{"id":2055,"date":"2015-08-14T11:42:26","date_gmt":"2015-08-14T11:42:26","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2055"},"modified":"2015-08-14T11:44:59","modified_gmt":"2015-08-14T11:44:59","slug":"sorry-alter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/sorry-alter\/","title":{"rendered":"SORRY, ALTER!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><strong><em>sommer zwanzichfuffzehn XXVII<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Bayer sa\u00df auf der Nachbarbank und hielt einen Monolog \u00fcber die Heimt\u00fccke der Bullerei. Sein Trachtenhemd, ehmals wei\u00df, starrte vor Dreck, die langen Haare waren \u00f6lig, rasiert hatte sich der Bayer l\u00e4ngere Zeit nicht mehr. Er schimpfte, er war wirklich zornig.<\/p>\n<p>Hatten ihn doch die Polizisten am helllichten Vormittag auf der Joachimsthaler angehalten und seine Papiere sehen wollen. Ja, wo, bittesch\u00f6n, h\u00e4tte er die her zaubern sollen? Aus der Lederhose (da steckte ein Hirschf\u00e4nger im Futteral auf der H\u00fcfte) oder aus dem taschenfreien Hemd? Und \u00fcberhaupt: Was bildeten die sich ein, ihn am Vormittag mitten in Charlottenburg zu bel\u00e4stigen?<\/p>\n<p>Krohn fragte Bruno: \u201eSchimpft er immer so?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, eigentlich schon. Aber das ist kein richtiges Schimpfen. Gerade, wenn er sich wohl f\u00fchlt, erz\u00e4hlt er allen, wie schlecht es ihm geht. Nie kann man ihm etwas recht machen. Aber er ist ein guter Typ. Wenn Du was brauchst, ist er immer f\u00fcr Dich da.\u201c<\/p>\n<p>Bruno schwieg, hing seinen Erinnerungen an Clint, seinen toten Hund, nach. Dann schreckte er auf und meinte: \u201eWenn er nicht gerade weg ist.\u201c<\/p>\n<p>Wie er das meine?<\/p>\n<p>Nun ja, der Bayer wurde regelm\u00e4\u00dfig vom Heimweh geplagt. Dann machte er sich auf den Weg in den S\u00fcden. Geld hatte er nicht. Weil er eher ungepflegt war, wollte ihn niemand mitnehmen. Also marschierte der Bayer zu Fu\u00df los.<\/p>\n<p>Mit wechselndem Erfolg.<\/p>\n<p>Einmal \u2013 das war schon ein paar Jahre her \u2013 hatte er es bis nach Kronach geschafft. Damals hatten sich die Gl\u00fccksf\u00e4lle geh\u00e4uft. In Teltow hatte er einen F\u00fcnf-Tage-Job gefunden, nach dem ihm genug Kohle f\u00fcr eine Bahnkarte nach Saalfeld \u00fcbrig geblieben war. Dort hatte er beim Entr\u00fcmpeln eines alten Gasthofs geholfen. Zu Fu\u00df war er anschlie\u00dfend durch den Th\u00fcringer Wald marschiert. Es war ein wundervoller hei\u00dfer, wein- und naturseliger Sommer gewesen, der Bayer hatte in Bush\u00e4uschen, vor Forsth\u00fctten und manchmal auf einer trockenen Wiese unter freiem Himmel \u00fcbernachtet. Als er aber in Kronach ankam, war er fast blank. Es reichte noch f\u00fcr einen Granatenrausch in der Innenstadt, wo er ein wenig randalierte und die Bullen ihn eine Nacht lang einkastelten. Am n\u00e4chsten Morgen erkl\u00e4rte er, er sei aus Berlin und habe kein Geld mehr f\u00fcr die R\u00fcckfahrt, da verschafften sie ihm eine Freifahrt mit dem n\u00e4chsten Intercity. Nur raus aus der Stadt mit dem Tunichtgut.<\/p>\n<p>Und, schwuppdiwupp, stand er wieder vor dem Hauptbahnhof, taperte unsicher (das Restgeld hatte noch f\u00fcr eine nette Zeit im Bordbistro gereicht) \u00fcber die Br\u00fccke, bog nach links ab, schlurfte 150 Meter an der Spree lang und sah sie auch schon. Alle da: Bruno, Clint, Theresa, die ganze Clique. Er hatte seine Siebensachen auf eine freie Bank geschmissen und verk\u00fcndet: \u201eDa bin ich wieder!\u201c<\/p>\n<p>Gro\u00dfartig, hatten alle gemeint. Das musste gefeiert werden.<\/p>\n<p>Andere Ausfl\u00fcge hatten fr\u00fcher geendet. Mal hatte es der Bayer bis zur Stadtgrenze geschafft. Bis nach Rudow oder so. Da hatte er noch einmal ordentlich am Kiosk bei der U-Bahn-Endstation getankt und war \u2013 am fr\u00fchen Nachmittag meistens &#8211; in Richtung S\u00fcden aufgebrochen. Aber dann hatte er die letzten Hochh\u00e4user hinter sich und nur noch weite \u00c4cker und versprengte D\u00f6rfer vor Augen. Das war alles so m\u00fchsam gewesen. Er war bald stehen geblieben und hatte begonnen nachzudenken. War umgekehrt. Sehr dehydriert am Kiosk an der Endstation angelandet. Hatte sich ein paar Getr\u00e4nke organisiert und war in die Stadt zur\u00fcck gefahren. Abends machten ihm die Freunde Platz und lie\u00dfen sich aus der weiten Welt berichten. Er hatte immer sch\u00f6ne Erz\u00e4hlungen zum Besten gegeben. Da hatte man sich so sch\u00f6n gruseln k\u00f6nnen. Und einen guten Grund f\u00fcr eine spontane Fete gehabt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, sagte Bruno, dieser Bayer, der war eine Bereicherung f\u00fcr die Gruppe. Er kramte eine Flasche Gin aus dem Rucksack. Er lie\u00df die Buddel rum gehen. Hans Krohn nahm einen ordentlichen Schluck und k\u00e4mpfte das W\u00fcrgen im Hals nieder. Das war echt \u00fcbler Fusel. Bruno trank, in gro\u00dfen durstigen Schlucken. Er setzte ab, wischte sich \u00fcber die Lippen und meinte: \u201eGleich geht es besser.\u201c<\/p>\n<p>Krohn sah ihn fragend an.<\/p>\n<p>\u201eNaja, ich hab\u2019 Dir das Foto von Clint gezeigt. Abends ist es am schlimmsten. Um die Zeit hat er an meiner Bank gepennt, aber er hat auch im Schlaf immer auf mich aufgepasst. Ohne Clint bin ich nur halb.\u201c Bruno setzte die Flasche wieder an.<\/p>\n<p>Wie es denn passiert sei?<\/p>\n<p>\u201eHinten am Friedensengel wollten wir \u00fcber die Stra\u00dfe. Es ist Gr\u00fcn geworden, und ich hab\u2019 gesagt, jetzt kann er laufen. Dann ist er immer los wie ein Gesengter. Er auf die Stra\u00dfe, aber so ein Arsch musste noch bei Rot r\u00fcber und hat Clint voll erwischt. Der ist durch die Luft geflogen, hat sich \u00fcberschlagen. Ich zu ihm hin, da hat er auf der Stra\u00dfe gelegen und so ein bisschen gewedelt. Als ob er sagen wollte, ,tut mir leid, Alter\u2019. Ich wollte ihn aufheben, aber da war er schon wieder auf den Beinen. Er hat einen Fu\u00df nach gezogen, nichts weiter.\u201c<\/p>\n<p>Und?<\/p>\n<p>\u201eNichts und! Er ist allein zur\u00fcck zu unserer Bank. Abends hat er nicht gefressen und dann ist er einfach nicht mehr aufgestanden. Ich hab\u2019 die tollsten Sachen organisiert, ich habe nichts getrunken. Am dritten Tag habe ich ihn in den Rucksack gepackt und bin zum n\u00e4chsten Tierarzt gedackelt. Der hat erstmal gefragt, ob ich zahlen kann. Konnte ich nat\u00fcrlich nicht. Er hat sich Clint dann trotzdem angesehen. Dann hat er gesagt, da kann man nichts machen, wegen der inneren Verletzungen. Er hat ihn eingeschl\u00e4fert, war ja nur noch eine Plagerei f\u00fcr Clint. Ich kann Dir sagen, das war das Beschissenste, was mir passiert ist in meinem Leben. Der Hund hat da gelegen, ganz still, der hatte so eine Beruhigungstablette gekriegt. Lag da und guckte mich an. Die ganze Zeit hat er mich angeguckt, w\u00e4hrend der Arzt die Spritze fertig machte. Dann hat er ihm die Nadel rein gemacht. Und Clint hat keinen Zucker getan. Nur angeguckt hat er mich. ,Alter, sei nicht traurig\u2019, das hat er wohl sagen wollen. Dann hat er ein bisschen nach Luft geschnappt und nicht mehr geguckt. Mann, hab\u2019 ich geheult. Die Sprechstundenhilfe hat mir eine Decke gegeben, da haben wir Clint rein gewickelt. Ich bin hierher. Einer von den Stra\u00dfenkehrern hat uns \u00fcber Nacht \u2019ne Schaufel geliehen, und wir haben in der Nacht im Tiergarten eine echt sch\u00f6ne Beerdigung f\u00fcr den Clint gemacht. Die n\u00e4chsten zwei Tage habe ich nicht mehr auf dem Schirm \u2013 die Kumpels haben gesagt, ich h\u00e4tte gesoffen, als ob ich mich tot machen wollte. Hat ja nicht geklappt, wie Du siehst. Eigentlich schade.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An diesem Abend \u00fcbernachtete Krohn auf einer Bank an der Spree. Goran hatte gemeint, er sei zu voll zum Gehen. Er hatte ihm einen Platz neben sich frei gemacht.<\/p>\n<p>Klar, Hans Krohn war voll. Aber dass Gorans Angebot wie ein Ritterschlag war, schnallte er schon noch.<\/p>\n<p>Eine Ausnahme war diese \u00dcbernachtung unter der Br\u00fccke dennoch. Hans Krohn empfand das als anstrengend: das Feiern bis ins Vergessen hinein. Der traumlose Schlaf. Die ersten Ger\u00e4usche des Morgens, Radfahrer, das Hecheln und Trappeln der Jogger, das anschwellende Summen und Hupen und kakophonische Getriebe der Stadt. Das z\u00e4he \u00d6ffnen der schweren verklumpten Lider. Die unangenehme Helle. Das Schnarchen des Nachbarn auf der n\u00e4chsten Bank. Der faule Geschmack im Mund.<\/p>\n<p>Das war nicht er. Krohn besuchte Bruno und seine Leute regelm\u00e4\u00dfig \u2013 er trank mit ihnen und hatte eine gute Zeit. Und wenn die harten Runden eingel\u00e4utet wurden, verabschiedete er sich. Marschierte durch den Tiergarten und durch Sch\u00f6neberg in seine kleine Wohnung. Er duschte, putzte die Z\u00e4hne, schl\u00fcpfte ins Bett und schlief aus. Am n\u00e4chsten Vormittag schluckte er eine Aspirin und arbeitete weiter am \u201eComeback\u201c.<\/p>\n<p>Er wollte noch nicht aufgeben. Lie\u00df die Dem\u00fctigungen auf dem Arbeitsamt \u00fcber sich ergehen. Er nahm jeden Job an. Und wenn er Zeit hatte, suchte er nach der Geschichte, die ihn wieder nach oben katapultieren w\u00fcrde. Hans Krohn, der fr\u00fcher First Class geflogen war, in F\u00fcnf-Sterne-H\u00e4usern \u00fcbernachtet und sich nicht um teure Spesen geschert hatte, fuhr nun mit der U-Bahn zum Job, pennte &#8211; wenn n\u00f6tig &#8211; im Schlafsack und ern\u00e4hrte sich von D\u00f6ner und Stullen.<\/p>\n<p>Er war viel unterwegs. Nichts machte ihm mehr Angst. Krohn recherchierte die Geschichte eines Knackis, der unschuldig sa\u00df. Er traf auf den Bruder einer ber\u00fchmten Schlagers\u00e4ngerin, deren pl\u00f6tzlicher Tod nie ganz aufgekl\u00e4rt worden war. Hans Krohn machte sich an eine abgetakelte Blonde heran, die einmal in Hollywood wunderbare Rollen bekommen hatte und jetzt langsam bei lebendigem Leib starb.<\/p>\n<p>Und er lernte \u201eMenschen auf B\u00e4nken\u201c kennen. Manchmal waren die B\u00e4nke Orte der Hoffnung und der Liebe, manchmal waren es nur noch Endstationen des Lebens. Hans Krohn setzte sich zu den Menschen und h\u00f6rte ihnen zu. Je mehr er erfuhr, desto nachsichtiger war er mit sich und seinem Leben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_8756-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-338\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_8756-2-300x234.jpg\" alt=\"DSC_8756 2\" width=\"300\" height=\"234\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_8756-2-300x234.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_8756-2-600x469.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_8756-2.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXVII Der Bayer sa\u00df auf der Nachbarbank und hielt einen Monolog \u00fcber die Heimt\u00fccke der Bullerei. 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