{"id":2403,"date":"2016-11-13T21:49:24","date_gmt":"2016-11-13T21:49:24","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2403"},"modified":"2016-11-14T07:21:32","modified_gmt":"2016-11-14T07:21:32","slug":"good-god-goethe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/good-god-goethe\/","title":{"rendered":"GOOD GOD, GOETHE!"},"content":{"rendered":"<p>weimar, 11. november 2016 <strong>&#8212; Deutschlandreise, dritte Folge &#8212;<\/strong> Vor Johann Sebastian Bachs Wohnhaus \u2013 das quetscht sich in Weimars Altstadt &#8211; regnet es, weiter oben in der Belvedere-Allee fallen nasse Schneeflocken. Und auf der H\u00f6he, vor dem Schloss, wird das Gras wei\u00df.<\/p>\n<p>Die Fenster des Hauptgeb\u00e4udes und die gro\u00dfen Torb\u00f6gen rechts und links sind schwarze Schlunde, haben alles Leben geschluckt. Hier sind der Goethe und seine Schar unterwegs gewesen zu den Land-Wirtschaften, zu den G\u00fctern vor der Stadt, zu ihren ausgedehnten Osterspazierg\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Im S\u00fcden rauscht die Autobahn, Weimar unten in der Ebene wacht auf. Im Schloss r\u00fchrt sich noch kein Leben. Kein Ort zu verweilen. Weiter, w\u00fcrde Goethe, das coole ADS-Genie, sagen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck durch den Schnee in den Park an der Ilm. Goethe hatte hier sein Gartenhaus. An einem 17. Mai, an dem des Jahres 1776, schrieb der Karrierist aus seinem soeben bezogenen Gartenhaus nach der ersten Nacht an Auguste von Stolberg: <em>\u201eAlles ist so still. Ich h\u00f6re nur meine Uhr tacken, und den Wind und das Wehr, von ferne, gute Nacht. Sonntag fr\u00fch Guten Morgen! Ein tr\u00fcber aber herrlicher Tag. Ich habe lang geschlafen, wachte aber gegen vier auf, wie sch\u00f6n war das gr\u00fcn dem Auge das sich halbtrunken auftat. Da schlief ich wieder ein.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ja, da hat er es sch\u00f6n gehabt in seinem Haus im Park. Da ist er angekommen gewesen im Bel Air von Weimar. Die Steine seiner Mineralien-Sammlung hat er in die Schubladen getan und s\u00e4uberlich beschriftet. \u00dcber die Farben sinniert hat er, \u00fcber den Faust, den Wilhelm Meister, das n\u00e4chste Gedicht, die n\u00e4chste Widmung. Und die r\u00f6mischen G\u00f6ttinnen spiegelten sich wei\u00df-marmorn in blankem Spiegelglas.<\/p>\n<p>\u201eUniversalgenie\u201c nennen sie ihn heute unten in der Stadt und machen Geld damit. Wer will, kann sich zum Beispiel eine M\u00fctze mit der Aufschrift \u201eDes Pudels Kern\u201c \u00e0 25 Euronen kaufen. Sonderlich warm h\u00e4lt das Teil nicht, aber man hat wenigstens ein bisschen Goethe an der Birne.<\/p>\n<p>Der Meister selbst ist aber nicht nur ein gro\u00dfer Dichter und Denker gewesen. Er hat auch der Nachwelt (Trump l\u00e4sst danken) vorgemacht, wie Mega-Karriere geht.<\/p>\n<p>Du musst netzwerken wie der Teufel. Herr Goethe trieb es mit den Freimaurern und den Illuminaten, er war Multifunktion\u00e4r, sa\u00df in jedem Aufsichtsrat, dr\u00e4ngte sich auf jeden erreichbaren Ministersessel. Goethe betrieb eine Art z\u00fcchtigen Swinger-Club mit \u201eEntscheidern\u201c und Grandes Dames der Region. Goethe versammelte die Intelligenzija aus deutschen Landen und entschied in einem Vorl\u00e4ufer des \u201eApprentice\u201c-Formats, wer geheuert und wer gefeuert wurde. Wer dem Goethe nicht passte, wurde wieder der Residenzstadt verwiesen.<\/p>\n<p>Du musst der ma\u00eetre de communication sein. Mit dem Oberboss, dem Herzog Carl August, war er echt dicke \u2013 da passte kein Blatt Papier dazwischen. \u201eEr sa\u00df ganze Abende bei mir in tiefen Gespr\u00e4chen \u00fcber Gegenst\u00e4nde der Kunst und Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam.\u201c<\/p>\n<p>Naja, untertreiben\u2019Se mal nich, Meister. Aus den \u201etiefen Gespr\u00e4chen\u201c sind regelm\u00e4\u00dfig tierische Gelage geworden \u2013 Goethes Gegner haben das Ger\u00fccht in die Welt gesetzt, der dichte Dichter w\u00fcrde den herzoglichen Saufkumpan um die Gesundheit pokulieren.<\/p>\n<p>Und der Mann aus dem Gartenhaus im Ilmpark war ein Vorreiter der Twitter-Kings. Zwar behauptet Donald Trump von sich, ihm k\u00f6nne es in der Kunst der Kurznachrichten-Kreationen keiner gleichtun. Aber das ist grottenfalsch. Der Goethe hat sich \u2013 nebst inhaltlich anspruchsvollen Briefschaften \u2013 auch derb kurz fassen k\u00f6nnen. Beispiel: Regelm\u00e4\u00dfig hat der Geheimrat auf ein Billet gekritzelt, er esse nun eine Birne, dann gedenke er ein Theaterst\u00fcck zu texten, abends freilich w\u00fcrde er sich gerne auf einen Humpen treffen. Das Billet trug ein eilfertiger Bediensteter in die Stadt und steckte es dem Schiller zu. Der tunkte die Feder in die Tinte und repondierte, ein Humpen am Abend sei eine echt geile Idee. Er werde schnell noch \u00fcber die \u00c4sthetik in der Dichterei nachdenken, dann werde er ins Casual-Friday-Wams schl\u00fcpfen, und man k\u00f6nne sich einen z\u00fcnftigen Abend machen.<\/p>\n<p>Das Billet hat der Goethe-Lakai dem Herrn vorgelegt. Gut, nickte der und heftete es f\u00fcr die Nachwelt ab. Und wir finden solcherlei \u201eBriefwechsel\u201c \u00e4hnlich bemerkenswert wie die Trump\u2019schen 140-Zeichen-Aphorismen.<\/p>\n<p>Tja, und er konnte den Hals nicht voll genug kriegen, der F\u00fcrst der W\u00f6rter. Wein, Weiber, Wirtschaftswunder \u2013 der Mann hat\u2019s drauf gehabt.<\/p>\n<p>Jetzt, im verr\u00f6chelnden Jahr 2016, geistert Goethe durch Weimars klamme Gassen und sieht gelassen aufs Schalten und Walten in der Welt.<\/p>\n<p>Was hat man hier nicht alles kommen und gehen sehen? Sogar der Hitler war \u00fcber 40mal in der Stadt. Als er wieder mal im \u201eElephanten\u201c logierte, versammelten sich begeisterte Th\u00fcringer auf dem Platz und skandierten: \u201eLieber F\u00fchrer komm heraus, aus dem Elefantenhaus. Lieber F\u00fchrer sei so nett, tritt zu uns ans Fensterbrett.\u201c<\/p>\n<p>Er hat sich gezeigt, der F\u00fchrer. Hat ihm letztendlich auch nichts gen\u00fctzt.<\/p>\n<p>alle haben sich im Fenster des \u201eElephanten\u201c angucken lassen, der Honeckers und der Kaiser und 1988 sogar der Helmut Kohl.<\/p>\n<p>Sie alle hat Johann Wolfgang von Goethes Geist \u00fcberdauert. Der n\u00e4chste, den er aus dem Rennen um die Weimar-Herrschaft fegen wird, ist wohl dieser dolle Donald.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte nat\u00fcrlich sein, dass es dem v\u00f6llig egal ist. Ist ja nicht mal gesichert, dass der wei\u00df, who the fuck this mister Goethe is. Spielt der bei Bayern?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Morgen: Murnau bei Basel, Weingarten im Taumel, und mit Dolly nach M\u00fcnchen<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>weimar, 11. november 2016 &#8212; Deutschlandreise, dritte Folge &#8212; Vor Johann Sebastian Bachs Wohnhaus \u2013 das quetscht sich in Weimars Altstadt &#8211; regnet es, weiter oben in der Belvedere-Allee fallen nasse Schneeflocken. Und auf der H\u00f6he, vor dem Schloss, wird das Gras wei\u00df. Die Fenster des Hauptgeb\u00e4udes und die gro\u00dfen Torb\u00f6gen rechts und links sind [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2405,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[660,5,20,24,1],"tags":[661,672,665,486,673,674,671,658,667],"class_list":["post-2403","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutschlandreise","category-klassischer-journalismus","category-reportage","category-schwerpunkt","category-uncategorized","tag-deutschlandreise","tag-gartenhaus","tag-goethe-johann-wolfgang-von","tag-hitler-adolf","tag-honecker","tag-kohl-helmut","tag-schiller-friedrich-von","tag-trump-donald","tag-weimar","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2403","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2403"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2403\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2407,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2403\/revisions\/2407"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2405"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2403"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2403"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2403"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}