{"id":2455,"date":"2016-12-01T06:22:37","date_gmt":"2016-12-01T06:22:37","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2455"},"modified":"2016-12-01T06:22:37","modified_gmt":"2016-12-01T06:22:37","slug":"krise-schmarrn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/krise-schmarrn\/","title":{"rendered":"KRISE? SCHMARRN!"},"content":{"rendered":"<p>berlin\/m\u00fcnchen, 1. dezember 2016\u00a0\u00a0 &#8212;\u00a0\u00a0\u00a0<strong>Es ist wie ein Pawlow&#8217;scher Reflex: Kaum bleibt\u00a0beim besten deutschen Fu\u00dfballverein, dem FC Bayern M\u00fcnchen, der ganz triumphale Erfolg aus, da wird auch schon die gro\u00dfe &#8220;Krise&#8221; herauf beschworen. Und die &#8220;Fachleute&#8221;\u00a0sp\u00fcren auch in Windeseile gern den Trainer als den Verursacher aller Probleme auf. Das erlebt nun der Italiener Carlo Ancelotti, der noch vor einem Monat als bester Coach der Welt und als der M\u00fcnchner Fu\u00dfball-Gr\u00f6faz angebetet worden ist. Nun schnurrt er im &#8220;Spiegel&#8221; zum &#8220;Papa B\u00e4r&#8221; zusammen &#8211; und nichts scheint mehr geblieben von dem\u00a0Trainer-Guru. Was f\u00fcr ein Schmarrn! Ancelotti grantelt ein bisschen vor sich hin und macht nach Masterplan weiter. So hat er es immer getan. R\u00fcckblick in die fr\u00fchen Tage &#8211; schon da hat sich angedeutet, dass er ein Meister seiner Zunft werden w\u00fcrde (Der Auszug ist dem 2016\u00a0im Riva Verlag erschienen Buch &#8220;Carlo Ancelotti &#8211; Die Biographie&#8221; entnommen).\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1987 &#8211; Ancelotti ist 28 \u2013 holt ihn der knorrige Arrigo Sacchi zum AC Mailand. Das ist ein wenig verwunderlich: Sacchi ist gerade von Silvio Berlusconi f\u00fcr viel Geld eingekauft worden. Er k\u00f6nnte mithilfe seines spendablen Arbeitgebers den Markt abr\u00e4umen. Da werden ja viele junge Talente gehandelt. Doch einen Teil des Geldes gibt Sacchi f\u00fcr diesen Ancelotti aus. Der spielt noch als alternder Mittelfeld-K\u00e4mpe solide und aufopfernd in Roms Diensten. Aber der J\u00fcngste ist er nicht mehr und hat au\u00dferdem Knieprobleme.<br \/>\nWo ist denn da die Perspektive?<br \/>\nArrigo Sacchi wei\u00df genau, was er tut. Er ist selbst nur ein halbwegs begabter Abwehrspieler gewesen, und alle glaubten, er w\u00fcrde auf Lebzeit Schuhverk\u00e4ufer in der v\u00e4terlichen Fabrik bleiben. Doch er wusste schon als Sch\u00fcler (und er ist ein schlauer Sch\u00fcler gewesen): Entweder werde ich Dirigent oder Filmregisseur. Oder ich schaffe es als Fu\u00dfballtrainer.<br \/>\nDie Aktivenzeit hatte bald ihr Ende, danach schlug sich Sacchi einige Jahre in unteren Ligen als Trainer durch. Mit 32 wechselte er ins Profilager. Rimini. Parma. Florenz. Der Mann machte mit lockeren Spr\u00fcchen (\u201eIch wei\u00df, dass ich gut bin, denn man hat mir gesagt, dass Kollege Liedholm meint, ich sei gut \u2013 und wo er Recht hat, hat er Recht\u201c) und sportlichen Husarenritten auf sich aufmerksam. Als er schlie\u00dflich gar den AC Mailand aus dem Pokal wirft, wird es Silvio Berlusconi zu bunt: Er kauft sich den Sacchi.<br \/>\nUnd der hat nichts Besseres zu tun als diesen Ancelotti aus Rom zu holen. Viele greifen sich an den Kopf, aber Sacchi ist sich seiner Sache sehr sicher. Er braucht in diesem Ensemble von Megastars einen \u201eDirigenten\u201c auf dem Feld. Einen, der seine revolution\u00e4ren Ideen versteht.<br \/>\n\u201eIch brauche keine brillanten selbstverliebten elf Einzelspieler, der eigentliche Leader ist das Spiel selbst. Und das ist eine Lehre f\u00fcr die Zukunft: Kein Scheich wird jemals das Zusammenspiel einer Mannschaft kaufen k\u00f6nnen. Er kann die besten Individualisten und erfolgreichsten Spieler versammeln, aber eine Spielidee kann nur durch Inspiration, Konzentration und Flei\u00df entwickelt werden. Das Spiel ist nicht k\u00e4uflich.\u201c<br \/>\nDas Talent ist im Fall Ancelotti zweitrangig. \u201eWichtiger waren Professionalit\u00e4t und Einsatzbereitschaft. Talent kann das Produkt, das man im Kopf hat, noch veredeln. Aber es kann die Idee nicht ersetzen. Robert De Niro ist ein ausgezeichneter Schauspieler. Aber er kann nicht so spielen, wie es ihm gef\u00e4llt, sondern er muss dem folgen, was im Drehbuch steht. Ich war derjenige mit dem Drehbuch und erkannte im Training, ob ein Spieler eine Sekunde zu fr\u00fch oder zu sp\u00e4t loslief, ob er zu nah oder zu weit vom Nebenmann stand, ob er den Ball nach vorne oder nach hinten spielen sollte. Wir simulierten st\u00e4ndig den Ernstfall und probten, was am Sonntag passierte.\u201c<br \/>\nDenn hier setzt Sacchi an. Er hat eine neue Mannschaft im Kopf, neue Spielertypen, ein bisher ungekanntes Fu\u00dfballverst\u00e4ndnis der Akteure.<br \/>\n\u201eFu\u00dfball beginnt nicht in den Beinen, sondern im Kopf. Bei meiner Auswahl habe ich immer Profis bevorzugt, die den Sinn des Spiels verstanden haben. Technische und k\u00f6rperliche F\u00e4higkeiten muss ich voraussetzen, der Grad seiner Spielintelligenz entscheidet dann \u00fcber die eigentliche Qualit\u00e4t des Profis.\u201c<br \/>\nAncelotti erinnert sich noch sehr genau an den Tag, an dem Trainer Sacchi den verbl\u00fcfften Profis erkl\u00e4rt, sie sollten doch mal \u00fcber sinnloses Gerenne auf dem Platz nachdenken. Das k\u00f6nne man sich auch leichter und f\u00fcrs Team effektiver machen<br \/>\nSacchi doziert, dass f\u00fcnf Spieler mit guter Organisation zehn Spieler ohne Organisation schlagen jederzeit k\u00f6nnten.<br \/>\nH\u00e4h?<br \/>\nIm Ernst, er w\u00fcrde es ihnen beweisen. Sacchi stellte Torwart Galli plus die Verteidiger Tassotti, Costacurta, Baresi und Maldini in ein Team. Dagegen sollten Gullit, Van Basten, Rijkaard, Virdis, Evani, Ancelotti, Colombo, Donadoni, Lantignotti und Mannari anrennen.<br \/>\nDie zehn Akteure bekamen 15 Minuten Zeit, um gegen Sacchis f\u00fcnf Mann ein Tor zu machen. Die einzige Regel f\u00fcr die Angreifer war, dass sie bei Ballverlust wieder in der eigenen H\u00e4lfte beginnen mussten.<br \/>\nSie rannten und hetzten durch die gegnerische H\u00e4lfte. Sie versuchten es mit Steilp\u00e4ssen und Seitenwechseln. Doppelp\u00e4sse, Soli-Einlagen.<br \/>\nDie Verteidiger machten ihrerseits die R\u00e4ume dicht und warteten auf Fehler. Sie bewegten sich wie eine Einheit \u2013 Hauptsache, der Ball kam nicht zu oft in die N\u00e4he ihres Tors.<br \/>\nArrigo Sacchi behielt Recht: 15 Minuten lang blieb Gallis Kasten sauber.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Morgen: Grande Milan<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin\/m\u00fcnchen, 1. dezember 2016\u00a0\u00a0 &#8212;\u00a0\u00a0\u00a0Es ist wie ein Pawlow&#8217;scher Reflex: Kaum bleibt\u00a0beim besten deutschen Fu\u00dfballverein, dem FC Bayern M\u00fcnchen, der ganz triumphale Erfolg aus, da wird auch schon die gro\u00dfe &#8220;Krise&#8221; herauf beschworen. Und die &#8220;Fachleute&#8221;\u00a0sp\u00fcren auch in Windeseile gern den Trainer als den Verursacher aller Probleme auf. 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