{"id":2216,"date":"2016-02-02T21:18:23","date_gmt":"2016-02-02T21:18:23","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2216"},"modified":"2016-02-02T21:19:23","modified_gmt":"2016-02-02T21:19:23","slug":"beziehungskisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/beziehungskisten\/","title":{"rendered":"BEZIEHUNGSKISTEN"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 2. februar 2016<\/strong><\/em><br \/>\nBei der Berlinale stehen sie in diesem Jahr nicht sehr auf romantische Stoffe. Ausnahme: Der Tunesier Mohamed Ben Attia geht mit seinem Deb\u00fctfilm &#8220;Inhebbek Hedi&#8221; (&#8220;Hedi&#8221;) ins Rennen.<br \/>\nDa \u00fcberl\u00e4sst der junge Hedi seiner Mutter die Brautwahl, der Bruder macht ihm Vorschriften, und ein paar Tage vor der Hochzeit schickt ihn der Chef auch noch auf Dienstreise. Nur: Was passiert, wenn einer wie Hedi sich dort pl\u00f6tzlich verliebt?<br \/>\nWie bitte? Liebe? Partnerschaft?<br \/>\nDas ist nun wirklich ein Exotikum auf der der Berlinale-Agenda. Lieber guckt der Jouror einen Thriller oder etwas \u00fcber Fl\u00fcchtlinge.<br \/>\nDas mit den Beziehungen ist irgendwie ein bisschen ins Virtuelle abgedriftet.<\/p>\n<p>Adam von Redwitz, Sohn des k\u00f6niglich bayrischen Eisenbahnadjunkts Philipp Anton Emil von Redwitz und seiner Gemahlin Apollonia, m\u00f6chte\u2019 sich im Grab umdrehen, wenn er mitbek\u00e4me, wie seine Zunft vor die Hunde gegangen ist.<br \/>\nHerr von Redwitz war n\u00e4mlich einer der ersten professionellen Ehevermittler der Moderne. Dabei hat er sich f\u00fcr den Beruf gar nicht so recht qualifiziert. Seine erste Gattin, Martha Marie Susanne Hildegard Ditter aus Waldheim, hat er exakt vor hundert Jahren geehelicht, sie starb acht Jahre drauf. 1930 der zweite Versuch \u2013 nach drei Jahren wurde die Verbindung mit der neunzehn Jahre j\u00fcngeren Magdalena Gabriele Adele Hampel aus Dresden f\u00fcr nichtig erkl\u00e4rt, die Dame entschwand nach Sansibar in Ostafrika.<\/p>\n<p>Dann versuchte Herr von Redwitz es mit einer \u00c4lteren \u2013 Heidi \u00fcbernahm die Vermarktung seines &#8220;bew\u00e4hrten Instituts f\u00fcr Eheanbahnung&#8221;.<br \/>\nDas waren noch Zeiten. Da hie\u00df es, &#8220;Des Schicksals Wege sind wunderbar, nutzen auch Sie die Zeit&#8221; \u2013 und schon fand sich f\u00fcr jedes T\u00f6pflein auch ein Deckelchen. Die Hosen hatte Frau von Redwitz an.<br \/>\nUnd heute?<br \/>\nHeute m\u00fcssen wir uns Sorgen machen. Auf der Berlinale muss uns ein tunesischer K\u00fcnstler erz\u00e4hlen, wie das geht mit der Liebe. Und in der Werbung erkl\u00e4ren fr\u00f6hliche Menschen, dass sie das ganze Romanzen-Gesch\u00e4ft nun im Internet abwickeln. \u201eIch dingsbumse jetzt.\u201c<\/p>\n<p>Sieben Millionen Frauen und M\u00e4nner sind mittlerweile online auf der Pirsch. \u00dcber 200 Millionen Euro werden in der Netz-Kuppel-Branche umgesetzt &#8211; geile Geschichte! Nur manchmal etwas undurchsichtig.<br \/>\nDas mit der virtuellen Kontaktherstellung ist so eine Sache. Die meisten Partnerb\u00f6rsen im Internet haben ihre Macken. Das hat die Stiftung Warentest herausgefunden. \u201eDas schwache Abschneiden liegt meist am laxen Umgang der Anbieter mit den Nutzerdaten und an unfreundlichen Gesch\u00e4ftsbedingungen.\u201c<br \/>\nStiftung Warentest weiter: \u201eZahlungsdaten und pers\u00f6nliche Angaben werden h\u00e4ufig lesbar \u00fcbermittelt. Einige\u00a0 Anbieter haben deutliche und zwei sogar sehr deutliche M\u00e4ngel in den allgemeinen Gesch\u00e4ftsbedingungen. Seriosit\u00e4t sieht anders aus.\u201c<br \/>\nVielleicht sollte man sich doch auf Traditionelles besinnen.<\/p>\n<p>Was eine echte L\u00f6wen-Mama ist, die nimmt das Schicksal des Sohnes immer noch selbst in die Hand. Und das sieht dann so aus:<\/p>\n<p>F\u00fcr kleines Geld wird eine Anzeige geschaltet, die denn auch wirklich zum ultimativen Erfolg f\u00fchren muss. So gesehen dieser Tage in einer seri\u00f6sen \u00fcberregionalen Zeitung. \u201eBildh\u00fcbsches M\u00e4dchen aus gutem Hause gesucht\u201c, steht da. \u201eHerzlich, ehrlich und humorvoll\u201c soll sie sein und \u201emehr im Hirn\u201c haben \u201eals nur Partys und shoppen.\u201c<\/p>\n<p>Wenn sie die Pr\u00fcfung besteht, bekommt sie einen \u201efeinen, reifen, wohlhabenden jungen Mann, 20., sehr attr., humorvoll, selbstsicher, Top-Athlet, NR und NT\u201c (was wohl f\u00fcr Nichtraucher und Nichttrinker steht).<\/p>\n<p>Dass das \u201ebildh\u00fcbsche M\u00e4dchen\u201c auch noch begehrenswerte Eltern mit intaktem Wertegef\u00fchl und einem sicheren H\u00e4ndchen f\u00fcr die treffende Formulierung einer s\u00fc\u00dfen Dingsbums-Werbung bekommt, versteht sich von selbst.<\/p>\n<p>Und sie muss sich obendrein nicht in diesem verflixten Netz verheddern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 2. februar 2016 Bei der Berlinale stehen sie in diesem Jahr nicht sehr auf romantische Stoffe. 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