{"id":2116,"date":"2015-09-16T10:48:55","date_gmt":"2015-09-16T10:48:55","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2116"},"modified":"2015-09-16T10:48:55","modified_gmt":"2015-09-16T10:48:55","slug":"feigling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/feigling\/","title":{"rendered":"FEIGLING"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXXXI<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&#8220;Du machst vielleicht Sachen!&#8221;<\/p>\n<p>Papa Jupp hatte seinen Spa\u00df. Was hatte Hans Krohn zu Beginn des Sommers gro\u00dfe T\u00f6ne gespuckt! Er w\u00fcrde zu sich selbst finden. Eine Auszeit nehmen, um wieder mit sich ins Reine zu kommen.<\/p>\n<p>Und was hat er gemacht, der dumme Junge?<\/p>\n<p>Sich verliebt &#8211; ist schon bl\u00f6d genug.<\/p>\n<p>Sich bei der Selbstfindung verloren &#8211; das kannte man von Hans.<\/p>\n<p>Sich sein eigenes Drama inszeniert &#8211; auch das war nicht neu.<\/p>\n<p>&#8220;Was willste jetzt machen?&#8221;<\/p>\n<p>Krohn sa\u00df auf dem Bettrand und fand das Hotel-V\u00f6gel-Zimmer abgewohnt und beklemmend. Er dachte kurz nach, dann sagte er: &#8220;Erstmal mache ich hier die Biege.&#8221;<\/p>\n<p>Papa Jupp lachte. Werde auch Zeit. Au\u00dferdem liege das Schlauchboot noch am Steg vor seinem Haus am See. &#8220;Ist ja nicht weit. Mein G\u00e4rtner ist da, der macht Dir auf, oder hast Du noch einen Schl\u00fcssel?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Nee, hab&#8217; ich nicht. Aber ich glaube, ich bleibe nicht lange. Ich werde gleich los fahren. Jetzt ziehe ich das mit der Ostsee durch.&#8221;<\/p>\n<p>Ob er sich das wirklich antun wolle? Da runter schippern, auf einem Schlauchboot? Jupp hatte sich kundig gemacht, das sei nicht ganz ohne, hatten ihm Freunde gesagt, die sich auf dem Wasser auskennen. &#8220;Und Du hast doch keine Ahnung.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Nee, aber vielleicht tut es mir gut. Da komme ich auf andere Gedanken.&#8221;<\/p>\n<p>Wenn Hans meine, dann solle er es machen. Papa Jupp erkl\u00e4rte noch, was er aus den K\u00fchlschr\u00e4nken mit nehmen solle. &#8220;Und wennde am Meer bist, rufte an. Ich wollte schon lange mal wieder an die Ostsee, ich hole Dich dann, wenn Du willst.&#8221;<\/p>\n<p>Danke. Hans Krohn dr\u00fcckte die Austaste des Handys. Er packte eilig, stopfte alles, was ihm geh\u00f6rte, in den Rucksack. Er sah sich im Zimmer um. In den W\u00e4scheregalen lagen noch, sauber gefaltet Pullover und T-Shirts, zwei Slips mit Spitze, ein t\u00fcrkisfarbener BH, Str\u00fcmpfe, ein paar Jeans. Im Bad standen Sabrinas Sachen auf dem Spiegelbord. Ein Buch (&#8220;achtsamkeit &#8211; mitten im Leben&#8221;) auf dem Nachtk\u00e4stchen. Im Papierkorb die leeren Weinflaschen und eine stinkende 200-Gramm-Dose Heringsfilets in Tomatenso\u00dfe.<\/p>\n<p>Okay. Hans Krohn verlie\u00df das Zimmer.<\/p>\n<p>Er zahlte, inklusive des angebrochenen Tages &#8211; Sabrina w\u00fcrde in aller Ruhe ausziehen k\u00f6nnen. Die Stra\u00dfen von Neuruppin kamen ihm geschunden und ungastlich vor. Die B\u00e4nke, auf denen er mit Sabrina gesessen hatte, waren staubig und voller Bl\u00e4tter. Krohn hatte Kopfweh und keinen Spa\u00df am Gehen. Er kam zu Papa Jupps Villa, der G\u00e4rtner redete viel, Krohn bekam nichts mit.<\/p>\n<p>Er verstaute den Schlafsack und das Gep\u00e4ck im Schlauchboot. Sch\u00fcttete Benzin in den Motor, fuhr noch einmal zur Tanke und f\u00fcllte den Kanister nach. Bei der Gelegenheit besorgte er sich eine T\u00fcte &#8220;Elephants&#8221;.<\/p>\n<p>&#8220;Wollen Sie nicht noch eine Nacht hier schlafen?&#8221;, fragte der G\u00e4rtner. &#8220;Ist ja gar nicht mehr so lange hell &#8211; das lohnt doch gar nicht, jetzt weg zu fahren.&#8221;<\/p>\n<p>Krohn murmelte Unverst\u00e4ndliches und stieg ein. Er zog am Starterseil, der Motor bullerte, Krohn setzte sich auf die Bank, drehte am Gasgriff und verlie\u00df in sanfter Kurve den Steg. Er querte den See und lenkte sein Boot in den Kanal, der ihn nach S\u00fcden brachte.<\/p>\n<p>Der Fahrtwind und die Konzentration l\u00fcfteten ihn aus. Nach einer Stunde f\u00fchlte sich Krohn freier. Er stellte den Moto ab. Das Boot trieb in der Mitte des schmalen Kanals, links und rechts verwehrte Schilf einen weiten Blick. Krohn landete an, vert\u00e4ute sich an einer kr\u00fcppligen Weide, legte sich auf den R\u00fccken und schaute in den Himmel.<\/p>\n<p>Die Wolken sausten flott von West nach Ost. Dem Mann im Boot wurde auf angenehme Art schwindlig. Wei\u00dfgraue quellende Tr\u00fcffel-Wolken. Blauer Himmel. Eine freundliche Sonne.<\/p>\n<p>Krohn streckte sich wohlig. Es war gut hier. Sicher, er h\u00e4tte jetzt gerne Sabrina im Arm gehabt &#8211; aber dann auch wieder nicht. Er war mit sich unterwegs, das mochte er. Da gab es ein kleines schlechtes Gewissen, aber damit w\u00fcrde er leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hans Krohn griff in die T\u00fcte. Er f\u00fchlte sieben Dosen &#8220;Elephants&#8221;, das war beruhigend. Er pr\u00fcfte den Knoten am Baum, der w\u00fcrde halten. Hans Krohn \u00f6ffnete die Dose und trank sie halb leer. Die T\u00fcte mit dem \u00fcbrigen Bier lie\u00df er an einer Schnur vom Bootsrand ins Wasser gleiten. &#8220;Elephants&#8221; schmecken gut gek\u00fchlt am besten.<\/p>\n<p>Salami. Vollkornbrot. Bier. Eine Flasche Rotwein war auch noch im Rucksack. Klassik aus dem Radio. Es wurde Nacht. Halbmond.<\/p>\n<p>Bruckner.<\/p>\n<p>Das Schlauchboot schaukelte sacht, wenn Krohn \u00fcber Bord pisste. Er war sehr betrunken. Kurz \u00fcberlegte er, ob er zur\u00fcck fahren und Sabrina suchen wolle. Er schaltete das Handy ein und wieder aus.<\/p>\n<p>Mahler.<\/p>\n<p>Viel einsamer konnte es nicht kommen.<\/p>\n<p>Dachte er und tat sich sehr leid, als er sich in den Schlafsack wickelte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXXXI &#8220;Du machst vielleicht Sachen!&#8221; Papa Jupp hatte seinen Spa\u00df. Was hatte Hans Krohn zu Beginn des Sommers gro\u00dfe T\u00f6ne gespuckt! Er w\u00fcrde zu sich selbst finden. Eine Auszeit nehmen, um wieder mit sich ins Reine zu kommen. Und was hat er gemacht, der dumme Junge? Sich verliebt &#8211; ist schon bl\u00f6d genug. 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