{"id":2233,"date":"2016-02-06T15:20:34","date_gmt":"2016-02-06T15:20:34","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2233"},"modified":"2016-02-06T15:24:04","modified_gmt":"2016-02-06T15:24:04","slug":"heimatlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/heimatlos\/","title":{"rendered":"HEIMATLOS"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 7. februar 2016<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nichts ist ungew\u00f6hnlich an diesem Samstag kurz vor zw\u00f6lf in der \u201eKupferkanne\u201c. Rose-G\u00fcl zapft mit der Grazie einer gem\u00fctlichen Molligen die Bierchen. Am Tresen stehen sieben M\u00e4nner; Necip, der Wirt, sitzt mit zwei Ehemaligen des SV Grunewald an einem Tisch, man redet \u00fcber die besseren Zeiten, als es den Verein noch gab und kein Fl\u00fcchtlingsproblem &#8211; und als man sich noch keine Sorgen ums Bar-Bezahlen machen musste.<\/p>\n<p>Von den sieben Mann an der Bar trinken sechs Alkoholisches, nur der Peter hat es mit der Leber und ist auf Tee umgestiegen.<\/p>\n<p>Im Radio redet eine Frau sehr schnell und meint, gleich sei Mittag, in dreieinhalb Stunden laufe die Hertha auf, und nachmittags werde Sonnenschein erwartet.<\/p>\n<p>Der Bernd hat mal das Schlagzeug in einer lauten Rocker-Band geschlagen, aber von vier Langhaarigen sind zwei in die Grube gefahren, und Bernds Zopf wird auch immer d\u00fcnner.<\/p>\n<p>Er trinkt aus, setzt das Glas hart auf die Schankfl\u00e4che und sagt entschlossen:<\/p>\n<p>\u201eRose-Schatz\u201c &#8211; Bernd ist der Einzige, der Rose-G\u00fcl \u201eSchatz\u201c nennen darf, das traut sich nicht mal Necip \u2013 \u201eRose-Schatz, machste mir noch\u2019n Schnelles. Und \u2019n Korn nehm ich auch. Dann muss ich aber.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie? Warum haste\u2019s eilig? Wartet doch niemand auf Dich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas isses ja.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2232\" aria-describedby=\"caption-attachment-2232\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2232 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7695-300x221.jpg\" alt=\"IMG_7695\" width=\"300\" height=\"221\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7695-300x221.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7695-768x565.jpg 768w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7695-600x441.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7695.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2232\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Alsobald stieg in die L\u00fcfte \/ Ein gar herrliches Ged\u00fcfte.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bernd erkl\u00e4rt. Fr\u00fcher, als seine Hedwig noch war, hatte er ein paradiesisches Leben. Da ist er gegen halb eins r\u00fcber in die Alvenslebenstra\u00dfe, rauf in den ersten Stock \u2013 und am Samstag hat er schon immer auf dem Gang gewusst, dass es was Gutes geben w\u00fcrde. Die Hedwig hatte es drauf mit dem Kochen. Und am Wochenende musste sie ja nicht auf Arbeit, da hat sie sich besondere M\u00fche gegeben.<\/p>\n<p>Aber jetzt ist sie ja schon ein Jahr unter der Erde. Und Bernd muss das Kochen selbst \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>\u201eIst ja nicht so, dass ich mich drum rei\u00dfen w\u00fcrde. Nee, so richtig gern koch\u2019 ich nicht.\u201c<\/p>\n<p>Necip ruft, Bernd k\u00f6nne doch gern in der \u201eKupferkanne\u201c essen. Ob er die Karte wolle?<\/p>\n<p>Neenee, sagt der Bernd, nichts f\u00fcr ungut, er glaube ja gerne, dass die Rose eine gute K\u00f6chin sei. \u201eAber mir ist das alles zu international. Ich liebe Berliner K\u00fcche.\u201c<\/p>\n<p>Einer fragt, wo es die denn \u00fcberhaupt noch gebe, die Berliner K\u00fcche. Alle nicken sorgenvoll.<\/p>\n<p>Nur der Peter ist eher heiter. Seit ihm die \u00c4rzte so ziemlich alles verboten haben, m\u00fcsse er sich auch keine Gedanken mehr machen, dass Berlins Gastronomie ihre Heimat verloren habe. \u201eEt jibt fast \u00fcberhaupt kein Eisbein mehr\u201c, sagt der Peter, \u201eaber det is mir ejal. Ick darf sowieso nich. Zu fettich!\u201c<\/p>\n<p>Ja. So ein richtiges Berliner Eisbein, ein \u201eStrammer Max\u201c, \u201ane L\u00f6ffelerbse und eine dufte \u201eBerliner Luft\u201c f\u00fcr hinterher \u2013 da muss einer schon lange suchen zwischen Frohnau und K\u00f6penick.<\/p>\n<p>Und wenn Du eine echte Currywurst kaufen willst, kann es Dir passieren, dass Du am Mehringdamm nicht mal mehr Schlange stehen musst.<\/p>\n<p>Weil die Leute 20 Meter weiter gehen und dort Gem\u00fcse-D\u00f6ner fressen.<\/p>\n<p>Was sind das f\u00fcr verkommene Sitten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2230\" aria-describedby=\"caption-attachment-2230\" style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2230 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7686a-205x300.jpg\" alt=\"IMG_7686a\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7686a-205x300.jpg 205w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7686a-600x878.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/IMG_7686a.jpg 660w\" sizes=\"auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2230\" class=\"wp-caption-text\">Von dem Eisbein und dem Kohl. \/ Und das j\u00e4mmerlich&#8217; Gequieke \/ Ist dem Schl\u00e4chter nur Musike, \/ Ihm ist dabei sauenwohl.&#8221; (gesungen von den Herren der &#8220;Vereinigung befreundeter Kollegen der Graphischen K\u00fcnste&#8221; anl\u00e4sslich eines Eisbeinessens am 21. M\u00e4rz 1925 in der Geheimratskneipe in der Jerusalemer Stra\u00dfe 8)<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Bernd kippt den Klaren auf Ex. Er r\u00fclpst, murmelt \u201etschuldigung, Rose-Schatzi\u201c, platziert die Schieber-M\u00fctze schief \u00fcber dem Zopf und sagt: \u201eBei mir gibt\u2019s Eintopf. Da kann nix schief gehen.\u201c<\/p>\n<p>Nachdenkliches Schweigen. Mittags-Nachrichten aus dem Radio. Dann sagt einer am Tresen:<\/p>\n<p>\u201eNa, Mahlzeit. Mir is grad so \u2019n bissken der Appetit vergangen, wie ich so an den echt Berliner Eintopf vom Peter denke. Da nehm\u2019 ich lieber noch ein Bier. Da ist garantiert Heimat drin.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 7. februar 2016 Nichts ist ungew\u00f6hnlich an diesem Samstag kurz vor zw\u00f6lf in der \u201eKupferkanne\u201c. Rose-G\u00fcl zapft mit der Grazie einer gem\u00fctlichen Molligen die Bierchen. 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