{"id":2164,"date":"2016-01-25T18:59:43","date_gmt":"2016-01-25T18:59:43","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2164"},"modified":"2016-01-25T18:59:43","modified_gmt":"2016-01-25T18:59:43","slug":"weg-damit-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/weg-damit-2\/","title":{"rendered":"WEG DAMIT"},"content":{"rendered":"<div>berlin, 25. januar 2016<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der T\u00e4towierer aus der Sch\u00f6neberger Hauptstra\u00dfe ist ein unlustiger Mann. Zur Zeit freilich vibriert in dem Kerl ein besonders gro\u00dfer Zorn. Er hat diesen David Bowie echt dick. Da stirbt der Typ irgendwo in den Staaten &#8211; und er, der freudlose Tatoo-Mann aus Berlin, hat die Sauerei vor der Haust\u00fcr.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Blo\u00df weil dieser Bowie mal hier im Haus gelebt hat, legen wildfremde Menschen Dinge aufs Trottoir. Stehen rum, heulen ein bisschen &#8211; und hinterlassen eine einzige Sauerei.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der Tatoo-Mann b\u00fcckt sich, greift drei abgebrannte ewige Lichter und feuert sie auf die Stra\u00dfe. Fuck! Es ist echt an der Zeit, dass dieser Bowie-Zirkus ein Ende hat.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<figure id=\"attachment_2161\" aria-describedby=\"caption-attachment-2161\" style=\"width: 980px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2161 size-full\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8287.jpg\" alt=\"DSC_8287\" width=\"980\" height=\"698\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8287.jpg 980w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8287-300x214.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8287-768x547.jpg 768w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8287-600x427.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2161\" class=\"wp-caption-text\">Look up here, I&#8217;m in heaven.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Ist schlie\u00dfkich schon zwei Wochen her, dass am Montagmorgen des 11. Januar ein Mann\u00a0auf dem B\u00fcrgersteig der Sch\u00f6neberger Hauptstra\u00dfe stand und weinte. Er k\u00fcmmerte sich nicht um die vorbei eilenden Passanten, er stand auf einer Blankeisplatte, starrt auf Kerzen und Rosen vor dem Haus Nummer 155 und ist nur traurig.<\/div>\n<p>\u201eDas haut mich aus den Schuhen\u201c, sagte er. \u201eGerade noch habe ich einen drauf getrunken, dass er ewig lebt. Und dann das!\u201c<\/p>\n<p>Der Mann lebt in Sch\u00f6neberg, ein paar Stra\u00dfen weiter. Er hat Familie, ist gut in den Sechzigern, die Haare sind ihm in den letzten Jahren partiell verlustig gegangen, den d\u00fcnnen Rest l\u00e4sst er schulterlang wachsen.<\/p>\n<p>Man trifft sich manchmal im \u201eNostalgie\u201c in der Crellestra\u00dfe, wo die Musik aus den wilden Mauer-Zeiten gespielt wird und ein gerahmtes Bowie-Cover an der Wand h\u00e4ngt. Da sitzt unser Mann dann am Tresen, l\u00e4sst sich gern \u201eMike\u201c nennen &#8211; und wenn er zuviel Alk hat, erz\u00e4hlt er, wie es war, als David mit Iggy in der Hauptstra\u00dfe lebte.<\/p>\n<p>Jetzt war Bowie tot.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2160\" aria-describedby=\"caption-attachment-2160\" style=\"width: 980px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2160 size-full\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8505.jpg\" alt=\"DSC_8505\" width=\"980\" height=\"610\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2160\" class=\"wp-caption-text\">I&#8217;ve got scars that can&#8217;t be seen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mike wischte sich die Augen trocken. Am\u00a0Freitag zuvor hatten sie ihren David noch gefeiert. Da war die neueste CD von David Bowie auf den Markt gekommen. Im \u201eNeuen Ufer\u201c war die Bude gerammelt voll mit Menschen, die sich tierisch freuten. Junge, Alte, M\u00e4nner, Frauen, Schwule, Nicht-Schwule. War ein geiler Abend.<\/p>\n<p>Bowie hatte sie wieder mal alle \u00fcberrascht. Nach den letzten CDs hatte er wieder mal so ein Teil in die Szene geballert, dass die Kritiker \u00a0japsten. Man hatte sich be\u00f6mmelt im \u201eNeuen Ufer\u201c, weil die Feuilletonisten vor lauter Staunen \u00fcber das Kreativ-Cham\u00e4leon Bowie \u00a0gar nicht wussten, wie sie die richtigen Vokabeln f\u00fcr ihre Lobhudeleien finden sollten.<\/p>\n<p>Und jetzt: tot.<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dfte\u201c, sagte Mike. \u201eWei\u00dfte, das ist tragisch.\u201c Er hielt inne, dann l\u00e4chelte er traurig, weil ihm etwas durch den Sinn ging. \u201eHam wir uns nicht am Samstag aufm Friedhof gesehen?\u201c<\/p>\n<p>Stimmt. Da war man sich vor dem Grab von Rio Reiser auf dem Alten Sank-Matth\u00e4us-Friedhof begegnet. Reiser-Fans feierten mit Liedern und einer Lesung den 66.en Geburtstag von Rio, der sich schon nach 46 ungez\u00fcgelten Jahren vom Acker gemacht hatte. Man hatte Reiser aufleben lassen, viel gelacht, man hatte sich gern an die Zeit erinnert, als Rio die \u201eInsel\u201c Berlin aufgemischt hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2159\" aria-describedby=\"caption-attachment-2159\" style=\"width: 691px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2159 size-full\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8435.jpg\" alt=\"DSC_8435\" width=\"691\" height=\"980\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2159\" class=\"wp-caption-text\">I&#8217;ve got drama can&#8217;t be stolen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mike fand, das war ein wunderbares Wochenende. Zuerst die Gewissheit, dass Bowie nicht kaputt zu kriegen ist. David, dieses unsterbliche Genie der Musik. Dann die tr\u00f6stliche Erkenntnis, dass selbst nach dem Tod noch keiner \u201eThe End\u201c schreiben kann, wenn jemand was abgeliefert hat in seinem Leben \u2013 so wie Rio Reiser.<\/p>\n<p>Rio Reiser. Natalie Cole. Bob Marley. David Bowie. Forever young.<\/p>\n<p>Dachte Mike.<\/p>\n<p>Dann hatte er am Morgen des 11. Januar 2016 den Radioapparat eingeschaltet, und ein Nachrichtensprecher las vor: \u201eEiner der bekanntesten Musiker der vergangenen Jahrzehnte ist tot: David Bowie starb im Alter von 69 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens. Das teilten Familie und Team des britischen Rocks\u00e4ngers mit. Demnach starb Bowie bereits am Sonntag im Kreise seiner Familie.\u201c<\/p>\n<p>Reiser. Cole. Marey. Bowie. Tot.<\/p>\n<p>Jetzt stand Mike an diesem tristen Morgen vor dem Eingang der Hauptstra\u00dfe 155 und wehrte sich nicht gegen den Film, der in ihm ablief:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2158\" aria-describedby=\"caption-attachment-2158\" style=\"width: 980px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2158 size-full\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8353.jpg\" alt=\"DSC_8353\" width=\"980\" height=\"649\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8353.jpg 980w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8353-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8353-768x509.jpg 768w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8353-600x397.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2158\" class=\"wp-caption-text\">Everybody knows me now.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er erinnerte sich, wie es gerochen hatte damals.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>Nehmen wir den Winter am 11. Januar 1977. Es ist eher mild in Berlin, nachmittags f\u00e4llt ab und zu ein wenig Regen. Die Stadt d\u00fcnstet nach Kohle und Diesel und Abgasen.<\/p>\n<p>David Bowie lebt zu diesem Zeitpunkt seit einem knappen Jahr\u00a0 in der Hauptstra\u00dfe. \u00a0Die exotische deutsche Stadt inmitten einer Mauer war f\u00fcr den Weltstar der letzte Fluchtpunkt. Nach seiner Platte \u201eSpace Oddity\u201c hatte er keine\u00a0 Ruhe mehr gefunden, er konnte nicht mehr ohne Drogen. Bowie hatte sich am Ende gef\u00fchlt. Da nahm der seinen \u201eLast Exit Berlin\u201c. Gabelte seinen Kumpel Iggy Pop in der Klapse auf (der war noch \u00fcbler drauf als Bowie) nahm den Flieger nach Tegel und bezog die Altbau-Wohnung in Sch\u00f6neberg.<\/p>\n<p>Nun lebt er also schon eine ganze Weile in Berlin. Er kennt den Besitzer des Pelzladens nebenan und den Betreiber des Gesch\u00e4fts f\u00fcr Auto-Ersatzteile. Er liebt es, unerkannt durch die Stadt zu stromern. Nur wenn er in die ZIP-Musikl\u00e4den am Ku\u2019damm und an der Ged\u00e4chtniskirche tritt und sich dann durch die neuen Platten h\u00f6rt, tuscheln die Leute hinter seinem R\u00fccken. Aber sie lassen ihn in Ruhe. Erst nachdem er mit einem Armvoll neuer Platten den Laden verlassen hat, l\u00f6chern jedes Mal ein paar Neugierige die Verk\u00e4ufer, was denn David Bowie geshoppt habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2156\" aria-describedby=\"caption-attachment-2156\" style=\"width: 980px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2156 size-full\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8617.jpg\" alt=\"DSC_8617\" width=\"980\" height=\"682\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2156\" class=\"wp-caption-text\">Just like that bluebird<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist ein gutes Leben. \u201eDie besten Tage meines Lebens\u201c wird David Bowie sp\u00e4ter schw\u00e4rmen, wenn er sich an seine Berliner Zeit zwischen 1976 und 1978 erinnert.<\/p>\n<p>Im Januar 1977 geht es ihm wirklich gut. Fast perfekt ist alles. Er ist gerade 30 geworden (Geburtstag hat er am achten Januar). Zum Nachdenken, Schreiben und Musizieren braucht er nicht viel. Eine gute Matratze, ein paar treue M\u00f6bel, B\u00fccher, Bilder, Platten, Instrumente, eine Musikanlage. Ein Zimmer f\u00fcr Sohn Zowie, der im Kiez zu Schule geht.<\/p>\n<p>Perfekt, echt. Fast perfekt.<\/p>\n<p>Denn da ist eben noch dieser Iggy. Das ist ein saubegabter Typ, genialer Musiker. Einer, der sich auch die Sucht aus dem K\u00f6rper arbeitet. Mit Esther Friedman schenkt er David ein rostiges Mercedes-Cabrio. Man malt zusammen, man redet \u00fcber neue Lieder, man bummelt durch die Tr\u00f6dell\u00e4den am Winterfeldtplatz. So weit, so gut.<\/p>\n<p>Aber dieser Iggy kann einem auch den letzten Nerv rauben. Vor allem seine Verfressenheit macht David Bowie komplett irre. Kaum hat er, David, beim KadeWe wieder mal in der Lebensmittelabteilung sch\u00f6n eingekauft und den K\u00fchlschrank nett einger\u00e4umt, robbt sich auch schon Iggy, diese nimmersatte Made, ran und putzt alles weg. Der h\u00f6rt erst auf, wenn im K\u00fchlschrank nichts mehr zu holen ist.<\/p>\n<p>Irgendwann mag Bowie nicht mehr. Er quartiert Iggy Pop aus, der nimmt sich eine eigene Wohnung in der Hauptstra\u00dfe 155.<\/p>\n<p>Und von nun an ist es die vollkommene K\u00fcnstlerbeziehung:<\/p>\n<p>David Bowie schreibt wie besessen und er f\u00fchlt sich wie ein \u201eSchwamm\u201c. Er packt Iggy in den Mercedes, und sie juckeln nach Ost-Berlin. Dort kaufen sie Platten und berauschen sich an dem Geruch eines fremden Regimes.<\/p>\n<p>Oder sie juckeln im offenen Cabrio zum \u201eBr\u00fccke\u201c-Museum und lassen sich inspirieren.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt, diese deutsche Kultur. Die Hansa-Studios an der Mauer, wo sich so wunderbar arbeiten l\u00e4sst. Oder \u201edie expressionistischen Filmemacher und die K\u00fcnstler. Das innere Erleben wurde immer wichtiger. Und dann ,Kraftwerk!\u2018 Die Verwendung elektronischer Instrumente hat mich davon \u00fcberzeugt, dass ich mich mit dieser Art von Musik eingehender befassen musste.\u201c<\/p>\n<p>Wenn sie genug von der Kunst haben, cruisen David und Iggy an den Wannsee \u2013 da kennt Bowie ein Restaurant am Wasser, wo man Schweineleber und Eisbein serviert bekommt. Das ist doch mal was.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2157\" aria-describedby=\"caption-attachment-2157\" style=\"width: 980px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2157 size-full\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8279.jpg\" alt=\"DSC_8279\" width=\"980\" height=\"632\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8279.jpg 980w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8279-300x193.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8279-768x495.jpg 768w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8279-600x387.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2157\" class=\"wp-caption-text\">Oh, I&#8217;ll be free.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abends l\u00e4sst Iggy die Sau raus, David h\u00e4lt sich ein wenig zur\u00fcck. Gerne treffen sie sich im \u201eAnderen Ufer\u201c. Die Schwulenkneipe hat gerade neu er\u00f6ffnet, und drinnen brummt\u2019s nur so von Anders-Sein und Anders-Denken. Einmal werfen Rocker die Scheibe ein \u2013 da kommt Bowie am n\u00e4chsten Morgen und erkl\u00e4rt, er \u00fcbernehme die Reparaturkosten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wird er auch sagen: \u201eIn Berlin bin ich noch einmal auf die Welt gekommen. Die Stadt hat meine Musik in neue Richtungen gelenkt. Ich habe mein Wertesystem ge\u00e4ndert. In Berlin habe ich nach Jahren zum ersten Mal richtige Lebensfreude empfunden und mich befreit und ges\u00fcnder gef\u00fchlt. Eine wunderbare Stadt, eine der sch\u00f6nsten der Welt. In ihr kannst Du Dich sehr einfach ,verlieren\u2018 \u2013 aber Du wirst Dich in ihr auch wieder ,finden\u2018, ich schw\u00f6r\u2019s.\u201c<\/p>\n<p>Damals hat Mike ein paarmal den Weltstar Bowie getroffen. Einmal liefen sie sich im \u201eDschungel\u201c in der N\u00fcrnberger Stra\u00dfe \u00fcber den Weg. War ein Abend, von dem man noch den Enkeln erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Und wenn denn Mike ein Glas zuviel hat, kann er es nicht lassen. Dann muss die Besatzung im \u201eNostalgie\u201c zum gef\u00fchlt hundertelften Mal zuh\u00f6ren, wie es war:<\/p>\n<p>\u201eBumsvoll war\u2018s. Da kommt er rein mit seinen Freunden. Wir tun so, als ob wir ihn nicht kennen. Er ist immer noch v\u00f6llig durch den Wind von dem Konzert. Iggy Pop macht was kaputt, ein Groupie legt sich halbnackend aufn Tisch. Die Musik ist so wild, dass Dir die T\u00f6ne das Hirn zerkratzen. Gro\u00dfes Geknutsche, gro\u00dfe Sauferei, Iggy pennt am Tisch ein. Und mittenmang sitzt David Bowie wie der Duce und macht sich Notizen. Der war, als w\u00fcrde ihm die Welt geh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>Mike sah auf das Ewige Licht, das er in den Eingang der Hauptstra\u00dfe 155 gestellt hatte.<\/p>\n<p>\u201eNee, das geht nicht in meinen Kopf. Dass der tot sein soll.\u201c<\/p>\n<p>Welches Lied ihn am meisten an Berlin erinnere, ist David Bowie mal gefragt worden. Er meinte, das sei wohl \u201eYassassin\u201c gewesen. Das Wort hatte er in der Hauptstra\u00dfe bei Nachbarn aufgeschnappt. Gastarbeiter waren das gewesen, T\u00fcrken. Yassassin, hatten sie ihm beigebracht, st\u00fcnde f\u00fcr ,langes Leben\u2018.<\/p>\n<p>Und dann war da noch \u201eHeroes\u201c, sagte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Ich.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Ich glaubte zu tr\u00e4umen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Die Mauer.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Im R\u00fccken war kalt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Sch\u00fcsse rei\u00dfen die Luft.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Doch wir k\u00fcssen,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Als ob nichts geschieht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Und die Scham fiel auf ihre Seite.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Oh, wir k\u00f6nnen sie schlagen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>F\u00fcr alle Zeiten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Dann sind wir Helden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Nur diesen Tag.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Es ist genau zwei Wochen her. Mike ist oft betrunken gewesen in den letzten 14 Tagen. Er hat sich im &#8220;Nostalgie&#8221; bet\u00e4ubt und in den Pinten rund um den Nollendorfplatz. Manchmal war er auch im &#8220;Neuen Ufer&#8221;. Dort lag eine Woche lang die &#8220;Gala&#8221; und feierte das Comeback des David Bowie, von dem man nach der neuen CD noch viele wunderbare Lieder erwarten durfte. So stand es in der &#8220;Gala&#8221; &#8211; dabei war Bowie schon mausetot. Mike fand das nicht sehr komisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">\n<figure id=\"attachment_2155\" aria-describedby=\"caption-attachment-2155\" style=\"width: 980px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2155 size-full\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/DSC_8419.jpg\" alt=\"DSC_8419\" width=\"980\" height=\"706\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2155\" class=\"wp-caption-text\">Ain&#8217;t that just like me.&#8221; Aus David Bowie, &#8220;Lazarus&#8221; \/ Fotos: Barbara Volkmer<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: left\">\n<p style=\"text-align: left\">Jeden Tag steht er vor der Haust\u00fcr der Hauptstra\u00dfe 155 und denkt daran, dass auch seine eigene Vergangenheit mausetot ist. Die Gedichte f\u00fcr David verwischen, die Kerzen brennen nicht mehr, die Blumen sind welk. Bald kommen die Stadtreiniger.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Das wird ein Festtag f\u00fcr den Tatoo-Mann. Endlich ist er dann diesen Bowie los.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 25. januar 2016 Der T\u00e4towierer aus der Sch\u00f6neberger Hauptstra\u00dfe ist ein unlustiger Mann. Zur Zeit freilich vibriert in dem Kerl ein besonders gro\u00dfer Zorn. Er hat diesen David Bowie echt dick. Da stirbt der Typ irgendwo in den Staaten &#8211; und er, der freudlose Tatoo-Mann aus Berlin, hat die Sauerei vor der Haust\u00fcr. 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