{"id":2379,"date":"2016-11-04T08:01:39","date_gmt":"2016-11-04T08:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2379"},"modified":"2016-11-04T19:28:02","modified_gmt":"2016-11-04T19:28:02","slug":"der-korper-schnitzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/der-korper-schnitzer\/","title":{"rendered":"K\u00d6RPER-SCHNITZER"},"content":{"rendered":"<p><strong>berlin, 4. november 2016\u00a0\u00a0\u00a0 Gerd Sch\u00f6nfelder will keine Prothese. Nach langem Z\u00f6gern l\u00e4sst er sich auf eine Operation ein, bei der ihm ein Zeh vom Fu\u00df an dem Stummel am Arm angeflickt werden soll (Auszug aus &#8220;Sieger&#8221;, erschienen bei der &#8220;Werkstatt&#8221;).<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der aufstrebende Chirurg Schmidt hat seinem Patienten am Abend vor der Operation noch einen letzten Besuch abgestattet. Nun f\u00e4hrt er mit dem Rad nach Haidhausen, macht sich etwas zum Essen, legt eine Jazzplatte auf und geht den Eingriff noch einmal durch. Handgriff f\u00fcr Handgriff. Es ist wie die Vorbereitung eines\u00a0\u2013 sagen wir mal\u00a0\u2013 Spitzenskifahrers auf ein gro\u00dfes Rennen. Jede Kuppe, jede Kurve, jedes Tor wird mental bew\u00e4ltigt. Dann legt man sich ins Bett und ruht sich f\u00fcr den wichtigen Auftritt aus. Fr\u00fchst\u00fcck. Auf dem Rad ins Krankenhaus. Schmidt sieht Sch\u00f6nfelder vor der Narkoseeinleitung noch einmal. Er beruhigt ihn und macht einen sehr sicheren Eindruck. \u00bbDas wird schon, Gerd. Wenn du wieder aufwachst, hast einen neuen Finger.\u00ab Gerd Sch\u00f6nfelder kaschiert seine Angst und wird in den Saal geschoben<\/p>\n<p>Neun Menschen k\u00fcmmern sich um Gerd Sch\u00f6nfelder. Ein An\u00e4sthesiespezialist und seine Assistentin haben den Patienten sanft unter Kontrolle. Am Fu\u00df sitzen auf hohen Hockern zwei Chirurgen, hinter ihnen eine OP-Schwester. An der Hand arbeiten Schmidt und ein Kollege, hinter ihnen wartet die OP-Schwester darauf, was sie anreichen soll. Und es gibt eine weitere Schwester als \u00bbSpringer.\u00ab Das Protokoll nimmt seinen Anfang. Am Fu\u00df beginnen die Kollegen, den Zeh zu pr\u00e4parieren. Sie legen die vier Sehnen und die Nerven frei. \u00bbAlle werden minuti\u00f6s herauspr\u00e4pariert. Dabei achten wir darauf, dass wir gen\u00fcgend L\u00e4nge bekommen, um sp\u00e4ter den Zeh an der Hand anzuschlie\u00dfen.\u00ab Zur selben Zeit besch\u00e4ftigt sich Andreas Schmidt mit dem Pr\u00e4parieren der Hand. Er legt weitfl\u00e4chig die entsprechenden Nerven und Adern frei. Hat w\u00e4hrenddessen ein Auge auf das, was unten am Fu\u00df geschieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2365\" aria-describedby=\"caption-attachment-2365\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2365 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Kontaktabzug-081-300x217.jpg\" alt=\"kontaktabzug-081\" width=\"300\" height=\"217\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2365\" class=\"wp-caption-text\">Bilder aus den Zeiten, als Gerd Sch\u00f6nfelder schon mitten drin ist in seinem &#8220;zweiten Leben&#8221; (Familienvater, 16-facher Paralympics-Sieger, Sportler durch und durch, ab und zu Promi-Fu\u00dfballer). Zuvor muss er noch eine Operation \u00fcber sich ergehen lassen, vor der er m\u00e4chtig Bammel hat. Fotos: Barbara Volkmer<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist ziemlich ruhig im Saal. In Bogenhausen verzichtet Schmidt noch auf Musik (sp\u00e4ter, in Murnau, wird er ab und zu Jazz spielen lassen). Die Operateure und die Schwestern reden nur das Notwendigste, ruhig bitten sie um Skalpelle und Haken, lassen tupfen, wenn sich zu viel Blut ansammelt. Schmidt ist ein Steher im Saal. Isst nicht, trinkt nichts, operiert und operiert, bis der letzte Faden gen\u00e4ht ist. Dann wird etwas getrunken, anschlie\u00dfend darf zur Toilette gegangen werden. Es ist eine Spannung wie bei einem Wettkampf. Da geht der Torwart auch nicht zwischendurch aufs Klo.<\/p>\n<p>Die ganze Operation bei Gerd Sch\u00f6nfelder gliedert sich in drei Akte.<\/p>\n<p>1. Akt: HERRICHTEN DER HAND. \u00bbLauter logische Vorarbeiten. Alles wird vorbereitet f\u00fcr die Aufnahme des Zehs. Streck- und Beugesehnen und Nerven werden pr\u00e4pariert. Der Knochen wird freigelegt und passend gemacht f\u00fcr den Zusammenschluss mit dem anderen Knochen. Und die Gef\u00e4\u00dfe werden bereit gemacht\u00a0\u2013 damit wir m\u00f6glichst schnell f\u00fcr eine Durchblutung sorgen k\u00f6nnen. In der Regel nehmen wir die Ellenarterie.\u00ab<\/p>\n<p>2. Akt: DIE ENTNAHME DES ZEHS AM FUSS. Die Schnitte hat der Chef angezeichnet. Das Bein wird mit einer Manschette \u00bbin Blutleere gelegt\u00ab, damit die Operateure sauber arbeiten k\u00f6nnen. Nun beginnen sie mit dem Durchtrennen der obersten Hautschichten, dem Herausarbeiten einer Vene direkt unter der Haut, dem Durchtrennen der Verbindungen zu den Seiten. Jetzt ist es sehr still im Saal. Millimeterarbeit, die Operateure haben nur noch ein nicht mal spielkartengro\u00dfes St\u00fcck Fu\u00df im Visier. \u00bbWenn der Zeh ganz herauspr\u00e4pariert ist\u00a0\u2013 inklusive der Arterie, der Vene, der beugeseitigen Nerven\u00a0\u2013, nehmen wir ihn ab. Dann muss aber gew\u00e4hrleistet sein, dass ich den Fu\u00df auch wieder sauber verschm\u00e4lern und verschlie\u00dfen kann. Das bedarf gro\u00dfer Umsicht\u00a0\u2013 wenn wir da nachl\u00e4ssig arbeiten, hat der Patient sp\u00e4ter Probleme beim Laufen und Gehen.\u00ab<\/p>\n<p>Zum Schluss dieses Akts wird der Zeh auf eine Kompresse im Sprunggelenksbereich gelegt. Er h\u00e4ngt jetzt nur noch an den Gef\u00e4\u00dfen, die ihn mit Blut versorgen. Nun testet Schmidt, ob der Zeh ausreichend durchblutet ist. Er dr\u00fcckt aufs Fleisch, es wird wei\u00df, dann wieder fleischfarben. Alles so weit okay.<\/p>\n<p>3. Akt: DER ANSCHLUSS AN DER HAND. Bevor der Zeh abgetrennt wird, kontrolliert Andreas Schmidt, ob alles im gr\u00fcnen Bereich ist. Er beginnt auch mit dem Verschlie\u00dfen des Fu\u00dfes\u00a0\u2013 da m\u00f6chte er selbst Hand anlegen\u00a0\u2013, w\u00e4hrend der k\u00fcnftige \u00bbFinger\u00ab noch am Bein des Patienten h\u00e4ngt. Dann wird der Zeh abgetrennt. \u00bbEs beginnt die Isch\u00e4miezeit. Das Gewebsst\u00fcck hat keine Durchblutung. Der Stoffwechsel findet unter Ausschluss von Sauerstoff statt. Jetzt sollten wir flott arbeiten. Wir haben maximal zwei Stunden f\u00fcrs Anschlie\u00dfen. Entscheidend ist, in welcher L\u00e4nge und in welcher Drehung ich den Zeh auf dem Fingerstumpf anbringe. Haargenau muss das passen. Ich muss also zuerst perfekt aufsetzen, dann erst kann ich die Verbindungen der Gef\u00e4\u00dfe herstellen. Jetzt ist alles eine Millimeterarbeit. Das Ganze darf nicht massiv unter Zug kommen, es darf aber auch nicht zu lang sein. Beides w\u00fcrde den Blutfluss gef\u00e4hrden, vor allem bei Venen gibt es da ein massives Risiko.\u00ab<\/p>\n<p>Auch hier ist der Blick fokussiert, niemand aus dem Team l\u00e4sst sich ablenken von der Mikroarbeit mit Skalpell oder Pr\u00e4parierschere und mit den Minih\u00e4kchen, mit denen der Assistent die Haut hochh\u00e4lt. Freigelegte Nerven, Gef\u00e4\u00dfe und Sehnen werden von der Schwester in feuchte Kompressen geborgen. Ab und zu murmelt Schmidt: \u00bbObacht, da wird es jetzt trocken!\u00ab Dann arbeitet die Schwester nach. Ziel aller Verbindungen ist der ideale \u00bbSpitzgriff\u00ab von Daumen und gegen\u00fcberliegendem Finger. Nach der Operation m\u00fcssen bei der Beugung die Fl\u00e4chen der beiden aufeinandertreffen. Dann wird nach langem Training der Patient auch wieder ein optimales Tast- und Greifgef\u00fchl haben.<\/p>\n<p>\u00bbJetzt stelle ich die Durchblutung wieder her. N\u00e4he eine oder zwei Venen und eine Arterie. Es darf nicht m\u00e4andern, sondern muss eine minimale Vorspannung haben. Dann mache ich unterm Mikroskop ein Loch in die Arterie, einen k\u00fcnstlichen Seitenabgang\u00a0\u2013 da wird angeschlossen.\u00ab Sch\u00f6nfelder bekommt wieder im ganzen K\u00f6rper Blut, auch am neuen Finger. Die Isch\u00e4miezeit ist zu Ende. Der Zeitpunkt wird ins Protokoll eingetragen.<\/p>\n<p>Schmidt besieht sich die \u00bbArbeitsfl\u00e4che\u00ab. Ist alles dicht? Ist der Zeh rosig, kann das Blut wieder abflie\u00dfen? Der Operateur macht sich an die Nervenn\u00e4hte. \u00bbIch habe mir ja vorher \u00fcberlegt, wo ich was anschlie\u00dfe. Jetzt stelle ich mikrochirurgisch die Vereinigung her. Nervenfaszikel muss \u203aSto\u00df auf Sto\u00df\u2039 auf Nervenfaszikel stehen\u00a0\u2013 dann kann der Nerv wieder auswachsen.\u00ab<\/p>\n<p>Ab in den Aufwachraum. In den ersten Tagen jede Stunde nachsehen, ob der K\u00f6rper den neuen Finger annimmt. \u00bbDie Kuppe des Zehs ragt aus dem Verband. Die Schwester oder der Pfleger kontrollieren drei Dinge: 1. Farbe: Da muss dann notiert werden, er sei \u203arosig\u2039. 2. Temperatur: Da soll stehen, er sei \u203ak\u00f6rperwarm\u2039. 3. Refill: Wenn man draufdr\u00fcckt, wird der wei\u00dfe Fleck schnell wieder rosig.\u00ab<\/p>\n<p>Wie es beim Gerd war? Schmidt lehnt sich zur\u00fcck und ist sichtbar froh. \u00bbAlles gut. Alles war gut. Rosig. Und k\u00f6rperwarm.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong><i>Morgen: Happy End<\/i><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 4. november 2016\u00a0\u00a0\u00a0 Gerd Sch\u00f6nfelder will keine Prothese. 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