{"id":2384,"date":"2016-11-04T19:12:29","date_gmt":"2016-11-04T19:12:29","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2384"},"modified":"2016-11-04T19:23:51","modified_gmt":"2016-11-04T19:23:51","slug":"passt-schon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/passt-schon\/","title":{"rendered":"PASST SCHON!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Berlin, 5. November 2016\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gerd Sch\u00f6nfelder hat 16 Goldmedaillen bei den Paralympics gewonnen. In seiner Heimat ist er ein Star. Zieht er sich jetzt ins Private zur\u00fcck? Schmarrn, sagt Gerd, nun beginne der n\u00e4chste Abschnitt des Lebens. Was auch immer es sein wird \u2013 er wird es wuppen. Denn ein Nein akzeptiert der \u201eSieger\u201c (die Biographie ist soeben erschienen bei der \u201eWerkstatt\u201c) nicht. \u201eGeht nicht gibt\u2019s nicht. Da ist immer ein Weg.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gerd ist allein im Wald. Er hat sich vom Parkplatz zur oberen Loipe am Fichtelberg geschoben. Das ist schon ausgesprochen anstrengend, wenn jemand ein guter Sportler ist und zwei Arme zum Puschen hat. Sch\u00f6nfelder aber muss die meiste Arbeit mit den Beinen machen. Die Schlittschuhschritte bergauf gehen an die Substanz. Als Gerd die Rundloipe erreicht, rast der Puls im Grenzbereich.<\/p>\n<p>Der einsame Langl\u00e4ufer macht keine Pause. Er gleitet nun schnell und fast ger\u00e4uschlos vorw\u00e4rts. Der Winter ist \u00fcber Nacht noch einmal zur\u00fcckgekommen, nun beginnt es wieder zu schneien. Sch\u00f6nfelder h\u00f6rt das Schweigen des Waldes nicht. Er sieht auch nicht den Fuchs, der auf der Loipe gesessen hat und sich schnell verzieht, als er den Menschen ausmacht.<\/p>\n<p>Der Mann hat seinen Rhythmus gefunden. Gleichm\u00e4\u00dfig setzt er die Skier, st\u00f6\u00dft mit Kraft ab und kommt voran. Gerd Sch\u00f6nfelder ist eins mit dem Sportger\u00e4t und seinem Denken und der Natur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00bbDas ist doch das Ziel. Dass dir die Bewegung leicht vom Fu\u00df geht. Die Technik ist sauber, du hast das Gef\u00fchl, du k\u00f6nntest ewig so dahin gleiten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u203aEs\u2039 l\u00e4uft. Du sp\u00fcrst die kalte saubere Luft, es ist, als ob du dich reinigen w\u00fcrdest. Im besten Fall ist da nicht einmal eine Anstrengung. Dann fangen auch die Gedanken das Fliegen an. Ich habe beim Lauf durch den Wald manchmal Einf\u00e4lle, die ich sonst nie bekommen w\u00fcrde.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frau Sch\u00f6nfelder behandelt in der Praxis die ersten Besucher, die Kinder sitzen in der Schule. Das Fichtelgebirge gibt sich ungastlich und winterlich abweisend. Und Gerd Sch\u00f6nfelder zieht gl\u00fccklich seine Bahnen. Er muss sich auf keinen Wettkampf vorbereiten, er hat alles gewonnen.<\/p>\n<p>Manchmal \u2013 ja, das gibt er zu \u2013 geht mit ihm der Egoist durch. Wenn er merkt, dass er zu wenig Sport in den Muskeln hat, \u00bbdann haue ich einfach f\u00fcr ein, zwei Stunden ab. Ich brauche das, denn ich wei\u00df, dass ich als anderer Mensch \u00a0zur\u00fcck komme. Dann lassen sich alle Probleme leichter l\u00f6sen.\u00ab<\/p>\n<p>Es ist anspruchsvoll, eine Familie zu lenken. Christina beginnt nach dem Aufstehen mit dem Multitasking und beendet den Tagesjob, wenn sie abends ins Bett schl\u00fcpft. Dann hat sie noch eine halbe Stunde f\u00fcr sich, liest in einer Geschwindigkeit, die Gerd noch immer nicht begreift, in einem der B\u00fccher, die sie gerade in der Mache hat. Dreht sich um und schl\u00e4ft sich fit f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n<p>Manchmal haben sie wenig Zeit f\u00fcreinander.<\/p>\n<p>Wie oft sie ernsthafte Gespr\u00e4che f\u00fchren?<\/p>\n<p>\u00bbSchon\u00ab, sagt er, \u00bbimmer wieder.\u00ab<\/p>\n<p>Sie h\u00e4lt sich mit der Antwort zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wann das denn m\u00f6glich sei \u2013 so eine Unterhaltung? Wenn die Kinder im Bett sind? Wenn man sie in die Schule gebracht habe? Beim Spaziergang?<\/p>\n<p>\u00bbSpaziergang ist gut\u00ab, wirft er ein. Sehr gut.<\/p>\n<p>\u00bbAber Gerd, nicht so oft. Wir kommen nicht so oft dazu. Schau, gestern: Da haben wir zehn Minuten f\u00fcr uns gehabt.\u00ab<\/p>\n<p>Er \u00fcberlegt. Ziemlich nachdenklich ist er jetzt. Christina ist eine kluge Frau. Er wei\u00df, was sie sagt, hat Hand und Fu\u00df.<\/p>\n<p>Gerd Sch\u00f6nfelder l\u00e4sst den Vortag Revue passieren.<\/p>\n<p>Stimmt, recht hat sie. Zuerst erledigte jeder tags\u00fcber seinen Job. Abends sa\u00df die ganze Familie am Tisch, danach wurden die Hausaufgaben begutachtet, die Kinder hatten viel aus ihrem Leben zu berichten. Es waren unter den Eltern noch ein paar Dinge zu besprechen \u2013 nichts Dramatisches, aber Christina und Gerd mussten sich aufeinander konzentrieren.<\/p>\n<p>\u00bbMama!\u00ab \u00bbPapa!\u00ab Lebhafte Kinder sind ein Segen \u2013 aber sie halten einen auf Trab.<\/p>\n<p>Ein Gespr\u00e4ch von Frau zu Mann, \u00fcber dies und das, ungest\u00f6rt und ungeh\u00f6rt?<\/p>\n<p>\u00bbMama!\u00ab \u00bbPapa!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbStimmt\u00ab, sagt Gerd Sch\u00f6nfelder. \u00bbViel Zeit zum Reden war gestern nicht. Wir haben den Kindern irgendwann gesagt, sie sollen sich eine Weile allein besch\u00e4ftigen. Dann haben wir die T\u00fcre zugemacht und geredet.<\/p>\n<p>So ist er nun mal, der Alltag verantwortungsbewusster Eltern.<\/p>\n<p>Bei den Sch\u00f6nfelders wie in Millionen anderen deutschen Haushalten auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2367\" aria-describedby=\"caption-attachment-2367\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2367 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Kontaktabzug-088-300x193.jpg\" alt=\"kontaktabzug-088\" width=\"300\" height=\"193\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2367\" class=\"wp-caption-text\">Das f\u00fchlt sich doch gut an: S\u00f6hnchen Leopold auf dem Arm, &#8220;Schmalz&#8221; in den Beinen &#8211; und immer auf der \u00dcberholspur. Fotos: Barbara Volkmer<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist behaglich, nach dem Sport am groben Holztisch zu sitzen. Christina und die Kinder kommen bald, aber noch ist das Haus ruhig wie ein Kloster. Drau\u00dfen schneit es wieder leicht.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nfelder sieht l\u00e4chelnd aus dem gro\u00dfen Fenster und erinnert sich, dass er noch vor zwei Stunden durch den Wald geastet ist. Vorbei am Freund, dem Fuchs. Mit gro\u00dfer Kraft durch den Forst, in dem der Sage nach die Riesen mit den gigantischen Felsbl\u00f6cken kegeln.<\/p>\n<p>Nun sitzt Gerd Sch\u00f6nfelder vor dem Kaffee und genie\u00dft es, dass er einen guten Tag hat.<\/p>\n<p>Es ist sch\u00f6n, dass gleich die Sippschaft anr\u00fcckt und Leben in die Bude bringt.<\/p>\n<p>Es ist sch\u00f6n, der Frau zuzusehen, wie sie alles im Griff hat.<\/p>\n<p>Es ist ein Gl\u00fcck zu wissen, dass nebenan die Eltern viel lachen.<\/p>\n<p>Es ist ein Gl\u00fcck, mit dem L\u00f6ffel im Kaffee zu r\u00fchren.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Luxus: eine Zukunft zu haben.<\/p>\n<p>\u00bbWei\u00dft was?\u00ab, fragt er.<\/p>\n<p>Es ist ein Monolog, bei dem er sich nicht st\u00f6ren lassen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00bbWei\u00dft was? Manchmal fragen mich Leute, denen ich zum ersten Mal etwas erz\u00e4hle, ob ich nicht f\u00fcrchterlich verzweifelt bin.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Warum?, sage ich.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Na ja, sagen sie, das Ungl\u00fcck hat mich ja haarscharf getroffen. Der Stau auf der Autobahn h\u00e4tte k\u00fcrzer oder z\u00e4her sein k\u00f6nnen. Nur ein paar Autos mehr oder weniger. Der Kollege w\u00e4re bei Gelb \u00fcber die Ampel gefahren. Ich w\u00e4re nicht so gerannt. Der Zug w\u00e4re nicht p\u00fcnktlich gewesen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Eine Kleinigkeit anders an diesem Tag \u2013 und der Arm w\u00e4re noch dran und mein Leben mit Sicherheit v\u00f6llig anders verlaufen!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Dann denke ich an mein Leben und die Menschen um mich herum. Dann denke ich an den M\u00e4rzschnee im Gesicht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Und ich kenne die Antwort: Das hat alles seinen Sinn.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Besser ausgedr\u00fcckt: Passt schon.\u00ab<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin, 5. November 2016\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gerd Sch\u00f6nfelder hat 16 Goldmedaillen bei den Paralympics gewonnen. In seiner Heimat ist er ein Star. Zieht er sich jetzt ins Private zur\u00fcck? Schmarrn, sagt Gerd, nun beginne der n\u00e4chste Abschnitt des Lebens. Was auch immer es sein wird \u2013 er wird es wuppen. 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