{"id":2149,"date":"2016-01-21T18:44:16","date_gmt":"2016-01-21T18:44:16","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2149"},"modified":"2016-01-21T18:44:50","modified_gmt":"2016-01-21T18:44:50","slug":"entzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/entzug\/","title":{"rendered":"ENTZUG"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XLVIII<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0<strong>Wir schaffen das.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>TAG 1<\/p>\n<p>Entzug, kalt.<\/p>\n<p>\u201eMachen Sie das nie\u201c, hatten die \u00c4rzte gewarnt. \u201eDa kriegen Sie das Delir, den epileptischen Anfall, den Kreislauf-Kollaps, das Organ-Versagen.\u201c<\/p>\n<p>Schei\u00df drauf: Entzug, kalt.<\/p>\n<p>Hans Krohn liegt im Schlafsack und friert schwitzend. Sein K\u00f6rper l\u00e4sst ihn nicht aufstehen.<\/p>\n<p>Am Ende ist er. Vertraut nicht mal sich selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>TAG 2<\/p>\n<p>Herrgottnochmal, das ist harsch.<\/p>\n<p>Dieses Rummeln im Kopf. Es rummelt und rummelt, und er hofft, dass es aufh\u00f6ren m\u00f6ge. Er dreht die Musik lauter und lauter \u2013 aber es hilft nichts.<\/p>\n<p>Er wei\u00df, dass nichts helfen wird. Muss warten.<\/p>\n<p>Fernsehen. Die Trash-Sendungen, Filme, Serien, Filme, nackte Frauen, B-Filme. Gegen halb f\u00fcnf Uhr morgens kann er die Augen nicht mehr offen halten. 60 Stunden ohne Schlaf. Er liegt blicklos da und wartet.<\/p>\n<p>Das Schwitzen setzt ein. \u00dcbelkeit und Angst vor einem Anfall. Angst vor der Zukunft. Angst vorm Sterben. Trash, Spielfilm. Doku. Was auch immer.<\/p>\n<p>Danach Nacht zwei.<\/p>\n<p>Sterben. Schwer atmen. Keine Zukunft sehen<\/p>\n<p>So ist das im Entzug. Du liegst da und bist gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>TAG 3<\/p>\n<p>Nun klingen die schlimmsten Misslichkeiten ab. Hans Krohn duscht und rasiert ein Gesicht, das er nicht ausstehen kann. Rote Augen, pralle Tr\u00e4nens\u00e4cke, ein matter Blick. Die Haut grau und fleckig. Ansonsten kann er mit seinem Gesicht ganz gut leben \u2013 aber dieses da im Spiegel macht ihn zornig und mutlos.<\/p>\n<p>Er zieht frische Sachen an. \u201eIch glaube, wir k\u00f6nnen was kochen\u201c, sagt er zu sich. Der Trinker hat begonnen, mit sich zu reden.<\/p>\n<p>Noch einmal ist die Nacht schlaflos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>TAG 4<\/p>\n<p>Am Morgen geht er spazieren. Nicht weit, er muss immer wieder rasten. Er sitzt auf einem Holzstamm und blickt auf den Fluss. Dann geht er wieder ein St\u00fcck. Nach einer halben Stunde ist Krohn schwei\u00dfgebadet, w\u00e4scht sich und schl\u00fcpft wieder ins Bett.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>TAG 5<\/p>\n<p>Der Entzug endet wie gehabt mit einem \u201eKater\u201c im Kopf. Keine gro\u00dfe Weinerlichkeit, davon hat er genug gehabt. Er sieht sich an und zuckt mit den Schultern. Das ist er also.<\/p>\n<p>Schei\u00dfe!<\/p>\n<p>Verzagt. Gedem\u00fctigt. Besch\u00e4mt.<\/p>\n<p>Panisch. Hilflos. Entsetzt.<\/p>\n<p>W\u00fctend. Zornig. Aggressiv.<\/p>\n<p>Suchend. Weitermachend. Kampfbereit.<\/p>\n<p>Hoffend. Wollend. Lebensh\u00e4nglich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>TAG 6<\/p>\n<p>Der Wecker klingelt, und das ist gut so. Hans Krohn tapert ins Bad und putzt die F\u00e4ulnis von den Z\u00e4hnen. Das dauert, denn alles schmeckt noch nach dem Traum.<\/p>\n<p>Zum Abschluss des Entzugs setzt es jedes Mal einen satten Alptraum. Der geht diesmal so:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Ich warte im Hotel auf die Preisverleihung (ich habe gewonnen, wasauchimmer). In der Lobby lungern Kollegen rum. Sie haben schlechte Manieren und reden dummes Zeug. Einer steht auf und kommt auf mich zu. Wir sind befreundet. Er sieht mich ernst an und sagt: \u201eIch werde bald sterben.\u201c Dann zieht er ein Foto von seiner Beerdigung aus der Brusttasche des Sakkos.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Die Anderen widern mich an. Ich mag nicht mehr. Gehe aufs Zimmer, tigere auf und ab. Dann ziehe ich den Koffer vom Schrank, leere den Inhalt aufs Bett und ziehe mit dem Koffer los, um Alkohol zu besorgen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Es ist ein Sonntagnachmittag. Menschenleer die Stadt. Die Stra\u00dfe f\u00fchrt steil bergab. Keine Tanke. Nur ein Italiener. Ich trete ein.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Der Wirt und sein kleiner Sohn hinter dem Tresen. Niemand im Gastraum. Ich kaufe Valpolicelli in gro\u00dfen bauchigen Korbflaschen. Auf der Tageskarte steht Lasagne. Ich bestelle drei Portionen. Der Wirt bringt sie in der Auflaufform, auf deren Boden auch drei Br\u00f6tchen kleben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Ich beginne, den Klumpatsch in den Mitnehm-Karton zu heben. Wie das stinkt! Nach Krankheit, Verfaulen, Kadaver! Zum Kotzen! Es h\u00f6rt nicht auf zu stinken. Und die Br\u00f6tchen kleben so hartn\u00e4ckig in der Auflaufform. Ich kratze und schabe und beginne zu schwitzen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Eiter. Schei\u00dfe. Mundgeruch. Nicht auszuhalten.<\/em><\/p>\n<p>Der Wecker klingelt. Nichts wie ins Bad!<\/p>\n<p>Ein neuer Tag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>TAG 7<\/p>\n<p>Es war kein Grau mehr, alles da oben dunkelte sich schnell ins Schwarz \u2013 gerade hinter dem gewellten, frisch gepfl\u00fcckten Acker im Nordwesten.<\/p>\n<p>Doch, wo sich der Acker in den Horizont bog, waren noch die Spitzen von hohen Kiefern zu erkennen. Dr\u00fcber eben der verdunkelnde Grauhimmel.<\/p>\n<p>Dann ging der Blick ein wenig nach oben, alles verhellte sich, verfloss ins Silbergrelle. Keine Wolken, nur eine silbergrelle Fl\u00e4che.<\/p>\n<p>Die Luft stand.<\/p>\n<p>Dann bogen sich B\u00e4ume im Sturm, Ge\u00e4st wurde abgerissen und jagte \u00fcbers Land.<\/p>\n<p>Donner.<\/p>\n<p>Blitz.<\/p>\n<p>Das war ein Gewitter vom Feinsten. Das konnte einen schon durchr\u00fctteln.<\/p>\n<p>So eines hatte er auch mit Sabrina erlebt. Im Hotel hatten sie gelegen, noch das Lieben im Unterleib, und drau\u00dfen war die Welt aus dem Gef\u00fcge geraten. Sabrina hatte gefragt, ein wenig bang: \u201eM\u00fcssen wir Angst haben?\u201c<\/p>\n<p>Er hatte sich genossen. \u201eNein.\u201c Den Arm hatte er um sie gelegt und sich gef\u00fchlt wie ein Filmheld in Schwarzwei\u00df.<\/p>\n<p>Egal, ob das berechtigt war.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht tat k\u00f6rperlich weh. Magen und so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gewitter zog ab. Krohn wanderte zur\u00fcck zur H\u00fctte. R\u00e4umte auf, sp\u00fclte ab, goss Tee auf.<\/p>\n<p>Trotzdem: grimmes Ungl\u00fccklich-Sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XLVIII &nbsp; . \u00a0Wir schaffen das. &nbsp; TAG 1 Entzug, kalt. \u201eMachen Sie das nie\u201c, hatten die \u00c4rzte gewarnt. \u201eDa kriegen Sie das Delir, den epileptischen Anfall, den Kreislauf-Kollaps, das Organ-Versagen.\u201c Schei\u00df drauf: Entzug, kalt. Hans Krohn liegt im Schlafsack und friert schwitzend. Sein K\u00f6rper l\u00e4sst ihn nicht aufstehen. Am Ende ist er. 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