{"id":2442,"date":"2016-11-25T21:15:21","date_gmt":"2016-11-25T21:15:21","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2442"},"modified":"2016-11-25T21:16:17","modified_gmt":"2016-11-25T21:16:17","slug":"neger-fangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/neger-fangen\/","title":{"rendered":"NEGER-FANGEN"},"content":{"rendered":"<p>brenner, im november 2016\u00a0 &#8212; \u00a0<em><strong>\u00dcBERN BERG<\/strong><\/em>, Folge 3<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dove andate?\u201c<\/p>\n<p>Der Beifahrer versucht ein strenges Gesicht. Es ist halb zwei Uhr morgens. Der Polizeiwagen hat vor dem Tunnel bei der \u201eSachsenklemme\u201c gehalten, der Beifahrer lie\u00df die Scheibe runter fahren, setzte seine B\u00f6ser-Cop-Miene auf und fragte, wohin des Wegs.<\/p>\n<p>\u201eAndiamo a Bolzano.\u201c<\/p>\n<p>Nach Bozen? Echt? \u201eA piedi?\u201c<\/p>\n<p>Ja, zu Fu\u00df.<\/p>\n<p>Die Gendarmen beraten sich. Dann beginnt der Beifahrer zu l\u00e4cheln. Das sei ein echt harter Marsch in dieser Nacht. Ob man sicher sei?<\/p>\n<p>Ja klar. Dauert ja nicht mehr lang, die Nacht.<\/p>\n<p>Nun, wenn die Herrschaften meinen. Dann w\u00fcnsche man noch eine angenehme Reise.<\/p>\n<p>Der Wagen verschwindet in Richtung Brenner. Vielleicht haben die Herren Polizisten Gl\u00fcck und fangen noch einen Neger, der sich in den Norden durchschlagen will. Die meisten probieren es ja mit dem Zug oder im Auto \u2013 aber es gibt auch ein paar ganz Harte, die \u00fcber den Pass marschieren.<\/p>\n<p>Und es gibt noch Durchgeknallte, die wollen einfach nachts nach Italien wandern. Sollen sie doch. Sind auch keine Neger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Grenzer Sibillo hat seinen Bericht \u00fcber die Verhaftung eines Fl\u00fcchtlings beendet. Eigentlich gibt es nichts mehr zu sagen.<\/p>\n<p>Aber die Kollegen wollen noch wissen, was das f\u00fcr einer gewesen ist. \u201eFl\u00fcchtlinge\u201c sind schlie\u00dflich exotische Wesen. Wer versteht die schon?<\/p>\n<p>\u201eWar allein. Hat viel Angst gehabt. Wir haben ihm neues Hemd und Hose gegeben. Kein Englisch, kein Deutsch. Viel Hunger. Dann sind Kollegen aus Bozen gekommen und haben Mann geholt.\u201c<\/p>\n<p>Gennaro Sibillo hat die Geschichte zu Ende erz\u00e4hlt. Er bei\u00dft in sein Sandwich und konzentriert sich wieder aufs Handy.<\/p>\n<p>Er hat Nachrichten von zuhause. Die Freunde haben gestern Party gemacht. Zuerst mit dem Auto runter zum Strand, Dann haben sie den Karren geparkt und im \u201eRoma\u201c vorgegl\u00fcht. Um zehn r\u00fcber in den \u201eRibbon Club\u201c. DJ Bone Night, die Luft hat gebrannt, beim Morgengrauen raus getorkelt. Wieder an den Strand, eine Flasche Wodka hatten sie noch im Auto gebunkert.<\/p>\n<p>Jetzt nur noch pennen, twittert einer. Gennaro l\u00e4chelt und ist ein wenig traurig. Er kann sich vorstellen, wie sch\u00f6n das gewesen ist. Keine Fremden mehr in Terracina, man hat zu dieser Jahreszeit den Ort und den Strand und das Meer f\u00fcr sich. Im \u201eRibbon\u201c ist man unter Freunden \u2013 der ganze Stress, eine blonde Touristin abzuschleppen, entf\u00e4llt. Mit einer Einheimischen f\u00e4ngst Du nur was an, wenn es Dir ernst ist.<\/p>\n<p>Naja, nun muss er noch eineinhalb Jahre hier abrei\u00dfen. Das kriegt er schon hin. Gennaro nippt am Kaffee \u2013 auch der ist hier leblos und verdirbt einem die Laune. Ist wirklich eine Zumutung, dieser Grenzer-Job am Brenner.<\/p>\n<p>Die Kollegen sind nett, das schon. Auch die, die aus dem Norden kommen, und die, denen das Deutsche keine Schwierigkeiten macht. Aber sie lachen freudlos \u2013 wenn sie denn mal lachen.<\/p>\n<p>Gennaro blickt aus dem Aufenthaltsraum. Der Abend d\u00e4mmert um vier Uhr nachmittags \u00fcbers Tal herein. Einer der Kollegen kommt von seiner Schicht und \u00f6ffnet eine Tupperschachtel. Dunkles Brot belegt mit einer Knoblauchwurst. Es riecht nach Zigaretten, M\u00e4nnern und einem unges\u00e4uberten K\u00fchlschrank.<\/p>\n<p>\u201eI hob gheart, mir kriagn a Pr\u00e4mie, wenn mir an Asylanten dawischn\u201c, sagt der mit der Knoblauchwurst.<\/p>\n<p>Scusi?! Wie bitte?<\/p>\n<p>\u201eNoja. Wennst Du einen Asylanten entdeckst, bekommst Du eine Pr\u00e4mie. Kopfgeld, verstehst?\u201c<\/p>\n<p>Achso. \u201eDu machst einen Spa\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Nein \u00fcberhaupt nicht. Man habe so etwas als Ger\u00fccht geh\u00f6rt. Und nun habe Gennaro schlie\u00dflich einen erwischt, der m\u00fcsse ja wissen, ob es Geld gebe.<\/p>\n<p>Nein, sagt Gennaro, davon habe er nie was geh\u00f6rt. Sie seien eben von Bozen gekommen und h\u00e4tten den Burschen geholt. \u201eServus, Kollege, hat er was gesagt, hat er Papiere, was wei\u00dft sonst noch \u00fcber ihn? Ist er aufm\u00fcpfig? Danksch\u00f6n und an sch\u00f6nen Dienst noch. Man sieht sich.\u201c Mehr war da nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um diese Jahreszeit fuhr er abends gern zum Strand. Blickte auf das Meer, das nach den Sommermonaten endlich wieder auflebte. Gennaro mochte die langen D\u00fcnen, er sa\u00df gerne am Gras und guckte den Wellen zu, wie sie ungest\u00fcm gegen das Land anrannten.<\/p>\n<p>Wenn er es recht bedenkt, hat er zum ersten Mal richtig mit diesen Asylanten zu tun gehabt, als er mit Anna in die D\u00fcnen ging. Sie hatten da gesessen und sich aneinander gedr\u00fcckt. Er war ziemlich froh gewesen, Anna machte ihm gute Gef\u00fchle. Sie lachte z\u00e4rtlich und wagte es langsam, sich in ihn zu verlieben.<\/p>\n<p>Sie schauten auf das gro\u00dfe Wasser, da sagte sie: \u201eDie werden doch wohl heute nicht aufs Meer gehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer?\u201c, fragte er.<\/p>\n<p>Na, diese Fl\u00fcchtlinge, von denen jeder redete.<\/p>\n<p>Ach die!<\/p>\n<p>\u201eFindest Du das nicht auch schrecklich. In so einem \u00fcberf\u00fcllten Boot von Afrika nach Europa. Keine Zukunft. Kein Geld. Und wenn es bl\u00f6d kommst, s\u00e4ufst Du ab.\u201c<\/p>\n<p>Gennaro hatte keine Antwort gewusst. Eigentlich war er ein wenig sauer auf die Asylanten gewesen. Denn nachdem Anna mal mit dem Thema angefangen hatte, war\u2019s aus mit der Romantik. Sie hatte sich Gedanken \u00fcber die Weltrettung gemacht. Und er konnte sich den Sex aus dem Kopf schlagen.<\/p>\n<p>Gennaro Sibillo verzieht das Gesicht zu einem kleinen Grinsen, als er an Anna denkt. Sie ist schon eine Granate gewesen, aber dann auch wieder\u00a0 kompliziert. Sie machte gerne auf sensibel und sch\u00fcchtern. Sie eiferte schnell und war ruckzuck eingeschnappt, wenn man sich von ihr nicht bekehren lie\u00df.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich hat er da mal ein Gl\u00fcck gehabt, dass die junge Liebe doch schnell verendet ist. Soweit er wei\u00df, ist Anna jetzt mit einem Immobilienmenschen zusammen und politisiert mehr denn je. Sie soll so l\u00e4stig sein wie ein Pickel am Hintern.<\/p>\n<p>Gn\u00e4diges Schicksal. Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>N\u00e4chste Folge: Retourkutsche<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>brenner, im november 2016\u00a0 &#8212; \u00a0\u00dcBERN BERG, Folge 3 &nbsp; Dove andate?\u201c Der Beifahrer versucht ein strenges Gesicht. Es ist halb zwei Uhr morgens. 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