{"id":2203,"date":"2016-02-01T18:42:21","date_gmt":"2016-02-01T18:42:21","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2203"},"modified":"2016-02-01T19:01:15","modified_gmt":"2016-02-01T19:01:15","slug":"der-tv-arbeiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/der-tv-arbeiter\/","title":{"rendered":"DER TV-ARBEITER"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 1. februar 2016<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wolfgang Rademann (das ist der Herr im blauen Hemd) hat sich immer gern die H\u00e4nde schmutzig gemacht. Schon damals in Neuenhagen, wo er aufgewachsen ist. Da hat er in den alten Zeitungen vom Papa w\u00fchlen d\u00fcrfen. Der hat n\u00e4mlich ganz vieles gesammelt, was so bedruckt wurde in den Kriegstagen: den &#8220;V\u00f6lkischen Beobachter&#8221;, den &#8220;St\u00fcrmer&#8221;, das &#8220;Reich&#8221;, die &#8220;Deutsche Allgemeine&#8221;, den &#8220;K\u00e4mpfer&#8221;, den &#8220;Angriff&#8221; und nat\u00fcrlich die &#8220;Berliner Illustrirte&#8221;.<\/p>\n<p>Das alles hat Rademann senior studiert und die wichtigen Seiten aufgehoben. Meldungen von der Front, Neues aus der gro\u00dfdeutschen Heimat, Wichtiges aus der Region. Als der Vater 1947 starb, gab es im Haus ein klein-feines Archiv des kurzen tausendj\u00e4hrigen Reiches.&#8221;Ja, damals schon habe ich die Druckerschw\u00e4rze an den Fingern gemocht.&#8221;<\/p>\n<p>Auch nach seinem schweren Sturz vor einigen Monaten, lie\u00df sich Wolfgang Rademann unbeirrt Bedrucktes in Krankenhaus bringen. Denn eigentlich wollte er wieder auf die Beine kommen. Rademann hat es im Umgang mit sich selbst immer so gehalten: Nur kein Drama um die eigene Person machen. Nur keine lauten T\u00f6ne. Immer sch\u00f6n weiter arbeiten. Urlaub? Nein danke. Sport? Was soll das denn? Party, Party! Nicht mit Rademann.<\/p>\n<p>Er hat seinen Job gemacht. Bis zum Schluss. Nun ist Wofgang Rademann an den Folgen des Sturze gestorben. Er wurde 81 Jahre alt. Rademann gilt als Begr\u00fcnder erfolgreicher Fernsehserien wie Das Traumschiff sowie Die Schwarzwaldklinik. 2015 erhielt Rademann den Bambi f\u00fcr sein Lebenswerk<\/p>\n<p>Rademann, einer der erfolgreichsten Unterhaltungsmacher im deutschen Fernsehen, konnte gar nicht anders: Er musste alles lesen und verarbeiten. Die kleinen Meldungen und die gro\u00dfen Geschichten, die grell-lauten Anzeigen und die balkendicken \u00dcberschriften. Er musste sich durchw\u00fchlen durch dieses Papier-gewordene Leben. Er sa\u00df in seiner Ecke der Bar im &#8220;Kempinski&#8221; &#8211; wenn man reinkam, hinten links, ganz gut abgeschirmt. Kleiner Tisch, da passen maximal vier Menschen hin. Rademann hatte einen kleinen Block vor sich, ein halbvoll gekritzeltes Papier, eine kleine Zettelsammlung seines Ausschnittdienstes, der jede Rademann-Erw\u00e4hnung, vom Garmisch-Partenkirchner Tagblatt bis zu den Kieler Nachrichten, vermerkt. Ein Kuli, ein ziemlich unaktuelles Handy.<\/p>\n<p>Er l\u00fcmmelte im Sitzm\u00f6bel, lie\u00df seine wachen Augen unabl\u00e4ssig flitzen und hatte so etwas wie leicht sp\u00f6ttische Erwartung im Gesicht: Na, dann zeig mal, was Du zu sagen hast. Unterhalt mich mal &#8216;n bisschen! Nur ja keine Langeweile aufkommen lassen! Wolfgang Rademann liebte dieses Leben im Zeit-raffer. &#8220;Nach zehn Minuten wei\u00df ich in der Regel, was ich von jemandem zu halten habe. Und wenn man miteinander kann, hat man dann auch zwei Stunden gut Spa\u00df miteinander.&#8221;Danach trennt sich noch einmal die Spreu vom Weizen.<\/p>\n<p>Seine Abendtermine arbeitete Rademann gern in drei Schichten ab. Die erste dauerte von sieben bis neun, die zweite von neun bis elf, danach war Open End &#8211; da wurden nur Rademann-VIPs vorgelassen. Und so defilierten sie an Wolfgang Rademann &#8211; der gern mal als &#8220;Urgestein&#8221; der deutschen Fernseh-Unterhaltung charakterisiert wurde &#8211; vorbei: die jungen Schauspielerinnen, die von einer Rolle zur guten Sendezeit tr\u00e4umten; deren \u00e4ltere Kollegen, denen die Felle davonschwammen; die Stars, denen im Kempi jeder die T\u00fcr aufh\u00e4lt; die Drehbuchschreiber, die meinten, das ganz gro\u00dfe Ding in petto zu haben.<\/p>\n<p>Und Rademann (&#8220;Ich bin kein Zyniker, sonst k\u00f6nnte ich meinen Job nicht machen&#8221;) durchschaute die meisten. Die Windmacher und die Trittbrettfahrer, die Blender und die Selbstdarsteller. Mit denen war er meist schnell durch. Keine Zeit f\u00fcr Mittelm\u00e4\u00dfigkeit.&#8221;Bauchmensch&#8221; Rademann hatte es nicht mit der Tiefenpsychologie und auch nicht mit der Religion. F\u00fcr Wolfgang Rademann z\u00e4hlten ganz irdische Erfahrungswerte. Rademann besiegelte Vereinbarungen mit Handschlag (&#8220;Ein Mann, ein Wort&#8221;), er band sich an nichts und fast niemanden; mit der Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek war er liiert &#8211; und das ging gut, weil sie am Bodensee und er, der Berliner, in der Welt lebte.<\/p>\n<p>Einmal war er mit einer Geldanlage als junger Mann auf die Schnauze gefallen, seither legte er die Kohle konventionell an. ZDF-Mann Wolfgang Rademann lie\u00df sich auch nicht von den Privaten abwerben, weil &#8220;das, was ich mehr verdienen w\u00fcrde, f\u00fcr den Arzt draufgehen w\u00fcrde, der mich wegen des \u00c4rgers mit den neuen Redakteuren behandeln m\u00fcsste&#8221;.<\/p>\n<p>Rademann griente und kratzte sich am Bauch. Alles gut. Er h\u00f6rte prima, dachte flott und hatte gute Augen. Er kriegte alles Wichtige mit, was sich im Fernsehen tut und zog &#8211; oft unbemerkt &#8211; heftig an Strippen. Er pflegte seine Freunde (&#8220;Da gibt es leider &#8216;nen gewissen Schwund. Bald kann ich &#8216;n Zelt aufm Friedhof aufstellen.&#8221;) und guckte ganz genau hin, was die Jungen machen. Manchmal haben sie sein Mitgef\u00fchl. &#8220;Da fehlt heute immer wieder der Pfiff, es ist nicht mehr so lustig.&#8221;<\/p>\n<p>Aber dann war auch schon wieder Schluss mit nachdenklich. Das Leben war zu kurz. Es gab so viele Dinge, \u00fcber die man sich freuen konnte. Rademann kam wieder auf die Sache mit den Zeitungen zu sprechen. Ist doch doll, wenn man auf seine alten Tage seinem K\u00f6rper endlich beigebracht hat, &#8220;dass der gef\u00e4lligst keinen Jetlag mehr hat&#8221;: Dann kann man die Neun-Stunden-Fl\u00fcge \u00fcber den Gro\u00dfen Teich so richtig genie\u00dfen. Mit Zeitungen, Zeitungen, Zeitungen. Da k\u00f6nnen die Stewardessen das Papier gar nicht so schnell entsorgen, wie er es scannt.<\/p>\n<p>Wenn er mal Entzugserscheinungen hatte &#8211; das kann auf dem &#8220;Traumschiff&#8221; fernab vom n\u00e4chsten sch\u00f6nen deutschen Kiosk schon mal geschehen -, dann zahlte er einem Freund ein Flugticket und die 500 Dollar f\u00fcrs \u00dcbergep\u00e4ck, damit der dem Meister die Zeitungen apportierte. Und dann wurde die Kabinent\u00fcr verriegelt und geschm\u00f6kert. Denn eines konnte der Erfinder der &#8220;Schwarzwaldklinik&#8221; nicht verknusen: Dass er was verpasste.<\/p>\n<p>Ist ihm einmal passiert. Er lag auf den Bahamas und lie\u00df sich die Sonne auf den Pelz brennen &#8211; da sah er, dass immer mehr Touristen an der Bar CNN live guckten. Irgendwas aus Berlin. Nee, nicht irgendwas &#8211; der Fall der Mauer wurde da \u00fcbertragen. Mann, was war der Rademann sauer! F\u00fcr &#8216;nen Tausender hat er mit zu Hause telefoniert, den n\u00e4chsten Flieger genommen und ist am 11. November 1989 an der Friedrichstra\u00dfe in den Osten marschiert. Zwei Tage zu sp\u00e4t. &#8220;Ich habe mich so ge\u00e4rgert. So wat passiert mir nicht mehr.&#8221;<\/p>\n<p>Damals hat er wie ein Schelm ausgesehen. Er hat so ein Gesicht gezogen, dass man sich auch jetzt vorstellen kann. Und dazu w\u00fcrde er sein Ableben kurz und knapp kommentieren: \u201eMacht ma blo\u00df keen Jed\u00f6ns!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 1. februar 2016 Wolfgang Rademann (das ist der Herr im blauen Hemd) hat sich immer gern die H\u00e4nde schmutzig gemacht. 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