{"id":2400,"date":"2016-11-13T16:35:48","date_gmt":"2016-11-13T16:35:48","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2400"},"modified":"2016-11-13T16:35:48","modified_gmt":"2016-11-13T16:35:48","slug":"weimar-blues","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/weimar-blues\/","title":{"rendered":"WEIMAR-BLUES"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">weimar, 10. november 2016 <strong>&#8212; Deutschlandreise, Folge 2 &#8212;<\/strong> Das Theater der Stadt verschwimmt in der Bl\u00e4ue der Nacht. Weimars B\u00fcrger schlappen zur Bus-Haltestelle. Sie haben m\u00fcde Gesichter und sehen aus wie falsch eingekleidete DDR. Sie steigen in ihren Bus, setzen sich, wischen die beschlagene Scheibe sehen hinaus ins n\u00e4ssende Weimar, die Scheibe vernebelt sich wieder, sie lassen es sein und blicken ins Leere. Der Bus f\u00e4hrt und bringt sie in die Plattenbauten, die keine richtigen Plattenbauten mehr sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Eine von ihnen ist Frau B., die im Goethehaus oberhalb des Treppenaufgangs steht und die Touristen in den Rundgang einweist. Frau B. raucht so viel, dass sie dran sterben wird,\u00a0sie ist mit Goethe aufgewachsen. \u201eDer Lehrer hat uns immer wieder ins Museum mitgenommen und erz\u00e4hlt, wie das war mit dem Goethe und dem Schiller.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Gute Zeiten waren das. Die Sch\u00fcler durften noch bis zum Katheder des Dichters gehen und die Folianten in den zimmerhohen Regalen ber\u00fchren. Danach sind sie \u00fcber den Platz vor dem Goethehaus, den Frauenplan, gerannt und haben die Fremden ge\u00e4rgert. Es hat nach Bratwurst gerochen, nach Koks-Brikett-Feuer und nach Zweitakter.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Heute machen die Fahrensleute immer noch Reklame, sie w\u00fcrden die besten W\u00fcrste Th\u00fcringens braten. Immer weniger Touristen haben Fotoausr\u00fcstungen mit sch\u00f6nen Objektiven vor dem Bauch. Die Menschen knipsen die Stadt mit ihren Handys platt. Die Japsen m\u00f6gen\u2019s am liebsten mit den Selfie-Gest\u00e4ngen. Die Kids verschicken sich selbst aus Weimar in den Rest der Welt und finden es irre lustig. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201eKlar sind wir verbittert. Es ist wie fr\u00fcher. Schau\u2018 doch mal hinter den Vorhang. Da haben sie uns abgestellt. Es ist wie fr\u00fcher. Hier wir \u2013 da die Welt, wie wir sie auch gerne h\u00e4tten.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Frau B. sitzt im Bus und l\u00e4sst sich hinauf zu ihrer Zweiraum-Wohnung schaukeln. Sie wird noch einholen gehen in der Kaufhalle, die jetzt der \u201ePenny\u201c ist, sie wird Zigaretten und Rotwein zum \u00dcberstehen der Nacht kaufen. Fernsehen, auf der Couch einschlafen, sp\u00e4ter den Fernseher ausknipsen und ins Schlafzimmer wechseln, morgens viel Schminke, ein starker Kaffee und zwei Scheiben Marmeladenbrot, hinunter in die Stadt, Position beziehen an der Treppe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Alles nicht der Rede wert. Keine gro\u00dfen Aussichten. Da braucht man nicht aus dem Fenster zu sehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Der Bus f\u00e4hrt am \u201eGrand Hotel Russischer Hof\u201c vorbei. Das Caf\u00e9 ist fast leer, der Ober in Livr\u00e9e r\u00fcckt gelangweilt an den Etag\u00e8ren. Klassische Musik. Gerade noch Liszt, nun Chopin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Ganz hinten sitzen der schwule Pension\u00e4r und sein aktueller Begleiter. Der Pension\u00e4r ist bekannt als eleganter h\u00f6flicher Mann mit Geld. Der Begleiter kommt nicht aus Weimar, hat schwarzes gegeltes Haar und verliert gerade die letzte Jugend. Er trinkt zuviel, ist verfressen, kommt nicht genug an die frische Luft. Bald ist er aufgeschwemmt und nicht mehr interessant f\u00fcr wohlhabende schwule Pensionisten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er gabelt das letzte St\u00fcck Torte auf und nickt uninteressiert, als der \u00e4ltere Mann sagt: \u201eEine Schande ist das. Ganz schlimm. Das ist\u2026\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Der J\u00fcngere schluckt und murmelt etwas.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201eWas hast Du gesagt, mein Lieber?\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201eA nightmare. It\u2019s simply a nightmare.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Also, Amerikaner ist er. Vielleicht zu Besuch, wer wei\u00df.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201eJa, Du hast Recht. Es ist ein Albtraum. Ihr h\u00e4ttet das verhindern m\u00fcssen.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Chopin ist zu Ende. Die \u201eKleine Nachtmusik\u201c setzt ein. Der Ober greift zur \u201eBild\u201c. Das passt nicht zu seinem \u2013 aber wen k\u00fcmmert es? Kuckt ja keiner.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201eTrump ist Pr\u00e4sident \u2013 den schaffen wir auch noch\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Gibt es unendliche Albtr\u00e4ume?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Morgen: Goethe geistert<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>weimar, 10. november 2016 &#8212; Deutschlandreise, Folge 2 &#8212; Das Theater der Stadt verschwimmt in der Bl\u00e4ue der Nacht. Weimars B\u00fcrger schlappen zur Bus-Haltestelle. Sie haben m\u00fcde Gesichter und sehen aus wie falsch eingekleidete DDR. 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