{"id":2375,"date":"2016-11-03T07:48:15","date_gmt":"2016-11-03T07:48:15","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2375"},"modified":"2016-11-03T16:31:00","modified_gmt":"2016-11-03T16:31:00","slug":"no-future","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/no-future\/","title":{"rendered":"NO FUTURE"},"content":{"rendered":"<p><strong>Berlin, 3. November 2016\u00a0\u00a0 Der Zug hat Gerd Sch\u00f6nfelder einen Arm abgerissen. Das Leben ist aus den Fugen. Wie soll ein Mensch sich da wieder berappeln? Ausz\u00fcge aus \u201eSieger\u201c (erschienen bei \u201eDie Werkstatt\u201c), Folge II.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Menschen, die an der Reha verzweifeln. Es ist so zerm\u00fcrbend. Die Fortschritte winzig. Die \u00dcbungen tun weh. Es schmerzen die Erinnerungen an das, was verloren gegangen ist.<\/p>\n<p>Diese Ersch\u00f6pfung, die Monotonie, das Elend der anderen. R\u00fcckschl\u00e4ge, Zweifel, Entmutigung. Gerade in einer Phase, in der man sich selbst nicht mehr kennt, weil man eben nichts mehr vom Gekannten und Gekonnten hat, soll man stark sein. Was f\u00fcr eine Zumutung!<\/p>\n<p>Sonntagabend muss er immer in M\u00fcnchen zur Reha einr\u00fccken. Gerd verabschiedet sich von der Mutter und dem Bruder. Den nimmt das alles\u00a0\u2013 so hat es den Anschein\u00a0\u2013 am meisten mit. 14 ist er, und wenn Gerd seine Tasche in den Kofferraum schmei\u00dft, kann der kleine Bruder nicht mehr an sich halten. Er weint lange und herzzerrei\u00dfend.<\/p>\n<p>Einer ist immer da, der den Gerd nach M\u00fcnchen chauffiert. Mal \u00fcbernimmt der Vater den Fahrdienst, mal der Onkel, oder ein Freund springt ein. Einmal sind sie zu f\u00fcnft im Wagen. Der Vater l\u00e4sst es durch den Sonntagsverkehr in Schwabing rollen. An einer Ampel h\u00e4lt er. Nebenan bleibt ein Porsche Cabrio stehen. Am Steuer sitzt ein junger Schn\u00f6sel, kaum \u00e4lter als Gerd Sch\u00f6nfelder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eDu f\u00fchlst dich so \u2026 versehrt. Unversehrt \u2013 versehrt! Vor dem Unfall habe ich \u00fcber diese W\u00f6rter nicht nachgedacht. Du hast einen Makel. Der Arm ist ab, die Hand schaut ganz ungew\u00f6hnlich aus. Du bist so verletzt \u2013 und auch im Kopf \u2026 Vorher habe ich mich dar\u00fcber aufgeregt, dass meine Nase ein bisschen krumm ist. Vor dem Unfall habe ich sie mir dreimal gebrochen \u2013 beim Skifahren, beim Fu\u00dfball, beim Schwimmen \u2013, na ja, dann ist sie nicht mehr fabrikneu gewesen. Das hat mich wahnsinnig gest\u00f6rt. Hab Angst gehabt, dass ich wegen der Nase keine Freundin bekomme. Ein bissl eitel ist doch jeder, verstehst? Und auf einmal so was! Mei, bin ich ein Rindviech gewesen. Die Nase ist so was von wurscht. Jetzt bist du ein Totalschaden \u2013 die Nase rei\u00dft\u2019s jetzt auch nicht mehr raus. Und dann sagt diese Frau \u2013 ich mag die ja gerne, dass wir uns da nicht falsch verstehen \u2013, aber da sagt die, ich soll \u203anormal\u2039 mit dem Schaden umgehen. Ja, das ist doch nicht m\u00f6glich. Das verarbeitet doch kein Mensch von heute auf morgen, das musst du erst einmal begreifen, damit muss man doch leben lernen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Nach dem Schock nimmt Gerd Sch\u00f6nfelder bewusst Schicksale und Menschen wahr, die ihm fr\u00fcher nicht geheuer waren. Er kann nachts nicht schlafen. Die Klinik in Bogenhausen ist still und unbelebt. Sch\u00f6nfelder tapert auf den Gang\u00a0\u2013 es hilft ja nicht, wenn er sich von der einen Seite auf die andere w\u00e4lzt und die d\u00fcsteren Gedanken von ihm Besitz nehmen. Also geht er lieber auf dem leeren Gang auf und ab.<\/p>\n<p>Ein Mensch biegt ums Eck. Sch\u00f6nfelder erlebt, was er bislang nur aus Horrorvideos kennt: Der Mann hat kein Gesicht. Alles zerst\u00f6rt. Wulstige Narben. Augen in Hautkratern. Der Patient hat seinen Unfall schon als Kind gehabt. Hat auf dem Schrottplatz des Vaters gespielt. Ein Auto fing Feuer, der Bub entkam nicht mehr. Alles, alles wurde verbrannt, versengt, ver\u00e4tzt. Ohren weg, Haare weg, Nase weg. \u00bbEin Monster.\u00ab<\/p>\n<p>Das Ungeheuer bewegt sich auf Gerd Sch\u00f6nfelder zu. Der ist ohnehin nicht besonders belastbar und f\u00fcrchtet sich sehr. Sie gehen aneinander vorbei. Auf einmal kommt von dem anderen ein tiefer hohler Laut, es ist eher ein Brummen: \u00bbServus.\u00ab Das ist nicht die Stimme von einem fremden Planeten. Gerd bleibt stehen. Sie unterhalten sich. Zuerst kann Sch\u00f6nfelder dem entstellten jungen Mann nicht ins Gesicht sehen.<\/p>\n<p>Sie tauschen ihre Geschichten aus\u00a0\u2013 und das Gespr\u00e4ch wird intensiv. Aus der Scheu wird eine Art Bewunderung. Wahnsinn, dieser Mensch kann nichts verbergen. Er tr\u00e4gt in jeder Minute ein versehrtes Gesicht zur Schau\u00a0\u2013 aber er redet vern\u00fcnftig, und er klingt zuversichtlich. Wie macht er so etwas? Wie stark muss dieser Mensch sein? Gerd Sch\u00f6nfelder geht wieder zu Bett und denkt bei sich, dass es ihn\u00a0\u2013 in allem Ungl\u00fcck\u00a0\u2013 doch noch ganz gn\u00e4dig erwischt hat. Am n\u00e4chsten Tag bekommt der neue Bekannte Besuch. H\u00fcbsche Frau. Kleines lebhaftes Kind. Die lachen, gehen liebevoll miteinander um, haben Freude.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00bbEs geht. Auch wenn du nicht der Typ Mann bist, dem alles zufliegt. Ein James Bond wirst du nicht mehr. Aber warum auch? Ich sage mal, es gibt einen \u203anat\u00fcrlichen Filter\u2039. Da sind die Frauen, die auf den Typ James Bond fliegen. Denen sind die \u00c4u\u00dferlichkeiten wichtig. Aber, mal ehrlich: Dieser Typ Frau hat mich auch vor dem Unfall nicht interessiert.\u00ab<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Es sind seltsame Monate. Drau\u00dfen geht ein Herbst ins Land, und die Menschen reden von Wiedervereinigung und davon, dass die Welt gerade durchgemischt wird. Gerd Sch\u00f6nfelder entdeckt seinerseits, dass seine kleine Welt von fr\u00fcher nicht mehr existiert. Er muss nicht nur lernen, den Verlust eines Arms zu begreifen und damit klarzukommen. Er muss auch erleben, dass das, was er bisher \u00fcbers Leben dachte, nicht mehr viel wert ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2364\" aria-describedby=\"caption-attachment-2364\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2364 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Kontaktabzug-001-300x203.jpg\" alt=\"kontaktabzug-001\" width=\"300\" height=\"203\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2364\" class=\"wp-caption-text\">Es ist ein langer Weg gewesen. Von dem Menschen &#8211; der nichtsahnend als Bub seine Hand verewigen lie\u00df &#8211; bis zu dem Mann, der bei den Paralympics 16-mal Gold gewonnen und nun ein Buch \u00fcber sein Leben und das Wieder-Aufstehen ver\u00f6ffentlicht hat. Fotos: Barbara Volkmer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gerd Sch\u00f6nfelder\u00a0\u2013 einer, der schon immer gern gelacht hat\u00a0\u2013 entdeckt, wie hilfreich schwarzer Humor sein kann. Im Lift in Bogenhausen steigt einer zu. Ohr abgesengt, das halbe Gesicht verbrannt. Schwere Verletzungen an einer Hand. Alle Finger besch\u00e4digt, zum Teil ist nur noch ein Stummel \u00fcbrig. \u00bbUnfall\u00ab, sagt der Patient kurz und b\u00fcndig. Schweigend betrachtet Sch\u00f6nfelder das K\u00f6rperschlachtfeld. Der Mann sieht es und fragt, was er denn genau habe. Gerd streckt seine Linke vor. Restdaumen, k\u00fcnstlicher kleiner Finger, sonst nix.<\/p>\n<p>\u00bbAu, Schei\u00dfe\u00ab, bricht es aus dem anderen heraus. \u00bbSchei\u00dfe, schei\u00dfe! Da hab ich ja noch richtig Gl\u00fcck gehabt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Morgen: Der K\u00f6rper-Schnitzer<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin, 3. November 2016\u00a0\u00a0 Der Zug hat Gerd Sch\u00f6nfelder einen Arm abgerissen. Das Leben ist aus den Fugen. Wie soll ein Mensch sich da wieder berappeln? Ausz\u00fcge aus \u201eSieger\u201c (erschienen bei \u201eDie Werkstatt\u201c), Folge II. &nbsp; \u00a0 Es gibt Menschen, die an der Reha verzweifeln. Es ist so zerm\u00fcrbend. Die Fortschritte winzig. Die \u00dcbungen tun [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,24,653,651,1],"tags":[650,645,649,648,644,646],"class_list":["post-2375","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-portrat","category-schwerpunkt","category-sieger","category-sport","category-uncategorized","tag-behinderte","tag-buch","tag-reha","tag-schonfelder","tag-sieger","tag-werkstatt","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2375","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2375"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2375\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2377,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2375\/revisions\/2377"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2375"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2375"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2375"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}