{"id":2153,"date":"2016-01-21T18:51:55","date_gmt":"2016-01-21T18:51:55","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2153"},"modified":"2016-01-21T18:51:55","modified_gmt":"2016-01-21T18:51:55","slug":"zuruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/zuruck\/","title":{"rendered":"ZUR\u00dcCK?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XLIX<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Der Sommer ging zu Ende. Morgen w\u00e4re Herbst. Hans Krohn bog vom gro\u00dfen Kanal nach rechts ab. Flott war er unterwegs gewesen. Ein Halt an der Wasser-Tanke von Stettin. Kaffeepause in der Marina mit dem coolen Wirt. Letzte Passage im Hubwerk von Niederfinow. Fahrt unter einem sich f\u00fcllenden Mond. Mozart-Nacht im Radio.<\/p>\n<p>Am d\u00e4mmernden Morgen des letzten Sommertags 2015 schipperte ein tatkr\u00e4ftiger Hans Krohn zu Neuruppiner See. Dort brachte er das Boot vor der Villa seines Kumpels Papa Jupp an Land, und machte sich auf einen z\u00fcgigen Marsch \u00fcber Land.<\/p>\n<p>Er wanderte in einem sehr weiten Bogen um die Stadt. Sah noch bei dem alten reichen Mann vorbei, denn er Anfang des Sommers kennengelernt hatte.<\/p>\n<p>Eugen Matuschke starrte noch mehr vor Dreck und stank noch erb\u00e4rmlicher, als Krohn das in Erinnerung hatte. Sein Hof: immer noch der Elefantenfriedhof ausgemusterter DDR-Landmaschinen.<\/p>\n<p>Den Matuschke st\u00f6rte das \u00fcberhaupt nicht. Ihn interessierte auch nicht, was Krohn in den letzten Monaten erlebt hatte.<\/p>\n<p>\u201eKomm\u201c, sagte Matuschke, \u201eich zeig\u2019 Dir was.\u201c<\/p>\n<p>Er f\u00fchrte Hans Krohn in einen bauf\u00e4lligen entkernten Stall. Im Halbdunkel standen drei junge M\u00e4nner an Werkb\u00e4nken und plagten sich mit Motorenteilen herum. Die M\u00e4nner waren schmal und hatten keinen Mut mehr in den Gesichtern.<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dfte, was das sind?\u201c, fragte Matuschke stolz.<\/p>\n<p>\u201eFl\u00fcchtlinge. Meine ersten drei Fl\u00fcchtlinge.\u201c<\/p>\n<p>Offiziell machten die Drei jeden Tag einen langen Spaziergang. Sie hatten es nicht weit vom Asylentenheim bis zu Matuschkes Hof. Dort lie\u00df er sie arbeiten. Holz machen. Das N\u00f6tigste auf den Feldern. Motoren zum Laufen bringen. Einsf\u00fcnfzig die Stunde.<\/p>\n<p>\u201eDie sind froh, dass sie was haben\u201c, erkl\u00e4rte Eugen Matuschke. \u201eUnd die N\u00e4chsten bekomme ich morgen. So billige Arbeiter habe ich noch nie gehabt.\u201c<\/p>\n<p>Er bellte etwas in Richtung der drei Arbeiter. Sie sollten ihm ja nix kaputt machen. Das w\u00fcrde er vom Lohn abziehen.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner nickten und feilten.<\/p>\n<p>Krohn war sieben Stunden gegangen, nun kam er zum Marktplatz von Neuruppin. Er blieb an einer Hausecke stehen und sah erleichtert, dass der italienische Stand an seinem Platz war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sabrina hielt einem gut aussehenden Mann im Anzug ein St\u00fcck K\u00e4se zum Probieren hin. Der Mann hatte jugendlich-langes Haar und bewegte sich mit der L\u00e4ssigkeit der Gewinner. Er sagte l\u00e4chelnd etwas, Sabrina antwortete mit einem L\u00e4cheln. Sie war sommerbraun, das T-Shirt spannte sich \u00fcber ihren jungen Br\u00fcsten. Sie redete gern mit ihrem Kunden, sie war wohl.<\/p>\n<p>Der Mann kaufte von dem K\u00e4se. Zog ein K\u00e4rtchen aus dem Portemonnaie, schrieb etwas darauf, reichte es \u00fcber den Tresen. Sabrina nahm die Visitenkarte, lie\u00df sie in die Kasse gleiten. Die beiden verabschiedeten sich mit Handschlag.<\/p>\n<p>Hans Krohn hatte das matte Gef\u00fchl von Eifersucht im Schritt.<\/p>\n<p>Nun war kein Kunde am Stand.<\/p>\n<p>Sabrina wischte sich eine Locke, die es nicht gab, aus der Stirn. Er mochte es sehr, wenn sie das tat.<\/p>\n<p>Sie blickte \u00fcber den Platz, die Augen wegen der Sonne leicht zusammen gekniffen.<\/p>\n<p>Sabrina erblickte Hans Krohn: verlegen, m\u00fcdes Gesicht, alt geworden, runde Schultern, \u00e4ngstlich.<\/p>\n<p>Sabrina l\u00e4chelte.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelte sehr.<\/p>\n<p>Sie war zweifellos der sch\u00f6nste Mensch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XLIX Der Sommer ging zu Ende. Morgen w\u00e4re Herbst. Hans Krohn bog vom gro\u00dfen Kanal nach rechts ab. Flott war er unterwegs gewesen. Ein Halt an der Wasser-Tanke von Stettin. Kaffeepause in der Marina mit dem coolen Wirt. Letzte Passage im Hubwerk von Niederfinow. Fahrt unter einem sich f\u00fcllenden Mond. Mozart-Nacht im Radio. 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