Programm. Wieder und wieder \u2013 und keinen Tag Urlaub. Zweimal Melken pro Tag, die H\u00fchner versorgen (\u201edie gr\u00f6\u00dften hat dann immer der Landeigner bekommen\u201c), den Garten machen, das Werkzeug in Ordnung halten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eAls ich ein kleiner Junge war, lebten wir mit vier oder f\u00fcnf Familien zusammen.\u00a0 Man bewohnte unterschiedliche H\u00e4user, bewirtschaftete aber gemeinsames Land.\u201c Die Erwachsenen h\u00e4tten sich vor allem die H\u00e4nde schrundig und die R\u00fccken krumm gearbeitet. \u201eAber es gab auch Freudentage. Das Erntedankfest, ach das war so eine wundervolle Party auf dem Lande.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Diese immerw\u00e4hrende Arbeit! Wie sollte ein Junge das nachvollziehen? Warum sollte er sich auch gro\u00df Gedanken machen. Carlo entdeckte, dass zu den Freuden des Alltags eben auch das Hinter-einem-Ball-her-Jagen\u00a0 geh\u00f6rt. Und er sp\u00fcrte, dass er dabei erf\u00fcllende Erfolgserlebnisse hatte. Er konnte das Kicken einfach gut<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eDer Vater hat mich gelassen. Sein eigenes Leben hat er so hingenommen, wie es war. Er hat sich nie, nie, nie beschwert. Zornig, er? Niemals.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ja, das wei\u00df der heute fast 60-J\u00e4hrige Carlo Ancelotti: Seinen Charakter hat er vom Papa. \u201eEr war ein ruhiger Mensch, hat nicht viel geredet. Er war sehr gelassen. Ich f\u00fchre ein ganz anderes Leben als er. Und trotzdem gibt es so viele \u00c4hnlichkeiten.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ja, wenn er es recht bedenkt, dann hat der Trainer Ancelotti einiges mit einem guten Bauern gemein. Der Farmer versorgt das Vieh und die \u00c4cker, er milkt, macht K\u00e4se und Schinken, er erntet. Daf\u00fcr bekommt er seine Lire.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Trainer k\u00fcmmert sich um die Spieler und er bereitet das n\u00e4chste Match vor. Er t\u00fcftelt eine Strategie aus und f\u00e4hrt Siege ein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">S\u00e4en und ernten, das ist es. \u201eWer da nicht sauber plant und wem die Luft weg bleibt, der wird verlieren. Es sind die Tugenden meines Vaters, die einen Sieger ausmachen. Freundlichkeit. Optimismus. Gelassenheit. Wille. Ausdauer.\u201c\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Carlo Ancelotti liebt die Lieder des Adriano Celentano.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Italo-S\u00e4nger wird 1938 in Mailand geboren. Seine Eltern waren kurz vor der Geburt des Sohnes aus dem armen italienischen S\u00fcden in die Region gezogen, um dort Arbeit zu finden. Adriano Celentano w\u00e4chst zu einer Zeit auf, in der mit Stars wie Elvis Presley erstmals Rock\u2019n\u2019Roll in die Haushalte gelangt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Was Ancelotti an dem S\u00e4nger mag, ist wohl vor allem dessen <\/span><i><span style=\"color: #000000;\">\u201etalianit\u00e0\u201c.<\/span><\/i><span style=\"color: #000000;\"> Der <\/span><i><span style=\"color: #000000;\">ragazzo<\/span><\/i><span style=\"color: #000000;\"> l\u00e4sst sich nicht unterkriegen.\u00a0 Uhrmacherlehre nach wenigen Schuljahren \u2013 dann sp\u00fcrt Adriano diesen Ehrgeiz, nach oben zu kommen. Spindeld\u00fcrr und alles andere als ein mediterraner Sch\u00f6nling, rackert er als Komiker und Imitator mit Knautschgesicht und Fernandel-L\u00e4cheln (Fernandel ist \u00fcbrigens der klassische \u201eDon-Camillo\u201c-Darsteller).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Celentano hat keine Chance. Aber er wird zum Star.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Morgen: Die Wurzeln II<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>m\u00fcnchen\/berlin, 3. Dezember 2016\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;-\u00a0\u00a0 Ist der FC Bayern in der Krise? Das behaupten zumindest die Schwarzseher unter den &#8220;Fachleuten&#8221;. Und sie machen als Schuldigen den Coach Carlo Ancelotti aus. Doch der Trainer steht weiter unter Beobachtung. Ihn\u00a0 wird das nicht sehr st\u00f6ren. Solche Situationen kennt er. 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