{"id":2137,"date":"2016-01-21T17:59:11","date_gmt":"2016-01-21T17:59:11","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2137"},"modified":"2016-01-21T17:59:11","modified_gmt":"2016-01-21T17:59:11","slug":"nur-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/nur-weg\/","title":{"rendered":"NUR WEG!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XLIII<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Hans Krohn tappte vorsichtig ins Wasser. Er lie\u00df sich in den Fluss gleiten und schwamm prustend und ziellos. Ihm war noch ein wenig bl\u00fcmerant. Er h\u00e4tte auch ein bisschen kotzen k\u00f6nnen, aber das schluckte er erstmal runter. Es dauerte eine Weile, dann begann er sich besser zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Angenehmes Wasser. Ein klein wenig brackig, aber das st\u00f6rte Krohn nicht. Seine Brustz\u00fcge wurden energischer, er glitt lang ausgestreckt nach vorn, den Kopf nur zum Atmen nach oben streckend. Sein Atem ging jetzt ruhig und tief, er f\u00fchlte sich stark und einig mit dem Fluss. Nach 20 Minuten lie\u00df er sich treiben, rollte sich auf den R\u00fccken, schaute in den Himmel. Schwalben hatten mit ihren morgendlichen Jagden begonnen. Ein paar Wolkenh\u00e4ufen trieben langsam nach Osten. Sonst: Krohn allein, mit ruhigen Armschl\u00e4gen und kleinen Wellen um sich herum. Ein blauer, sich aufheizender Sommertag. Krohn wendete, sah, dass sein Boot ziemlich weit weg war und schwamm zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Er war allein. Kein Boot auf dem Wasser, kein Mensch in den W\u00e4ldern und auf den \u00c4ckern. Krohn rubbelte sich trocken und fand das Prickeln sehr okay. Er kochte Wasser, goss es aufs Kaffeepulver in der Tasse, er legte K\u00e4se aufs Brot, auf den K\u00e4se tat er Salami. A\u00df mit Hunger.<\/p>\n<p>Dann packte er und warf den Motor an.<\/p>\n<p>Ein schnelles Schlauchboot hatte er. 15 PS. Das konnte sehr wendig und fl\u00fcgge sein \u2013 doch das war auch das Problem:<\/p>\n<p>Langsam zu fahren war mit dem Boot nicht m\u00f6glich. Dann hob es den Bug himmelw\u00e4rts, und der Skipper im Heck sah nur noch Luft. Erst wenn er beschleunigte, sank der vordere Teil des Boots aufs Wasser, und es lie\u00df sich pr\u00e4chtig pilotieren.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n, sch\u00f6n. Krohn w\u00e4re ja auch gern schnell gefahren \u2013 erlaubt waren aber nur zw\u00f6lf Stundenkilometer oder so.<\/p>\n<p>Das war in dem kleinen Zubringer von Neuruppin zum Kanal noch kein Problem. Hierher kam die Wasserschutzpolizei nur selten. Aber auf dem Kanal trieben sie sich in allen m\u00f6glichen Schilfbuchten rum und warteten nur auf Raser wie Krohn.<\/p>\n<p>Seufzend lenkte er auf den Kanal und drosselte die Geschwindigkeit. Das w\u00fcrde ein bl\u00f6des Schwuchtel-Geschleiche bis zur Ostsee.<\/p>\n<p>Ja, er wollte das jetzt durchziehen. So hatte er sich das vorgenommen, so wurde es gemacht.<\/p>\n<p>Krohn war zornig auf Sabrina. Er konnte es nicht beschreiben, aber er f\u00fchlte sich von ihr verraten. Sie war so allt\u00e4glich geworden. Er hatte mit ihr alles auf eine Karte setzen wollen. Er wollte, dass sie wie er die Dinge hinter sich lie\u00df und neu anfing. Nein, hatte sie gesagt, man k\u00f6nne vor sich selbst nicht davon laufen. Au\u00dferdem f\u00fchle sie sich wohl in ihrem Leben. Wundersch\u00f6n, dass die Liebe zu ihm noch dazu gekommen sei, wirklich wunderbar. Aber deswegen sehe sie keinen Anlass, mit allem zu brechen.<\/p>\n<p>Er gab Gas. Das Boot schoss flach \u00fcber den Kanal. Sollten sie ihn doch blitzen, die Bullen. Er hatte zwar nicht mehr viel Geld, aber wen juckte das schon? Wen juckte \u00fcberhaupt was?<\/p>\n<p>Bei Eberswalde vert\u00e4ute er das Boot unter einer Br\u00fccke und machte sich mit zwei Kanistern auf den Weg zum n\u00e4chsten Gewerbegebiet. Er kaufte Benzin und spazierte durch den Supermarkt nebenan. Amerikanische Verh\u00e4ltnisse. 20 Varianten von Senf, zwei Reihen mit Weinen, Bier aus dem letzten Bayern-Kaff. T\u00fcrkisches Fladenbrot, Baguette, Ciabatta, M\u00fcnchner Brezn.<\/p>\n<p>Es war angeraten, hier noch einmal richtig zuzuschlagen. Hinter Eberswalde, lie\u00df die Karte vermuten, w\u00fcrde es solche Superm\u00e4rkte nicht mehr geben. Also: Vollkornbrot, Laugengeb\u00e4ck, K\u00e4se in Plastik, Dauerwurst. Drei Dosen Ravioli. Erdn\u00fcsse. Schokolade und Gummib\u00e4rchen. Bananen. \u00c4pfel. Wasser. Zehn Flaschen Wein (Portugieser Wei\u00dfherbst und M\u00e4dchentraube \u00e0 je einsneunundneunzig, Drehverschluss). Vier Dosen Elephants.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Rucksack fasste nicht mehr Ware.<\/p>\n<p>Hinter ihm stand ein junger Kerl mit Dreitage-Haar auf dem Sch\u00e4del. \u201eParty, was?\u201c, sagte er und grinste. Krohn verstand zuerst nicht, dann sah er, dass der Andere auf den Alkohol im Einkaufswagen starrte.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sagte Krohn. \u201eParty.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa, denn habt ma Spa\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Der junge Mann war nicht unfreundlich. Aber Krohn mochte ihn nicht. Er glaubte, den Achselschwei\u00df des Typen riechen zu k\u00f6nnen. Dahinter stand freilich eine fette schwitzende Frau mit zwei Kindern, die Schokolade einforderten. M\u00f6glich auch, dass die stank.<\/p>\n<p>Oder waren etwa hier alle reinlich? Wie roch er eigentlich selbst? Nach Kanal, nach Anstrengung in der Sonne. Irgendwie so.<\/p>\n<p>Die Verk\u00e4uferin schob gleichm\u00fctig eine Weinflasche nach der anderen \u00fcber den Scanner. Sie hie\u00df \u201eFrau Karl\u201c, so stand es auf dem Schild, das schief \u00fcber ihrer abgefeierten Brust hing. Frau Karl hatte keinen Blick in den Augen. Der Lack an den Fingern\u00e4gel war rissig, rauhe H\u00e4nde hatte sie und graue Haut im Gesicht. War sie mal sch\u00f6n gewesen?<\/p>\n<p>Egal.<\/p>\n<p>Vor dem Supermarkt stellte Krohn an einem der Tische seine Sachen ab, besorgte sich ein Wei\u00dfbier und die Lokalzeitung und setzte sich in die Sonne. Das Bier hatte er schnell getrunken, kaufte noch eines. Er machte ein paar unbedeutende Notizen und \u00fcberlie\u00df sich dem Gl\u00fcck, das ihn flutete.<\/p>\n<p>Ein freier Mann. Der Ungebundenste auf dem Globus. Ein kluger Kopf war er auch noch. Die Zeitung, die er las, am\u00fcsierte ihn. Sie schrieben das Nichts auf und f\u00fchlten sich richtig am Platz. Sie spielten sich ein Spiel vor: Was sind wir wichtig!<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u201eNamen f\u00fcr Wolfskinder gesucht. Seit wenigen Tagen tapsen die zwei Monate alten Wolfskinder durch ihr neues Gehege. Die drei weiblichen europ\u00e4ischen W\u00f6lfe kamen am 6. Mai 2015 im Tierpark Perleberg zur Welt. ,Die Drei mussten mit der Flasche aufgezogen werden. Mittlerweile fressen sie schon Fleisch und zuk\u00fcnftig sollen sie unser Wolfsrudel verst\u00e4rken\u2019, sagt Paulina Ostrowska, die Leiterin der Zooschule.\u201c\u00a0\u00a0 &#8212;-\u00a0\u00a0 \u201eIn Eberswalde werden seit Montag die Schlagl\u00f6cher geflickt. Die Beseitigung der Schadstellen auf asphaltbefestigten Stra\u00dfen erfolgt mit Hilfe des Patchmatic-Systems. Dabei wird die Schlaglochfl\u00e4che ausgeblasen und anschlie\u00dfend mit einer Splitt-Bitum-Imulsion bespr\u00fcht. Bis voraussichtlich Ende August wird die Mainka GmbH aus R\u00fcdersdorf bei Berlin die Schlagl\u00f6cher im Eberswalder Stadtgebiet flicken. Die ersten Schadstellen werden seit Montag im Stadtteil Nordend beseitigt.\u201c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;-\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eLiebe Eberswalderinnen und Eberswalder, seit Wochen erreichen uns \u00fcberaus bedr\u00fcckende Nachrichten und Bilder aus Syrien und anderen L\u00e4ndern, die die Grausamkeiten von Krieg, Zerst\u00f6rung und Vertreibung zeigen und die uns doch nur erahnen lassen, welches schlimme Schicksal die betroffenen Menschen erleiden m\u00fcssen. Immer mehr Frauen, M\u00e4nner und viele Kinder haben sich auf den gefahrvollen Weg nach Europa aufgemacht, um der Todesgefahr zu entkommen und ein menschenw\u00fcrdiges Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Wir als Stadt stehen wie Deutschland und unser Kontinent insgesamt vor gro\u00dfen Herausforderungen, denn die Zahl der Fl\u00fcchtlinge hat eine unfassbare Gr\u00f6\u00dfe erreicht, die den Umfang des ganzen Leides f\u00fcr uns pers\u00f6nlich greifbar werden l\u00e4sst. So ist es f\u00fcr Eberswalde wie f\u00fcr alle Kommunen unseres Landes eine wichtige Aufgabe, Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen und, nicht weniger bedeutend, den Menschen nach Kr\u00e4ften bei der Integration zu helfen. Sicher werden in den n\u00e4chsten Monaten noch sehr viel mehr Menschen zu uns kommen. Ihre Aufnahme wird nicht nur ein Akt der Menschlichkeit sein, sondern bietet nach meiner festen \u00dcberzeugung auch eine Chance f\u00fcr unsere Gesellschaft. Ihr Friedhelm Boginski, B\u00fcrgermeister Eberswalde.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Krohn legte die Zeitung weg. Am Nachbartisch sa\u00df mittlerweile der Kahlkopf. Bier und Schnaps. Zwei Kumpels waren dazu gekommen. \u201eSag\u2019 ma, willste vor der Party noch was abfackeln?\u201c Die Glatze zeigte auf die Kanister und kriegte sich nicht mehr ein vor Vergn\u00fcgen. Krohn tat, als habe er nichts geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>\u201eHab\u2019 Dich was gefragt.\u201c<\/p>\n<p>Nein, er brauche das.<\/p>\n<p>\u201eHaste zwei Rasenm\u00e4her \u2013 oder was?\u201c<\/p>\n<p>Krohn kannte sich aus. Mit den Typen musste man vorsichtig sein. Schnaps machte die gef\u00e4hrlich. Besser, er w\u00fcrde nicht rumeiern. Er erz\u00e4hlte also, wozu er das Benzin brauchte, dass er auf dem Weg zur Ostsee war, dass bis Schwedt kein Supermarkt mehr in der N\u00e4he des Wassers sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eDann ist der ganze Stoff f\u00fcr Dich. Ey, habt Ihr das gesehen, was der gebunkert hat hat? Ostsee, ehrlich? Mit\u2019n Schlauchboot? Respekt, Mann, da hast Du einen Plan, sag\u2019 ich mal.\u201c<\/p>\n<p>Ja, sagte Krohn und war froh, dass die Drei ihn pl\u00f6tzlich nicht mehr interessant fanden, weil auf dem Parkplatz zwei M\u00e4dchen in Minir\u00f6cken aus einem Jetta stiegen.<\/p>\n<p>Er war wieder unsichtbar.<\/p>\n<p>Er geh\u00f6rte nicht mehr dazu. Nicht zu den Alten und nicht zu den Jungen. Meistens bemerkten sie ihn gar nicht. Dann schaute er ihnen zu wie das kleine Kind, das den nackten K\u00f6nig beobachtete. Und rief: Er ist doch nackt. Aber sie wollten nichts mehr von ihm h\u00f6ren und nichts mehr wissen, und er fand das in Ordnung.<\/p>\n<p>Sabrina?<\/p>\n<p>Sie fehlte ihm sehr. Er zog das Handy aus der Tasche, um nachzusehen, ob sie sich vielleicht bei ihm gemeldet hatte. Hatte sie nicht, niemand hatte etwas von ihm gewollt.<\/p>\n<p>Hans Krohn schulterte den Rucksack \u2013 der war ja nun wirklich schwer, steckte sich zwei Dosen Bier in die weiten Taschen der kurzen Hose, griff nach den Kanistern und stapfte los. Nach f\u00fcnf Minuten war er schwei\u00dfgebadet.<\/p>\n<p>Der Marsch dauerte eine halbe Stunde. Krohn war erleichtert, als er das Boot an der Kanalmauer schubbern sah. Er hob den Rucksack und die Kanister ins Heck, \u00f6ffnete eine dritte Dose Bier und trank erstmal gegen den Durst. Er musste ein bisschen langsam machen. Die Bullen waren \u00fcberall. In Ruhe trank er aus, dann stie\u00df er sich vom Ufer ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XLIII Hans Krohn tappte vorsichtig ins Wasser. Er lie\u00df sich in den Fluss gleiten und schwamm prustend und ziellos. Ihm war noch ein wenig bl\u00fcmerant. Er h\u00e4tte auch ein bisschen kotzen k\u00f6nnen, aber das schluckte er erstmal runter. Es dauerte eine Weile, dann begann er sich besser zu f\u00fchlen. Angenehmes Wasser. 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