{"id":2084,"date":"2015-09-01T09:43:14","date_gmt":"2015-09-01T09:43:14","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2084"},"modified":"2015-09-01T09:46:41","modified_gmt":"2015-09-01T09:46:41","slug":"nalinas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/nalinas\/","title":{"rendered":"NALINAS"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXXIV<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Sabrina wachte auf. Sie tastete hinter sich. Hans lag nicht da. Sie setzte sich auf. Am Fenster stand Krohn, sie blickte auf seinen R\u00fccken.<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Hans, was ist?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Nichts. Wir haben Vollmond.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Und dann kannst Du nicht schlafen?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Hm.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Komm ins Bett. Sag&#8217; mal, bin ich gestern eingeschlafen?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Ja, ich habe erz\u00e4hlt und erz\u00e4hlt &#8211; und wie ich zu Dir geschaut habe, hast Du gepennt. Du bist sehr sch\u00f6n, wenn Du schl\u00e4fst.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Du S\u00fc\u00dfer. Was hast Du denn erz\u00e4hlt?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Von einem Typen der beim Wetten gewonnen hat.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Wetten. Was hei\u00dft das?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Naja, er hat beim Pferderennen auf den Sieger getippt.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Achso. Wei\u00dft Du, ich liebe Pferde.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Ach?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Erz\u00e4hl&#8217; doch weiter. Ich verspreche, ich schlafe nicht ein.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aufs richtige Pferd gesetzt. Dabei hatten alle gesagt, das sei f\u00fcr eine Siegwette das falsche Pferd. Udo griente, als er sich erinnerte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>30 Minuten fr\u00fcher:<\/p>\n<p>Udo Krawittke stand an der Absperrung auf H\u00f6he der Ziellinie und fror. Es war ein unwirtlicher Montagabend. Neumond. Es nieselte, und Windb\u00f6en sprangen \u00fcber die Trabrennbahn. Die Seile schlugen Salven gegen die Fahnenmasten. Icke, mit dem Udo immer zusammen stand, hatte den Mantelkragen hoch geschlagen und knurrte ein ums andere Mal:<\/p>\n<p>\u201eSauwetter!\u201c Ida, grinste aus ihrem Rollstuhl hoch: \u201eVon der N\u00f6rgelei wird\u2019s auch nicht besser.\u201c Sie beobachteten die Teilnehmer des dritten Rennens, die sich auf ihren Auftritt vorbereiteten. Eigentlich h\u00e4tten sie gar nicht hinsehen m\u00fcssen, denn sie kannten ihre Pappenheimer.<\/p>\n<p>VULKAN, der hatte einfach das Tempo, der konnte sich sogar Fehler erlauben, au\u00dferdem sa\u00df Michael Nimcyk im Sulky, mit dem ging ohnehin nix schief. KONARO, formschwach in den letzten Rennen, aber nun war er nach Berlin umgezogen, und da hatte er sich immer wacker geschlagen. JESSE BES, der gro\u00dfe Endk\u00e4mpfer, hatte in den vergangenen Monaten in Berlin \u00fcberzeugt. ANTANO, so ein Grundsolider, auf dritte Pl\u00e4tze abonniert, vielleicht arbeitete er sich mal hoch. RENOIR SIMONI, hatte in Karlshorst mal ein Pillepalle-Rennen gewonnen, sonst ein ordentlicher Mitl\u00e4ufer. NALINAS FLASHLIGHT, Mittelma\u00df und nicht mehr, wenn es gut kam, ein Aspirant auf dritte Pl\u00e4tze. H\u00f6vings OLD DEVIL, hatte ein durchwachsenes Comeback-Jahr hinter sich, man hatte schon ein wenig mehr erwartet, aber er kam einfach nicht in die P\u00f6tte. JAGUIELLO, neu in Berlin, bisher nur mit m\u00e4\u00dfigen Leistungen, wann platzte bei dem der Knoten, platzte der \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>\u201eEcht? Du hast echt ,Nalinas\u2019 auf Sieg?\u201c, fragte Ida noch einmal.<\/p>\n<p>\u201eJa.\u201c<\/p>\n<p>Icke verga\u00df sogar das Sauwetter. So bl\u00f6de konnte doch keiner sein. Der Udo kam nun seit f\u00fcnf sechs Jahren zu fast jedem Rennen, der trieb sich manchmal fr\u00fchmorgens auf dem Gel\u00e4nde rum und sah den Tieren beim Training zu. Der kannte sich aus. Er war bekannt daf\u00fcr, dass er ganz selten mit Verlust nach Hause ging. Nie machte er den gro\u00dfen Schnitt, dazu waren seine Wetten zu vorsichtig. Der Udo war bekannt f\u00fcr seine Umsicht.<\/p>\n<p>Und jetzt \u201eNalinas\u201c! Wo doch klar wie Klo\u00dfbr\u00fche war, dass \u201eVulkan\u201c das Rennen machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eIch hab\u2019 so\u2019n Gef\u00fchl gehabt.\u201c Udos Erkl\u00e4rung war l\u00e4cherlich. Ein Profi hat keine \u201eGef\u00fchle\u201c zu haben. Na gut, jeder kann mal \u2019nen Aussetzer haben. Der Udo musste ja wissen, wie er seine Kohle zum Fenster raus schmiss.<\/p>\n<p>Ein verr\u00fccktes Rennen. \u201eVulkano\u201c zog los wie von Furien gejagt. Kein Zweifel, dass er das Rennen machen w\u00fcrde. Hinter ihm spielten sich kleine Dramen ab. Drei Gespanne, vier Gespanne wurden disqualifiziert, weil die Pferde aus dem Tritt gekommen waren. Und dann\u2026<\/p>\n<p>\u2026ja, dann erwischte es auch \u201eVulkano\u201c. Diesen wunderbaren Traber, diesen Sieg-Garanten. Die Stimme des Sprechers \u00fcberschlug sich: \u201eIch glaube es nicht: Die Favoriten springen sich alle aus dem Rennen.\u201c Nun f\u00fchrte \u201eJesse Bes, die verbliebenen Gespanne trappelten durch die letzte Kurve. \u201eJesse Bes\u201c, innen, wirkt matt. Au\u00dfen st\u00fcrmte \u201eNalinas\u201c heran, \u00fcberholte, lie\u00df nicht nach, vergr\u00f6\u00dferte seinen Vorsprung, querte mit fliegender M\u00e4hne die Ziellinie \u2013 nicht einmal die Gerte hatte der Jockey gebraucht.<\/p>\n<p>Entsetzen unter den Profis. Da hatten sie allesamt satt ins Klo gegriffen.<\/p>\n<p>Alle<\/p>\n<p>Neenee, der Udo konnte kaum an sich halten. Er eilte in die N\u00e4he eines Lautsprechers, um die Durchsage der Quote auch je nicht zu verpassen.<\/p>\n<p>260:10. Und er hatte 30 gesetzt.<\/p>\n<p>Das Leben kann so wundervoll sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Udo Krawittke lie\u00df sich den Gewinn auszahlen (\u201eHey Udo, biste unter die Hellseher gegangen\u201c, fragte der Mann am Schalter).<\/p>\n<p>\u201eGl\u00fcck\u201c, antwortete Krawittke, packte die Scheine in seinen Geldbeutel. Er blickte hinaus ins Herbstwetter und beschloss, im Restaurant zu feiern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Klarer, ein Bier, ein Monitor auf dem Tisch, ein Dach \u00fcberm Kopf \u2013 und eine dicke Brieftasche.<\/p>\n<p>Wunderbarer Abend.<\/p>\n<p>Udo Krawittke streckte gen\u00fcsslich die Beine aus. Er studierte die Starter des sechsten Rennens. Er w\u00fcrde setzen m\u00fcssen, das gebot die Zocker-Ehre. Aber Krawittke war nicht bei der Sache. Er wollte den Luxus, hier oben zu sitzen, auskosten.<\/p>\n<p>Am Tisch links dinierten Josef und Hermann. Die beiden geh\u00f6rten sozusagen zum Inventar der Rennbahn. Gew\u00f6hnlich traten sie nur zu zweit auf. Wenn einer fehlte, war er krank. Josef und Hermann erg\u00e4nzten sich wie zwei Ehepartner, die nicht miteinander und nicht ohne den Anderen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr war Josef zwei Wochen allein gekommen. Damals war Hermanns Frau gestorben. Josef hatte eine schwarze Binde am Hemds\u00e4rmel getragen, aber so richtig traurig war er nicht gewesen. Er hatte die Alte vom Hermann nie gemocht. Die hatte seinem Freund immer dazwischen gequakt. Taschengeld f\u00fcrs Wetten hatte sie ihm mit gegeben. Taschengeld! Man stelle sich das mal vor!<\/p>\n<p>Dann war sie gestorben. Josef war zur Beerdigung gegangen, hatte am Grab kondoliert und gewartet, bis der Hermann wieder bereit f\u00fcr die Rennen gewesen war.<\/p>\n<p>Seitdem kamen sie wieder p\u00fcnktlich und zuverl\u00e4ssig im Zweierpack. Eine halbe Stunde vor dem ersten Rennen bezogen sie in der Mitte der ersten Reihe Platz. Sie h\u00e4ngten die Jacken \u00fcber die Stuhllehnen und krempelten die \u00c4rmel hoch. Wie immer trugen sie weinrote Pullunder und sorgsam geb\u00fcgelte Cordhosen. Sie setzten sich.<\/p>\n<p>Josef fummelte am Tisch-TV herum, bis er die \u00dcbertragung von einer anderen deutschen Rennbahn gefunden hatte. Dinslaken, Gelsenkirchen, M\u00fcnchen, wasauchimmer.<\/p>\n<p>Hermann bestellte ein Bier f\u00fcr sich, einen Tee f\u00fcr Josef (dem hatte der Arzt Bier verboten) und zwei Korn zum Warm-Werden. Die Renn-Zeitungen wurden auf dem Tisch ausgebreitet, Stifte aus den Jackentaschen gekramt \u2013 die Arbeit konnte beginnen.<\/p>\n<p>Bei der Vorbereitung lie\u00dfen sich Josef und Hermann von niemandem st\u00f6ren. Wortlos stellte der Kellner die Getr\u00e4nke auf den Tisch, wortlos nahmen die alten Herren ihren ersten Schluck.<\/p>\n<p>Das Studium der Pferde ist eine ernste Wissenschaft. Josef f\u00fcgte den Kommentaren in der Renn-Zeitung oft noch eigene Anmerkungen bei. Au\u00dferdem f\u00fchrte er eine Kladde mit sich, in die er alles Erw\u00e4hnenswerte notierte. Akribisch vermerkte er jede Beobachtung \u2013 ihm entging nicht, wenn ein Traber eine kritische Phase durchlebte (\u201enerv\u00f6ser als sonst\u201c, schrieb er dann beispielsweise, oder wenn einen Fahrer das Gl\u00fcck verlassen hatte (\u201ebraucht wohl mal eine Pause\u201c). Josef war als gro\u00dfer Analytiker in Mariendorf ger\u00fchmt.<\/p>\n<p>Hermann lie\u00df sich lieber von einem Bauchgef\u00fchl leiten. Sicher, er kannte die Ergebnisse aller Rennen, er wusste, in welcher Form die Pferde waren. Aber letztendlich verlie\u00df er sich auf das, was er vor Ort sah. Er guckte den Tieren bei der Parade auf die Fesseln und sch\u00e4tzte ihre K\u00f6rperhaltung ab. Seine Erkenntnisse glich er mit den Vorwetten ab, dann traf er die Entscheidung. Er brauchte keine Kladde und keine langen Notizen. Ein paar Kreuze, Ruf- und Fragezeichen, ein unterringelter oder unterstrichener Name reichten v\u00f6llig \u2013 nach solchen Vermerken taperte Hermann zum Schalter, setzte seine Wetten und schlenderte zur\u00fcck an seinen Platz.<\/p>\n<p>Rechts von Udo residierte der \u201eBaron\u201c. Alle nannten ihn so. Mit Sicherheit war er nicht von Adel, aber er hatte was sehr Feines.<\/p>\n<p>Um die 50 mochte er sein. Im Herbst ging er nie ohne schwarzen Schirm unter die Leute. Ein echter Gentleman: Budapester Schuhe, Modell \u201eKiew\u201c; graue Hose mit messerscharfer B\u00fcgelfalte; Burberry-Socken; Van-Laak-Hemd; Kaschmir-Pullover; Wildlederjacke.<\/p>\n<p>Der \u201eBaron\u201c trank Kaffee, schwarz, und Cognac. Er verbrauchte an einem Abend drei Wettbl\u00f6cke. Kreuzte unabl\u00e4ssig seine Favoriten f\u00fcr die n\u00e4chsten Rennen in Mariendorf und anderswo (nein, dem \u201eBaron\u201c reichte eine Veranstaltung nicht, er konnte nicht genug bekommen) an. Er war viel unterwegs zwischen dem Schalter und dem Cognacglas.<\/p>\n<p>Derangiert hatte man ihn noch nie gesehen. Stoisch trank er einen Weinbrand nach dem anderen, stoisch registrierte er allf\u00e4llige hohe Verluste. Nach dem letzten Rennen schl\u00fcpfte er in seine Jacke, fuhr mit dem Lift ins Erdgeschoss, marschierte kerzengerade durch die Nacht zum Parkplatz, wo schon ein geordertes Taxi wartete.<\/p>\n<p>Dann war er weg. Irgendwo in der gro\u00dfen Stadt. Verschwunden und unauffindbar.<\/p>\n<p>Bis zum n\u00e4chsten Rennen. Dann brachte ihn das Taxi wieder zur Bahn, er nahm den Aufzug, ging zackig zu dem Tisch mit dem Reserviert-Schild, orderte den ersten Cognac und f\u00fcllte den ersten Wettzettel aus.<\/p>\n<p>Es gab niemanden auf der Rennbahn, der den \u201eBaron\u201c je beim L\u00e4cheln ertappt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Manchmal h\u00e4tte man meinen k\u00f6nnen, er sei ein lebender Toter oder so was.<\/p>\n<p>Aber wetten Zombies auf Pferde? Kaum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXXIV Sabrina wachte auf. Sie tastete hinter sich. Hans lag nicht da. Sie setzte sich auf. Am Fenster stand Krohn, sie blickte auf seinen R\u00fccken. &#8220;Hans, was ist?&#8221; &#8220;Nichts. Wir haben Vollmond.&#8221; &#8220;Und dann kannst Du nicht schlafen?&#8221; &#8220;Hm.&#8221; &#8220;Komm ins Bett. 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