{"id":2145,"date":"2016-01-21T18:17:58","date_gmt":"2016-01-21T18:17:58","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2145"},"modified":"2016-01-21T18:47:30","modified_gmt":"2016-01-21T18:47:30","slug":"neue-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/neue-heimat\/","title":{"rendered":"NEUE HEIMAT?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><strong><em>sommer zwanzichfuffzehn XLVI<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Von der anderen Seite des Zauns rief jemand etwas. Die f\u00fcnf M\u00e4nner h\u00f6rten zu, traten einen Schritt zur\u00fcck. Krohn nahm die Arme herunter. Er sah, wie ein Mann durchs ge\u00f6ffnete Gatter des Paint-Ball-Areals trat und z\u00fcgig auf ihn zu ging. Er war gro\u00df, steckte in Tarnkleidung. Bei der Gruppe angekommen fragte er:<\/p>\n<p>\u201eDu kommst aus Deutschland?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa.\u201c Dankbarer Blick, der Andere hatte kein unfreundliches Gesicht. Sehr wach, harte Z\u00fcge, eine Narbe auf der rechten Wange, sehr aufmerksame misstrauische Augen.<\/p>\n<p>\u201eWas machst Du hier?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe mein Boot da hinten und wollte nur eine Pause machen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu musst nicht schauen durch Zaun. Ist gef\u00e4hrlich. Wollen wir nicht haben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, ich habe verstanden. Das tut mir leid.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWo f\u00e4hrst Du hin mit Deinem Boot?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch will an die Ostsee. Komme aus Berlin und an der Ostsee kehre ich wieder um.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHast Du gro\u00dfes Schiff?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, \u00fcberhaupt nicht. Du kannst es sehen \u2013 da hinten, das rote da.\u201c<\/p>\n<p>Der Stettin-Guerillero schaute in die angezeigte Richtung. Er begann zu lachen. \u201eDas rote? Das kleine Rettungsboot?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, das Schlauchboot.\u201c<\/p>\n<p>\u201eZu Ostsee? Nicht Dein Ernst?\u201c<\/p>\n<p>Doch. Schon.<\/p>\n<p>Der Pole erz\u00e4hlte seinen Kumpels grinsend eine Geschichte. Der Zorn verschwand aus ihren Gesichtern, sie fingen an zu grienen, dann lachten sie, sahen Krohn wie einen unerwarteten Exoten an. Stie\u00dfen sich in die Rippen, deuteten auf Krohns Schlauchboot und fanden es irre komisch.<\/p>\n<p>\u201eAber Du bist alter Mann. So ein Quatsch macht doch kein alter Mann. Warum machst Du das?\u201c<\/p>\n<p>Hans Krohn erkl\u00e4rte. Der Job: Schei\u00dfe. Die Zukunft: Nullkommanull. Frauen, Freunde: Fehlanzeige. Berlin: KeinBockStadt. So what? Nichts wie weg. Da sei ihm die Ostsee eingefallen. Dort wolle er den Sommer verbringen.<\/p>\n<p>Der Andere \u00fcbersetzte. Einer der Guerilleros griff in eine Tasche seines Kampfanzugs, zog eine Flasche Wodka raus, lie\u00df sie rumgehen. Krohn wurde gen\u00f6tigt, ordentlich zu schlucken. Sie luden ihn aufs Grundst\u00fcck ein, einer passte auf das Boot auf, es begann zu regnen, sie grillten fette Wurst und fettes Fleisch, es gab mehr Wodka und Bier und andere Getr\u00e4nke, der Bootsaufpasser brachte den Schlafsack, die Musik war gewaltt\u00e4tig, man unterhielt sich schreiend in zwei Sprachen, Hans fiel noch vor der Dunkelheit in tiefen traumlosen Schlaf.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen hielt ihm sein Retter eine Tasse Kaffee unter die Nase. Er habe nachgedacht, sagte er. \u201eF\u00e4hrst nicht bis Ostsee. Ist sehr gef\u00e4hrlich mit Deine kleine Boot. Du f\u00e4hrst bis Stepnica. Mein Vater lebt da. Wir haben telefoniert. Er hat H\u00fctte f\u00fcr Dich, nicht teuer. Ich komme mit. Heute Sonntag, keine Arbeit.\u201c<\/p>\n<p>Sie stiegen ins Boot, der neue Freund &#8211; Adam, sagte er, hie\u00df er \u2013 \u00fcbernahm die Pinne. Die D\u00e4cher Stettins gl\u00e4nzten noch vom n\u00e4chtlichen Regen, viele Menschen waren nicht unterwegs. Adam steuerte eine Wasser-Tankstelle an, sie f\u00fcllten den Tank und die Kanister. Nach einer Stunde erreichten sie den Stadtrand, eine gute Stunde sp\u00e4ter waren sie da. Adam legte an einer kleinen Marina an, seinen Vater hatte er schon angerufen, der Mann sa\u00df vor einem Bier an der Bar. Er rauchte nachl\u00e4ssig, war nicht rasiert, hatte die H\u00e4nde eines Mechanikers.<\/p>\n<p>Deutsch konnte er nicht, Adam \u00fcbersetzte.<\/p>\n<p>Nach zwei Lagen Wodka\/Bier waren sie eins: Krohn w\u00fcrde in den n\u00e4chsten sechs Wochen in einem kleinen Ferienhaus wohnen, das ein paar Kilometer flussabw\u00e4rts lag. \u201eKein Mensch da. Nur das haus von meinem Papa. Aber ist alles da. Warmes Wasser. Strom f\u00fcr Handy-Akku. TV mit Satellit, Du hast deutsches Fernsehen.\u201c<\/p>\n<p>Krohn zahlte im Voraus, bekam den Schl\u00fcssel. Adam schrieb ihm seine Handynummer auf (\u201eWenn Du kommst nach Stettin, gehen wir trinken\u201c). Der Deutsche verabschiedete sich und fuhr am Ufer entlang bis zu der Stelle, die sie ihm beschrieben hatten. Im Fluss lag eine Sandbank mit ein paar verkr\u00fcppelten B\u00e4umen, auf denen V\u00f6gel l\u00e4rmten. Rechts war eine kleine Bucht, in die er steuerte. Er zog das Boot auf sandigen Strand, vert\u00e4ute es an einem Stamm. Er hievte seine Sachen an Land schulterte den Rucksack und ging zu dem H\u00e4uschen am Waldrand.<\/p>\n<p>Angekommen.<\/p>\n<p>Wirklich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hans Krohn hielt das Haus in Ordnung, nein, da gab es nichts zu n\u00f6len. Gegen Mittag war er in der Lage, den Boden zu fegen und zu wischen. Er staubte ab, ordnete die Papiere auf dem Tisch. Wenn die Sonne schien, h\u00e4ngte er das Bettzeug auf der Veranda \u00fcber St\u00fchle. Wenn er am Vorabend ein Feuer betrieben hatte, hackte er Holz.<\/p>\n<p>Da er jeden Tag trank, fiel ihm k\u00f6rperliche Arbeit von Tag zu Tag m\u00fchsamer. Aber die Dinge mussten gemacht werden.<\/p>\n<p>Jeden zweiten Tag fuhr er mit dem Boot nach Stepnica. Dort kaufte er im Lebensmittelladen Wein und Brot, manchmal auch Gem\u00fcse. Einmal in der Woche nahm er den Bus nach Stettin und deckte sich beim Lidl mit einem Rucksack voll sch\u00f6ner Dinge ein, besorgte eine S\u00fcddeutsche, bummelte von einer Bier-Terrasse zur n\u00e4chsten, fuhr mit dem Abend-Bus zur\u00fcck und tuckerte in der Dunkelheit den Fluss entlang. Er achtete darauf, nicht zu sehr betrunken zu sein, wenn er noch zu fahren hatte.<\/p>\n<p>Das Schreiben \u2013 auf das er sich so gefreut hatte \u2013 ging z\u00e4h von der Hand. Meistens war es so:<\/p>\n<p>Bis gegen vier Uhr nachmittags arbeitet Krohn k\u00f6rperlich, manchmal ging er schwimmen, manchmal lief er keuchend zehn Kilometer und sch\u00e4mte sich f\u00fcr seinen verrottenden K\u00f6rper.<\/p>\n<p>Um vier begann auf Kabel 1 \u201eCastle\u201c. Er trank die erste Flasche Wein mit Gier \u2013 nach \u201eCastle\u201c hatte er schon mit der zweiten begonnen. Nun setzte er sich an den Tisch und schrieb. Ihn durchwallte eine Euphorie und das Gef\u00fchl, er sei ein Gro\u00dfer.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Text, den er sich vorgenommen hatte, war es nicht. Dazu fehlten Krohn die Kraft und die N\u00fcchternheit.<\/p>\n<p>Nein er hatte glei\u00dfend helle Momente. Schrieb, bis ihn das Selbstmitleid packte. Dann nahm er die Zeitung und stierte auf die Schlagzeilen.<\/p>\n<p>Was gingen ihn die eigentlich an?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>In der nord\u00f6stlich von Bagdad gelegenen Stadt Khan Bani Saad ermordet ein vorgeblicher Eiscremeverk\u00e4ufer bei einem Selbstmordanschlag mindestens 120 Menschen. Die Terrororganisation ISIS behauptet sp\u00e4ter auf Twitter, f\u00fcr das Verbrechen verantwortlich zu sein.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Bei einem Selbstmordanschlag auf ein Kulturzentrum im t\u00fcrkischen Suru\u00e7 nahe der syrischen Grenze kommen 32 Personen ums Leben, 100 werden verletzt. Die t\u00fcrkische Regierung macht die Terrororganisation Islamischer Staat f\u00fcr die Tat verantwortlich. \u00a0Zur Verhinderung einer Protestbewegung sowie der Verbreitung von Bild- oder Videomaterial von dem Anschlag sperrt die Regierung die Kommunikationsplattform Twitter und verh\u00e4ngt eine Nachrichtensperre.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Das geht ja wohl nur noch nach unten,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>dachte er bei sich und sah erschrocken<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>in einen Abgrund, wo sich alles verlor.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Noch ahnte er das Licht, das hinter ihm lag.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Doch beim Blick nach vorn war ihm klar,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>wie schwarz sein Leben bald sein w\u00fcrde.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Das geht ja wohl nur noch ins Nichts.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>In eine Leere, in der sich alles verliert:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>das letzte F\u00fchlen, das letzte Wollen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Noch erinnerte er sich, dass einmal etwas war:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Eine Hoffnung auf morgen, eine Kraft,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>die ihn schob und schob und schob.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Doch die Kraft hatte ihn verlassen,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>war ihm ausgesogen worden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Jetzt lag das Licht hinter ihm.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Nacht. Nach der Nacht, Es kommt die n\u00e4chste.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XLVI Von der anderen Seite des Zauns rief jemand etwas. Die f\u00fcnf M\u00e4nner h\u00f6rten zu, traten einen Schritt zur\u00fcck. Krohn nahm die Arme herunter. Er sah, wie ein Mann durchs ge\u00f6ffnete Gatter des Paint-Ball-Areals trat und z\u00fcgig auf ihn zu ging. Er war gro\u00df, steckte in Tarnkleidung. 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