{"id":2143,"date":"2016-01-21T18:13:30","date_gmt":"2016-01-21T18:13:30","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2143"},"modified":"2016-01-21T18:13:30","modified_gmt":"2016-01-21T18:13:30","slug":"gestellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/gestellt\/","title":{"rendered":"GESTELLT!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XLV<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Langes Warten an der Schleuse Hohensaaten. Niedriger Himmel, wenig Wasser, deswegen durften nur kleine Sportboote wie \u201eUnternehmen Ostsee\u201c in die Alte Oder wechseln. Rechts Polen, links Deutschland. Rundrum nur Natur. Ab und zu auf den Deichen verwaiste Geh\u00f6fte.<\/p>\n<p>Polen sah von der Oder genauso verlassen aus wie Deutschland.\u00a0 An einem Samstagnachmittag n\u00e4herte sich Krohn Stettin. Er hatte ein paar Angler aufgeschreckt ein halbes Dutzend Motorboote hinter sich gelassen. Einmal war er einem Br\u00e4utigam im Frack begegnet, der ein Surfbrett-artiges Gebilde \u00fcber den Fluss stakte. Der Mann in seinen nassen blank gewienerten Schuhen mit dem verrutschten Chapeau Claque sah unzufrieden und unwohl aus. Krohn winkte ihm zu, als Antwort gab es eine Reihe von polnischen Fl\u00fcchen.<\/p>\n<p>Dann eben nicht, dachte Krohn und nahm sich vor, die gute Laune nicht zu verlieren.<\/p>\n<p>Der Himmel war in den letzten Stunden grau geworden. Ein Reiher begleitete Krohn, auf einer Weide rannte ein junges dunkles Pferd. Das Boot unterquerte eine Autobahnbr\u00fccke, es roch auf einmal nicht mehr unschuldig. Am Horizont schoben sich die T\u00fcrme von Kraftwerken ins Bild. Das Schweigen der Natur verlor sich, die Stadt rauschte heran. Von links m\u00fcndete der Oder-Kanal in den Fluss, es wurde lebhafter auf dem Wasser.<\/p>\n<p>Das Navigationssystem in Krohns Handy zeigte an, dass er sich jetzt bei der Durchquerung Stettins konzentrieren musste. Er passierte eine Anlegestelle f\u00fcr Motorboote, n\u00e4herte sich einer weiteren gro\u00dfen Br\u00fccke \u2013 hundert Meter davor verlie\u00df er die alte Oder und arbeitete sich vier Kilometer durch einen stillen Seitenarm. Dann konnte er die schmale Durchlassstelle zur West-Oder erkennen. Noch unter der Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke durch, dann nach rechts und geradeaus. In zwei Stunden w\u00fcrde er die Stadt hinter sich haben.<\/p>\n<p>Krohn lenkte das Boot an den Strand. Er machte es an einem Steg fest. Wollte sich die F\u00fc\u00dfe vertreten, eine Kleinigkeit essen \u2013 dann ginge es weiter.<\/p>\n<p>Er ging ein paar Schritte. Wurde neugierig, weil es da ein Areal gab, das mit einem Sichtschutzzaun umgeben war. Er n\u00e4herte sich dem Grundst\u00fcck. Er konnte durch eine L\u00fccke in den Brettern alte verrostete Jeeps erkennen, heruntergekommene Blockh\u00fctten. H\u00e4userruinen, Gr\u00e4ben, Erdw\u00e4lle, Halden von \u00d6lf\u00e4ssern. Dazwischen huschten Personen. Geduckt hasteten sie von einem Objekt zu einem anderen. Sie verschwanden hinter W\u00e4nden und Autos, hinter Mauern und in Gel\u00e4ndemulden. Steckten den Kopf aus der Deckung und schossen. Das Feuer wurde erwidert, der Gegner war nicht auszumachen.<\/p>\n<p>Manchmal wurde einer getroffen. Eine Farbkartusche zerplatzte auf seiner Weste, am Visier des Helms an seinem K\u00f6rper. Der K\u00e4mpfer stie\u00df einen Fluch aus und war aus dem Spiel.<\/p>\n<p>Krohn hatte das noch nie gesehen. Fasziniert sah er zu. Diese jungen M\u00e4nner steckten voller Kraft und Wendigkeit. Ihnen machte der Krieg sichtbar Spa\u00df.<\/p>\n<p>\u201eHey!\u201c<\/p>\n<p>Krohn hatte die Typen nicht bemerkt. Sie waren jetzt f\u00fcnf Meter hinter ihm. F\u00fcnf K\u00e4mpfer in Uniform. Einer hatte den Helm abgenommen, unter den Arm geklemmt und f\u00fchrte das Wort. \u201eHey!\u201c sagte er noch einmal, es klang \u00fcberhaupt nicht nett. Dann eine Suada auf Polnisch. Krohn verstand kein Wort, er begriff nur, dass er ein Problem hatte.<\/p>\n<p>Er tippte sich an die Brust und sagte \u201eIch bin Deutscher. Ich niemezki.\u201c<\/p>\n<p>Die F\u00fcnf machten einen Schritt auf ihn zu. Sie trugen Handschuhe mit Nieten \u00fcber den Kn\u00f6cheln.<\/p>\n<p>Obwohl er rennen wollte, zwang sich Krohn, stehenzubleiben. \u201eIch will nix von Euch. Bin hier auf Passage. Ich will\u201c, &#8211; Krohn deutete nach Norden \u2013 \u201eans Meer.\u201c<\/p>\n<p>Die F\u00fcnf schienen ihn nicht zu h\u00f6ren. Einer zog sehr langsam seine Kampfweste aus und zeigte Muskeln. Er war vom Handgelenk bis zu den Schultern t\u00e4towiert.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite des Zauns wurde geschossen.<\/p>\n<p>Krohn war schwindlig vor Angst. Er hatte ein gro\u00dfes Sausen im Kopf. Sah die f\u00fcnf zornigen M\u00e4nner n\u00e4her kommen. Immer n\u00e4her.<\/p>\n<p>Panik.<\/p>\n<p>In seinem Kopf liefen zeitgerafft die Tage ab, in denen er gedacht hatte, man h\u00e4tte ihm den Willen gebrochen. Das war nun schon vier Jahre her \u2013 aber Krohn hatte alles pr\u00e4sent. Die Ger\u00e4usche, die Fratzen, den Geruch von Blut und Trottoir.<\/p>\n<p>Das alles war ein rasender Film, der sich mit der Angst vermengte. Und mit dem Gedanken, dass er nun wirklich am Ende war.<\/p>\n<p>Damals, das war echt schlimm gewesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Berlin ist gut zu mir. Die Stadt hat mich \u00fcberleben lassen. Ich habe Gl\u00fcck gehabt \u2013 langsam geht es bergauf. Mal ehrlich, kein Anlass, mich zu beklagen. Es gibt Jobs, es gibt eine Perspektive.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich freue mich auf das, was jetzt kommt.<\/em><\/p>\n<p><em>Dann kommt der Tag im Januar, als mir vier Typen so richtig die Fresse polieren. Da muss ich begreifen, dass es eine br\u00fcchige Trennlinie ist: zwischen den scheinbar Unbek\u00fcmmerten und vom Leben Gepflegten und denen, f\u00fcr die es kein Zur\u00fcck gibt.<\/em><\/p>\n<p><em>Kein Zur\u00fcck: Die Einen geben auf und werden hin und her geworfen. Die Anderen lassen ihrer Wut freien Lauf.<\/em><\/p>\n<p><em>Was sollen sie auch sonst tun? Gewalt ist das, was ihnen bleibt, um sich wert zu f\u00fchlen.<\/em><\/p>\n<p><em>Es ist ein Samstag: Ich komme von einem Termin in den bayerischen Bergen. Habe einen Tag lang im vollen Zug gesessen. Morgens bin ich noch, weitab von der Zivilisation, durch den Schnee gewatet. Dann dieser erm\u00fcdende Zug-Transfer nach Berlin. Zu viele Menschen. Zu wenig Bewegung, abgestandene Luft in den Abteilen. Heimweh nach den Bergen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich steige am S\u00fcdkreuz aus und beschlie\u00dfe, durch Sch\u00f6neberg zu Fu\u00df nach Hause zu gehen. Die frische Luft wird gut tun.<\/em><\/p>\n<p><em>Winter. Kalte Stadt, ein wenig riecht es nach Schnee \u2013 zumindest bilde ich mir das ein. In einigen Wohnungen der Mietsh\u00e4user brennen noch weihnachtliche Lichter. Auf den Stra\u00dfen fahren kaum Autos, es sind keine Fu\u00dfg\u00e4nger unterwegs.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich schnaufe tief durch. Die Laune bessert sich. Ich marschiere in Richtung Julius Leber-Br\u00fccke und freue mich aufs Abendessen. Ein Steak habe ich gekauft, dazu Pommes und Rotwein, das Ganze vor der Glotze. Es ist denn doch sch\u00f6n, nach Hause zu kommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Den Typen vor dem \u201eRockers\u201c nehme ich gar nicht wahr, so sehr bin ich in Gedanken anderswo. H\u00e4tte ich gesehen, dass da einer neben dem Eingang lehnt \u2013 ich h\u00e4tte wahrscheinlich die Stra\u00dfenseite gewechselt. Das mache ich immer in so einer Situation.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber ich merke einfach nicht, dass da einer ist.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Fehler.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Typ tr\u00e4gt eine gl\u00e4nzende schwarze Lederhose und eine Jeansjacke mit vielen Aufn\u00e4hern. Er hat eine Sonnenbrille auf \u2013 dabei ist es ziemlich dunkel in der Torgauer Stra\u00dfe. Er stellt sich mir in den Weg. Die Arme vor der Brust verschr\u00e4nkt, fragt er (er hat eine unerwartet tiefe Stimme):<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eHey Alm-\u00d6hi, wo willste hin?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Der Mann ist gerade mal so gro\u00df wie ich. Er hat keine besonders breiten Schultern, einen Bauchansatz und ein weiches Gesicht \u2013 daran \u00e4ndert auch die Sonnenbrille nichts.<\/em><\/p>\n<p><em>Das ist keiner, vor dem ich \u2013 sportlich, austrainiert, kampf-erfahren &#8211; Bammel haben muss.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich bin genervt, endlich kann ich meinen Frust abladen. Ich gehe auf den Typen zu, mit schweren Schritten, wegen der wehrhaften Bergschuhe an den F\u00fc\u00dfen, und knurre ihn an:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201ePass mal auf, Bub, das geht Dich gar nix an, wohin ich will. Jetzt verpiss\u2018 Dich, oder ich zeig\u2018 Dir, was ein Alm-\u00d6hi ist.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Ich sah noch ein Grinsen in dem weichen Gesicht aufflammen. Dann sp\u00fcre ich einen schlimmen Schmerz in der Kniekehle und st\u00fcrze zu Boden. Will mich hoch rappeln, doch der Rucksack ist sehr schwer.<\/em><\/p>\n<p><em>Au\u00dferdem geht alles jetzt sehr schnell.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie sind zu viert.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Zuerst treten sie mir die Beine weg. Als ich wie ein K\u00e4fer auf meinem Rucksack liege und mich zur Seite zu rollen versuche, wechseln sie die Positionen. Der Typ, der mich angesprochen hat, tritt mit dem Schuh gegen Bauchfell und die Region unterhalb der Niere. Ich kr\u00fcmme mich zusammen, w\u00e4hrend die drei Kumpel des Treters sich von den Beinen in Richtung des Kopfes orientieren.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit einer Hand versuche ich, Tritte gegen den Unterleib zu puffern; den anderen Arm lege ich um den Kopf. Aber das ist l\u00e4cherlich, wenn einem vier Schuhe um die Ohren fliegen.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie treffen mich hinter den Ohren und im Bauch. Dazu br\u00fcllen sie W\u00f6rter, die ich nicht verstehe. Ich schreie auch.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie haben schwere Winterstiefel an. Die tun sehr weh. Ich sehe manchmal Schuhspitzen auf mich zu kommen. Einer von den Typen nimmt vor jedem Tritt einen kleinen Anlauf. Die anderen kicken ansatzlos. Das macht aber keinen Unterschied. Jeder Treffer tut weh \u2013 und ich kann mich vor keinem Angriff effektiv sch\u00fctzen. Sie kommen immer wieder durch.<\/em><\/p>\n<p><em>Keine Ahnung, wie lange das dauert. Eine halbe Minute oder eineinhalb? 20 Tritte oder mehr?<\/em><\/p>\n<p><em>Egal. Als sie von mir ablassen, ist einiges kaputt.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich h\u00f6re am schnellen Trappeln, dass sie vor etwas weg laufen. Aufstehen kann ich nicht, liege immer noch auf seinem Rucksack und gucke in den Nachthimmel. Jemand beugt sich \u00fcber mich und fragt, was er tun k\u00f6nne. Nichts, sage ich, es sei okay, alles sei okay.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDas sieht aber nicht so aus. Ich glaube, wir sollten einen Krankenwagen rufen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Ich wei\u00df, dass der Mann Recht hat. Aber ich will keinen Krankenwagen. Will nicht in die Klinik. Beim letzten Mal in der Klinik hat sich hinter mir die T\u00fcr geschlossen, und ich bin nicht mehr raus gekommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Blo\u00df kein Krankenhaus. Sowas nicht mehr.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich rolle mich zur Seite, st\u00fctze mich ab und rapple mich hoch. Das tut h\u00fcbsch weh. \u201eGeht schon\u201c, sage ich.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eEhrlich?\u201c, fragt der Fremde und sieht genauso besorgt aus wie seine Begleiter. \u201eNa gut. Haben Sie weit nach Hause?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Nein, nur noch ein paar Stra\u00dfen, das sei schon in Ordnung. Ich bedanke mich und mache mich schwankend auf den Heimweg.<\/em><\/p>\n<p><em>Es ist nicht viel los in Sch\u00f6neberg. Wenn ich Menschen begegne, sehen die mich erschrocken an, blicken dann zur Seite und machen einen Bogen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich biege auf die Hauptstra\u00dfe ein. Noch 200 Meter. Die ziehen sich. Mir ist zum Kotzen. Verschwommen registriere ich das sp\u00e4rlich besuchte \u201eNeue Ufer\u201c, danach das \u201ePapaya\u201c, aus dem mich ein paar G\u00e4ste angaffen. Der Pizzab\u00e4cker steht vor seinem Gesch\u00e4ft und sagt \u201eSchei\u00dfe, kann ich helfen?\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich grunze, taumle in den Hauseingang. Jetzt noch in den Hinterhof, den Lift holen, hinauf fahren, die Wohnungst\u00fcr aufschlie\u00dfen \u2013 dann w\u00e4re es geschafft.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Hofeinfahrt wird l\u00e4nger und l\u00e4nger. Alles war sehr schief. Dreht sich wilder und wilder.<\/em><\/p>\n<p><em>Dann falle ich hin.<\/em><\/p>\n<p><em>Nachbarn rufen die Einbeinige an: \u201eDer Krohn liegt im Hauseingang und blutet. Kannst Du helfen?\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Sie hastet nach unten gehastet und findet mich blutend, st\u00f6hnend, gef\u00e4llt vor. Ich wei\u00df nicht genau, warum ich auf dem Asphalt sitze und habe keine Ahnung, wie ramponiert ich bin. Die Einbeinige schnallt mir den Rucksack ab und bringt mich mit Hilfe der Nachbarn zum Lift. \u201eDer kommt zu mir\u201c, sagt sie.<\/em><\/p>\n<p><em>Oben in der Wohnung lasse ich mich auf die Couch fallen. Andrada \u2013 so hei\u00dft sie &#8211; gibt mir ein Tuch und meint, ich solle es gegen das Bluten im Gesicht nehmen. Das Tuch ist schnell nass.<\/em><\/p>\n<p><em>Als sie davon redet, einen Arzt zu holen, werde ich aggressiv.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eBrauch\u2019 keinen Arzt. Geh mir weg mit dem Schei\u00df. Ich brauch\u2019 ein Bier.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Sie holt Bier und starke Schmerztabletten. Das hilft f\u00fcrs Erste. Ich wanke ins Bad und besehe im Spiegel die Sauerei. Noch ist es nur ein zerschlagenes blutendes Gesicht, doch morgen w\u00fcrde das ziemlich bunt aussehen. Zwei Z\u00e4hne scheinen zu wackeln. Mir ist schwindlig, der Kopf schmerzt. Ich lege mich wieder hin und \u00f6ffne die zweite Flasche.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Fernseher l\u00e4uft, doch ich bekomme nicht mit, was f\u00fcr ein Film gezeigt wurde. Ich sp\u00fcrt immer wieder, wie sie auf mich eintraten und ich nichts machen konnte.<\/em><\/p>\n<p><em>Andrada bringt etwas zum Einschlafen. Ich lege den Kopf auf ihr nacktes heiles Bein und d\u00e4mmerte weg, wache wieder auf, nehme eine Pille gegen die Schmerzen.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Nacht ist schwarz, ich habe Angst.<\/em><\/p>\n<p><em>Und Andrada fragt mich alle zwei Stunden, wie es ginge. Ob mit dem Kopf alles in Ordnung sei, ob ich die Dinge klar sehen k\u00f6nne. Ich f\u00fchle die Angst von Andrada, der einbeinigen Hure.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>xxx<\/em><\/p>\n<p><em>Wir werden wohl nie miteinander schlafen.<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht, dass ich sie nicht begehren w\u00fcrde. In Andradas Blicken kann man sich verheddern. Sie hat schwarze Augen. Schwarze Wimpern, lang und seidig. Schwarzes Haar, geschmeidig \u00fcber die Schultern fallend. Hohe Wangenknochen, slawisch eben. Kleine Nase, volle Lippen. Viel Lachen. Feste Br\u00fcste, immer hoch gezurrt. Minirock, immer, zu jeder Jahreszeit.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Bein fehlt.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIst nicht schlimm\u201c, sagt sie. \u201eIst gut f\u00fcrs Gesch\u00e4ft.\u201c So viele Kunden hat in der Kurf\u00fcrstenstra\u00dfe keine. Bei Andrada ist immer Sto\u00dfzeit. Die M\u00e4nner sind scharf darauf, diese sexy Kr\u00fcppel-Frau zu ficken.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eGut f\u00fcrs Gesch\u00e4ft\u201c, sagt sie, und: \u201eKann ich sch\u00f6n sparen. Kaufe ich ein Paar Netzstr\u00fcmpfe, und die halten doppelt lang; ich brauche ja nur einen.\u201c Und sie gurrt ihr Lachen, das sich sehr nach Verf\u00fchrung anh\u00f6rt.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich habe sie in der \u201eB\u00fclowkneipe\u201c kennengelernt, wo sie Feierabend machte. Sie trank nicht viel Alkohol. Bestellte nach ihrer Schicht einen Cognac und einen Kaffee, las in der Morgenzeitung und ging irgendwann heim. Sie wohnte im selben Haus wie ich \u2013 so war man ins Reden gekommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Nein, ich werde nicht mit der Frau schlafen, die als junges M\u00e4dchen bei der Kartoffelernte ihr Bein verloren hat und sich aus eigener Kraft aus einem beschissenen Leben weg zappelt. Ich will sie nicht als Freundin verlieren, deswegen verbiete ich mir, an sie als Frau zu denken.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>xxx<\/em><\/p>\n<p><em>In dieser Nacht liege ich auf ihrem Bein, tr\u00e4ume von Schl\u00e4gen und dem Tod, von Andradas Br\u00fcsten und von einem nicht endenden Sturz in einen Brunnenschacht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>xxx<\/em><\/p>\n<p><em>In der Tat sehe ich am n\u00e4chsten Tag bunt aus. Blutunterlaufene Augen, geplatzte Lippen, violett-blau schimmernde Wangen. Ich liege im Bett und habe Schmerzen, denen mit Tabletten nicht beizukommen ist.<\/em><\/p>\n<p><em>Zum Doc gehe ich nach einer Woche. Die Zahn\u00e4rztin sieht in den Mund und meint, da habe man eine Menge Arbeit vor sich. Zwei Z\u00e4hne kaputt, der Oberkiefer gebrochen. \u201eDas hat sich ja gelohnt. Sie sollten die Typen anzeigen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Wen, bittesch\u00f6n, soll ich anzeigen? Was habe ich denn in der Hand?<\/em><\/p>\n<p><em>Drei Monate nach dem \u00dcberfall betrete ich die Kneipe, vor der es passiert ist. Das \u201eRockers\u201c ist sehr schmuddlig. Die Heavy-Metal-Musik zu laut, als dass man sich unterhalten kann. Der Wirt sitzt deswegen auch gern auf dem B\u00fcrgersteig an der Torgauer Stra\u00dfe und l\u00e4sst der Zeit ihren Lauf.<\/em><\/p>\n<p><em>Er ist ein eher friedlicher Zeitgenosse. Er sagt, er habe schon so viel \u00fcber die R\u00fcbe bekommen, er habe die Faxen dicke. Sollen sich Andere die K\u00f6ppe einhauen. Er sorgt daf\u00fcr, dass immer Stoff auf Lager ist. Manchmal ist er da ein bisschen nachl\u00e4ssig. Dann holt er einen Handkarren aus einer Ecke und tigert zum Reichelt im Bahnhof S\u00fcdkreuz. Da ist zwar der Alk schweineteuer \u2013 aber f\u00fcr sich und seine G\u00e4ste tut man ja alles.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWas? Hier vor der Kneipe hamse Dir vertrimmt? Bl\u00f6d gelaufen, w\u00fcrde ich sagen. Eigentlich sind meine Jungs hier friedlich. Aber ab und zu geht ihnen die Galle \u00fcber \u2013 dann sollte man ihnen einfach aus dem Weg gehen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Danke f\u00fcr den Tipp. Den werde ich mir merken.<\/em><\/p>\n<p><em>Jaja. Jaja.<\/em><\/p>\n<p><em>Ohnm\u00e4chtig sind alle, wenn der Zorn los bricht. Die, die getreten werden. Die, die gegen den Zorn sch\u00fctzen sollen. Und die, die treten.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wie das funktionierte, dass Krohn sich in einer Sekunde an all das erinnerte?<\/p>\n<p>Naja, es war einfach so.<\/p>\n<p>Die f\u00fcnf Polen standen jetzt eine Arml\u00e4nge vor ihm. Der Wortf\u00fchrer fragte etwas, sehr leise redete er. Krohn zuckte mit den Achseln. Die Wut der M\u00e4nner wuchs noch. Einer schubste Krohn. Der zuckte wieder mit den Achseln, sah zu Boden und sagte: \u201eBitte. Bitte nicht.\u201c<\/p>\n<p>Viel Hoffnung hatte er nicht.<\/p>\n<p>Das war\u2019s dann wohl. Gleich w\u00fcrde es weh tun. Er schloss die Augen und hob die H\u00e4nde vors Gesicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XLV Langes Warten an der Schleuse Hohensaaten. 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