{"id":2368,"date":"2016-11-02T14:06:35","date_gmt":"2016-11-02T14:06:35","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2368"},"modified":"2016-11-03T16:32:03","modified_gmt":"2016-11-03T16:32:03","slug":"der-unfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/der-unfall\/","title":{"rendered":"DER UNFALL"},"content":{"rendered":"<p>berlin, 2. november 2016. Auszug aus dem soeben bei &#8220;Die Werkstatt&#8221; erschienenen &#8220;Sieger &#8211; das Leben des Gerd Sch\u00f6nfelder&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>16 Uhr. Arbeitsende. Sch\u00f6nfelder packt die letzten Sachen in den Rucksack, marschiert mit dem Kollegen zum Parkplatz, sie steigen ein.<\/p>\n<p>\u00bbHalt!\u00ab, sagt der Kollege. \u00bbEinen Augenblick, ich habe was vergessen.\u00ab<\/p>\n<p>Steigt aus und l\u00e4uft eilig zur\u00fcck in die Werkstatt. Sch\u00f6nfelder sieht ihn zur\u00fcckkommen, schaut auf die Uhr und bleibt optimistisch.<\/p>\n<p>Wird schon klappen, denkt er.<\/p>\n<p>Es ist acht nach vier.<\/p>\n<p>Sie fahren los, rauf auf die Autobahn und rein in den Stau.<\/p>\n<p>Um die Zeit ist das nichts Ungew\u00f6hnliches.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nfelder kontrolliert die Uhr im Minutentakt. Der Wagen bewegt sich qu\u00e4lend langsam vorw\u00e4rts. Die Chancen, den Zug zu erreichen, sinken.<\/p>\n<p>Endlich die Ausfahrt. Sie verlassen die Autobahn, ordnen sich ein, bewegen sich auf eine Ampel zu. Die steht schon lange auf Gr\u00fcn, sie sind fast an der Kreuzung, die Ampel schaltet von Gr\u00fcn auf Gelb.<\/p>\n<p>Der Kollege bremst. Er ist ein vorsichtiger Fahrer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>\u00bbIch wei\u00df noch, dass wir die Ersten gewesen sind, die an der roten Ampel standen. Ich h\u00e4tte \u2013 so bin ich immer gewesen \u2013 noch Gas gegeben, er hat halt ziemlich stark gebremst.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Wir sind da vor der roten Ampel gestanden, und ich habe gemeint: \u203aSo, des war\u2019s jetzt.\u2039<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Wie lang steht so eine Ampel auf Rot? Nach meinem Gef\u00fchl ist es eine Minute gewesen, und ich dachte, das ist genau die Minute, die mir fehlt.\u00ab<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sch\u00f6nfelder sieht hin\u00fcber zur Eisenbahnbr\u00fccke \u00fcber die A9, da macht er den Zug aus, der ihn p\u00fcnktlich nach Hause bringen soll.<\/p>\n<p>Im Affentempo f\u00e4hrt der in Richtung Hersbruck.<\/p>\n<p>Sie folgen der Bahnlinie. Kommen am Bahnhof an.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nfelder hat die Tasche und die Jacke griffbereit. \u00bbDanke und servus!\u00ab<\/p>\n<p>Er gleitet aus dem Auto, wirft die T\u00fcr hinter sich zu, rennt los.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2366\" aria-describedby=\"caption-attachment-2366\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2366 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Kontaktabzug-801-300x217.jpg\" alt=\"kontaktabzug-801\" width=\"300\" height=\"217\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2366\" class=\"wp-caption-text\">Wenn ein vitaler junger Mann zum Notfall wird, kann das eine Familie zerbrechen. Die Sch\u00f6nfelders sind durch Gerds Unfall noch enger zusammen gewachsen. Fotos: Barbara Volkmer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Er ist keiner, der so schnell aufgibt. Das Rennen um die letzte Chance hat er im Blut. Wenn die anderen schon aufgeben, macht er noch weiter. Das kennen sie im Fu\u00dfballverein, das erleben die Spezln immer wieder, wenn sie mit dem Gerd zum Motorradfahren gehen. Da kommen sie an ein Wasserloch \u2013 und alle bleiben stehen und schauen sich um, wie sie das Hindernis umfahren k\u00f6nnen. Der Gerd kann das nicht. Er nimmt Anlauf und rast mit Vollgas ins Wasser. Entweder kommt er am anderen Ufer als der Sieger raus \u2013 oder er bleibt stecken und landet mit der ganzen Montur in der Br\u00fche. Na ja, dann schleppt er die Maschine aus dem Schlamm, l\u00e4sst sie wieder an und f\u00e4hrt weiter. Probiert hat er es wenigstens.<\/p>\n<p>Gerd sprintet die Bahnhofstreppe hinunter. Zwei, drei Stufen auf einmal. Leute kommen ihm entgegen.<\/p>\n<p>Einer ruft dem rennenden jungen Mann zu: \u00bbKannst vergessen, der ist schon weg.\u00ab<\/p>\n<p>Jetzt versucht er es erst recht. Treppe hoch, Gerd sieht die Waggons noch auftauchen.<\/p>\n<p>Er nimmt die letzte Stufe.<\/p>\n<p>Der Zug ist schon in Bewegung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>\u00bbIch denk irgendwie: \u203aAh, der is ja noch da.\u2039 Renne hin. Mache eine T\u00fcre auf. Dann geht alles so f\u00fcrchterlich schnell.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Ich habe ja die Tasche und die Jacke in der Hand. Loslassen will ich sie nicht, in den Waggon schmei\u00dfen geht auch nicht.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Alles verheddert sich an der Klinke, ich renne neben dem Waggon her, der rechts von mir immer mehr an Fahrt aufnimmt.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Ich laufe, laufe, laufe. Immer schneller. Die Hand am Griff der aufgeschwenkten T\u00fcr.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Irgendwann kann ich das Tempo nicht mehr halten.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Ich schlage mit dem linken Knie am Bahnsteig auf. Denke, jetzt ist die Kniescheibe in St\u00fccken.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Das Knie schl\u00e4gt wieder und wieder auf.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Das Ende des Bahnhofs kommt rasend n\u00e4her. Und dann \u2013 wie soll ich es sagen? \u2013, dann zieht es mich rein. Wusch!<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Ich rutsche aus.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Wusch! Ich wei\u00df ja auch nicht.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Auf einmal ist es dunkel.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Ich rechne damit, dass ich irgendwo aufschlage.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Aber es zieht mich zwischen den Zug und den Bahnsteig in diese 30-Zentimeter-L\u00fccke.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Dann wird es dunkel. Und ich denke: \u203aSo, jetzt wird es gef\u00e4hrlich.\u2039<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Ich ziehe den Kopf ein. Sehen tue ich nichts mehr, weil ich die Augen zu habe.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Ziehe den Kopf ein und denke: \u203aSo klein wie m\u00f6glich machen.\u2039<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Dann tut es einen Schlag.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Bumm!<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Ich kann nicht einsch\u00e4tzen, was los ist. Nur dieser Schlag.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Bumm!<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Der Zug ist weg, es wird wieder hell, ich wei\u00df, dass etwas Schlimmes passiert ist, da passt etwas nicht, kein Mensch in der N\u00e4he, ich stehe auf und schleppe mich zur\u00fcck zum Bahnhof, das ist ja ein ganzes St\u00fcck, es kommt mir vor wie zwei-, dreihundert Meter, ich erreiche den Bahnsteig.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Da sitzt einer auf einer Bank.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Der schaut mich an wie ein Alien. Ist so unter Schock, dass er gar nichts macht. Schaut nur. Stottert, ruft: \u203aHilfe, Hilfe!\u2039<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Jemand anders kommt auf mich zu. Noch einer, noch ein paar.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Sie ziehen mich aus dem Gleisbett auf den Bahnsteig, legen mich auf die Bank, so eine Holzbank.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Dann liege ich da.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>\u203aWahnsinn!\u2039, denke ich. Ich weine.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Dann legt mir einer den Arm auf den Bauch. Der h\u00e4ngt noch in Fetzen am K\u00f6rper, aber ich sp\u00fcre ihn nicht. Das k\u00f6nnte auch der Arm eines Fremden sein, der da auf meinem Bauch liegt.\u00ab<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Morgen: Behindert? Ich doch nicht! Oder?<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 2. november 2016. Auszug aus dem soeben bei &#8220;Die Werkstatt&#8221; erschienenen &#8220;Sieger &#8211; das Leben des Gerd Sch\u00f6nfelder&#8221;. &nbsp; 16 Uhr. Arbeitsende. 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