{"id":2121,"date":"2015-09-19T09:44:00","date_gmt":"2015-09-19T09:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2121"},"modified":"2015-09-19T13:56:25","modified_gmt":"2015-09-19T13:56:25","slug":"ewig-nein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/ewig-nein\/","title":{"rendered":"EWIG? NEIN!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXXXII<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Hans Krohn hatte einen Kaffee gebr\u00fcht, nun schaltete er das kleine Radioger\u00e4t ein. Sieben-Uhr-Nachrichten. Fl\u00fcchtlinge. Ein neunmalkluger \u00f6sterreichischer Au\u00dfenminister, der Unfug redete. Autos auf der gro\u00dfen Ausstellung, die ohne einen Menschen fahren. Mainz gewinnt gegen Hoffenheim.<\/p>\n<p>Dettmar Cramer ist gestorben.<\/p>\n<p>Erschrecken. Dieser kleine z\u00e4he Mann war tot. Das wollte nicht in Krohns Kopf. F\u00fcr ihn war Cramer \u2013 obwohl er in den letzten Jahren immer weniger geworden war \u2013 ein Ewiger gewesen. Der konnt gar nicht sterben.<\/p>\n<p>Der Kaffee wurde kalt. Krohn blickte auf den Kanal. Jetzt wollte er nicht aufs Wasser. Er faltetete die Karte auseinander, orintierte sich.<\/p>\n<p>Bis zum n\u00e4chsten Supermarkt musste er sieben Kilometer auf der Landstra\u00dfe gehen. Okay, dann mal los.<\/p>\n<p>Er kaufte gen\u00fcgend Wein und etwas zum Essen. Kehrte zur\u00fcck an den Steg. Hans Krohn richtete sich f\u00fcr einen verlorenen Tag ein.<\/p>\n<p>Vor gut 15 Jahren wollte Dettmar Cramer es einmal versuchen: sein Leben und seine Erfahrungen, sein Wissen \u00fcber den Fu\u00dfball und die jungen Kick-Millionarios in einem Buch unterzubringen. Er gab sich wirklich M\u00fche. 30 Kassetten \u00e0 90 Minuten waren schon abgetippt (und es gab kaum langweilige Passagen), die ersten 120 Seiten Manuskript existierten bereits.<\/p>\n<p>Da erkl\u00e4rte Cramer: \u201eNee, das machen wir doch nicht.\u201c<\/p>\n<p>Der Verleger und Hans Krohn sa\u00dfen ihm gegen\u00fcber in seinem Arbeitszimmer unterm Dach des mit Fu\u00dfball voll gestopften gem\u00fctlichen Hauses und versuchten, den \u201eFu\u00dfball-Professor\u201c umzustimmen. Er wisse soviel wie kaum ein Anderer \u00fcber den Sport. Er habe ein kunterbunt-spannendes Leben, er erz\u00e4hle Geschichten aus tausenduneinen N\u00e4chten und f\u00fcnf Kontinenten. Und das mit gro\u00dfer Seriosit\u00e4t und Aufrichtigkeit.<\/p>\n<p>\u201eNee, das machen wir nicht.\u201c<\/p>\n<p>Der Verleger war nicht am\u00fcsiert. Der verhinderte Autor seinerseits hatte Herrn Cramer so sch\u00e4tzen gelernt, dass man in Kontakt blieb.<\/p>\n<p>Wenn es winters aus dem Telefon schnarrte, es habe wieder \u201esaum\u00e4\u00dfig\u201c geschneit in Reit im Winkl, und er, der kleine Herr Cramer sei mit seinen 79, 81 oder so schon zweimal drau\u00dfen beim Schneeschippen gewesen, dann war das eine gute Nachricht:<\/p>\n<p>Er war immer noch Bemeisterer seines z\u00e4hen K\u00f6rpers.<\/p>\n<p>Seit ein paar Jahren lie\u00df er den Schnee weg machen.<\/p>\n<p>Aber Cramers Kopf, der arbeitete immer noch wie eine Schweizeruhr. Besonders, wenn es um Fu\u00dfball geht. Vor Weihnachten 2014 sagte er: \u201eIst ja sch\u00f6n, dass wir noch mal Weltmeister geworden sind, und ich habe es erleben d\u00fcrfen. Aber ich sagen Ihnen eins: Die Bayern holen in diesder Saison das Triple nicht. Der Guardiola kann\u2019s \u2013 aber nicht in dieser Saison.\u201c<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit meinte jeder, das Triple sei nur noch Formsache.<\/p>\n<p>Ein halbes Jahr drauf sind die Bayern dann vorbei geschrammt.<\/p>\n<p>Wieder mal hatte der \u201eProfessor\u201c Recht behalten. Ja, im Fu\u00dfball kennt er sich aus.<\/p>\n<p>In besagtem Gespr\u00e4ch wurde Dettmar Cramer auch einmal kurz sentimental (was sonst nicht so seine Sache ist). \u201eDie Bayern und der DFB \u2013 das waren meine gro\u00dfen Lieben. Und das waren auch meine gro\u00dfen entt\u00e4uschten Lieben, ein bisschen jedenfalls.\u201c<\/p>\n<p>Zu Bayern kam Cramer sozusagen auf dem Umweg \u00fcber den Deutschen Fu\u00dfball Bund. Geboren in Dortmund, Spieler bei Viktoria Dortmund und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Germania_Wiesbaden\">Germania Wiesbaden<\/a>. Bei einem Jugendlehrgang 1941 lernt Cramer er im Alter von 16 Jahren <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sepp_Herberger\">Sepp Herberger<\/a> kennen. Der pr\u00e4gt ihn. Der Fallschirmspringer Cramer \u00fcberlebt den Weltkrieg, schl\u00e4gt sich danach als Spielertrainer und Trainer durch. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Teutonia_Lippstadt\">Teutonia Lippstadt<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/VfL_Geseke\">VfL Geseke<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/SC_Paderborn_07\">FC Paderborn<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/TuS_Eving-Lindenhorst\">TuS Eving-Lindenhorst<\/a>. Sp\u00e4ter Chefcoach des Westdeutschen Fu\u00dfball Verbandes.<\/p>\n<p>Er ist der Gescheiteste des DFB. Aber nicht der Smarteste. Nicht er wird Nachfolger von Bundestrainer Sepp Herberger, sondern Helmut Sch\u00f6n, der den Funktion\u00e4ren mehr zu sagt.<\/p>\n<p>Bis 1974 arbeitet Cramer f\u00fcr den Weltverband Fifa als Instrukteur und Trainer in rund 70 L\u00e4ndern, ehe er f\u00fcr wenige Monate US-Nationalcoach wird \u2013 und dann\u2026<\/p>\n<p>Man schreibt 1975, und der FC Bayern will den kl\u00fcgsten Ausbilder des Globus haben. Also wird Cramer an die Isar geholt. Mit den M\u00fcnchnern gewinnt er in der Beckenbauer-\u00c4ra zweimal den Europapokal der Landesmeister und einmal den Weltpokal. Deutscher Meister wird er nicht.<\/p>\n<p>Bei Cramers 80. Geburtstag sa\u00df im \u201eSeehaus\u201c auch der mittlerweile grau gewordene Sepp Maier am Ehrentisch und erinnerte sich daran, wie es damals war mit Herrn Cramer:<\/p>\n<p>\u201eEr war ein Perfektionist. Er wusste alles \u00fcber Taktik, aber er wollte auch wissen und analysieren, wie einzelne Spielsituationen zustande kommen. Und er hat alles \u00fcber den Gegner in Erfahrung gebracht, und wenn er daf\u00fcr vorab nach Georgien oder sonst wo hinfahren musste. Er hat das alles genau aufzeichnen lassen und uns auf Flipcharts gezeigt. So mussten wir das \u00fcber Stunden studieren.\u201c<\/p>\n<p>Sepp, sagte ein Mitspieler von damals, der hat bei uns ganz neue Seiten aufgezogen. Dabei hatte man doch gedacht mit dem Lattek und dem Zebec und dem Cajkowski h\u00e4tte man schon einiges an Trainertypen durch.<\/p>\n<p>Maier schmunzelte: \u201eNein. Der Herr Cramer war einzigartig. Er brauchte nichts zu \u00fcbernehmen. Wir haben den Mann einfach nur respektieren m\u00fcssen. Ich habe ihn zwar als \u201elaufenden Meter\u201c tituliert, aber da hat er nicht mal reagiert. Er hat eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Lebensgeschichte gehabt. War ein Kind des Krieges, dann hat er in so vielen L\u00e4ndern gearbeitet und sich wirklich \u00fcberall zurechtgefunden. Er ist ein Weltmann. Und ja, er konnte damals sogar Spanisch \u2013 zumindest sind mir die Spielersitzungen so vorgekommen.\u201c<\/p>\n<p>Da hat dann Herr Cramer geschmunzelt. Er war gern ein Menschen-F\u00fchrer und \u2013Verf\u00fchrer. Er war von sich selbst \u00fcberzeugt und lie\u00df alle sp\u00fcren, dass er ihnen im Denken voraus war. Einmal f\u00fchrte er einen jungen St\u00fcrmer in ein wichtiges Spiel. Karl-Heinz Rummenigge hie\u00df der Bursch\u2018, er war f\u00fcrchterlich nerv\u00f6s, er machte sich schier in die Hosen. Da fl\u00f6\u00dfte ihm der kleine Coach zwei Stamperl Schnaps ein. Rummenigge bekam rote Backen und einen gro\u00dfen Mut. Er spielte pr\u00e4chtig.<\/p>\n<p>\u201eIch will immer gewinnen\u201c, sagte Dettmar Cramer bei einem von Krohns Besuchen.<\/p>\n<p>\u201eWovor haben Sie Angst?\u201c<\/p>\n<p>\u201eVor nichts. Ich \u00e4rgere mich, dass ich bald sterben muss. Das w\u00fcrde ich gerne auslassen.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt war er tot. Auf dem Kanal und im Oderbruch ging das Leben weiter. Krohn mochte es nicht fassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXXXII Hans Krohn hatte einen Kaffee gebr\u00fcht, nun schaltete er das kleine Radioger\u00e4t ein. Sieben-Uhr-Nachrichten. Fl\u00fcchtlinge. Ein neunmalkluger \u00f6sterreichischer Au\u00dfenminister, der Unfug redete. Autos auf der gro\u00dfen Ausstellung, die ohne einen Menschen fahren. Mainz gewinnt gegen Hoffenheim. Dettmar Cramer ist gestorben. Erschrecken. Dieser kleine z\u00e4he Mann war tot. 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