{"id":2057,"date":"2015-08-15T16:35:46","date_gmt":"2015-08-15T16:35:46","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2057"},"modified":"2015-08-15T16:35:46","modified_gmt":"2015-08-15T16:35:46","slug":"letzte-zigarette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/letzte-zigarette\/","title":{"rendered":"LETZTE ZIGARETTE"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXVIII<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Hans Krohn erz\u00e4hlte ohne Punkt und Komma. Es brach aus ihm heraus. Einmal fragte ihn Sabrina, ob er das alles schon aufgeschrieben h\u00e4tte. Naja, manches ja, manches nein. Er hatte sich zum Beispiel vorgenommen, die Geschichten von den Frauen und M\u00e4nnern, neben denen er auf Berliner B\u00e4nken gesessen hatte, zu notieren. Aber das sei ein Projekt, mehr nicht.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Du musst das aufschreiben&#8221;, sagte Sabrina. &#8220;Sonst wirst Du es nicht los.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Ach, ich bin erstmal so froh, dass ich es Dir erz\u00e4hle.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Ja, ich h\u00f6re Dich gerne. Du warst bei den Menschen auf den B\u00e4nken.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieter Weilands Trainingsanzug ist neongr\u00fcn und aus schillernder Kunstseide. Sowas ziehen gerne mal die Russen-Machos am Samstagmorgen zum Einkaufen beim Aldi an.<\/p>\n<p>Aber Herr Weiland geht nicht mehr zum Aldi. Wohl nie mehr.<\/p>\n<p>Er ist mit dem Notarzt in die Charit\u00e9 gebracht worden. Die \u00c4rzte haben hart ackern m\u00fcssen, um Herrn Weiland im Leben zu halten. Noch einmal haben sie es hin bekommen. Der Patient ist auf die Intensivstation verlegt worden, nun liegt er seit ein paar Tagen in einem hellen Zimmer und lebt noch.<\/p>\n<p>Der Krebs tut sich nicht mehr hart mit ihm. Dieter Weiland, der als Polier die schwersten S\u00e4cke ohne ein Wimpernzucken geschultert hat, sp\u00fcrt, wie die allerletzte Kraft aus seinem K\u00f6rper tr\u00f6pfelt. Alles f\u00e4llt ihm schwer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war ein gro\u00dfer Entschluss, das Zimmer zu verlassen und sich bis in den Garten vor zu k\u00e4mpfen. Er schlurfte hinter seinem Rollator her, fuhr mit dem Aufzug ins Erdgeschoss und f\u00fchlte die mitf\u00fchlenden Blicke der anderen Menschen im Aufzug. Der Weg in den Garten war weit und kraftraubend.<\/p>\n<p>Nun sitzt Dieter Weiland, 57, keuchend auf der Bank und wei\u00df, wie sein Sterben sein wird. Nichts mehr zu \u00e4ndern. Seine Finger zittern sehr, als er die Packung aus der Tasche fischt. Er bekommt eine Zigarette zu fassen, steckt sie zwischen die Lippen, z\u00fcndet sie m\u00fchsam \u2013 nach drei Versuchen klappt es endlich \u2013 an.<\/p>\n<p>Gierig saugt er den Rauch an. Kurze Heiterkeit flackert auf, eine Art Optimismus gar. Herr Weiland ist erleichtert, dass er raucht.<\/p>\n<p>Sein Ende ist nicht gerade ruhmreich. Dieter Weilands Gedanken gehen kreuz und quer. Wann sein Ende begonnen hat? Mit dem Auszug der Frau von Zuhause? Vielleicht. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen, dann hat sie den Rappel gekriegt und gemeint, das k\u00f6nne doch nicht alles sein. Und weg war sie, einfach so.<\/p>\n<p>Da war er noch keine 50.<\/p>\n<p>Aber wenn er es recht bedenkt: Das war damals nicht so schlimm gewesen. Er musste sich das Abendessen selbst machen, und Weihnachten war es recht einsam in der Wohnung \u2013 die Tochter hatte in den S\u00fcden geheiratet, also war Weiland am Heiligabend allein.<\/p>\n<p>Er mag das Alleinsein nicht. Mit den Kollegen ist er immer gern nach Feierabend auf ein Bier gegangen. Ab und zu trank er zuviel, doch das hielt sich in Grenzen.<\/p>\n<p>Schlimmer war diese Raucherei. Er konnte nicht davon lassen. Der Arzt hatte gemeint, wenn er nicht aufh\u00f6rte damit, dann w\u00fcrde die Geschichte b\u00f6se ausgehen. Er hat versprochen, dass er sich in den Griff bekommen w\u00fcrde, ist aus der Praxis gegangen und hat sich auf der Stra\u00dfe gleich mal eine auf den Schrecken angesteckt. Er hat auch ein paar Mal wirklich aufgeh\u00f6rt und eine, zwei Wochen durchgehalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber das ist lang her. Dieter Weiland kriegt es nicht auf die Reihe: Er kann keinen Termin benennen, an dem er aufgegeben hat. Er erinnert sich nur, wie es sich angef\u00fchlt hat, als er aufgab. Er befand sich auf einmal neben sich selbst. Er sah sich und seiner Sinnlosigkeit zu. Was er tat, hatte keine Bedeutung; was die Anderen von ihm wollten, interessierte nicht, sie wollten es auch nicht von ihm, es konnte jedermann sein, er war unn\u00fctz, das war er. Ob er abends zum Biertrinken mit ging, ob er zum Kegelabend erschien, wann er die Weihnachtsfeier verlie\u00df, wurde nicht bemerkt. Er war da und er war nicht da.<\/p>\n<p>Kein Mensch, kein Tier \u2013 Weiland war allein. Die Einzimmer-Wohnung heimelte ihn nicht an. F\u00fcr eine Urlaubsreise fehlte die Energie. Dieter Weiland sah viel fern und hatte seine vier, f\u00fcnf sechs Bier am Abend. Er rauchte mehr und mehr. Die Arbeit ging ihm nicht mehr leicht von der Hand. Dann war er kein Vorarbeiter mehr, sondern erledigte die Polen-Aufgaben. Schubkarre voll schippen, hin und her schieben, W\u00e4nde aufm\u00f6rteln, hier und da und dort aushelfen.<\/p>\n<p>War auch egal. Seufzend machte er seinen Job und seufzend schleppte er sich in den Feierabend.<\/p>\n<p>Bis er zum ersten Mal aus den Latschen kippte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da war es dann auch schon zu sp\u00e4t. Nun war er auf der Schussfahrt nach unten.<\/p>\n<p>Er raucht noch eine. Das Herzrasen nervt, das Zittern geht ihm auf den Senkel. Dieter Weiland blinzelt in die Sonne. Es ist angenehm warm im Park der Charit\u00e9, ein Zeisig tschilpt, auf der Nachbarbank sitzt eine aparte Schwarzhaarige und schm\u00f6kert in einem Roman. Sie hat ein Gesicht, \u00fcber das sich Weiland fr\u00fcher einmal gefreut h\u00e4tte. So ganz ohne Absicht w\u00e4re das passiert \u2013 er h\u00e4tte einfach Gefallen an der sch\u00f6nen Person gehabt.<\/p>\n<p>Nun ist sie ihm gleichg\u00fcltig. Ihm ist alles egal. Er wird sterben. Nicht jetzt, auf der Bank. Wahrscheinlich auch nicht in dieser Nacht. Vielleicht lassen sie ihn auch noch einmal raus. Dann wird er zuhause auf seinen n\u00e4chsten Zusammenbruch warten.<\/p>\n<p>Ein Ende ist in Sicht. Jetzt dauert es nicht mehr lange. Ein paar Schachteln noch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXVIII Hans Krohn erz\u00e4hlte ohne Punkt und Komma. Es brach aus ihm heraus. Einmal fragte ihn Sabrina, ob er das alles schon aufgeschrieben h\u00e4tte. Naja, manches ja, manches nein. Er hatte sich zum Beispiel vorgenommen, die Geschichten von den Frauen und M\u00e4nnern, neben denen er auf Berliner B\u00e4nken gesessen hatte, zu notieren. 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