{"id":218,"date":"2015-01-07T08:13:14","date_gmt":"2015-01-07T08:13:14","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=218"},"modified":"2015-01-07T08:19:03","modified_gmt":"2015-01-07T08:19:03","slug":"kindl-kaiser-co","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/kindl-kaiser-co\/","title":{"rendered":"KINDL, KAISER &amp; CO"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>berlin, 7. januar 2015<\/em> \u00a0 \u00a0 Eigentlich klingt es doch einladend: \u201eDer KINDL BOULEVARD bietet Komfort, Modernit\u00e4t und Sicherheit in City-N\u00e4he.\u201c Wow! Das muss ja ein sch\u00f6nes St\u00fcck Berlin sein, dieser \u201eKindl Boulevard\u201c. Lust auf ein bisschen Flanieren? Ja? Selber schuld!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber vom \u201eKaiser\u201c gibt es eine kleine italienische Bar. Dort trinken vor allem Italiener ihren Segafredo und f\u00fchlen sich wie zuhause. Sie tauschen sich aus \u00fcber die Politik in der Heimat, \u00fcber den Wechsel des deutschen Fu\u00dfballprofis Lukas Podolski von Arsenal zu Inter Mailand. Nat\u00fcrlich unterhalten sie sich \u00fcber die Familie und die Frauen.<\/p>\n<p>Was italienische Kerle halt so zu bereden haben.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner vor der Bar haben viel Zeit. Sie beachten nicht die Passanten, die an ihnen vor\u00fcber treiben. Sie haben sich abgeschottet von der wahren Welt des \u201eKindl Boulevards\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Der gro\u00dfz\u00fcgig angelegte KINDL BOULEVARD bietet als multifunktionales Geb\u00e4ude Raum zur wirtschaftlichen Entfaltung ebenso, wie zur Unterhaltung oder der Erledigung von Alltagsgesch\u00e4ften.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Betreiber des Geb\u00e4udekomplexes in Berlin Neuk\u00f6lln lieben gro\u00dfe Spr\u00fcche. Waren wohl schon l\u00e4nger nicht am Boulevard. Der \u201eSchlecker\u201c, von dem sie schw\u00e4rmen, ist abgewickelt. Mit der wirtschaftlichen Entfaltung haben die Mieter massive Probleme. Unterhaltung gibt es in einem Kino, vor dem vom sp\u00e4ten Nachmittag an zornige junge Menschen die Zeit tot schlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Irgendwie mag man den Bewerbern des Boulevards nicht so recht glauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><br \/>\nGro\u00dfen Wert legt das Management auf die Pflege des Geb\u00e4udes und Sicherheit im Haus.<br \/>\nIm Centerb\u00fcro vor Ort finden Mieter jederzeit Ansprechpartner.<br \/>\nDie im KINDL BOULEVARD angebotenen Services stellen eine intelligente Verkn\u00fcpfung aller Dienstleistungen rund um das Geb\u00e4ude dar.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Nee! Stimmt alles nicht.<\/p>\n<p>Der Boulevard ist eine zugige Passage. Die \u00fcberforderten Ansprechpartner helfen den Menschen vor allem, sich \u00fcber den Tag und den Monat zu retten. Der Arzt behandelt im Akkord, bei ihm stehen die Patienten Schlange. Der Anwalt verwaltet Armut, streitet f\u00fcr seine Mandanten um Cent-Betr\u00e4ge und wirkt ein bisschen wie Don Quixote im Kampf gegen die Windm\u00fchlen. Es riecht schlecht auf dem Boulevard, es ist dreckig.<\/p>\n<figure id=\"attachment_222\" aria-describedby=\"caption-attachment-222\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000843.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-222 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000843-300x145.jpg\" alt=\"P1000843\" width=\"300\" height=\"145\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000843-300x145.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000843-600x290.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000843.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-222\" class=\"wp-caption-text\">Boulevard der zerbrochenen Tr\u00e4ume: Viel geht nicht in der &#8220;Kindl-Passage&#8221;. FOTOS: DETLEF VETTEN<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht beim \u201eKaiser\u201c nat\u00fcrlich. Dort putzen die Angestellten den Kunden pingelig hinterher. Die wiederum verirren sich zwischen den Regalen und kaufen teure Waren f\u00fcr Geld, das sie eigentlich nicht haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Faire Konditionen, hauseigener Service bei ausgezeichneten r\u00e4umlichen Bedingungen sind Qualit\u00e4ten dieses seit 1996 etablierten Einkaufszentrums.<br \/>\nDer KINDL BOULEVARD wird aufgrund seiner g\u00fcnstigen Lage im Herzen Neuk\u00f6llns und der Pr\u00e4senz von<br \/>\nKaiser\u00b4s Verbrauchermarkt, Restaurants, Caf\u00e9s etc., sehr gut frequentiert.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ehrlich?<\/p>\n<p>Vor der italienischen Bar ist von der Attraktivit\u00e4t des \u201eBoulevards\u201c nichts zu sp\u00fcren. Die Menschen hasten vorbei, hier wollen sie nicht lange bleiben.<\/p>\n<p>Und es gibt die Frauen und M\u00e4nner, die mutlos durch den Boulevard der zerbrochenen Tr\u00e4ume schlurfen. Nur scheinbar ziellos lassen sie sich treiben. Sie wollen in den S\u00fcdfl\u00fcgel des Geb\u00e4udekomplexes.<\/p>\n<p>Dort dr\u00fccken sie sich in einen schmuddeligen Eingangsbereich (hier riecht es noch muffiger als drau\u00dfen in der Passage), sie fahren in einem beklemmenden Lift nach oben, ziehen eine Nummer und warten, bis sie dran sind:<\/p>\n<p>Mit Verwaltet-Werden.<\/p>\n<p>Mit Entgegennehmen von Dem\u00fctigungen.<\/p>\n<p>Mit Sich-Sch\u00e4men.<\/p>\n<figure id=\"attachment_221\" aria-describedby=\"caption-attachment-221\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-221 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000834-300x225.jpg\" alt=\"P1000834\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000834-300x225.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000834-600x450.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000834.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-221\" class=\"wp-caption-text\">Geschlossene Gesellschaft!<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie sind angekommen, diese Frauen und M\u00e4nner. Es gibt f\u00fcr sie keinen letzten Ausgang mehr. Es gibt kein Zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Sie sind Hartz IV.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>MORGEN\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bittg\u00e4nge, oder: Du hast keine Chance \u2013 nutze sie! <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 7. januar 2015 \u00a0 \u00a0 Eigentlich klingt es doch einladend: \u201eDer KINDL BOULEVARD bietet Komfort, Modernit\u00e4t und Sicherheit in City-N\u00e4he.\u201c Wow! Das muss ja ein sch\u00f6nes St\u00fcck Berlin sein, dieser \u201eKindl Boulevard\u201c. Lust auf ein bisschen Flanieren? Ja? Selber schuld! &nbsp; Gegen\u00fcber vom \u201eKaiser\u201c gibt es eine kleine italienische Bar. 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