{"id":2246,"date":"2016-02-09T17:02:23","date_gmt":"2016-02-09T17:02:23","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2246"},"modified":"2016-02-09T17:02:23","modified_gmt":"2016-02-09T17:02:23","slug":"heilsbringer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/heilsbringer\/","title":{"rendered":"HEILSBRINGER"},"content":{"rendered":"<p>berlin, 9. februar 2016<\/p>\n<p>Es war eine vertr\u00e4umte junge Frau \u2013 nennen wir sie Yvonne -, die mit gerade mal 20 aus der s\u00fcddeutschen Provinz ins ummauerte Berlin zog. Dort hatte sie wundersch\u00f6ne Tage und h\u00f6llische Zeiten. Sie w\u00fcnschte sich ein Leben im Gl\u00fcck und geriet an einen ziemlich miesen Kerl, der ihr ein Kind andrehte und sie jahrelang unter Kuratel hielt.<\/p>\n<p>Dann kriegte die Frau die Kurve und d\u00fcste erst mal ab nach Indien. Sie f\u00fchlte sich in ihrer Sanftheit best\u00e4tigt, hatte himmlische Zeiten und glaubte wieder an das Gute in den Menschen.<\/p>\n<p>Kam zur\u00fcck nach Berlin und fing mit 45 von vorn an. In Indien hatte sie sich in der Kunst der Meditation kundig gemacht, so konnte sie nun in Sch\u00f6neberg mit einem kleinen Yoga-Tantra-Irgendwas-Laden \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Bis sich eines Tages ihre Wege mit denen von Doktor Wolf Funfack kreuzten. Der hatte den Arztberuf in Berlin gelernt, war letztendlich im bayerischen Isen gelandet. Dort hatte sich der Internist als Retter der zuckerkranken verfetteten, depressiven Menschheit erfunden. \u201eMetabolic Balance\u201c hie\u00df seine Heilsbotschaft \u2013 und mit diesem Programm flutete Doktor Funfack die Zivilisation.<\/p>\n<p>Wer sich ihm anvertraute, war angeblich gesundet \u2013 wovon auch immer.<\/p>\n<p>Zwar warnten ernsthafte Wissenschaftler, dass den Lehren des Doktor Funfack etwas Sektiererisches anhafte, doch den st\u00f6rte das wenig.<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelte freundlich, lie\u00df keinen Unbefugten in die Labors seines prosperierenden Unternehmens, entz\u00fcckte die Fans durch seine nette Art und seine fabelhaft-zweifelsfreien Vortr\u00e4ge. Und wenn schon mal ein Journalist zu ihm vordrang, war es ein harmloser Zeitgenosse von der \u201eElle\u201c oder so. Der bekam dann die Grund\u00e4tzlichkeiten nur so um die Ohren gehauen:<\/p>\n<p>\u201eDie schlimmsten Ern\u00e4hrungsmythen sind ,Kalorien machen dick\u2018 und ,Fett macht fett\u2018. Bei den Kalorien kommt es darauf an, in welcher Form ich sie zu mir nehme. In Form von Kohlenhydraten machen sie tats\u00e4chlich dick; in Form von Fett und Eiwei\u00df machen sie sogar schlank. Das Fett am K\u00f6rper nehmen wir nicht allgemein in Form von Ern\u00e4hrung zu uns sondern in Form von Kohlenhydraten, die im K\u00f6rper dann zu Fett umgebaut werden. Auch erh\u00f6hte Cholesterin-Werte im Blut entstehen dadurch, dass man selbst zu viel Cholesterin produziert und die Grundsubstanz f\u00fcr diese Produktion sind Kohlehydrate.\u201c<\/p>\n<p>Aha! Na, dann war ja alles klar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2244\" aria-describedby=\"caption-attachment-2244\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2244 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7718-300x212.jpg\" alt=\"IMG_7718\" width=\"300\" height=\"212\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2244\" class=\"wp-caption-text\">Zahl&#8217;n Se ein, kommen&#8217; Se rein &#8211; in den Club der Abgezockten.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doktor Funfack weiter:<\/p>\n<p>\u201eZum Beispiel gibt es gute und schlechte Kohlenhydrate. Die schlechten lassen den Insulinspiegel ansteigen; die guten halten ihn gleichm\u00e4\u00dfig niedrig. Und zum Beispiel Getreideprodukte zum Beispiel k\u00f6nnen den K\u00f6rper schnell \u00fcbers\u00e4uern oder zu Entz\u00fcndungen f\u00fchren. Aber ich bin ein Gegner von standardisierten Empfehlungen.\u201c<\/p>\n<p>Ein echter Wissenschaftler also. Einer mit acht Grundregeln:<\/p>\n<p>\u201eAcht Metabolic Balance-Gebote f\u00fcr einen gesunden Stoffwechsel:<\/p>\n<p>&#8211; Essen Sie nur drei Mahlzeiten am Tag.<\/p>\n<p>&#8211; Machen Sie nach jeder Mahlzeit f\u00fcnf Stunden Pause, ehe Sie die n\u00e4chste Mahlzeit beginnen.<\/p>\n<p><strong>&#8211; <\/strong>Lassen Sie die Mahlzeiten nicht l\u00e4nger als 60 Minuten dauern.<\/p>\n<p>&#8211; Beginnen Sie jede Mahlzeit mit zwei Bissen der Eiwei\u00dfportion.<\/p>\n<p>&#8211; Essen Sie pro Mahlzeit nur eine Art Eiwei\u00df.<\/p>\n<p>&#8211; Essen Sie nach 21 Uhr nichts mehr.<\/p>\n<p>&#8211; Trinken Sie \u00fcber den Tag verteilt die f\u00fcr Sie errechnete Menge Wasser (mindestens zwei Liter).<\/p>\n<p>&#8211; Essen Sie das Obst (t\u00e4glich ein Apfel) zum Ende der Mahlzeit.\u201c<\/p>\n<p>Yvonne also h\u00f6rte einen Vortrag des gro\u00dfen Doktors und war Feuer und Flamme. Sie w\u00fcrde ein Teil des gro\u00dfen Ganzen werden, in Diensten von Wof Funfack w\u00fcrde sie Gesundheit unter die Berlinerinnen und Berliner bringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2245\" aria-describedby=\"caption-attachment-2245\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2245 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7720-300x274.jpg\" alt=\"IMG_7720\" width=\"300\" height=\"274\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2245\" class=\"wp-caption-text\">Planwirtschaft der Moderne. So bringt Schlank-Werden Fun.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuerst zahlte sie ein paar Tausender f\u00fcr ihre Ausbildung und ihr Zertifikat. Dann k\u00f6derte sie in ihrer Freundesschar Neu-Metaboliker \u2013 es gab da ja gen\u00fcgend Dicke, Traurige, \u00dcberzuckerte. Die wurden von Yvonne \u00fcberredet, sich in den Labors von Isen ein 350 Euro teures Blutbild erstellen zu lassen. So richtig schlau wurde niemand daraus, aber was hie\u00df das schon?<\/p>\n<p>Denn nun, heissa, wurde man gesund. Man a\u00df manches nicht mehr, anderes im \u00dcberfluss. Nach neun Uhr abends gab\u2019s gar nichts mehr, die Eiwei\u00dfe waren gut und schlecht und wurden feins\u00e4uberlich getrennt. Lustfreundlich war das alles nicht \u2013 aber Hauptsache, gesund.<\/p>\n<p>Und zum Ende der Mahlzeit war es der Apfel.<\/p>\n<p>Alles h\u00e4tte so sch\u00f6n werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch 2013 bekam die Welt von Yvonne wieder einen schlimmen Riss.<\/p>\n<p>Doktor Wolf Funfack starb.<\/p>\n<p>Seine Frau und die neue Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerinnen k\u00f6nnen nicht so sch\u00f6n reden, wie er das immer getan hat. Die \u201eMetabolic\u201c-B\u00fccher werden immer teurer und \u2013zus\u00e4tzlich werden neuerdings Pulver und W\u00e4sser unters Volk gebracht. Dennoch ist vom gro\u00dfen Boom nicht mehr viel \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Und die Menschheit bleibt ein wenig kr\u00e4nklich und dick.<\/p>\n<p>So echt der Retter war der Doktor dann doch wohl nicht.<\/p>\n<p>Nur Yvonne wei\u00df, was sie von ihm zu halten hat.<\/p>\n<p>Sie ist n\u00e4mlich pleite.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 9. februar 2016 Es war eine vertr\u00e4umte junge Frau \u2013 nennen wir sie Yvonne -, die mit gerade mal 20 aus der s\u00fcddeutschen Provinz ins ummauerte Berlin zog. Dort hatte sie wundersch\u00f6ne Tage und h\u00f6llische Zeiten. 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