{"id":2051,"date":"2015-08-12T13:48:53","date_gmt":"2015-08-12T13:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2051"},"modified":"2015-08-12T13:48:53","modified_gmt":"2015-08-12T13:48:53","slug":"hundeleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/hundeleben\/","title":{"rendered":"HUNDELEBEN"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXVI<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Bruno, der Chef vom Kiez. Pockennarbiges Gesicht. Schnell mit den F\u00e4usten zur Stelle. Bruno hatte einen krummen R\u00fccken, weil er wegen seiner Gr\u00f6\u00dfe immer das Gef\u00fchl hatte, er m\u00fcsse sich b\u00fccken. Als Krohn den Riesen von der Spree kennen lernte, war der in Trauer. Er zeigte jedem ein knittriges Foto, das Clint zeigte: einen rostfarbenen Zottelhund, dessen Schnauze Bruno gerade mal an die Waden reichte.<\/p>\n<p>Clint und sein Herr waren ein Team gewesen, nachdem der vor einem Dutzend Jahren seine letzte Strafe abgerissen hatte. Der Hund war mit frechem Selbstbewusstsein durch Berlins Stra\u00dfen getrottet, Bruno hatte sich nicht um die Menschen gek\u00fcmmert, die ihn angafften. Sie hatten nur geguckt, aber nichts gesagt. Hatten nicht gewagt, sich \u00fcber diesen schr\u00e4gen Vogel lustig zu machen.<\/p>\n<p>Er trug von M\u00e4rz bis Ende Oktober kurze Hosen und hatte tagein, tagaus eine gestrickte Matrosenm\u00fctze. Bruno war nicht ohne seinen Rucksack \u2013 ein unf\u00f6rmiges Teil aus altem, verschmutztem Leinen \u2013 zu denken.<\/p>\n<p>Manchmal hatte sich ein Tourist ein Herz gefasst und gefragt, ob er Bruno und seinen Hund fotografieren d\u00fcrfe. Dann hatte Bruno die Hand aufgehalten, sich f\u00f6rmlich f\u00fcr eine kleine Spende bedankt und f\u00fcrs Bild posiert. Clint hatte sich zu diesem Anlass auf den Hintern gesetzt und die Vorderpfoten nach vorne ausgestreckt, das hatte putzig ausgesehen.<\/p>\n<p>Bruno und sein Hund waren scheinbar planlos durch die Stadt gestromert. Doch sie hatten schon gewusst, was sie taten. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck hatten sie einen Spaziergang zu einer Adresse gemacht, wo man mittags verk\u00f6stigt wurde. Dann hatten sie sich gem\u00e4chlich im gro\u00dfen Bogen treiben lassen. Am fr\u00fchen Abend hatten sie den Hinterhof eines Supermarkts angesteuert und K\u00f6stlichkeiten aus den Containern gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Mit gef\u00fclltem Rucksack war Bruno bei den Freunden an der Spree eingelaufen. Jeden Abend gro\u00dfes Hallo. Man hatte es sich gem\u00fctlich gemacht. Jeder hatte die eine oder andere Flasche beisteuern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Einen Anlass zu feiern hatte man immer gefunden. Bruno hatte seine K\u00f6stlichkeiten verteilt, man hatte geschnattert und diskutiert, gelacht und gestritten. Neue waren dazu gekommen, Schw\u00e4chlinge wegen Trunkenheit ausgefallen. Bruno hatte nie zu denen geh\u00f6rt, die die Segel strichen.<\/p>\n<p>Bruno hatte auf seiner Bank gesessen, mit roten Knien und strammen Beinen in den dreckstarrenden kurzen Hosen. Er hatte gel\u00e4chelt und war sich seiner Riesenhaftigkeit wohlig bewusst gewesen.<\/p>\n<p>Und zu seinen F\u00fc\u00dfen hatte sich Clint eingeringelt und unbeeindruckt gepennt. Clint hatte nicht getrunken. Aber er war auch kein Spielverderber gewesen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen hatte Clint seinem Freund Bruno die feuchte Schnauze auf die Wange gedr\u00fcckt. Der hatte langsam die Augen auf gekriegt, den Schnauzer des Hundes gesehen \u2013 und schon war es ein guter Tag gewesen.<\/p>\n<p>Als Hans Krohn Bruno zum ersten Mal traf, war Clint gerade mal drei Wochen unter der Erde. Bruno, dieser Baum von Mann, zeigte das Foto des Tiers, weinte, und erz\u00e4hlte einen ganzen Abend lang aus dem Leben des Hundes.<\/p>\n<p>\u201eDas war der beste Amigo, den ich im Leben gehabt habe\u201c, sagte Bruno. \u201eDer hat gesp\u00fcrt, was ich denke, und ich habe gewusst, wie er f\u00fchlt.\u201c<\/p>\n<p>Nun war er solo und hatte keinen Schimmer, wie es weiter gehen sollte. Er war ein Entwurzelter in seiner Heimat auf der Spree-Bank.<\/p>\n<p>Die meiste Zeit hatte er Hunde als Begleiter gehabt. Er kannte das bedingungslose Verstehen, die vorbehaltlose Zuneigung, die wissenden Blicke.<\/p>\n<p>\u201eWillste keinen neuen?<\/p>\n<p>Bruno sah erstaunt auf: \u201eNee, ich bin durch damit. Nochmal so was \u2013 und das killt mich. Ich bleib\u2019 alleine.\u201c<\/p>\n<p>Sie blickten \u00fcber den Fluss hin\u00fcber zum hellen Hauptbahnhof. Z\u00fcge fuhren ein und aus, Autos irrlichterten \u00fcber die Br\u00fccke, Menschen hatten es eilig. Von ferne kamen die Ger\u00e4usche einer Beach-Bar.<\/p>\n<p>\u201eUnd weg willste auch nicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNee.\u201c Bruno klang emp\u00f6rt. \u201eIch bin doch nicht der Bayer.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXVI Bruno, der Chef vom Kiez. Pockennarbiges Gesicht. Schnell mit den F\u00e4usten zur Stelle. Bruno hatte einen krummen R\u00fccken, weil er wegen seiner Gr\u00f6\u00dfe immer das Gef\u00fchl hatte, er m\u00fcsse sich b\u00fccken. Als Krohn den Riesen von der Spree kennen lernte, war der in Trauer. 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