{"id":2108,"date":"2015-09-12T16:20:09","date_gmt":"2015-09-12T16:20:09","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2108"},"modified":"2015-09-12T16:20:09","modified_gmt":"2015-09-12T16:20:09","slug":"crash","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/crash\/","title":{"rendered":"CRASH"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXXX<\/strong><\/p>\n<p>Ursachen- und anlasslos erwachten sie verstimmt. Sie hatten sich in der Nacht geliebt, er hatte seine Geschichte \u00fcber die aus der Welt gefallene Schlagers\u00e4ngerin und ihren Zombie-Bruder zu Ende erz\u00e4hlt, Sabrina hatte sich an Hans Krohn gepresst und war eingeschlafen. Er hatte noch ein wenig in die Dunkelheit gedacht und ihre trockene Stirn gestreichelt \u2013 dann hatte er auch Frieden.<\/p>\n<p>Nun stand er auf und blickte aus dem Fenster auf den See. Erste Herbstnebel. Graue Schwaden \u00fcber einem dunklen glatten Wasser. Sabrina streckte sich, fragte, was er sehe. Ach nichts, sagte er, wenn der Nebel sich verz\u00f6ge, k\u00f6nne das ein sch\u00f6ner Tag werden.<\/p>\n<p>\u201eAber der Sommer ist vorbei.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, bl\u00f6d\u201c, antwortete sie. Ob er noch einmal ins Bett komme?<\/p>\n<p>Die Frage war nett, aber der Ton stimmte nicht. Oder bildete sich Krohn das ein? Nein, an dem Ton war etwas Falsches. Au\u00dferdem lag Sabrina schon nicht mehr, sie war aufgestanden und auf dem Weg ins Bad.<\/p>\n<p>Sie schloss die T\u00fcr, er blickte wieder auf den See.<\/p>\n<p>Ihn ver\u00e4rgerten die Ger\u00e4usche. Klosp\u00fclung. Wasserhahn-Rauschen. Zahnb\u00fcrste fuhr \u00fcber ein Gebiss. Gurgeln. Ausspucken. Nichts zu h\u00f6ren, wahrscheinlich zog sie sich an. Er dachte mit Unwillen an ihren Slip und den Spitzen-besetzten BH, wollte nichts von ihrer Unterw\u00e4sche wissen, hatte sie aber vor Augen.<\/p>\n<p>Sabrina kam aus dem Bad, sie trug Jeans und ein mattblaues T-Shirt. Das Haar hatte sie zum Pferdeschwanz geb\u00fcndelt, ein wenig Lippenstift aufgelegt, sie sah frisch, unromantisch und bereit f\u00fcr den Tag aus.<\/p>\n<p>Hans Krohn f\u00fchlte sich ungewaschen und war ungehalten.<\/p>\n<p>Z\u00e4hneputzen. Pissen. Anziehen. Sabrina fragte dazwischen, ob er bald fertig sei.<\/p>\n<p>Danach in den Fr\u00fchst\u00fccksraum. Er nahm nur Kaffee. Sabrina a\u00df mit Appetit, sie legte K\u00e4sescheiben auf ein Br\u00f6tchen und strich Himbeermarmelade dr\u00fcber. Sonst am\u00fcsierte ihn das, aber nun fand er es ungeh\u00f6rig. Er konnte die Nachbarn &#8211; ein \u00e4lteres Ehepaar &#8211; nicht riechen. Er h\u00e4tte drein schlagen k\u00f6nnen, als der Vertreter am anderen Ende des Fr\u00fchst\u00fccksraums mit seiner Sekret\u00e4rin \u00fcbers Handy die Termine des Tages koordinierte.<\/p>\n<p>&#8220;Ich muss heute mal raus&#8221;, sagt er, Sabrina sah ihn pr\u00fcfend an. &#8220;Ich leihe mir ein Rad und fahre ein bisschen durch die Gegend.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Ist gut.&#8221; Sie biss ins Br\u00f6tchen, kaute, schluckte. Dann: &#8220;Das ist mir ganz recht. Ich muss mal wieder in meiner Wohnung vorbei schauen. Post machen und solche Sachen. Das erledige ich dann heute Abend.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Dann sehen wir uns nicht?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Wei\u00dft Du, ich habe, glaube ich, viel zu tun.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Okay, dann morgen wieder.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Ja, so machen wir es. Morgen.&#8221;<\/p>\n<p>Sie beendeten das Fr\u00fchst\u00fcck. Sabrina beeilte sich, zum Markt zu kommen. Hans Krohn k\u00fcmmerte sich ums Rad. Auf dem Weg aus der Stadt kaufte er Proviant und fuhr nordw\u00e4rts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er lie\u00df sich treiben. Von einem See zum n\u00e4chsten, am Rhin entlang. Mittags erreichte er Rheinsberg. Er lehnte das Fahrrad an eine Mauer und setzte sich vor ein Caf\u00e9 gegen\u00fcber dem Schloss. Krohn genoss die Sonne, bestellte einen Milchkaffee und ein St\u00fcck Kuchen. M\u00fcde Beine hatte er, aber der Missmut war weg.<\/p>\n<p>Krohn kramte aus dem Rucksack sein Notizbuch und schrieb:<\/p>\n<p><em>&#8220;Das hei\u00dfe Blut, \u00fcber Nacht abgek\u00fchlt. Keiner wei\u00df, warum. Aber sie will f\u00fcr sich sein. Es tut weh. Ihr Blick tut weh, wenn er erkaltet. Ich bin dem nicht gewachsen.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber es ist sch\u00f6n, in der Sonne zu sitzen und es gehabt zu haben. Wahrscheinlich hat es nie eine Chance gegeben.<\/em><\/p>\n<p><em>Oder mache ich mir nur etwas vor. Die Welt geht doch nicht aus den Fugen, wenn der Andere mal einen Tag f\u00fcr sich sein will.<\/em><\/p>\n<p><em>Nur kein Drama sehen, wo keines ist. Sie m\u00f6chte f\u00fcr sich sein &#8211; so wie ich mich jetzt f\u00fcr mich bin.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich habe das Zwei-Sein nie gut gekonnt. Und in den letzten Jahren habe ich es ganz verlernt. Ich brauche Geduld mit ihr und Geduld mit mir.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Er legte den Stift zur Seite. Jetzt ging es ihm besser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine halbe Stunde sp\u00e4ter passierte Hans Krohn den Ortsausgang von Rheinsberg in Richtung S\u00fcden. Ein Auto \u00fcberholte mit gro\u00dfer Geschwindigkeit &#8211; so knapp, dass Krohns Rad vom Luftzug zur Seite geschoben wurde. Krohn blickte dem Raser w\u00fctend nach. Er fuhr durch eine weite Rechtskurve in den Wald. Nun f\u00fchrte die Landstra\u00dfe 800 Meter geradeaus, dann bog sie nach rechts.<\/p>\n<p>Krohn hatte Fahrt aufgenommen. In eineinhalb Stunden w\u00fcrde er in Neuruppin sein und sich dann einen urigen M\u00e4nnerabend nach gutem Sport machen.<\/p>\n<p>Vor ihm &#8211; da wo die Stra\u00dfe die Kurve macht &#8211; gab es einen h\u00e4sslichen L\u00e4rm. Reifenquietschen, Metallknirschen, dumpfe Schl\u00e4ge von Blech auf Holz.<\/p>\n<p>Krohn blickte hoch und sah ein Auto, das schon vor einem Baum lag. Und ein anderes, das gerade auf einen Stamm zu raste und dort kreischend gestoppt wurde.<\/p>\n<p>Dann war es still.<\/p>\n<p>Krohn war abgestiegen und versuchte, seine Gedanken zu b\u00e4ndigen. Er fingerte zitternd nach dem Handy. Notruf. Eine M\u00e4nnerstimme, die ihn bat, sich zu beruhigen.<\/p>\n<p>Er stotterte. Zwei Kilometer hinter Rheinsberg, an der gro\u00dfen Kurve. Ja, zwei Autos. Nein, er war zu weit weg, konnte keine Einzelheiten erkennen. Nein, da r\u00fchrte sich nichts. &#8220;Es ist sehr schlimm, glaube ich. Sie m\u00fcssen gleich kommen.&#8221;<\/p>\n<p>Der Mann im Telefon sagte, man werde den Notarzt schickern. Und in Rheinsberg sei ein Feuerwehrfest, da k\u00f6nnten die Kollegen schnell vor Ort sein. &#8220;Beruhigen Sie sich und fahren Sie bitte nicht weg. Wir sind gleich da.&#8221;<\/p>\n<p>Hans Krohn setzte sich aufs Rad und fuhr in Richtung des Unfalls. Aus einem Auto stieg Rauch. Er war noch 200 Meter entfernt, da \u00fcberholte ihn ein Feuerwehrwagen.<\/p>\n<p>Krohn stieg ab und setzte sich neben die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter &#8211; mittlerweile waren mehrere Rettungswagen, die Polizei und ein Hubschrauber vor Ort &#8211; kam ein Polizist zu ihm.<\/p>\n<p>&#8220;Haben Sie den Unfall gemeldet?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Ja.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Was haben Sie gesehen?&#8221;<\/p>\n<p>Nicht viel, sagte Krohn. Der Wagen auf seiner Seite sei sehr schnell unterwegs gewesen. Und als er, Krohn, um die Kurve gebogen sei, hatte es schon gekracht. &#8220;Eigentlich habe ich nichts gesehen.&#8221;<\/p>\n<p>Der Beamte notierte sich Hans Krohns Personalien. &#8220;Sie sind sehr blass, brauchen Sie Hilfe?&#8221;<\/p>\n<p>Ach nein, es sei okay. Er sehe so etwas nur nicht oft. Der Polizist nickte und rief einen Sanit\u00e4ter, der nichts zu tun hatte. Er solle sich den Radfahrer einmal ansehen. Der Sanit\u00e4ter gab Krohn einen Traubenzucker. Hans schulterte sein Rad, kletterte durch den Graben \u00fcber ein Bahngleis und trottete auf einem sandigen Waldweg am Unfall vorbei in Richtung S\u00fcden.<\/p>\n<p>Sie hoben gerade einen toten Menschen auf eine Bahre. Die Stra\u00dfe sah aus wie eine Schrotthalde. Sogar \u00fcber das Bahngleis hinweg konnte Krohn das viele Blut sehen.<\/p>\n<p>Auf der Gegenfahrbahn standen die Autos, der Stau war mittlerweile \u00fcber einen Kilometer lang. Die Menschen hatten die Wagen verlassen und sich zu Absperrung hin bewegt. Sie filmten und fotografierten mit den Handys. Sie hatten vor Eifer ger\u00f6tete B\u00e4ckchen. Einer fragte Krohn, der ja sehr nah am Tatort gewesen war: &#8220;Sagen&#8217;Se mal, junger Mann, wieviele Tote? Das war&#8217;n doch mindestens zwei? Hat ganz sch\u00f6n gekracht, wa?&#8221;<\/p>\n<p>Krohn fuhr schnell. Vor Lindow musste er mal in den Wald, zum Kotzen. In Lindow sch\u00fcttete er in der Pizzeria drei Wei\u00dfbier und drei Grappa auf die Schnelle. Als er nach Altruppin kam, hatte er beim Aldi Schwierigkeiten, das Rad sauber abzustellen. Er kaufte drei Flaschen mit billigem Ros\u00e9, schaffte es gerade noch ins Hotelzimmer. Dann taumelte er sich ins Vergessen.<\/p>\n<p>Letzter Gedanke:<\/p>\n<p>Das war&#8217;s mit Sabrina. Schluss. Morgen bin ich weg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXXX Ursachen- und anlasslos erwachten sie verstimmt. 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