{"id":2088,"date":"2015-09-02T17:22:46","date_gmt":"2015-09-02T17:22:46","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2088"},"modified":"2015-09-02T17:22:46","modified_gmt":"2015-09-02T17:22:46","slug":"romina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/romina\/","title":{"rendered":"ROMINA"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><strong><em>sommer zwanzichfuffzehn XXXV<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Krawittke, der Gl\u00fcckspilz des Abends, sah durch die Panoramascheibe hinunter, wo der Sieger eines Rennens geehrt wurde. Da hinten waren Icke und die Rollstuhl-Ida und hatten es wirklich ungem\u00fctlich. Drau\u00dfen trieben B\u00f6en den Regen waagrecht \u00fcbers Gel\u00e4nde. Das Feld f\u00fcr den n\u00e4chsten Start formierte sich. Die Tiere nahmen hinter dem Tempowagen die Pace auf, der Sprecher begann seinen Kommentar, ruhig und scheinbar unbeteiligt, sp\u00e4ter in ein Crescendo taumelnd.<\/p>\n<p>Alles wie immer.<\/p>\n<p>Hier war Udo Krawittkes Heimat. Zumindest, seit Romina unter der Erde lag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor sechs Jahren war sie gestorben. Eigentlich hie\u00df sie ja nicht Romina. Aufgewachsen war sie als Annemarie. Annemarie Krawittke, die von allen \u201eAnne\u201c oder \u201e\u00c4nnchen\u201c gerufen wurde. Doch als sie beschloss, sie w\u00fcrde eine bekannte S\u00e4ngerin werden, suchte sich Udos Schwester einen schicken Namen aus. Zu der Zeit sang Rocco Granata \u201eMarina, Marina, Marina\u201c \u2013 das gefiel Annemarie, also nannte sie sich \u201eRomina\u201c.<\/p>\n<p>\u201eRomina, Romina, Romina!\u201c<\/p>\n<p>Ja, seine Schwester war schon eine echt schr\u00e4ge Pflanze.<\/p>\n<p>Sie wuchsen in Spandau auf. Immer \u00fcberfordert die Mutter, mit dunklen Ringen um die Augen und einer schwachen Gesundheit (wann hustete die Frau eigentlich nicht?). Immer m\u00fcde der Vater \u2013 er arbeitete auf dem Bau und hatte schon mit 45 einen kaputten R\u00fccken. Er kam von der Arbeit nach Hause und schlief\u00a0 nach dem Abendbrot auf dem Canapee mit der Zeitung in den H\u00e4nden ein.<\/p>\n<p>Die Geschwister hatten trotzdem eine sch\u00f6ne Kindheit. Udo, zwei Jahre \u00e4lter als Anne, sch\u00fctzte seine Schwester vor allem B\u00f6sen. Er war grobschl\u00e4chtig geraten. Nichts an ihm war charmant. Seine Bewegungen hatten etwas Eckiges, die Augen fielen ihm fast aus dem Sch\u00e4del, die Ohren standen rotleuchtend ab. Udo hatte Pickel, schlaffe Muskeln, matte Augen und schon mit 14 eine Wampe. Er brachte kein fr\u00f6hliches Lachen zustande \u2013 dabei gefiel ihm die Welt, und er mochte alles Heitere. Aber das konnte Udo nicht zeigen. Die Anderen mochten den schmallippigen Burschen nicht, der obendrein stark schwitzte und unangenehm sauer roch.<\/p>\n<p>Wie anders war da die Schwester. Annemarie: schon als F\u00fcnfj\u00e4hrige der Star des Mietshauses. Sie lachte und kicherte und h\u00fcpfte und tanzte durch die Tage.<\/p>\n<p>Vor allem sang sie. Annemarie hatte eine laute, feste Stimme. Und diese Begabung! Anemarie musste eine Melodie und einen Text nur einmal h\u00f6ren, dann hatte sie das Lied intus.<\/p>\n<p>Mit zehn kannte jeder im Kiez das Gassenhauer-M\u00e4dchen aus dem Hinterhaus. Mit zw\u00f6lf trat sie zum ersten Mal bei einem Vereinsabend auf, das war der Anfang einer z\u00e4hen Tingelei an den Wochenenden. F\u00fcr 15 Mark besorgte sie in einer rauchigen, verl\u00e4rmten Kneipe die Unterhaltung.<\/p>\n<p>Wochentags der Job am Flie\u00dfband. Genug Zeit, von der schillernden Welt drau\u00dfen zu tr\u00e4umen. Von den verglasten Caf\u00e9pavillons am Ku\u2019damm, von den Clubs mit der rubinroten Samt-Bestuhlung, von den Scheinwerfern im Fernsehstudio. Und sie tr\u00e4umte vom Wochenende, den kleinen Auftritten und den Menschen, die ihre Stimme mochten.<\/p>\n<p>Drei Jahre ging das so. Werktags die Werkbank, samstags der kleine Ruhm. Dann erkl\u00e4rte Romina, sie pfeife auf die Firma \u2013 sie wolle S\u00e4ngerin werden. Mit 16 wurde sie entdeckt. Mit 17 war sie \u201eRomina\u201c und ein Star.<\/p>\n<p>Und was f\u00fcr einer!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Udo \u2013 der Alkohol hatte ihn sentimental gemacht \u2013 zog die Brieftasche aus dem Anorak, \u00f6ffnete sie und betrachtete eine knittrige Schwarzwei\u00df-Fotografie. Das war die Romina der ersten Jahre.<\/p>\n<p>Schwarzes schulterlanges Haar. Sie k\u00e4mmte es jeden Tag ein paar Mal ausgiebig. Mit langsamen geduldigen Bewegungen zog sie die B\u00fcrste durch die Seidenglanz-Pracht \u2013 Udo sah ihr gerne dabei zu. Sp\u00e4ter las er ein Buch \u00fcber C\u00e4sar, danach nannte er seine Schwester nur noch \u201emeine kleene Cleopatra\u201c.<\/p>\n<p>Trotz aller Zierlichkeit war Romina eine unerbittliche junge Frau. Sie arbeitete in den ersten Jahren Tag und Nacht an ihrer Karriere. Nie wurde sie ungeduldig, mit ihrem Lachen nahm sie jedermann f\u00fcr sich ein. Als sie endlich Gesangsunterricht bekam, lernte sie in rasender Eile. Romina hielt sich nicht mit dem Feiern kleiner Erfolge auf. Sie wollte ganz gro\u00df werden, also g\u00f6nnte sie sich keine Pause.<\/p>\n<p>Erste Aufnahmen im Rundfunk, die erste Platte, die ersten Artikel in den Berliner Zeitungen, dann Portr\u00e4ts in den gro\u00dfen Magazinen. Romina wurde auf die Roten Teppiche gebeten. Sie l\u00e4chelte so hinrei\u00dfend, sie war so nat\u00fcrlich. Sie war Berliner G\u00f6r und Gro\u00dfstadt-Vamp in einem.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXXV &nbsp; Krawittke, der Gl\u00fcckspilz des Abends, sah durch die Panoramascheibe hinunter, wo der Sieger eines Rennens geehrt wurde. Da hinten waren Icke und die Rollstuhl-Ida und hatten es wirklich ungem\u00fctlich. Drau\u00dfen trieben B\u00f6en den Regen waagrecht \u00fcbers Gel\u00e4nde. Das Feld f\u00fcr den n\u00e4chsten Start formierte sich. 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