{"id":2218,"date":"2016-02-03T18:56:36","date_gmt":"2016-02-03T18:56:36","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2218"},"modified":"2016-02-03T18:56:36","modified_gmt":"2016-02-03T18:56:36","slug":"albtraum-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/albtraum-kunst\/","title":{"rendered":"ALBTRAUM KUNST"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 3. februar 2016<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das Deutsche Historische Museum ist derzeit gut besucht. Menschen aus aller Welt l\u00f6sen erwartungsvoll ihr Ticket und wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Sie werden mit hundert Bildern konfrontiert die w\u00e4hrend der Shoah in der Nazi-Zeit entstanden sind. Die Besucher passieren die freundlichen Livrierten am Eingang, lassen sich mit einem Handy-Guide ausstatten und finden sich wieder in einem musealen Albtraum.<\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6nheit und Grausamkeit\u201c (New York Times). \u201eDirekt aus der H\u00f6lle&#8221; (Die Welt). \u201eLandschaften des Grauens\u201c (S\u00fcddeutsche Zeitung). \u201eSie tr\u00e4umten von M\u00e4dchen im Sommerkleid auf bl\u00fchender Wiese\u201c (FAZ).<\/p>\n<p>Die Feuilletonisten aus aller Welt liefen nach erster Sprachlosigkeit zu Chronisten mit einem Hang zu Superlativen auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2222\" aria-describedby=\"caption-attachment-2222\" style=\"width: 253px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2222 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Mzg0OTBFQjAtMTcwMS00QTU1LTg3OTAtMDQ5N0EzNkJGM0VGjsessionid3BA2EACEDA747B834A45C58BB6775263-n3-253x300.jpg\" alt=\"Mzg0OTBFQjAtMTcwMS00QTU1LTg3OTAtMDQ5N0EzNkJGM0VG;jsessionid=3BA2EACEDA747B834A45C58BB6775263-n3\" width=\"253\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2222\" class=\"wp-caption-text\">Deutsches Historisches Museum in Berlin, Winter 2016: Kunst, die durch Mark und Bein geht.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Geldgeber indessen versuchten sich in staatstragender Wichtighuberei. So die \u201eBild\u201c-Zeitung, die in einer kleinen Serie das Monopol f\u00fcr Kultus und Moral f\u00fcr sich beanspruchte (\u201eBild erkl\u00e4rt die Kunst\u201c). Staatstragend gaben sich auch die Texter der Marketingabteilung der Deutschen Bank:<\/p>\n<p>\u201eVom 26. Januar bis zum 3. April 2016 sind im Deutschen Historischen Museum in Berlin 100 Kunstwerke aus der israelischen Gedenkst\u00e4tte Yad Vashem zu sehen. Die Ausstellung \u201eKunst aus dem Holocaust\u201c ist in Zusammenarbeit mit der Stiftung f\u00fcr Kunst und Kultur e.V. und auf Initiative der BILD entstanden; gef\u00f6rdert wird sie von der Deutschen Bank und der Daimler AG.<\/p>\n<p>Die 100 Arbeiten stammen von j\u00fcdischen H\u00e4ftlingen aus verschiedenen Konzentrationslagern, Arbeitslagern und Ghettos. Die Werke sind nach Themen gegliedert, die vom Portr\u00e4t \u00fcber die allt\u00e4gliche Grausamkeit im Lager bis zur Erschaffung einer idyllischen Gegenrealit\u00e4t reichen.<\/p>\n<p>&#8220;Aufarbeitung und Verpflichtung pr\u00e4gen auch das Handeln der Deutschen Bank in Bezug auf ihre eigene Geschichte&#8221;, erkl\u00e4ren John Cryan und J\u00fcrgen Fitschen, Co-Vorsitzende des Vorstands der Bank. Und sie versprechen, man werde \u201eaktiv dazu beitragen, damit wir heute weiterhin aus der Vergangenheit f\u00fcr morgen lernen.\u201c<\/p>\n<p>Nun musste nur noch die Kanzlerin etwas Offizielles beitragen. Also sprach Angela Merkel \u2013 und lag damit nat\u00fcrlich &#8220;goldrichtig&#8221;:<\/p>\n<p>\u201eMan kann sich diesen Bildern nicht entziehen. Es geht immer um einzelne Menschen in diesen Bildern, und das macht gerade den Schrecken aus.<\/p>\n<p>Nach dem Zivilisationsbruch der Shoah wurde oft diskutiert, ob nach Auschwitz \u00fcberhaupt noch Kunst m\u00f6glich sei. Diese Werke zeigen die Schrecken der Shoah. Es sind Werke, die Kunst und Dokument gleichzeitig sind.<\/p>\n<p>Das millionenfache Leid der Shoah ist Teil unseres nationalen Ged\u00e4chtnisses!\u201c<\/p>\n<p>Danach gab es H\u00e4ppchen und ein Gl\u00e4schen.<\/p>\n<p>Und als die Prominenz weg war, wurden die Menschen eingelassen.<\/p>\n<p>Die Ausstellung ist furchtbar beeindruckend. Schon nach den ersten Bildern sind die Besucher \u00fcberfordert. Ein alter Mann hat sich ein aufklappbares Schemelchen mitgebracht, weil seine Beine nicht mehr so recht mit tun. Er hockt vor einem Portr\u00e4t und h\u00f6rt fassungslos zu, wie ihm durchs Handy erkl\u00e4rt wird, dass im Ghetto gestandene j\u00fcdische K\u00fcnstler allen Manierismus fahren lie\u00dfen\u00a0 und sich nur noch darauf konzentrierten, die Gesichter der Mitmenschen m\u00f6glichst genau f\u00fcr sp\u00e4ter festzuhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2221\" aria-describedby=\"caption-attachment-2221\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2221 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Q0VFOTA5MkEtMDQwMS00NUY1LUIyQTctQjk5QkQ4NzFCMjU3jsessionid3BA2EACEDA747B834A45C58BB6775263-n3-300x192.jpg\" alt=\"Q0VFOTA5MkEtMDQwMS00NUY1LUIyQTctQjk5QkQ4NzFCMjU3;jsessionid=3BA2EACEDA747B834A45C58BB6775263-n3\" width=\"300\" height=\"192\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Q0VFOTA5MkEtMDQwMS00NUY1LUIyQTctQjk5QkQ4NzFCMjU3jsessionid3BA2EACEDA747B834A45C58BB6775263-n3-300x192.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Q0VFOTA5MkEtMDQwMS00NUY1LUIyQTctQjk5QkQ4NzFCMjU3jsessionid3BA2EACEDA747B834A45C58BB6775263-n3-768x491.jpg 768w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Q0VFOTA5MkEtMDQwMS00NUY1LUIyQTctQjk5QkQ4NzFCMjU3jsessionid3BA2EACEDA747B834A45C58BB6775263-n3-600x384.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Q0VFOTA5MkEtMDQwMS00NUY1LUIyQTctQjk5QkQ4NzFCMjU3jsessionid3BA2EACEDA747B834A45C58BB6775263-n3.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2221\" class=\"wp-caption-text\">Einblicke ins Ghetto. Petr Ginz&#8217; Zeichnungen sind voller Talent und Kunstfertigkeit &#8211; und sie sind furchtbar, akribisch, verst\u00f6rend.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine junge Frau geht schneller und schneller. Sie h\u00f6rt gar nicht mehr hin, was ihr erz\u00e4hlt wird. Nur weiter, die Pflicht hinter sich bringen, nicht gleich weg laufen. Aber auch so schnell wie m\u00f6glich wieder raus.<\/p>\n<p>Vor einer Zeichnung des 15-j\u00e4hrigen Petr Ginz steht ein M\u00e4dchen. Wasserfarbe, Tinte und Bleistift auf Papier. Alltag im Ghetto von Theresienstadt. Es ist das Werk eines jungen Mannes mit einem \u00fcberbordenden Talent und mit einem liebevollen Blick auf die Welt.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen starrt auf die Zeichnung und versucht zu begreifen, was da jemand im Handy-Guide erz\u00e4hlt. 15 ist Petr gewesen, als er das zeichnete, was jetzt in Berlin zu sehen ist. Tagebuch hat er auch geschrieben. Und er hat sich sehr auf das gefreut, was er noch vor sich hatte. Jetzt, notierte er, wisse er, wie er sich die Zukunft aussehen w\u00fcrde. Er w\u00fcrde versuchen, die Wunder um ihn herum zu begreifen. Er m\u00fcsse ja nur die Werke der gr\u00f6\u00dften Denker der Menschheit zur Hand nehmen und verinnerlichen. Dann werde er schreiben und zeichnen und dichten und musizieren und ein M\u00e4dchen lieb haben. Das sei ein Lebenswerk, das zu gro\u00dfem Gl\u00fcck f\u00fchren w\u00fcrde. Ein herrlicher Gedanke.<\/p>\n<p>In diesem Jahr &#8211; es war 1944 &#8211; haben sie ihn in Auschwitz ermordet.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen vor der Zeichnung kann nicht mehr. Es eilt achtlos an den restlichen Bildern vorbei zum Ausgang. Dort nimmt eine livrierte l\u00e4chelnde Dame den mobilen Guide in Empfang. Das M\u00e4dchen stolpert \u00fcber die Treppe ins Untergeschoss, holt Anorak und Rucksack ab, steigt nach oben, tritt auf den Platz vorm Museum.<\/p>\n<p>Passanten haben es eilig. Politessen tippen Strafzettel f\u00fcr Falschparker. Gelbe Doppeldecker. Baul\u00e4rm vom Schloss. Ein Hund kl\u00e4fft. Das pralle Leben. Berlin eben.<\/p>\n<p>Und ein M\u00e4dchen, das so ein schales Gef\u00fchl hat: genug erlebt f\u00fcr heute.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 3. februar 2016 Das Deutsche Historische Museum ist derzeit gut besucht. Menschen aus aller Welt l\u00f6sen erwartungsvoll ihr Ticket und wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Sie werden mit hundert Bildern konfrontiert die w\u00e4hrend der Shoah in der Nazi-Zeit entstanden sind. 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