{"id":2067,"date":"2015-08-22T04:11:04","date_gmt":"2015-08-22T04:11:04","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2067"},"modified":"2015-08-22T04:11:04","modified_gmt":"2015-08-22T04:11:04","slug":"maik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/maik\/","title":{"rendered":"MAIK"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXX<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>&#8220;Sabrina&#8221;, sagte Krohn und schubberte seine \u00fcber Nacht gewachsenen Kinnhaare \u00fcber ihre glatte Schulter &#8211; was sie mochte und nicht mochte. &#8220;Jetzt magst nichts mehr h\u00f6ren.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Oder was?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie schob sich an ihn heran. Mit unten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8220;Oder was?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mit untenunten. Ach.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sp\u00e4ter wiederholte er, dass sie jetzt wohl nichts mehr h\u00f6ren wolle.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Doch, sagte sie.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Also: Lange Geschichte.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auf der Stra\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>Es ist so sch\u00f6n, ihre Hand zu halten. Maik dr\u00fcckt ein bisschen, Sophie sieht ihn an und l\u00e4chelt. Dann schaut sie auf seine Hand: Die Kn\u00f6chel sind noch bandagiert, aber lang ist das nicht mehr n\u00f6tig. Es deutet fast nichts mehr darauf hin, was vor einem halben Jahr geschehen ist.<\/p>\n<p>Damals ist er fast verreckt.<\/p>\n<p>Maik hat Sophies Blick bemerkt. Er streichelt ihr mit dem Verband \u00fcber die Wange. \u201eDir geht es doch gut, oder?\u201c, fragt er. Sie nickt und schmiegt sich an seine Schulter.<\/p>\n<p>Es ist ein sonniger Samstag im Herbst. Auf der Wiese liegt ein Mann b\u00e4uchlings auf einem Badetuch und h\u00f6rt Kofferradio. Die Reporter in den Bundesliga-Stadien br\u00fcllen sich die Kehlen heiser. Maik und Sophie registrieren es nicht. Sie haben nur sich und wollen nur sich.<\/p>\n<p>\u201eHaste Entzug?\u201c, fragt sie.<\/p>\n<p>\u201eNee. Wirklich nicht. Wie soll ich auch. Vor zwei Wochen zum letzten Mal gesoffen. Da ist man runter. Ich muss eben aufpassen.\u201c<\/p>\n<p>Sie nickt. Sagt, sie w\u00fcrde heute ganz doll an Daniel denken. \u201eIch wei\u00df ja, der hat es gut. Aber ich m\u00f6chte ihn doch bei mir haben. Der geh\u00f6rt zu uns, der Daniel.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Sie konnten nichts machen, als ihnen die Leute vom Jugendamt das Baby abnahmen und zu Pflegeeltern gaben. Das war vor einem halben Jahr, drei Monate nach Daniels Geburt. So richtig wehren konnten und wollten sich Sophie und Maik nicht. Er hatte sich wieder einmal mit den Bullen gepr\u00fcgelt und war mit vier Promille in der Klinik gelandet. Danach klang es ein bisschen mau, als er beteuerte, das w\u00fcrde nicht mehr vorkommen.<\/p>\n<p>Die Bullen, die \u00c4rzte, die Streetworker, die vom Jugendamt glaubten ihm schon lange nicht mehr.<\/p>\n<p>Naja, er war eben mal wieder ausgetickt. Irgendwie kam an dem Tag alles zusammen. Sein Vater \u2013 besoffen wie zehn Russen &#8211; hatte Sophie und ihn rausgeschmissen. Maik rief bei der Mutter an, und die hatte nichts Besseres zu tun als ihn zu beschimpfen. Er h\u00e4tte sich das mit dem Baby fr\u00fcher \u00fcberlegen sollen. Sie w\u00fcrde den Teufel tun und ihn und seine Bagage aufnehmen. Sie sei froh, dass sie niemanden mehr sehen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Sophie war nerv\u00f6s geworden und mit dem Baby zu einer Freundin gegangen. Hatte gesagt, er solle erst einmal eine Bleibe besorgen, dann komme sie zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Da stand er nun vor dem Hochhaus in Marzahn, in dem sein Vater sich hinter verriegelter T\u00fcr die Kante gab. Maik wusste an diesem Vormittag rein gar nichts mit sich anzufangen. Er lie\u00df sich durch die Stadt treiben. Fuhr ein bisschen schwarz hin und her. Landete schlie\u00dflich am Alex.<\/p>\n<p>Alle Kumpel von fr\u00fcher am Start. Sie hatten es sich auf einem kleinen Gr\u00fcnstreifen unterm Fernsehturm gem\u00fctlich gemacht. Man lie\u00df Korn und Bier rum gehen.<\/p>\n<p>Maik (Wie lang war er jetzt trocken, acht Wochen oder neun? Egal, auf alle F\u00e4lle eine kleine Ewigkeit!) wollte eigentlich keinen Alkohol. Ob es nicht irgendwas Anderes g\u00e4be? Was zum Drehen oder Schnupfen? Er brauchte etwas zum Runter-Kommen.<\/p>\n<p>Nein, sagten sie. Au\u00dfer Alk hatten sie nichts am Laufen, leider.<\/p>\n<p>Also f\u00fcgte er sich und fing an zu trinken. Er wusste zwar, dass das wohl nicht gut gehen w\u00fcrde, aber nun war es auch egal.<\/p>\n<p>Mit dem Trinken ist das bei Maik so eine Sache. Entweder l\u00e4sst er die Finger vom Alkohol, oder es tr\u00e4gt ihn aus der Kurve.<\/p>\n<p>An diesem Tag flog er so richtig schlimm auf die Fresse. Er kippte den Fusel wie Wasser, f\u00fcllte mit Bier auf. Nachmittags wankte er durch den Bahnhof, und die Passanten machten einen gro\u00dfen Bogen um den schmalen jungen Mann mit den vollgepissten Jeans.<\/p>\n<p>Er war sehr ungl\u00fccklich. Hatte Angst, Sophie w\u00fcrde ihn nicht mehr nehmen. Auf dem Handy hatte er kein Guthaben mehr, konnte also nicht mit ihr telefonieren. Er war einem der Streetworker begegnet \u2013 der w\u00fcrde wohl seinem Betreuer stecken, dass Maik sich wieder mal am Alex rum trieb. Dann w\u00fcrde er aus dem Resozialierungs-Programm gekegelt. Dann w\u00e4re alles wie fr\u00fcher \u2013 und er wieder ein Kind der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Die Verzweiflung wuchs. Maik stolperte die Treppen nach oben zu den Bahnsteigen. Er w\u00fcrde allem ein Ende machen. Hatte ja doch keinen Sinn.<\/p>\n<p>Er stand schwankend auf dem Perron. Die Menschen k\u00fcmmerten sich nicht um ihn, wie er auf die Kante zu steuerte.<\/p>\n<p>Maik lie\u00df sich ins Gleisbett fallen. Die S-Bahn sollte in zwei Minuten einfahren.<\/p>\n<p>Jemand zog eine Notbremse.<\/p>\n<p>Maik rappelte sich hoch. Er blutete im Gesicht und br\u00fcllte seinen Zorn heraus. \u201eIhr verfickten S\u00e4ue. Lasst mich doch einfach sterben.\u201c<\/p>\n<p>Die Leute glotzten ihn an. Dann r\u00fcckten die Bullen an. Hatten schon die Lederhandschuhe \u00fcbergestreift und die Schlagst\u00f6cke parat.<\/p>\n<p>Der angehaltene Zug stand vor dem Bahnhof und wartete.<\/p>\n<p>Maik ist ein gro\u00dfer Fighter. Wenn er was getrunken hat, sp\u00fcrt er keine Schmerzen und l\u00e4sst nicht locker. Die Bullen waren an diesem Tag zu viert und hatten alle M\u00fche, ihn unterzukriegen. Sie zogen ihm die Schlagst\u00f6cke \u00fcber den Kopf, sie pr\u00fcgelten auf seinen Rumpf ein.<\/p>\n<p>Und sie bekamen selbst ordentlich ihr Fett ab. Maik schlug und kickte um sich. Er brach sich dabei die rechte Hand, eine Achillessehne riss. Als sie ihm die Handschellen anlegten, blutete der junge Mann aus drei Wunden im Gesicht.<\/p>\n<p>Er wurde auf die Wache gebracht. Erst dort stellten die Beamten fest, dass Maik in die Klinik musste. Dort fiel er in einen komat\u00f6sen Zustand. An die zwei Tage nach dem Kampf kann er sich nicht mehr erinnern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun sitzt er wieder neben Sophie. Der verr\u00fcckte Fight ist lange her, Daniel mussten sie danach abgeben. Manchmal trinkt Maik, aber nie so viel, dass es ihn ganz schlimm w\u00fcrfelt.<\/p>\n<p>Er sieht verz\u00fcckt auf seine und Sophies Hand. Er sp\u00fcrt, dass sie ihm aus seinem Leben in ein neues helfen wird.<\/p>\n<p>Sie ist eine sch\u00f6ne junge Frau. Schwarzes langes Haar, dunkle traurige Augen. Sehr zart ist sie, tr\u00e4gt immer sexy R\u00f6cke und hat so wunderwei\u00dfe Z\u00e4hne. Sophie kommt aus Dresden und s\u00e4chselt ein wenig \u2013 das findet er herrlich. Sie ist der erste Mensch, der Maik gestreichelt hat.<\/p>\n<p>Den Vater kennt er nur besoffen. Meistens ist er friedlich, nur ab und zu \u2013 einmal in der Woche vielleicht \u2013 sucht er Streit. Dann hat er auch die Mutter verm\u00f6belt, als sie noch bei der Familie lebte. Die Geschwister haben es auch gekriegt \u2013 und wenn die vom Alten durch genudelt worden waren, haben sie sich den Maik, den J\u00fcngsten, vorgekn\u00f6pft.<\/p>\n<p>Er ist froh, dass er die Vollidioten nicht mehr sehen muss.<\/p>\n<p>Die Mutter? Ach was, Mutter! Das ist doch keine Mutter!<\/p>\n<p>Die mag niemanden, nicht mal sich selbst. Die ist auf alle w\u00fctend und t\u00f6tet ihre schlechten Gef\u00fchle mit seltsamen Aktionen. Sie geht ohne Kohle zum Shoppen; sie holt sich junge Lover ins Bett, die sich doch nur \u00fcber sie lustig machen; sie tingelt tagelang durch die \u00fcbelsten Kaschemmen der Stadt.<\/p>\n<p>Liebe? Ach was, Liebe! Das kennt die Alte nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die hat das damals wahrscheinlich tagelang nicht geschnallt: Als er einfach weg geblieben ist. Da war er acht und kannte sich schon ziemlich aus im Leben. Es war im Herbst, mit der Schule hatte Maik abgeschlossen. Er stopfte ein paar Sachen aus dem K\u00fchlschrank in den magentafarbenen Rucksack seiner gro\u00dfen Schwester, packte eine Unterhose und einen Anorak dazu. Der Junge zerschmiss sein Sparschwein und das seiner Schwester auf den Fliesen des Badezimmers und sammelte das Geld ein.<\/p>\n<p>Mit der Stra\u00dfenbahn ging es in die Stadt. Maik bewegte sich mit gro\u00dfer Sicherheit durch die Bahnhofshalle am Alex und trat so selbstbewusst vor die Schalterbeamtin, dass sie ihm \u2013 nachdem sie ihn nachdenklich gemustert hatte \u2013 eine Fahrkarte nach Hamburg (Regionalbahn, halber Tarif) verkaufte.<\/p>\n<p>Er leistete sich einen D\u00f6ner, schnorrte bei einem gutm\u00fctigen Punk einen Schluck Bier und schn\u00fcrte zu seinem Zug. Der Waggon war w\u00e4hrend der ganzen Zeit ziemlich leer. Maik blickte aus dem Fenster und nahm nichts so recht wahr. Irgendwie war er ganz froh, mehr f\u00fchlte und dachte das Kind nicht.<\/p>\n<p>In Hamburg stieg er am Hauptbahnhof aus, ging hierhin und dorthin, schlief hier und dort ein wenig, bettelte diesen und jenen an, wenn der Hunger schmerzte. Drei, vier Tage lang trieb er so durch die Stadt, dann sprach ihn ein Mann an. Der Typ hatte eine freundliche Stimme und besorgte ihm erst einmal etwas zu essen und trinken. Er ging mit dem Fremden, der sagte, er w\u00fcrde Maik zu seiner \u201eFamilie\u201c bringen.<\/p>\n<p>Der Mann hatte sogar ein Auto. Sie fuhren an dem gro\u00dfen Strom mit den imposanten Dampfern entlang, kamen in ein Viertel, in dem es irgendwie so aussah wie zuhause in Berlin \u2013 Malereien an den Mauern, verrottenden Bretterz\u00e4une, Fenster ohne Scheiben.<\/p>\n<p>Maik f\u00fchlte sich wohl. Und die \u201eFamilie\u201c des Mannes, den alle Fiete nannten, war klasse. Die fragten nicht viel. Man machte ihm eine Ecke frei, legte eine Matratze und ein paar Decken auf den Boden, sagte, er solle es sich bequem machen \u2013 und dann lie\u00df man ihn in Ruhe.<\/p>\n<p>Es war sch\u00f6n, nach den Tagen auf der Stra\u00dfe mal nicht aufpassen zu m\u00fcssen, dass man nicht den Bullen \u00fcber den Weg lief. Es war paradiesisch, keinen Hunger und keinen Durst zu haben. Es war tr\u00f6stlich, die Anderen lachen und reden zu h\u00f6ren. Super, eine Familie!<\/p>\n<p>Sie lie\u00dfen ihn, wie er war. Wenn er an die frische Luft wollte, dann ging er einfach. Manchmal fragte ihn ein Polizist, wo er denn hin geh\u00f6re. Dann sagte er den Namen einer Stra\u00dfe oder er glotzte blo\u00df bl\u00f6de. Er hatte so eine Art, dass die Beamten an ihm schnell die Lust verloren. Er klaute nicht. Beim Schwarzfahren war er auf der Hut. Und zum Kiffen und Saufen verdr\u00fcckte er sich ins Private. Den Maik kriegte so schnell keiner.<\/p>\n<p>In der Familie war ein Kommen und Gehen. Fiete bestimmte, wer bleiben durfte und wer nicht passte. Den Maik mochte Fiete. Er wies ihm nach einer Weile einen Spitzenplatz in der N\u00e4he der Kochstelle zu. Dort war es am w\u00e4rmsten. Maik hatte die Matratze, seinen Schlafsack und eine Obstkiste, in die er seine Klamotten schmiss. Zwei, drei Plastikt\u00fcten f\u00fcr Dinge, die er bei Stadtg\u00e4ngen erbeutet hatte. Das war Maiks Ecke, in der sonst keiner was zu suchen hatte \u2013 da achtete Fiete schon drauf.<\/p>\n<p>Maiks T\u00fcten waren meist gut gef\u00fcllt. Er war findig, drau\u00dfen in den Stra\u00dfen. Erstens schenkten die Leute einem kleinen blonden Jungen schnell mal ein bisschen Klimpergeld. Und dann war er ein Meister beim Containern. Er wartete, bis die letzten Angestellten eines Supermarkts den Arbeitsplatz verlassen hatten \u2013 dann schlenderte er unauff\u00e4llig in den Hinterhof, wo der M\u00fcll entsorgt worden war.<\/p>\n<p>Als Erstes besorgte sich Maik eine Holzkiste oder irgendwas, worauf er steigen konnte. Er kletterte in den Container, knipste die Taschenlampe an und orientierte sich.<\/p>\n<p>Wurst in der Plastikverpackung war toll, K\u00e4se mochte er nicht so. Brot musste sein. Dosen nahm Maik unbesehen mit. Obst auch. Geil war, wenn ihm eine Ananas in die H\u00e4nde fiel. Das Gem\u00fcse lie\u00df Maik meist liegen, es ging auch ohne. Wenn er auf Milch stie\u00df, kam die in die T\u00fcte.<\/p>\n<p>Dann war die Pflicht getan. Nun suchte Maik nach den tollen Sachen. S\u00fc\u00dfer Yoghurt, \u00fcberhaupt alles S\u00fc\u00dfe. Kinderschokolade-Sachen. Kokosriegel. Chips oder so was gab es im Container nicht, das war bl\u00f6d. Daf\u00fcr fand er ab und zu Haarshampoo \u2013 schon komisch.<\/p>\n<p>Maik zog zum Containern mit zwei Plastikt\u00fcten los, die hatte er bald voll und trug sie nach Hause. Die S\u00fc\u00dfigkeiten bunkerte er neben seinem Schlafsack, den Rest lieferte er bei Fiete ab. Der verwaltete das dann.<\/p>\n<p>Wenn Fiete nicht zu besoffen war, konnte es sogar vorkommen, dass er kochte. Schmeckte irre gut. Spaghetti mit Tomatenso\u00dfe, solche Sachen. Es roch dann wunderbar in der Bude, und es war herrlich k\u00fcchenwarm. Alle setzten sich im Kreis rum und spachtelten, bis der Topf leer geleckt war. Sie erz\u00e4hlten, was sie so erlebt hatten drau\u00dfen in der Stadt. Und Maik lernte und lernte und lernt. Diese Mahlzeiten waren seine Schule.<\/p>\n<p>Die Anderen hatten auch nichts dagegen, dass er einen Schluck nahm, wenn Wein oder Bier rum gingen. Tja, wenn es nach den Anderen gegangen w\u00e4re, h\u00e4tte er trinken k\u00f6nnen, soviel er wollte. Aber irgendwann, viel zu fr\u00fch, sagte Fiete dann immer: \u201eMaik, das ist jetzt genug.\u201c Und es gab wieder Cola.<\/p>\n<p>Schnaps war f\u00fcr ihn sowieso verboten, da war er noch zu klein, sagten sie. War okay f\u00fcr ihn. Er hatte mal vom Schnaps probiert, der schmeckte ihm \u00fcberhaupt nicht. Bier, naja, das ging und machte ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl. Mit dem Wein war das so eine Sache. Manchmal sagte der Fiete, dass man gerade einen \u201esch\u00f6nen Trockenen\u201c in der Mache hatte. Brrr! Das lie\u00df sich ja kaum saufen. Aber \u00f6fter schimpfte Fiete, was das denn schon wieder f\u00fcr eine \u201es\u00fc\u00dfe Plempe\u201c war \u2013 das konnte Maik dann gar nicht verstehen: je s\u00fc\u00dfer, je besser!<\/p>\n<p>Einmal hatte er ein dolles Gl\u00fcck \u2013 da war er zehn oder so -, und ihm fiel eine Flasche Eckes Edelkirsch in die H\u00e4nde. Naja, so richtig in die H\u00e4nde gefallen ist sie nicht. Sie stand da rum auf der Verkaufstheke des kleinen Ladens hinterm Hauptbahnhof. Maik streunte gerade vorbei und checkte, dass kein Schwein in der N\u00e4he war. Wirklich niemand weit und breit. Da ist Maik schnell in den Laden geflitzt, hat sich die Buddel geschnappt und die Biege gemacht.<\/p>\n<p>Das war nun echt kein Klauen! War ja kein Bulle in der N\u00e4he!<\/p>\n<p>Er also flugs mit dem Edelkirsch unterm Anorak nach Hause. War ein h\u00fcbsch anstrengender Marsch durch die halbe Stadt. Machte echt durstig.<\/p>\n<p>Niemand zuhause. Es war sp\u00e4ter Nachmittag, da hatten alle in der City zu tun. Maik lie\u00df sich auf seinen Schlafsack plumpsen, lehnte sich gegen die kahle Wand und drehte den Verschluss der Flasche auf.<\/p>\n<p>Er schnupperte. Das roch sch\u00f6n. Nicht wie Gummib\u00e4rchen oder Marmelade \u2013 aber doch wieder so. Er nippte.<\/p>\n<p>Hui! Huiuiui! Echt!<\/p>\n<p>Das f\u00fcllte den Mund mit S\u00fc\u00dfe. Das war wie eine Belohnung.<\/p>\n<p>Er trank. In immer gr\u00f6\u00dferen Schlucken.<\/p>\n<p>Fein, wie sich alles drehte!<\/p>\n<p>Die Schlafs\u00e4cke, die verstreut im Raum waren. Die T\u00fcten und Klamotten und das Ger\u00fcmpel neben den Schlafs\u00e4cken. Fietes Kochstelle mit dem Ziegelgeviert und dem Holz mittendrin. Sch\u00f6n hatten sie es hier. Der Wind kam nicht rein, weil die Fenster mit Plastik dicht gemacht waren. Regen konnte ihnen schei\u00dfegal sein, sie hatten ein gutes Dach.<\/p>\n<p>Die Flasche leerte sich schnell, der Raum drehte sich rascher. Maik wollte aufstehen und irgendwohin gehen. Aber das klappte nicht, er stolperte und musste sich wieder setzen.<\/p>\n<p>Er trank aus.<\/p>\n<p>Das gute Gef\u00fchl war ganz weg. Maik hatte Angst. Ihm war sehr schlecht. Er kotzte sehr viel. Dann war er weg.<\/p>\n<p>Als er wieder was sah, guckte er in Fietes Gesicht \u00fcber sich.<\/p>\n<p>\u201eWas machst\u2019n Du f\u00fcr Sachen?\u201c, fragte Fiete.<\/p>\n<p>\u201eHmgrmpf\u201c, sagte Maik.<\/p>\n<p>\u201eSchon gut. Jetzt machen wir erst mal die Sauerei weg, dann pennste Dich aus.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWrngr.\u201c<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen war ihm immer noch sehr schlecht, und die Anderen haben ihn nett behandelt. Aber sp\u00e4ter haben sie Maik immer wieder damit aufgezogen, wie es gewesen war, als er sich mit Edelkirsch ins Kinder-Koma gesoffen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vier Jahre Hamburg. War eine wunderbare Zeit. Im Winter und Herbst nicht so sch\u00f6n wie sonst, aber selbst dann lie\u00df es sich aushalten. Maik war neben Fiete der Hausherr, keiner lebte so lang in der Wohnung wie die Beiden.<\/p>\n<p>Maik war also nun fast 13, hatte schon Haare da unten, die Stimme eines jungen Mannes. Sehr schmal war er. Vor einem halben Jahr hatte er die M\u00e4hne noch schulterlang \u2013 dann lie\u00df er sich die Matte abscheren. Ratzekahl. Nun sah Maik ein wenig krank aus. Maik hatte schwere Biker-Boots an den F\u00fc\u00dfen, trug schwarze R\u00f6hren-Jeans mit Nieteng\u00fcrtel und ein Totenkopf-T-Shirt. Die Lederjacke zog er nur an, wenn es wirklich kalt war. Maik fror nicht so leicht.<\/p>\n<p>Er guckte meist zu Boden \u2013 wenn er einmal jemandem in die Augen sah, hatte sein Blick etwas Lauerndes, Zorniges. Er war kein freundlicher Junge.<\/p>\n<p>Und er hatte gelernt, sich zu wehren. Ein Schlaks wie er musste die fiesen Tricks beherrschen, wenn er nicht unter gehen wollte. In der Wohnung musste Fiete ihn nicht mehr sch\u00fctzen, das besorgte Maik schon selbst. Und auf der Stra\u00dfe lie\u00df er sich nicht ins Bockshorn jagen. Maik bezog selten Pr\u00fcgel, weil er Gefahren ahnte. Wenn es brenzlig wurde, verd\u00fcnnisierte er sich.<\/p>\n<p>Am Bahnhof wurde er jetzt regelm\u00e4\u00dfig von den Schmierlappen angesprochen, die ihn gern gekauft h\u00e4tten. Er kannte die Tarife und wusste, worum es ging. Nee, das war nicht sein Ding. Sein Bier bekam er auch ohne die Kohle von den schwulen \u00c4rschen. Er brauchte keinem einen blasen, nee, wirklich nicht. Er hatte ja auch nix mit den M\u00e4dels.<\/p>\n<p>Die Gegend um Hauptbahnhof, Reeperbahn, Altona kannte Maik wie ein Taxifahrer. Nein, er kannte sie besser, denn er wusste auch in den Hinterh\u00f6fen Bescheid. \u00dcberall hatte er Anlaufstellen. Mal vertrieb er sich hier die Zeit, mal lie\u00df er sich da durch den Tag treiben.<\/p>\n<p>Er sorgte daf\u00fcr, dass es immer genug zu trinken und zu fressen gab. Das Besorgen der Getr\u00e4nke war vorrangig. Maik brauchte Bier, wahlweise Vinum. Und er war mittlerweile erwachsen genug, auch beim Korn oder Wodka mitzuhalten. Aber war halt immer noch ein Kleiner, S\u00fc\u00dfer. Am besten schmeckten Old Baileys oder Apfelkorn oder Cola-Mischsachen.<\/p>\n<p>Also, Maik war echt nicht unzufrieden mit seinem Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber da kamen ihm diese Scheiss-Bullen in die Quere!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war ein sch\u00f6ner Tag. Maik trieb sich in der M\u00f6nckebergstra\u00dfe herum. Er hatte ein bisschen Kleingeld in der Tasche, das w\u00fcrde er f\u00fcrs Erste auf den Kopf hauen. Er kaufte sich einen Big Mac, den er auf einer Bank verdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Die Menschen hatten es eilig, immer hatten sie es eilig. Maik guckte ihnen beim Eilen zu und dachte nichts. Der Big Mac war klasse, gerade das richtige Fr\u00fchst\u00fcck. Maik wischte sich mit dem blo\u00dfen Arm \u00fcber den Mund und begann mit der \u00dcberlegerei:<\/p>\n<p>Was sollte er anfangen?<\/p>\n<p>Jetzt schon zu den Kumpels am Bahnhof? Achnee, das war noch ein bisschen zeitig \u2013 am fr\u00fchen Nachmittag waren die immer so muffig, die mussten erstmal auf Touren kommen, dann hatte man auch seinen Spa\u00df mit denen.<\/p>\n<p>In der Gegend rum schnorren? Naja, war \u2019ne M\u00f6glichkeit, da kam am Schluss immer Kohle zusammen, die konnte man dann den Kumpels abliefern, die die Pinkepinke in Alk umsetzten, er kriegte ja in den L\u00e4den ums Verrecken kein Bier, nicht mal \u2019ne klitzekleine Dose, es wurde Zeit, dass er erwachsen wurde.<\/p>\n<p>Vielleicht dann doch eine kleine Tour? Seit einem halben Jahr verdiente sich Maik gerne mal was dazu, war nicht schlimm, immer nur so harmlose Abgreifereien, der Fiete fand das nicht toll, aber der hatte das selber auch gemacht, also konnte er nicht gro\u00df meckern, und erwischen lie\u00df sich Maik sowieso nicht.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: Klauen war f\u00fcr Maik nur echtes Klauen, wenn die Bullerei in der N\u00e4he war. Dann lie\u00df man es lieber. War die Luft rein, dann sah die Geschichte schon ganz anders aus.<\/p>\n<p>Genau, er w\u00fcrde auf Tour gehen. Bei dem sch\u00f6nen Wetter hatten die Menschen nicht soviel an, da war das Greifen besonders einfach.<\/p>\n<p>Also:<\/p>\n<p>Jede Menge Touris in der Stadt. Die klapperten hechelnd die Sehensw\u00fcrdigkeiten ab \u2013 und wenn sie fix und alle waren, schleppten sie sich zu einem Caf\u00e9 und glotzten schwitzend auf die Alster. Hatten ihre Handtaschen an die Stuhllehne geh\u00e4ngt oder die Rucks\u00e4cke unter den Tisch gelegt.<\/p>\n<p>Wie bl\u00f6d!<\/p>\n<p>Maik wanderte in Richtung Bahnhof. Linste kurz in die dunkle Spielhalle, aus der sie ihn immer raus schmissen (dabei reizte ihn der Laden riesig). Die Ampel wurde gr\u00fcn, er querte die Stra\u00dfe, stand vor dem Bahnhof. Er entschied sich, dass er drinnen auf Tour gehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Kumpels hatten ihm beigebracht, dass die Gleise, von denen die gro\u00dfen Z\u00fcge abfuhren, am ergiebigsten waren. Maik besah sich die Anzeigetafeln. Das Lesen hatte er zwar in Berlin gelernt, aber er hatte nicht viel \u00dcbung drin. Er fand B\u00fccher langweilig, selbst das Entziffern kurzer Texte fiel ihm schwer.<\/p>\n<p>Aber es half ja nichts. <em>M\u00dcNCHEN <\/em>stand da und <em>ICE<\/em> \u2013 na, das war genau das Richtige.<\/p>\n<p>Er w\u00fcrde es auf der Rolltreppe machen \u2013 da waren die Reisenden besonders unaufmerksam. Maik sah sich um. Gef\u00e4hrlich waren nicht die Uniformierten \u2013 die erkannte man ja auf einen Kilometer. Aber vor den Zivilen musste er sich h\u00fcten.<\/p>\n<p>Die Kumpels hatten ihn eingewiesen: Die Frauen und M\u00e4nner, die nicht ganz so schnell gehen wie der Rest. Die, die irgendwo an der Wand stehen und Zeitung lesen. Oder sich besonders lang vor den K\u00e4sten mit den Fahrpl\u00e4nen rum dr\u00fccken. Die, die einfach nur L\u00f6cher in die Luft gucken. Die, von denen man glaubt, man hat sie schon mal irgendwo gesehen\u2026<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnen Zivile sein.<\/p>\n<p>Beim geringsten Verdacht, hatten die Kumpel gesagt, verdr\u00fcckst Du Dich unauff\u00e4llig. Nur ja nicht unvorsichtig werden! Lieber einmal zuviel abtauchen!<\/p>\n<p>Doch in diesem Moment f\u00fchlte sich Maik gut. Keine Uniform weit und breit \u2013 und auch sonst niemand Verd\u00e4chtiges.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Stufe: Opfer aussuchen.<\/p>\n<p>Die alte Dame hatte was Sch\u00f6nes an und humpelte. Sie trug eine Handtasche. Alles sch\u00f6n und gut \u2013 aber sie wurde von einer j\u00fcngeren Frau begleitet. Finger weg!<\/p>\n<p>Vergessen kann man auch die ganzen Gesch\u00e4ftsm\u00e4nner. Das sind zwar reiche Pinkel, aber eventuell sind sie auch ganz gut in Form, und das Davonlaufen wird ein Problem.<\/p>\n<p>Die Blonde mit den zwei Kindern vielleicht? Die hatte alle H\u00e4nde voll zu tun, und die Blagen kreuzten ihr zwischen den Beinen rum. Die konnte sich gar nicht richtig auf ihren Rucksack konzentrieren. Aber bis man erst einmal den Rei\u00dfverschluss von so \u2019nem Rucksack auf hat, dauert das viel zu lang. Nee, besser nicht.<\/p>\n<p>Aber der Herr mit den wei\u00dfen Haaren, der da hinten kam \u2013 das k\u00f6nnte einer sein. Gro\u00dfer Mantel, obwohl es doch warm ist. Tatterig, der Typ. Schlurfte ziemlich langsam daher, der konnte sicher nicht rennen. Und er schaute ein bisschen irre in der Gegend rum. Der schnallte das doch gar nicht, wenn man sich an den ran machte. Einen kleinen Koffer hatte er dabei, aber keine Handtasche oder so was. Wahrscheinlich war die Knete im Mantel. Solche Typen sind ja so bl\u00f6de, dass sie das Portemonnaie in die Tasche stecken, wo jeder hin kommt.<\/p>\n<p>Der Mann n\u00e4herte sich der Rolltreppe, die zum Bahnsteig im Untergeschoss f\u00fchrte. Vor ihm reihten sich noch zwei kichernde M\u00e4dchen ein. Perfekt, da konnte der Typ sich nicht nach unten weg bewegen. Der Mann trat auf eine Stufe, ihm folgte Maik dichtauf. Maik hatte alle Zeit der Welt, in den Taschen des Vordermanns zu tasten. Da kam es ihm zugute, dass er so klein war.<\/p>\n<p>Noch bevor sie unten waren, hatte Maik schon das Portemonnaie in den Bund gesteckt. Gleich w\u00fcrde er umdrehen und wieder nach oben fahren. Dann nichts wie l\u00e4ssig raus aus dem Bahnhof, in eine dunkle Ecke, den Geldbeutel fl\u00f6hen und weg schmei\u00dfen. Yes! Der Tag war geritzt.<\/p>\n<p>Auf halber H\u00f6he sah er den Typen. Der stand da oben und wartete. Ein Ziviler, ganz klar. Maik drehte um und wollte gegen die Fahrtrichtung nach unten zur\u00fcck rennen.<\/p>\n<p>Scheisse.<\/p>\n<p>Am Ende der Rolltreppe stand auch einer. Das war\u2019s.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diesmal lie\u00dfen sie ihn nicht laufen. Auf der Wache nahm ein Polizist mit Schnauzbart Maik so richtig in die Mangel. Der Typ lie\u00df nicht locker, bis Maik ihm seinen richtigen Namen sagte.<\/p>\n<p>\u201eBerlin?\u201c, fragte der Bulle. Wie lange er denn schon in Hamburg sei. Vier Jahre oder so, meinte Maik, und der Polizist bekam ganz erstaunte Augen. Wo er denn geschlafen habe? Maik sagte kein Wort, er w\u00fcrde ja wohl die Familie nicht verpfeifen, kam ja nicht in Frage. Da konnte der Mann tricksen und fragen und fragen und tricksen. Das w\u00fcrde der nie aus ihm raus bekommen.<\/p>\n<p>Sie brachten ihn in ein Heim mit vergitterten Fenstern, und die T\u00fcren waren auch abgeschlossen. Zwei Tage tigerte er zusammen mit anderen Jungs \u00fcber den Gang, kickerte, vertrieb sich die Zeit mit Tischtennis, lie\u00df sich verpflegen und wartete. Dann kam einer \u2013 so ein Junger, Verst\u00e4ndnisvoller mit schulterlangen Haaren, der auf cool machte \u2013 und erkl\u00e4rte ihm, man werde ihn nach Berlin zur\u00fcck bringen. Er solle es doch noch einmal mit seinem Vater versuchen, der w\u00fcrde auf ihn warten. Der Langhaarige begleitete Maik dann auch im Zug und \u00fcbergab ihn seinem Dad. Der sah eigentlich ganz passabel aus und freute sich \u00fcber das Wiedersehen. Naja, dachte Maik, versuchen kann man es ja.<\/p>\n<p>Scheisse nur, dass er seine Hamburger Familie verloren hatte. Die fehlte ihm schon. Was der Fiete wohl so machte?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Alte soff immer noch. Die Mutter trieb sich irgendwo in der Stadt rum, die tauchte nur auf, wenn sie total am Hund war. Die Geschwister wohnten nicht mehr zuhause.<\/p>\n<p>Das war erfreulich. Bl\u00f6d nur, dass jetzt Maik meistens den Frust vom Alten ab bekam. Da half nur eines: weg laufen. Smart schwarz zum Alex fahren und dort gepflegt abh\u00e4ngen. Abends erst nach zehn zuhause aufschlagen, da lag der Alte dann schon im eigenen Saft.<\/p>\n<p>Maik vertrug nun \u2013 er war 15 \u2013 einen ordentlichen Stiefel. Er lebte von Bier und Chips, er dr\u00f6hnte sich mit Korn zu und ging bei den Kiffern und Dr\u00fcckern in die Lehre. Nichts, was er nicht ausprobiert h\u00e4tte:<\/p>\n<ol>\n<li>Opium. Chrystal Meth. Koks. Mandrax. Valium. Lithium. Upper. Downer. Captagon. Schwarzer Afghane. Roter Libanese. Hoomgrown. Exstacy. MDMA. Codein. Methadon. Amphis. Sniffer-Kram. Speed. Novokain\u2026<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die ganze Apotheke. Alles, was t\u00f6rnte.<\/p>\n<p>Mit den Drogen konnte es Maik gut. Da dosierte er sich klug in den Grenzbereich hinein und behielt die Action einigerma\u00dfen unter Kontrolle.<\/p>\n<p>Er hatte sich einen schicken Irokesenschnitt zugelegt. In der Unterlippe baumelte ein Ring, die Waden waren beidseits t\u00e4towiert. Maik war auf dem besten Weg, erwachsen zu werden. Gev\u00f6gelt hatte er des \u00d6fteren, es hatte nicht sehr viel Spa\u00df gemacht, aber nun hatte er es hinter sich. In der Clique am Alex sch\u00e4tzten sie ihn wegen seiner Geselligkeit \u2013 mit dem Maik hatte man den gr\u00f6\u00dften Jux, bis ihm der Stoff den Boden unter den Beinen weg zog.<\/p>\n<p>Nur die Nachbarn vom Alten konnten nicht auf den Maik. Die schw\u00e4rzten den jungen Mann ein ums andere Mal an. Dann standen wieder die Bullen oder die Sozialfuzzis vor der T\u00fcr und stellten bekloppte Fragen.<\/p>\n<p>Zweimal nahmen sie ihn mit \u2013 er sollte sich im Heim bessern. Zweimal durfte er nach einer Weile wieder nach Hause. Dann sagten sie auf einmal, ihre Geduld h\u00e4tte ein Ende. Ab ins Heim, auf ein Neues! Geschenkt! Das kannte er.<\/p>\n<p>Maik wurde 18. Jetzt konnte ihm keiner mehr was. Seine Wohnungen waren der Alex und ein Abrisshaus in Rummelsburg. Er trank, drogte, hing rum, haute sich, klaute ein bisschen, Maik wurde schmaler und schmaler. Nach dem Aufwachen brauchte er einen ordentlichen Schluck gegen das Zittern (Goldene Regel: In der Bottel neben dem Schlafsack sollte tunlichst \u00fcber Nacht eine rettende Reserve \u00fcbrig sein). Seine Kleidung stank, nie war Maik ohne eine schw\u00e4rende Verletzung.<\/p>\n<p>Die Menschen machten einen Bogen um ihn. Er hatte gegen das Leben verloren.<\/p>\n<p>Da traf er auf Sophie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er sah auf ihre Hand, die er hielt. Sophie war sein Wunder. Maik blickte durch den Park. Er beugte sich zum Boden, rupfte einen Grashalm aus und roch daran.<\/p>\n<p>\u201eWir schaffen das\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sagte sie. \u201eWir schaffen das.\u201c<\/p>\n<p>Das Radio des Nachbarn pl\u00e4rrte. Hertha hatte ein Tor geschossen. Noch so ein Wunder.<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen das schaffen\u201c, sagte Maik.<\/p>\n<p>\u201eKlar. Werden wir.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWollen wir gehen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa.\u201c Sie standen auf und zogen los. Maik sah sich noch einmal um \u2013 hatten sie auch nichts vergessen?<\/p>\n<p>Nee. Alles paletti. Die Bank war bereit f\u00fcr das n\u00e4chste Menschen-Schicksal. Es war eine gute Bank.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXX &#8220;Sabrina&#8221;, sagte Krohn und schubberte seine \u00fcber Nacht gewachsenen Kinnhaare \u00fcber ihre glatte Schulter &#8211; was sie mochte und nicht mochte. &#8220;Jetzt magst nichts mehr h\u00f6ren.&#8221; &#8220;Oder was?&#8221; Sie schob sich an ihn heran. Mit unten. &#8220;Oder was?&#8221; Mit untenunten. Ach. Sp\u00e4ter wiederholte er, dass sie jetzt wohl nichts mehr h\u00f6ren wolle. 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