{"id":2448,"date":"2016-11-29T11:04:29","date_gmt":"2016-11-29T11:04:29","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2448"},"modified":"2016-11-29T11:04:29","modified_gmt":"2016-11-29T11:04:29","slug":"ubern-berg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/ubern-berg\/","title":{"rendered":"\u00dcBERN BERG?"},"content":{"rendered":"<p>brenner, im november 2016\u00a0\u00a0 &#8212;\u00a0\u00a0 <strong>\u00dcBERN BERG<\/strong>, die Vierte<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDas ist die l\u00e4ngste Gerade meines Lebens\u201c, murmelt der Musiker Fabian. Er atmet schwer und blickt hilfeheischend in die Sterne.<\/p>\n<p>Fabian geht \u2013 Sterzing hat er vor einer halben Stunde passiert &#8211; zwischen Gittern s\u00fcdw\u00e4rts. Rechts liegt verlassen die Autobahn, nur ab und zu rauscht ein LKW durch die Nacht. Der Eisack kullert\u00a0linkerhand in Richtung Bozen. Im Licht der Stirnlampe schillern die ersten Eisschollen am Ufer \u2013 bald wird der Fluss zugefroren sein.<\/p>\n<p>Der Musiker Fabian hat das Marschieren satt. Aber das Land ist unwirtlich im November um halb drei in der Fr\u00fch. Hier wird Fabian bis zum Morgengrauen seinen privaten Kampf gegen die st\u00f6rrische Natur fechten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Hier ist man es gew\u00f6hnt zu k\u00e4mpfen. Wie hat es der Nationalheld Andreas Hofer am 13. August trutzig heraus gesto\u00dfen?<\/p>\n<p><em>\u201eSeid\u2019s beinand, Tiroler? Nachher gehen mer\u2019s an. Die Mess\u2018 habt\u2018s g\u2019hert, enkern Schnaps habt\u2019s trunken, also auf in Gott\u2019s Nam!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sie haben gek\u00e4mpft und sich die Nasen blutig gesto\u00dfen. Der Hofer Andreas ist sp\u00e4ter wegen seiner Starrsinnigkeit hingerichtet worden, die Tiroler haben ihm die Volkslieder im Akkord gewidmet.<\/p>\n<p><i>&#8220;O trauervolle Zeit, <\/i><\/p>\n<p><i>was wird aus mir noch werden! <\/i><\/p>\n<p><i>Der Befehl ist schon bereit: <\/i><\/p>\n<p><i>erschossen muss ich werden, <\/i><\/p>\n<p><i>es ist schon lang bekannt <\/i><\/p>\n<p><i>wohl in dem ganzen Land.\u201c<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie verehren den Andreas Hofer in seiner Heimat. Weil er sich gewehrt hat. Weil er gek\u00e4mpft hat. Weil er f\u00fcr seine \u00dcberzeugung &#8220;\u00fcbern Berg&#8221; marschiert ist. Auch wenn&#8217;s das Leben kostete.<\/p>\n<p>Aber diese Fl\u00fcchtlinge, die sich \u00fcber den Berg in eine bessere Zukunft wurschteln wollen &#8211; die wollen sie nicht in Tirol. Und da sind sie den &#8220;Spaghettis&#8221; auch dankbar, wenn die ihnen helfen, das Land sauber zu halten.<\/p>\n<p>Der Z\u00f6llner Sibillo Gennaro zu Beispiel hat bei seinen Kollegen aus dem Norden einen Stein im Brett, weil er diese Afghanen aus dem Verkehr gezogen hat.<\/p>\n<p>Vor Kurzem hat er mit seinen Leuten zuhause telefoniert. Nat\u00fcrlich hat er auch die Geschichte mit dem Afghanen erz\u00e4hlt. Die Mama hat gesagt, dass man stolz auf ihn ist. Die Sache mit den Leuten aus Afrika und so sei wie eine Seuche.<\/p>\n<p>\u201eWir k\u00f6nnen sie hier nicht brauchen. Ist traurig, was mit denen passiert\u201c, sagte die Mutter. \u201eAber wenn wir die in den Ort lassen, kommen die Fremden nicht mehr. Und dann haben wir nicht mehr lange und sind arm wie die Griechen.\u201c<\/p>\n<p>Dann fragte sie ihn, wie es ihm denn so ginge im Norden. Ob er sich schon an alles gew\u00f6hnt habe?<\/p>\n<p>\u201eAch Mama, daran kann man sich nicht gew\u00f6hnen. Es ist kalt, sie kochen schlecht, sie sind unfreundlich. Ich bin froh, wenn das vorbei ist hier.\u201c<\/p>\n<p>Und die Fl\u00fcchtlinge? Ob er gro\u00dfe Scherereien mit denen habe? Man h\u00f6re, dass es ziemlich wild zugehe am Brenner.<\/p>\n<p>Nicht so schlimm, sagte Gennaro. In den Zeitungen w\u00fcrde viel Mist geschrieben, und denen vom Fernsehen muss man auch nicht alles glauben. \u201eSie versuchen es jeden Tag, ich glaube, viele schaffen es auch. Aber bei Kontrollen haben wir immer wieder Gl\u00fcck. Das sind arme Schweine.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie h\u00e4tten eben in Afrika bleiben sollen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, es sind doch nicht nur die Afrikaner. Sie kommen aus dem Irak und Afghanistan und \u00fcberall her. Wir verstehen sie ja nicht einmal.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNaja, Junge, das soll nicht Dein Problem sein. Schau\u2018, dass Du die Zeit gut rum bringst \u2013 und dann komm\u2018 nach Hause. Der Norden ist nicht gut f\u00fcr Dich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, Mama, hast ja Recht. Ich freue mich ja auch, wenn es um ist.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ist ein Schei\u00df-Job, oben auf dem Pass. Gennaro \u00e4chzt wie ein Alter, als er aufsteht. Zeit, zum Dienst zu erscheinen. Er sieht r\u00fcber zu seinem Schicht-Kollegen. \u201eAlles klar\u201c, sagt der, \u201egenau! Pack ma`s!\u201c<\/p>\n<p>Sie gehen also \u00fcber den Platz zur Grenzstation. Ziemlich lange Schlange nach Italien hinunter. Das wird kein lockerer Dienst.<\/p>\n<p>Cielo gr\u00ecgio. Nein, das ist kein helles Grau, das suppt schon ins Schwarze. Keine Wolken, nur eine tiefdunkle Decke \u00fcber den Bergen.<\/p>\n<p>\u201eSag\u2018 amal\u201c, fragt der Kollege, \u201edes war ein ganz ein Junger, der Fl\u00fcchtling, oder?\u201c<\/p>\n<p>Gennaro nickt.<\/p>\n<p>\u201eUnd? Wie hat er ausgesehen?\u201c<\/p>\n<p>Gennaro Sibillo, der Polizist aus dem S\u00fcden, bleibt stehen.<\/p>\n<p>Wie er ausgesehen hat? Was f\u00fcr ein Bild ist geblieben?<\/p>\n<p>Come una bestia intimidata. Wie ein verschrecktes Tier.<\/p>\n<p>Da hinten in der Ecke von dem Lieferwagen. Wie ein kleines Tier mit gro\u00dfen Augen.<\/p>\n<p>An mehr kann sich Gennaro nicht erinnern.<\/p>\n<p>Oder doch: Gezittert hat es, das Tier. Die ganze Zeit gezittert.<\/p>\n<p>Gennaro war ziemlich erleichtert, als er den Mann nicht mehr anschauen musste, weil sie ihn weg brachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>brenner, im november 2016\u00a0\u00a0 &#8212;\u00a0\u00a0 \u00dcBERN BERG, die Vierte &nbsp; \u201eDas ist die l\u00e4ngste Gerade meines Lebens\u201c, murmelt der Musiker Fabian. Er atmet schwer und blickt hilfeheischend in die Sterne. Fabian geht \u2013 Sterzing hat er vor einer halben Stunde passiert &#8211; zwischen Gittern s\u00fcdw\u00e4rts. 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