{"id":2435,"date":"2016-11-22T17:58:02","date_gmt":"2016-11-22T17:58:02","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2435"},"modified":"2016-12-03T16:01:09","modified_gmt":"2016-12-03T16:01:09","slug":"kalt-erwischt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/kalt-erwischt\/","title":{"rendered":"KALT ERWISCHT"},"content":{"rendered":"<p>brenner, im november 2016 &#8212; <em><strong>\u00dcBERN BERG, Teil I<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Gasthof \u201eWolf\u201c \u2013 zwei Wegstunden vor der Passh\u00f6he \u2013 sitzen sie am Stammtisch und diskutieren, ob in der Nacht der Schnee kommt. Oben am Brenner, sagt einer, ist ja schon Winter, das taut nicht mehr weg vorm n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner nicken. Einer ruft quer durch den Raum:<\/p>\n<p>\u201eWas macht Ihr Zwei denn hier auf d\u2019Nacht?\u201c<\/p>\n<p>Man wolle den Brenner \u00fcberqueren. R\u00fcber nach Italien, Richtung Bozen. Ob man da eine Variante zur alten Passstra\u00dfe habe?<\/p>\n<p>\u201eNein, da gibt\u2019s nix. Keinen Weg f\u00fcr Wanderer oder Radfahrer. Nur die alte R\u00f6merstra\u00dfe, die Zugtrasse und die Autobahn. Mehr ist nicht. Was wollt\u2019S denn mitten in der Nacht da drau\u00dfen. Habt\u2019S eine Wette?\u201c<\/p>\n<p>Nein, das nicht. Ist halt ein kleines Abenteuer.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner nicken. Prosten durch den Raum. Reisende soll man nicht aufhalten.<\/p>\n<p>Sie unterhalten sich \u00fcber einen, der nach Hall ins Krankenhaus gekommen ist. Beim Holzen ist er umgefallen, auf einen Schlag.<\/p>\n<p>\u201eDer kommt nicht wieder\u201c, sagt einer.<\/p>\n<p>\u201eNein , nicht so bald.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd wenn \u2013 dann wird er nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>Prost.<\/p>\n<p>Der Wirt bringt eine Suppe mit Speckkn\u00f6deln. Man solle es sich schmecken lassen. \u201eIst hei\u00df, aber das passt f\u00fcr Euch. Heut\u2018 Nacht wird\u2019s schneidig da drau\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Nach der Suppe gibt es einen Blaubeer-Schmarrn. Sch\u00f6n hei\u00df.<\/p>\n<p>Dann den Anorak vom Kachelofen geholt, die M\u00fctze aufgesetzt, den Rucksack geschultert. Die M\u00e4nner heben die Gl\u00e4ser und w\u00fcnschen guten Weg.<\/p>\n<p>Die schwere T\u00fcr des Wirtshauses f\u00e4llt ins Schloss. Wir stehen drau\u00dfen. Die K\u00e4lte pixelt im Gesicht.<\/p>\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter queren wir einen Kreisverkehr, an dem ein einsamer Polizist Schmiere steht.<\/p>\n<p>Menschenleer ist der Brenner hier oben nur auf den ersten Blick. Hier stehen sie \u00fcberall Schmiere und fahren Patrouille. Passen auf, dass keine \u201eNeger\u201c von Italien her\u00fcber machen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Unl\u00e4ngst hat es wieder in der Zeitung gestanden:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Er schaute durch einen Schlitz in der Plane und wurde entdeckt<\/strong><\/p>\n<p><em>Brenner \u2013 Am Brenner ist am Samstagabend ein Fl\u00fcchtling stark unterk\u00fchlt in einem Lkw entdeckt worden. Bei der Lkw-Kontrollstelle schaute der Mann durch einen Schlitz in der Plane heraus und wurde dabei von einem Passanten entdeckt.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Polizei nahm den etwa 20-j\u00e4hrigen Migranten fest. Medienberichten zufolge soll es sich um einen afghanischen Fl\u00fcchtling halten.<\/em><\/p>\n<p><em>Auf einer F\u00e4hre von Griechenland nach Venedig d\u00fcrfte er in den Lkw gelangt sein und bis zur \u00f6sterreichischen Staatsgrenze dort ausgeharrt haben.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Lkw-Fahrer erkl\u00e4rte, nichts von dem blinden Passagier auf seinem H\u00e4nger gewusst zu haben.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDes warst doch Du\u201c, sagt einer, der gerade die Heimatzeitung studiert, und stupst dem schwarzhaarigen jungen Mann den Zeigefinger gegen die Schulter.<\/p>\n<p>Der Angesprochene hat nicht ganz verstanden. Piano! Langsamer! So gut ist sein Deutsch dann doch nicht.<\/p>\n<p>\u201eHast gestern den Typen ausm Wagen geholt? Kontrolle, verstehst. Afghane. Asyl. Zur\u00fcck!\u201c<\/p>\n<p>Achso, ja, capito. Gennaro Sibillo (Name ge\u00e4ndert) nickt. Ja, das war er. War ja kein gro\u00dfes Ding. Er hat den Lkw umrundet und schon so eine Ahnung gehabt. Der Kollege hatte ihn vorgewarnt, der Fahrer und sein Beifahrer seien wohl nicht ganz sauber. Es hat aus dem F\u00fchrerhaus gem\u00fcffelt, weil da Menschen seit L\u00e4ngerem auf engem Raum gesessen und geschwitzt und geraucht und gefurzt hatten.<\/p>\n<p>Gennaro ist also mit wachen Augen am Auto entlang getigert. Die Klappe hinten war sorgsam gesichert. Sibillo wollte gerade den Fahrer auffordern, er m\u00f6ge das Schloss entfernen, da bewegte sich die Plane an der linken Seite ganz leicht.<\/p>\n<p>\u201eDer Mann hat nicht den Kopf hinaus getan. Der wollte ein bisschen Luft.\u201c<\/p>\n<p>Sibillo und sein Kollegen zerrten die Plane hoch. Da sa\u00df der Typ, er hatte sich in eine Ecke hinter der Fahrerkabine gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>\u201eWar allein. Hat viel Angst. Wir haben ihm neues Hemd und Hose gegeben. Kein Englisch, kein Deutsch. Viel Hunger. Dann sind Kollegen aus Bozen gekommen und haben Mann geholt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Morgen: Braune Brut<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>brenner, im november 2016 &#8212; \u00dcBERN BERG, Teil I &nbsp; Im Gasthof \u201eWolf\u201c \u2013 zwei Wegstunden vor der Passh\u00f6he \u2013 sitzen sie am Stammtisch und diskutieren, ob in der Nacht der Schnee kommt. Oben am Brenner, sagt einer, ist ja schon Winter, das taut nicht mehr weg vorm n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr. Die M\u00e4nner nicken. 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