{"id":2103,"date":"2015-09-09T16:21:14","date_gmt":"2015-09-09T16:21:14","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2103"},"modified":"2015-09-09T16:24:12","modified_gmt":"2015-09-09T16:24:12","slug":"fluchten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/fluchten\/","title":{"rendered":"FLUCHTEN"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXXIX<\/strong><\/em><\/div>\n<div><strong>\u00a0<\/strong><\/div>\n<div><strong>Am Mittwoch war kein Markt. Sabrina schlief. Hans Krohn rollte sich behutsam \u00fcber die Bettkante und zog sich im Bad an. Als er die T\u00fcr zum Flur \u00f6ffnete, murmelt sie &#8220;Was?&#8221;. Er ging noch einmal zum Bett, strich ihr eine Haarstr\u00e4hne aus der Stirn und fl\u00fcsterte, sie solle weiter schlafen, er hole nur die Zeitungen. Sie drehte sich um, murmelte, sie liebe ihn &#8211; und begann, ganz leise zu schnarchen.<\/strong><\/div>\n<div><strong>Krohn musste zum Zeitungsladen nur um die Ecke gehen. Altes, herunter gekommenes Gesch\u00e4ft, drau\u00dfen die Lotto-Werbung, das Schaufenster war mit vergilbten Magazinen und leeren Weinflaschen ausgelegt.<\/strong><\/div>\n<div><strong>Drinnen roch es nach Zigarillo, Kaffee, Schwei\u00df und Bier. Das alles kam aus dem Nebenraum, in dem ein K\u00fcchentisch und sechs St\u00fchle standen. Dort waren immer Menschen, die tranken und palaverten. Die kein Tageslicht mochten und bei denen sich Tag und Nacht ohnehin schon zur Unkenntlichkeit verschoben hatten.<\/strong><\/div>\n<div><strong>Hans Krohn stand mit den Zeitungen vor der Kasse und wartete auf die Besitzerin. Sie f\u00fcllte bei den Herrschaften nach.<\/strong><\/div>\n<div><strong>War nicht ganz klar, ob die von der letzten Nacht \u00fcbrig waren oder ob sie sich gerade in den Tag hinein tranken.<\/strong><\/div>\n<div><strong>Sie hatten es mit der Politik. Diese Fl\u00fcchtlinge machten ihnen Sorgen. Einer &#8211; er hatte mal ein Elektrogesch\u00e4ft gehabt, nun war nichts mehr \u00fcbrig &#8211; erkl\u00e4rte die Lage der Nation:<\/strong><\/div>\n<div><strong>&#8220;Das machen die sich leicht mit ihrer Schei\u00df-Betroffenheit. Jetzt stehen sie da an den Bahnh\u00f6fen rum und klatschen &#8211; als ob\u00a0 diese Syrer und wasauchimmer Fu\u00dfballstars w\u00e4ren. F\u00fcr unser Geld werden die untergebracht und kriegen ihre 143\u00a0 Euro Taschengeld und das Essen und die Kleidung und die \u00c4rzte. Was das kostet!<\/strong><\/div>\n<div><strong>Und es werden immer mehr. Das geht nicht gut aus. Aber wie f\u00fchren wir uns auf? Wir tun wie Mutter Teresa.<\/strong><\/div>\n<div><strong>Ich sag&#8217; Euch, da mache ich nicht mit.<\/strong><\/div>\n<div><strong>Und Ihr werdet an mich denken. Die rutschen doch alle in unser Hartz IV, die Schei\u00df-Muslim-Assis.&#8221;<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div><strong>Er trank auf ex.<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div><strong>Krohn zahlte, er f\u00fchlte sich nicht gut. Trank auf dem R\u00fcckweg einen Kaffee, das Mulmige im Denken blieb. Er w\u00fcrde heute mit Sabrina nach Berlin fahren und ins Museum fahren, vielleicht gingen sie noch ins Kino. Kuchen im &#8220;Einstein&#8221;, romantische Zugfahrt zur\u00fcck zum Hotel, lange Liebe.<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div><strong>Das w\u00fcrden sie machen.<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div><strong>Machten sie aber nicht. Krohn kam zur\u00fcck ins Hotel. Er legte sich hinter Sabrina ins Bett und weinte. Irgendwie war heute nicht der Tag, der sich lohnte.<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div><strong>Abends brachte er die Geschichte vom Bruder der Schlagers\u00e4ngerin Sabrina zu Ende. War ja nicht mehr viel zu berichten &#8211; nachdem man den Star zu Grab getragen hatte.<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der Bauunternehmer st\u00f6berte schlie\u00dflich Rominas Bruder auf. \u201eKomm\u2019, ich zahl\u2019 Dir \u2019n Kaffee \u2013 hier kann man ja nicht reden.\u201c In der Kneipe sagte der Mann, so k\u00f6nne das nicht weiter gehen: \u201eDas h\u00e4tte Romina nicht gewollt. Dass Du so am Arsch bist. Nee, das geht gar nicht. Du kommst zu mir.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Seitdem wohnte Udo Krawittke, der mal eine Villa am Schlachtensee gef\u00fchrt hatte, im Ger\u00e4tewagen eines Berliner Bauunternehmers mit \u2019ner doll-romantischen Ader. Krawittke hatte einen gut ziehenden Bollerofen, einen Stromanschluss und eine Netzverbindung f\u00fcr seinen Computer. Ab und zu erledigte er f\u00fcr den Wohlt\u00e4ter Dinge in der Buchhaltung, zum Leben brauchte er nicht viel \u2013 und die schmalen Bez\u00fcge besserte er auf der Rennbahn auf.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Krawittke bastelte viermal im Jahr eine kleine Brosch\u00fcre f\u00fcr den Romina-Fanclub. Er gab auch einmal am Jahrestag ihres Todes ein Interview in einem bunten Magazin. Der Fotograf knipste Krawittke (\u201eNu, Udo, gucken\u2019Se ma richtich traurich!\u201c) am Grab der Schwester, \u00fcber der Geschichte stand \u201eRominas Bruder klagt an: Die Liebe ihres Lebens hat sie unter die Erde gebracht\u201c. Prompt hatte Udo eine Anzeige von Mike auf dem Hals. Die Anw\u00e4lte des Bauunternehmers regelten das aber ziemlich schnell.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Es gab keinen Tag ohne das Ungl\u00fccklich-Sein. Am wohlsten f\u00fchlte sich Krawittke noch in der N\u00e4he der Pferde. Oft trieb er sich schon morgens bei den St\u00e4llen an der Rennbahn herum. Sie kannten ihn dort, lie\u00dfen ihn mit anpacken. Das tat Krawittke gut, er f\u00fchlte sich gebraucht. Wenn er dann wieder in seinem Bauwagen sa\u00df, l\u00e4chelte ihn von der Wand Romina an \u2013 und da war es dann wieder, dieses Ungl\u00fccklich-Sein.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Hoffnung?<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Worauf, bittesch\u00f6n?<\/div>\n<div><\/div>\n<div>F\u00fcr ihn gab es keine Hoffnung.<\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der Sieger des letzten Rennens, ein wuchtiger Brauner, geb\u00e4rdete sich wild.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Krawittke kannte das Pferd gut. Was macht denn der Pfleger da? Dachte sich Krawittke, der bringt das Tier ja v\u00f6llig auf die Palme. Keine Ahnung hatte der junge Mann, wie man mit dem bockigen Hengst umgehen musste. Naja, das sollte nicht Krawittkes Sorge sein.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Er trank das Bier aus, schl\u00fcpfte in den Anorak und verlie\u00df das Restaurant. Fuhr mit dem Lift ins Erdgeschoss, trat ins Freie.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Es regnete immer noch. Gut, dass er eine M\u00fctze dabei hatte. Er zog sie tief in die Stirn und ging am Fahnenmast-Geklapper vorbei in Richtung Teltowkanal.<\/div>\n<div>Das war ein ganz sch\u00f6nes St\u00fcck Weg, aber Udo wollte sein Geld nicht f\u00fcrs Busfahren verplempern. Auch wenn er heute gro\u00df kassiert hatte, war das noch lang kein Grund, mit der Knete um sich zu schmei\u00dfen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Er hie\u00df doch nicht Mike.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Au\u00dferdem tat ihm die frische Luft gut. Er hatte zuviel getrunken, wenn das mal am n\u00e4chsten Tag kein Kopfweh g\u00e4be. Udo vertrug Alkohol nicht gut \u2013 und wenn er ehrlich war, schmeckte ihm das Zeug gar nicht so dolle.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Um diese Zeit, es ging auf elf zu, waren kaum noch Menschen in den Stra\u00dfen. In den H\u00e4usern wurden Lichter gel\u00f6scht. Udo f\u00fchlte sein Allein-Sein sehr, und das war ihm unangenehm.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Er konnte den bedr\u00fcckenden Gedanken nicht ausweichen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Das war also geblieben:<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Gnadenbrot bei einem Verehrer seiner toten Schwester. Ein Computer als Verbindung zu den Menschen. Jeden Montag Renntag. Zweimal in der Woche beim Aldi. Donnerstags der Besuch von Rominas Grab. Ab und zu ein kleiner Buchhalter-Job f\u00fcr den Wohlt\u00e4ter. Fr\u00fchst\u00fcck um halb acht. Mittags was auf die Hand. Abends um halb sieben etwas Warmes, Ravioli aus der Dose oder so. Fernsehen, immer, den ganzen Tag. Um halb zw\u00f6lf zu Bett.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Zu Weihnachten ein kleines B\u00e4umchen auf dem Tisch. Seit ein paar Monaten eine Mail-Freundschaft mit einer Romina-Bewunderin aus dem Odenwald.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Udo Krawittke h\u00f6rte nicht mehr sehr gut. Daf\u00fcr hatte er Augen wie ein Adler. Er konnte sich gut Dinge und Namen merken. Auf den Blutdruck sollte er Acht geben. Er hatte immer noch viel Kraft in den Muskeln, seine Verdauung machte ihm Freude. Beim Arzt war er seit Jahren nicht mehr gewesen, an die letzte Grippe konnte er sich gar nicht entsinnen. Er war ein recht gesunder Mann. Wenn er so weiter machte, w\u00fcrde er wohl 80 oder 90 werden.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Da hatte er noch einen langen Weg vor sich.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Es machte keinen Spa\u00df, sich die Zukunft auszumalen. Udo Krawittke war fast ganz unten angekommen, und da musste er es sich nun f\u00fcr den Rest der Zeit einrichten.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Nichts zu \u00e4ndern.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Jedenfalls nicht f\u00fcr einen wie ihn. Er musste seine Tage ableben. Zum Verk\u00fcrzen fehlte ihm der Mut.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Ein Regenschauer fuhr dem Mann in der Nacht ins Gesicht.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Er dachte: Ich muss jetzt vor allem auf eines aufpassen. Dass ich immer die Raten f\u00fcrs Grab p\u00fcnktlich zahle.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Herr Krawittke hatte sich n\u00e4mlich einen Platz an der Seite seiner Schwester reserviert. Wenn es so weit w\u00e4re, sollten sie ihn gef\u00e4lligst neben ihr runter lassen. Wenn er es recht bedachte:<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Das mit dem Grab war das Wichtigste in seinem Leben.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Echt.<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXXIX \u00a0 Am Mittwoch war kein Markt. 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