{"id":2226,"date":"2016-02-04T19:07:27","date_gmt":"2016-02-04T19:07:27","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2226"},"modified":"2016-02-04T19:07:27","modified_gmt":"2016-02-04T19:07:27","slug":"mahlzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/mahlzeit\/","title":{"rendered":"MAHLZEIT!"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Berlin, 4. Februar 2016<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die jungen Business-Frauen und \u2013M\u00e4nner notieren eifrig, ab und zu nippt jemand am Kaffee, ein Experte zielt mit dem Laserpointer auf die Merks\u00e4tze an der Leinwand.<\/p>\n<p>\u201eKritik ernst nehmen &#8212; Keine Panik! Ruhig bleiben und nicht un\u00fcberlegt handeln &#8212; Menschlich agieren, nicht unternehmerisch &#8212; Verlassen Sie sich auf Ihren gesunden Menschenverstand und internes Know How &#8212; Seien Sie selbstkritisch, aber auch\u2026\u201c<\/p>\n<p>Der Passant am Werderschen Markt stellt sich auf die Zehenspitzen, um durch die hohe Scheibe einen Blick auf die \u00dcberschrift zu bekommen.<\/p>\n<p>\u201eDer Wurstkrieg\u201c, hei\u00dft es da. Darum geht es also.<\/p>\n<p>War\u2019s ein Chaos oder ein genialer Coup, dieser Wurstkrieg, der da im Berliner Marketing-Seminar besprochen wird?<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend darf das Ganze wohl als ziemlich gegl\u00fcckte PR-Offensive interpretiert werden.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hatte da ein auf den kontroversen Umgang mit dem Thema Ern\u00e4hrung gesetzt. Um die Aufmerksamkeit der Menschen zu b\u00fcndeln. Funktioniert hat das folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>In Diensten der Diba-Bank hatte der sympathische Basketballer Dirk Nowitzki in seiner fr\u00e4nkischen Heimat mit einer \u00e4lteren Fleischfachverk\u00e4uferin gescherzt, sich anschlie\u00dfend eine Scheibe Hausmacherwurst schmecken lassen und dazu gel\u00e4chelt.<\/p>\n<p>Und schon brach im Web der Krieg los.<\/p>\n<p>Deutsche Nicht-Fleischesser lie\u00dfen ihrer Wut auf der Fanseite der ING-Diba freien Lauf. So schrieb eine Dame: &#8220;Ich finde es unm\u00f6glich, dass es so eine Werbung gibt. Und ich finde es unm\u00f6glich, was ich hier f\u00fcr Kommentare lese von den Fleischfans. Als ich die Werbung sah im Fernsehen, empfand ich nur Ekel und Mitleid. Was seid ihr nur f\u00fcr Menschen, wenn ihr dann auch noch hier Witze \u00fcber Tiere macht, so wie &#8216;Das Schnitzel schmeckt doch gut.\u2019 Oder: ,Ich gehe mir jetzt mal ein Steak braten.\u2019 Wie gef\u00fchlskalt seid ihr eigentlich?&#8221;<\/p>\n<p>Hin und her ging es. Veganer gegen Fondue-Fetischisten, Tiersch\u00fctzer gegen Filet-Verkoster. Moralisten gegen Mortadilleros.<\/p>\n<p>Was das mit dem Bankwesen zu tun hatte, wurde nicht erkennbar. Wurscht \u2013 die Diba hatte \u201eSendezeit\u201c.<\/p>\n<p>Nach \u00fcber 1.400 Posts mit rund 15.000 Kommentaren war Schluss mit dem <em>Wurst War<\/em>. \u201eBei der Diskussion \u00fcber die Themen Ern\u00e4hrung und vegane Lebensweise wurden wohl alle denkbaren Meinungen und Argumente ausgetauscht&#8221;, schrieb die Bank im Netz. &#8220;Um den Anliegen unserer Kunden und Interessenten wieder mehr Raum zu geben, werden wir nun neue Posts zu den genannten Themen von der Pinnwand entfernen.&#8221;<\/p>\n<p>Und so gibt es Nowitzki zum Nachtisch nur noch f\u00fcr die Seminaristen vom Werderschen Markt.<\/p>\n<p>Aber auch ohne Dirks Fleischeslust ist das Thema \u201eErn\u00e4hrung\u201c dieser Tage wieder ein echter Bringer. Die \u201eBild\u201c f\u00fchrt die Leser (mitsamt Kinderschar) vor den ganz n\u00e4rrischen Tagen noch schnell\u201cgesund zum Gl\u00fccksgewicht\u201c. \u201espiegel online\u201c testet die Effizienz von Di\u00e4t-Apps. Die ARD schw\u00f6rt auf \u201eSteinzeitrezepte\u201c. Der \u201eFocus\u201c findet \u201eBrigitte\u201c-Rezepte toll. \u201eFit for Fun\u201c ist sich selbst der beste Koch: \u201eMit unserem Di\u00e4tplan k\u00f6nnen Sie sofort loslegen. Holen Sie sich die Fr\u00fchlingsfigur jetzt! Leckere Rezepte f\u00fcr morgens, mittags, abends, plus Einkaufszettel f\u00fcr 2 Wochen.\u201c<\/p>\n<p>Derweil sorgt sich die \u201eBunte\u201c um Daniela Katzenberger aus Mannheim: \u201eDie 29-J\u00e4hrige arbeitet derzeit an ihrer (alten) Traumfigur. Durch die Schwangerschaft mit T\u00f6chterchen Sophia (5 Monate) hatte Daniela 20 Kilo abgenommen. Fast die H\u00e4lfte hat sie schon wieder runter.<\/p>\n<p>Aber gerade Lukas Cordalis, ihr Zuk\u00fcnftiger, macht es der Fernseh-Beauty nicht leicht, die strengen Abnehmregeln einzuhalten. Auf Facebook ist der 43-J\u00e4hrige zu sehen, wie er sich auf dem heimischen Sofa einen s\u00fc\u00dfen Snack schmecken l\u00e4sst. ,Jetzt guckt euch mal an, was sich mein Mann abends um 22 Uhr reinpfeift \u2013 Cornflakes. Wie soll ich das jemals schaffen mit meiner Di\u00e4t\u2019, kommentiert die Blondine das Foto.<\/p>\n<p>Wohl jede di\u00e4tgeplagte Frau wei\u00df, wie schwierig es sein kann, standhaft zu bleiben, w\u00e4hrend sich der Partner eine Kalorien-S\u00fcnde nach der anderen schmecken l\u00e4sst. Daniela, wir f\u00fchlen mit dir!\u201c<\/p>\n<p>Hachja, die Sache mit den Di\u00e4ten und dem richtigen Essen verfolgt uns. Selbst die Intelligenzia des Landes ist nicht gefeit. In dieser Woche titelt die \u201eZeit\u201c:<\/p>\n<p>\u201eDer Kult ums gesunde Essen \u2013 Nahrung soll Energie und Freude bringen. Doch immer mehr Lebensmittel werden zum Problem gemacht. Vom Salz bis zum Fleisch. Warum eigentlich?\u201c<\/p>\n<p>Die Autoren kommen zu dem Schluss (einer eher geschmacksneutralen Geschichte), dass wir es derzeit schwer haben. \u201eIn unserer Wohlstandsgesellschaft grassiert eine Epidemie des schlechten Gewissens.\u201c<\/p>\n<p>Schluck! W\u00fcrg! So schlimm ist es? Ehrlich?<\/p>\n<p>Das \u201eJournal\u201c macht Kostproben. Themen der n\u00e4chsten Ausgaben:<\/p>\n<ul>\n<li>Bouletten, Eisbein und Revolte am Mehringdamm: Berlin, im Februar 2016<\/li>\n<li>Knochenarbeit: \u201eSputniks Welt\u201c<\/li>\n<li>Appetit vergangen: Das Metabolic-Desaster<\/li>\n<li>Gro\u00dfer Kater: Die Wahrheit \u00fcber den Aschermittwoch und den Katholizismus<\/li>\n<li>Geheimwaffe: Quinoa ist schwer im Kommen<\/li>\n<li>Fast(en) wie fr\u00fcher: Wenn weniger mehr ist<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin, 4. Februar 2016 Die jungen Business-Frauen und \u2013M\u00e4nner notieren eifrig, ab und zu nippt jemand am Kaffee, ein Experte zielt mit dem Laserpointer auf die Merks\u00e4tze an der Leinwand. \u201eKritik ernst nehmen &#8212; Keine Panik! 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