{"id":2072,"date":"2015-08-27T07:20:28","date_gmt":"2015-08-27T07:20:28","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2072"},"modified":"2015-08-27T07:20:28","modified_gmt":"2015-08-27T07:20:28","slug":"letzte-runde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/letzte-runde\/","title":{"rendered":"LETZTE RUNDE"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXXII<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Hans: &#8220;Noch &#8216;ne Kurz-Geschichte?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sabrina: &#8220;Ja?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Alsdenn!&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der Boxer wusste, dass ihn das Sitzen befl\u00fcgelte. Deswegen nahm er auf seiner Bank Platz \u2013 und schon ging es dahin<\/p>\n<p>Er sa\u00df da und glotzte. Aber er nahm nichts so recht wahr. Meist sa\u00df er und sah nichts.<\/p>\n<p>Ein verwitterter Mann in verschossenen Jeans und einem speckigen Holzf\u00e4llerhemd. Eine Bank neben der Eisenbahnbr\u00fccke. Ab und zu unten auf den Gleisen ein Zug nach Irgendwo.<\/p>\n<p>Der Boxer hatte Zeit. Niemand wartete, nichts zu tun.<\/p>\n<p>Was sah er und was sah er nicht?:<\/p>\n<p>Eine junge Frau st\u00f6ckelte vorbei \u2013 sie hatte die Aura einer Befriedigten, einer Gerade-den-Orgasmus-Gehabten.<\/p>\n<p>Ein Mann ging im Zorn, er befesselte den Sch\u00e4del mit einer Ballonm\u00fctze.<\/p>\n<p>Ein hopsendes Kind.<\/p>\n<p>Ahorn, glutrot im Oktober.<\/p>\n<p>Eine Rotte von Sch\u00fclern auf dem Weg in die Stadt. So viele erwartungsvolle Gesichter. So gro\u00dfe Unschuld. Das w\u00fcrde ihnen auch noch vergehen.<\/p>\n<p>Auf der Stra\u00dfe lief der \u00fcbliche Krieg. Dann und wann der Notarzt. Irgendwo wurde geboren und gestorben. M\u00e4nner hatten Farbkleckse auf den Arbeitshosen, Frauen trieben es gesch\u00e4ftig mit geschlitzten Business-R\u00f6cken. Ein Hund hob das Bein, und das sah bedrohlich aus. Sowieso, alles vollgeschissen und bepisst und versifft. \u00dcberall Milben und Bakterien und Dreck und Krankheit und Tod.<\/p>\n<p>Roter Ahorn, der sich f\u00fcrs \u00dcberwintern vorbereitete. B\u00e4ume, so sagt man, seien neben den Einzellern und den Kakerlaken und Schildkr\u00f6ten die z\u00e4hesten lebenden Organismen. Werfen ihre 50000 toten roten Bl\u00e4tter ab und \u00fcberwintern unger\u00fchrt. Dann geht es weiter. Echte Fighter, das.<\/p>\n<p>Der Mensch war doch nur eine Eintags-Angelegenheit, sozusagen.<\/p>\n<p>Der Boxer auf der Bank hatte einmal \u2013 das war schon lang her \u2013 ein sch\u00f6nes Gesicht gehabt. Im Laufe der Gedanken war es mehr und mehr versteinert.<\/p>\n<p>Der Boxer auf der Bank war gro\u00dfen Zielen hinterher gelaufen. Er erinnerte sich vage \u2013 aber er wusste nicht mehr, warum er sich diese Ziele ausgesucht hatte.<\/p>\n<p>All diese Menschen in ihrer Hast. Und dann fuhren sie doch in die Grube.<\/p>\n<p>Seine Gedanken verloren sich. Er nippte am mitgebrachten Kaffee und f\u00fchlte sich wie betrunken. Gedankenfetzen. Wort-\u00dcberbleibsel. In seinem Kopf huschte es. Es huschte und tobte und loderte und verheerte.<\/p>\n<p>Er hatte es versucht. Er hatte viele K\u00e4mpfe gewonnen. Auf jeden Fight folgte ein n\u00e4chster. Gutes Geld hatte er gemacht. Die Fans hatten seine Art geliebt. Er hatte sich nicht geschont. Durch Faust-Trommelfeuer war er marschiert und hatte sich zum Sieg geschlagen.<\/p>\n<p>\u201eDas Herz eines Boxers\u201c: so eine Scheiss-Floskel.<\/p>\n<p>Ein Boxer-Herz bringt vor allem Schmerzen.<\/p>\n<p>Er war Meister gewesen. Das Geld war so schnell weg gewesen, wie er es verdient hatte.<\/p>\n<p>Nicht schlimm \u2013 er hatte die Weiber und die wilden N\u00e4chte, die Momente des Siegens und das Wissen der Unbesiegbarkeit gehabt.<\/p>\n<p>Irgendwann war ihm das Gewinnen nicht mehr so leicht gefallen. Und dann hatte er zu verlieren begonnen.<\/p>\n<p>Schlimme Niederschl\u00e4ge, wieder und wieder.<\/p>\n<p>Knast. Keine Kohle. Kein Aas in seiner Ringecke.<\/p>\n<p>Er wurde angez\u00e4hlt, rappelte sich hoch und machte weiter.<\/p>\n<p>Es wurde so m\u00fchselig, wieder auf die Beine zu kommen. Und es war so sinnlos.<\/p>\n<p>Der Boxer auf der Bank sah nun fast gelassen aus. Er trank den letzten Schluck Kaffee, stand auf, trat zum M\u00fcllkorb. Warf den Pappbecher hinein und ging auf die Br\u00fccke. Der Boxer legte seine H\u00e4nde mit den rotschrundigen Fingern auf das gusseiserne Gel\u00e4nder. Aus der Stadt n\u00e4herte sich ein ICE in Richtung S\u00fcden.<\/p>\n<p>Das Denken summte. Diese letzten Sekunden vor der ersten Runde. Dieses Raunen in der Halle. Er, mit nacktem Oberk\u00f6rper. Seine verpackten H\u00e4nde, die gleich ihr Werk tun w\u00fcrden. Der Schwei\u00dftropfen, der am Vaseline-gecremten Auge vorbei rann. Die Kraft in seinem K\u00f6rper. Das perfekte Denken. Dieser Wille. Das Besiegen der Angst. Der Gong. Das Gef\u00fchl der Einzigartigkeit, wenn er aufstand und auf seinen Gegner zu ging. Gucken. Warten. Der erste Schlag\u2026<\/p>\n<p>Der Zug war p\u00fcnktlich. Der Boxer sprang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXXII Hans: &#8220;Noch &#8216;ne Kurz-Geschichte?&#8221; Sabrina: &#8220;Ja?&#8221; &#8220;Alsdenn!&#8221; \u00a0 Der Boxer wusste, dass ihn das Sitzen befl\u00fcgelte. Deswegen nahm er auf seiner Bank Platz \u2013 und schon ging es dahin Er sa\u00df da und glotzte. Aber er nahm nichts so recht wahr. Meist sa\u00df er und sah nichts. 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