{"id":2095,"date":"2015-09-04T18:23:21","date_gmt":"2015-09-04T18:23:21","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2095"},"modified":"2015-09-04T18:23:21","modified_gmt":"2015-09-04T18:23:21","slug":"dunkler-ruhm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/dunkler-ruhm\/","title":{"rendered":"DUNKLER RUHM"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><strong><em>sommer zwanzichfuffzehn XXXV<\/em>II<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Weiter&#8221;, forderte Sabrina. &#8220;Erz\u00e4hle weiter. Hast Du diese Romina gekannt?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Nein. Ich bin mit ihren Liedern gro\u00df geworden. Manchmal waren sie ganz hilfreich.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Wie meinst Du das?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Naja, als ich so 18, 20 24 war, hat es in der Disco geholfen. Sie hat ein paar Lieder gehabt, die bei den Frauen gut ankamen.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Zum Tanzen, oder wie?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Nee, nicht so direkt. Romina hat von Tr\u00e4umen gesungen und von Liebe und so. Und die Frauen in der Disco haben dann wohl so eine Sehnsucht gehabt.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Du stotterst ja. Hans, das ist lange her. Du musst Dich nicht sch\u00e4men. <\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Tu ich nicht, tu ich nicht. Ich erz\u00e4hle weiter, ja?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mach das.&#8221; Sie l\u00e4chelte.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Romina konnte keinen Fu\u00df vor die T\u00fcr setzen, ohne umlagert zu werden. Udo hatte einen ger\u00e4umigen Mercedes mit get\u00f6nten Scheiben gekauft, den seine Schwester in der Garage bestieg. Sie pendelte zwischen Studio und dem neuen Zuhause am Schlachtensee. Im Kempinski hatten die Krawittkes einen eigenen Tisch in der hinteren Ecke der Bar. Dort wurden auch die neuen Gesch\u00e4fte eingef\u00e4delt.<\/p>\n<p>Viele wollten etwas von der Frau, die scheinbar ohne Pausen auskam. Viele wussten auch, dass sie ein gef\u00e4hrliches Spiel mit Tabletten und P\u00fclverchen spielte. Aber das taten Andere in der Branche auch. Solange Romina funktionierte, war doch egal, wie sie es hin bekam.<\/p>\n<p>Sie bekam, was sie wollte \u2013 wenn sie nur sang. Manchmal hatte sie Lust auf einen Mann, dann fand sich schon einer aus der Tanzgruppe. Die Aff\u00e4ren dauerten eine Nacht, dann war Romina alles zuviel. \u201eIch muss jetzt arbeiten\u201c, sagte sie. \u201eAusruhen kann ich mich sp\u00e4ter.\u201c<\/p>\n<p>Udo und seine Schwester bewohnten eine Villa am Schlachtensee. Die Miete war s\u00fcndhaft, doch das st\u00f6rte nicht. Romina genoss den R\u00fcckzugsort. Morgens vor sechs ging sie mit ihrem Hund, einer divenhaften wei\u00dfen Pudeldame, spazieren \u2013 eine junge Frau mit unendlich m\u00fcden Augen, ungeschminkt, mit ersten traurigen F\u00e4ltchen an den Mundwinkeln.<\/p>\n<p>Um diese Tageszeit war sie das echte Fr\u00e4ulein Krawittke. Ihr Schritt hatte nichts Kraftvolles, bedr\u00fcckt sah sie der Sonne beim Aufgehen zu. Manchmal begegnete sie einem Nachbarn und setzte eilfertig ein L\u00e4cheln auf. Auch G\u00f6tz George, der Schauspieler, ging hier seiner Wege, wenn er im Lande war. Auch er sah gehetzt und benutzt aus. Man blickte einander ins Gesicht und wusste um die Not des Anderen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also Romina mit \u201eClaire\u201c unterwegs war, bereitete Udo das Fr\u00fchst\u00fcck. \u201eWir brauchen in der K\u00fcche niemanden\u201c, hatte er gesagt. \u201eIch mache das alles.\u201c Er sch\u00e4lte Gurken, viertelte Tomaten, br\u00fchte den Kaffee, deckte den Tisch und legte auf Rominas Deckchen die Tageszeitungen \u2013 obenauf die \u201eBild\u201c, nachdem er sie durchgebl\u00e4ttert hatte (schlechte Presse hielt Udo von seiner Schwester fern). Er blickte aus dem Fenster im Erker, von wo aus er den Weg um den See \u00fcberblicken konnte. Da hinten kam sie mit dem Hund. Udo schlug zwei Eier in die Pfanne, legte die Speckstreifen dazu.<\/p>\n<p>Er h\u00f6rte die Ger\u00e4usche im Flur. \u201eFr\u00fchst\u00fcck ist schon fertig\u201c, rief er.<\/p>\n<p>\u201eKomme\u201c, war zu h\u00f6ren. Romina erschien im T\u00fcrstock zum Esszimmer. Sie sah mit ihrem ungemachten Gesicht verletzlich aus, keine Spur von Glamour.<\/p>\n<p>Sie blickte auf den gedeckten Tisch, l\u00e4chelte. \u201eSch\u00f6n.\u201c Romina k\u00fcsste ihren Bruder auf die Stirn. \u201eMann, hab\u2019 ich einen Hunger. Wei\u00dfte, wen ich gesehen habe?<\/p>\n<p>\u201eNee. Sag\u2019!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDen G\u00f6tz. Der ist wieder mal im Lande. Der ist ja sonst dauern irgendwo am Drehen. Du, der macht echt Karriere, h\u00e4ttste das gedacht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNaja, bei dem liegt es im Blut. Gut aussehen tut er ja.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKannste sagen. Ich hab\u2019 gelesen, die in Hollywood sind interessiert.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHmm. Hat er Dich erkannt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchon. Aber wir haben nicht viel geredet. Wei\u00dft ja, dass sich Claire und sein K\u00f6ter nicht ausstehen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIst das Ei okay?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWunderbar, Udo, perfekt. Was fragste \u00fcberhaupt? Ist doch immer alles perfekt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas machste heute?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWerd\u2019 gleich abgeholt. Volles Programm. Mittagessen mit so nem Heini von der Zeitung. Nachmittags muss ich ins Studio. Mit den Aufnahmen von gestern ist irgendwas noch nicht ganz in Ordnung. Na, wir werden ja sehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKommste zum Abendessen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch glaube nicht. Brauchst nix zu machen. Kann sp\u00e4t werden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu wei\u00dft, dass wir morgen Fr\u00fch \u2019nen Flieger haben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, gut, dass Du mich erinnerst. H\u00e4tt\u2019 ich fast vergessen. M\u00fcnchen, wa?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa. Aufzeichnung vom ,Hithaus\u2019. Du glaubst gar nicht, wie\u2019s mir graust.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu meinst, wegen dem Backhaus.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKlar, der kann einfach seine H\u00e4nde nicht bei sich behalten. Der wird wieder grabschen, ich w\u00fcrde ihm am liebsten eine schallern.\u201c<\/p>\n<p>Aber Romina wusste, dass sie nicht ausrasten durfte. Sie war froh, wenn ihr Bruder sie begleitete. Der hatte etwas Beruhigendes. Bevor Situationen eskalierten, schritt Udo ein.<\/p>\n<p>\u201eMach\u2019 Dir mal keine Sorgen\u201c, sagte er. \u201eDas kriegen wir hin. Wo wohnen wir eigentlich?\u201c<\/p>\n<p>\u201eBayerischer Hof, glaube ich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSiehste \u2013 wenigstens beim Hotel ist der Backhaus anst\u00e4ndig.\u201c<\/p>\n<p>Romina sah ihren Bruder nachdenklich an. \u201eWenn Du w\u00fcsstest.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Udo Krawittke besch\u00fctzte Romina, er schottete sie ab. Das brauchte sie. Immer \u00f6fter. Er kannte das: Die dunklen Tage begannen ganz normal. Doch schon, wenn Romina vom Spaziergang zur\u00fcck kam, wusste Udo, dass es wieder einmal soweit war. Sie zog die Haust\u00fcr leise hinter sich zu, redete kein Wort mit dem Hund. Udo h\u00f6rte, dass die Schritte aus dem Flur die Kellertreppe hinunter gingen.<\/p>\n<p>Er folgte Romina. Sie legte einen ihrer Filme ein. Elvis Presley als zorniger junger Mann, James Dean auf Sinnsuche, die d\u00fcstere Marlene Dietrich, ,Casablanca\u2019 oder\u00a0 ,Boulevard der D\u00e4mmerung\u2019 oder ,Sie k\u00fcssten und sie schlugen ihn\u2019.<\/p>\n<p>\u201eMuss das sein?\u201c, fragte Udo.<\/p>\n<p>\u201eAch, mein Gro\u00dfer\u201c, meinte Romina. \u201eDu wei\u00dft doch, wie es ist. Sag\u2019 doch bitte alles ab, bist Du so lieb.\u201c<\/p>\n<p>Er seufzte, wollte wissen, ob sie etwas zum Fr\u00fchst\u00fcck haben wollte. Ein Kaffee w\u00e4re prima, sagte sie und startete den Film.<\/p>\n<p>Manchmal dauerten die Sitzungen mehrere Tage. Romina a\u00df kaum, nickte ab und zu ein, schreckte sp\u00e4testens wieder hoch, wenn die leer laufende Rolle das Ende des Filmstreifens gegen den Projektor pladderte. Dann legte sie die n\u00e4chste Spule ein. Sie vergrub sich tief in ihrer Lieblingsdecke, sagte kein Wort, hatte ein unbewegtes Gesicht. Nein, sie w\u00fcrde nicht reden und sie w\u00fcrde niemandem zuh\u00f6ren. Man musste sie einfach lassen. Irgendwann stand sie auf, faltete die Decke zusammen, schaltete den Apparat aus, stieg die Treppen hinauf, nahm ein langes Schaumbad, kam in die K\u00fcche und sagte: \u201eMann, hab\u2019 ich \u2019nen Kohldampf.\u201c<\/p>\n<p>Danach fuhren sie zum KadeWe und kauften f\u00fcr Romina ein Auto voller sch\u00f6ner Sachen.<\/p>\n<p>Dann war sie wieder die Romina f\u00fcr die Massen.<\/p>\n<p>In Berlin war sie der Liebling der Menschen, im Land der Star \u2013 und im Ausland fanden die Leute das nette \u201eFrollein\u201c zum Anbei\u00dfen. Gerade die Amis standen auf dieses deutsche Girl mit den schwarzen Haaren. Romina wurde eingeladen, sie gastierte in Vegas. Eine Berliner G\u00f6re in Las Vegas \u2013 war das noch zu toppen.<\/p>\n<p>Staunend stolperte Udo neben seiner Schwester durch die fremde Glitzerwelt. Er lie\u00df sich von Romina \u00fcberreden, sich ein paar neue Anz\u00fcge zuzulegen. Nichts Gedecktes, ein bisschen geckenhaft eher. Das passte nicht ganz zu ihm, und er f\u00fchlte sich auch nicht sonderlich wohl \u2013 aber die Schwester wollte es so haben, dann f\u00fcgte er sich eben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Las Vegas verlor Udo die Kontrolle \u00fcber Rominas Leben. Er verkroch sich nach ihren Auftritten im Hotelzimmer, w\u00e4hrend sie von Party zu Party zog. Sie lernte Cary Grant kennen, der ihr \u2013 meinte er das ernst? \u2013 einen Antrag machte. Sie empfing in der Garderobe einen aufgekratzten Elvis, der mal schnell nach seiner Show im \u201eInternational\u201c r\u00fcber schaute.<\/p>\n<p>Die Kerle rissen sich um Romina. Warum fiel sie gerade auf diesen Mike herein?<\/p>\n<p>Dem stand die Schlechtigkeit im Gesicht. Zugegeben, er war ein auff\u00e4llig gut aussehender Mann. Aber er hatte verschlagene Augen, ein unfrohes Lachen \u2013 und er war geizig. Eigentlich kein Typ f\u00fcr Romina.<\/p>\n<p>Irgendwie schaffte er es aber, den Star aus Deutschland einzuwickeln. Udo, in seinem Hotelzimmer, bemerkte in dieser Nacht nicht, dass ihm seine Schwester abhanden kam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Rennen war vorbei. Udo Krawittke haderte mit sich: Da gewann er schon mal einen richtigen Batzen Geld. Doch anstatt sich zu freuen, kramte er in der Vergangenheit rum und \u00fcberlie\u00df sich unfrohen Gedanken.<\/p>\n<p>Das passierte ihm oft. Er erinnerte sich an die glamour\u00f6sen Zeiten seines Lebens. An den \u201eBayerischen Hof\u201c. Die Villa am Schlachtensee. Das Reisen in der Ersten Klasse.<\/p>\n<p>Es hatte ihm an nichts gefehlt. Dass er keine Frau ab bekam, war ihm egal gewesen. Er hat Frauen immer als schwierig empfunden. Nee, er war nicht schwul, bewahre! Er hatte nur keine Lust auf Komplikationen. Es war doch alles so angenehm geregelt gewesen. Seine Schwester im Rampenlicht, er im Hintergrund, die buckelnden Direktoren von der Bank.<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte ewig so weiter gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Tat es aber nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXXVII &#8220;Weiter&#8221;, forderte Sabrina. &#8220;Erz\u00e4hle weiter. Hast Du diese Romina gekannt?&#8221; &#8220;Nein. Ich bin mit ihren Liedern gro\u00df geworden. Manchmal waren sie ganz hilfreich.&#8221; &#8220;Wie meinst Du das?&#8221; Naja, als ich so 18, 20 24 war, hat es in der Disco geholfen. 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