{"id":2277,"date":"2016-02-17T15:01:58","date_gmt":"2016-02-17T15:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2277"},"modified":"2016-02-17T15:01:58","modified_gmt":"2016-02-17T15:01:58","slug":"traumhaus-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/traumhaus-i\/","title":{"rendered":"TRAUMHAUS I"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 17. februar 2016<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Der Petriplatz im Winter 2016: ein trostloser Ort.<\/p>\n<p>Hier betrieb vor dem Ersten Weltkrieg die Familie Hertzog das gr\u00f6\u00dfte Kaufhaus Berlins. 2000 Angestellte k\u00fcmmerten sich um die Kundschaft, den Versandhandel, der in Spitzenjahren 60 G\u00fcterz\u00fcge f\u00fcllte, und eine Filiale in Swakopmund, damals Deutsch-S\u00fcdwest. Die Hertzogs besa\u00dfen das erste Automobil der Stadt \u00fcberhaupt, rund um ihr Imperium steppte der Berliner B\u00e4r.<\/p>\n<p>Das \u201eHertzog\u201c heute: eine Rest-Ruine, die Fensterh\u00f6hlen sind vernagelt. Ein Geb\u00e4ude ohne Zukunft.<\/p>\n<p>Der Petriplatz: ein Ort zum Depressiv-Werden.<\/p>\n<p>Wirklich?<\/p>\n<p>Nein, hier baut sich Gro\u00dfes auf. Nur zu sehen ist noch nichts.<\/p>\n<p>Das Gro\u00dfe hat einen Namen: \u201eHouse of One\u201c. Es w\u00e4chst und w\u00e4chst und w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Unsichtbar macht es sich breit in Berlins Mitte. Dazu kann Roland Stolte eine Menge erz\u00e4hlen. Er hat ja die Entwicklung seit den ersten Diskussionen begleitet. \u201eWir sind sehr optimistisch angetreten. Aber was jetzt passiert, haben wir nicht geahnt.\u201c<\/p>\n<p>Im Juni 2014 trafen sich ein Rabbiner, ein Imam und ein evangelischer Geistlicher. Sie erkl\u00e4rten, der Petriplatz habe das Potenzial, zu einem Zentrum des Miteinanders zu werden. Jeder der Geistlichen hielt den Fotografen und Kameraleuten einen Ziegelsteinen vor die Linsen und erkl\u00e4rte, das sei die Zukunft.<\/p>\n<p>Schon bald pflockten Arbeiter eine Schautafel in den m\u00e4rkischen Boden, der alle entnehmen konnten, an dieser Stelle w\u00fcrde etwas weltweit Einmaliges entstehen: Juden, Christen und Muslime wollen hier ein Haus errichten, unter dessen Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee vereint sind. Es werde einen zentralen Raum der Begegnung geben. Ein Haus des Gebets und des Austauschs \u00fcber die Religionen \u2013 offen f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>&#8220;Es geh\u00f6rt viel Gottvertrauen dazu, sich vorzustellen, dass schon in einigen Jahren das wundersamste Geb\u00e4ude, einmalig in der Welt, auf diesem Boden stehen soll&#8221;, sagte Gregor Hohberg, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien.<\/p>\n<p>Rabbiner Tovia Ben-Chorin rief ermunternd in die Runde: \u201eWer kauft den ersten Stein?\u201c<\/p>\n<p>Der Berliner Schauspieler und Kabarettist zog einern Zehn aus dem Portemonnaie. Da wollte er dabei sein. &#8220;Schon Friedrich der Gro\u00dfe hatte sich den Respekt vor den Religionen auf die Fahnen geschrieben&#8221;, sagte Bahro. Er erlebe oft im Alltag, dass die Menschen viel zu wenig \u00fcber die Religion der anderen w\u00fcssten. Das House of One biete die einzigartige Chance, Menschen zusammenzuf\u00fchren, die sich bis dahin fremd waren, und Vorurteile aktiv abzubauen.<\/p>\n<p>Imam Kadir Sanci sprach davon, dass mit dem Bau \u201ebewusst der gewaltfreie und offene Dialog der Religionen und Kulturen gef\u00f6rdert werde\u201c. Man brauche dringend diesen Ort, an dem alle miteinander reden. \u201eNehmen Sie das Thema der religi\u00f6s motivierten Gewalt \u2013 sie ist pr\u00e4sent im Alltag, aber sie macht weniger als 0,1 Prozent der Straftaten aus. Diese 0,1 Prozent pr\u00e4gen die Wahrnehmung in der Gesellschaft und stellen die Muslime unter Generalverdacht.\u201c Durch den Dialog m\u00fcsse dieses Vorurteil zurecht ger\u00fcckt werden. \u201eWir wollen unseren Kindern eine Zukunft \u00fcberlassen, in der Vielfalt selbstverst\u00e4ndlich ist.\u201c<\/p>\n<p>Der Rabbiner Tovia Ben-Chorin konnte da nur ernst nicken. F\u00fcr ihn war es eine Sache der Logik, dass gerade an der Spree \u00fcber ein \u201eHouse of One\u201c nachgedacht worden ist. \u201eBerlin ist die Stadt der Wunden und des Wunders. Hier wurde die Ausrottung der Juden geplant. Jetzt entsteht ein Zentrum des Friedens unter den drei monotheistischen Religionen. Es wird als strahlen: auf der ganzen Welt \u2013 und ganz besonders von Berlin bis Jerusalem.\u201c<\/p>\n<p>Das war an einem heiteren Junitag 2014.<\/p>\n<p>Nun schreiben wir das Jahr 2016. Im ausgehenden Winter sieht der Platz nicht so aus, als w\u00fcrde bald gebaut. Es ist eine Brache \u2013 wie in den vielen Jahren, seit die letzte Petrikirche 1964 in der DDR plattgemacht worden ist.<\/p>\n<p>Wenn in Berlin Mitte das Wetter mies ist, dann wirkt der Stadtteil hier \u00a0besonders trist. Auf der Leipziger Stra\u00dfe rauscht unabl\u00e4ssig der Verkehr, die Autos k\u00e4mpfen sich in einem Gischtnebel voran. Ungastlich duckt sich ein weitl\u00e4ufiges Zelt der Arch\u00e4ologen. Still liegt der Baugrund im grauen Winter 2016.<\/p>\n<p>Die wenigen Passanten haben es eilig. Es scheint nichts zu sehen zu geben, das Leben der City pulsiert anderswo. Kaum einer liest die verwaschenen Inschriften auf dem Trottoir.<\/p>\n<p>Zum Beispiel, dass hier mal einer zum Tode durch R\u00e4dern verurteilt worden war, nach einer Begnadigung aber nur enthauptet worden ist.<\/p>\n<p>Oder den Hinweis, man latsche gerade \u00fcber den \u00e4ltesten Friedhof der Stadt, auf dem 3000 Ur-Berliner bestattet worden sind.<\/p>\n<p>Oder die Bemerkung, hier h\u00e4tten Arch\u00e4ologen 2006 die Reste von f\u00fcnf Kirchen gefunden. Die habe man an dieser Stelle hochgezogen, weil der Untergrund nicht sumpfig war. Die Kirchen standen auf Sandh\u00fcgeln.<\/p>\n<p>Eine neue Kirche wollte die Gemeinde nicht bauen. Aber ein Zeichen setzen. Warum nicht die drei gro\u00dfen Religionen in einem Geb\u00e4ude zusammenf\u00fchren?<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Morgen: Vision und Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 17. februar 2016 Der Petriplatz im Winter 2016: ein trostloser Ort. Hier betrieb vor dem Ersten Weltkrieg die Familie Hertzog das gr\u00f6\u00dfte Kaufhaus Berlins. 2000 Angestellte k\u00fcmmerten sich um die Kundschaft, den Versandhandel, der in Spitzenjahren 60 G\u00fcterz\u00fcge f\u00fcllte, und eine Filiale in Swakopmund, damals Deutsch-S\u00fcdwest. 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