{"id":205,"date":"2015-01-06T07:56:58","date_gmt":"2015-01-06T07:56:58","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=205"},"modified":"2015-01-08T09:59:06","modified_gmt":"2015-01-08T09:59:06","slug":"abgelebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/abgelebt\/","title":{"rendered":"ABGELEBT"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>berlin, 6. januar 2015<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die freiz\u00fcgige Dame in der Tag und Nacht ge\u00f6ffneten Balkan-Bar ist stocksauer. Der M\u00fcllhaufen vor dem Eingang verderbe das Gesch\u00e4ft, schimpft sie. Das vergr\u00e4tze doch die Kunden, die ordentlich Kohle locker machen w\u00fcrden. Nur die alten Bekannten, die sich stundenlang an einem Bier festhalten, w\u00fcrden kommen. Denen graust es vor gar nix. Auch nicht vor diesem Haufen M\u00fcll.<\/p>\n<p>Die Frau zupft an ihrem Dekolletee, dreht die Hitparade aus Bulgarien auf volle Lautst\u00e4rke und versucht \u2013 man ist es nun mal so gewohnt \u2013 ihr Gl\u00fcck. \u201eMagst Du mir einen Piccolo ausgeben?\u201c<\/p>\n<p>Der Gast will nicht, da setzt sie die Tirade gegen die Stadtwerke fort. Anfang Dezember haben sie die Leiche des alten Mannes raus getragen, eine Woche vor Heiligabend schafften sie den ganzen Dreck aus der Wohnung aufs Trottoir, zogen Absperrb\u00e4nder um den M\u00fcllhaufen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_210\" aria-describedby=\"caption-attachment-210\" style=\"width: 178px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-210 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000850-178x300.jpg\" alt=\"P1000850\" width=\"178\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000850-178x300.jpg 178w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000850-609x1024.jpg 609w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000850-600x1010.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000850.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 178px) 100vw, 178px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-210\" class=\"wp-caption-text\">Es hat sich ausgeruht. Uwes Kopfkissen. FOTOS: DETLEF VETTEN<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eUnd jetzt liegt das Zeug da und stinkt. K\u00fcmmern tut es niemanden.\u201c<\/p>\n<p>Wer denn der alte Mann gewesen sei?<\/p>\n<p>Ach, der habe im Nachbarhaus gewohnt. Seit sie denken kann, ist der ein Teil der Flughafenstra\u00dfe gewesen. Armes Schwein! Zum Schluss habe man ihn nur noch selten gesehen. \u201eDer konnte nicht mehr. Ist nur ganz langsam voran gekommen mit seinem Rollator. Zu uns ist er manchmal rein, da hatte er dann schon zuviel. Hat sein Bier getrunken und kein Wort gesagt.\u201c<\/p>\n<p>Die Bardame fragt einen Stammkunden, ob er sich erinnern k\u00f6nne. Schon, meint der. \u201eDer wollte nicht reden. Sah ganz sch\u00f6n Schei\u00dfe aus. Uwe hie\u00df der, oder so. Nee, der ist nicht oft hier rein gekommen. Ich glaube, der ist immer in die Bergklause.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_207\" aria-describedby=\"caption-attachment-207\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-207 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000854-1-300x245.jpg\" alt=\"P1000854-1\" width=\"300\" height=\"245\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000854-1-300x245.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000854-1-600x489.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000854-1.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-207\" class=\"wp-caption-text\">Bitte entsorgen! Uwes Habe vor dem letzten Weg.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es war ein m\u00fchsamer Weg. Jeden Tag qu\u00e4lte sich Uwe, Schrittchen f\u00fcr Schrittchen, hinunter zur Karl-Marx-Allee. Bog nach rechts ab, man\u00f6vrierte sich durch das Fu\u00dfg\u00e4nger-Gewimmel, nach 50 Metern ging es wieder rechts weg, hoch zur \u201eBergklause\u201c.<\/p>\n<p>Die G\u00e4ste dort k\u00f6nnen sich an Uwe erinnern. Er trudelte immer zwischen zehn und elf ein, setzte sich an einen der kleinen Tische. Er hat es gemocht, wenn sie im Fernsehen so Tierfilme aus deutschen Zoos zeigten. Bier und Korn \u2013 das war seins. Uwe hat gut zugeh\u00f6rt, wenn sich die Anderen an der Theke \u00fcber den Tag und die Welt unterhielten. Dann l\u00e4chelte er oft so seltsam. Er selbst redete selten. Gegangen ist er, wenn die Gerichtsshows zu Ende waren.<\/p>\n<p>\u201eDie Helga hat ihn gemocht.\u201c, sagt einer. Die Kumpels nicken. \u201eDie Helga hat ihn wieder in die Kneipe geholt, als seine Frau gestorben ist. Das war vor vier Jahren und so.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_208\" aria-describedby=\"caption-attachment-208\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-208 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000852-224x300.jpg\" alt=\"P1000852\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000852-224x300.jpg 224w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000852-600x803.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000852.jpg 732w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-208\" class=\"wp-caption-text\">Der &#8220;Schatz&#8221; des M\u00fcllhaufens &#8211; endg\u00fcltig vom Netz gegangen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ja, genau. Der Uwe. In den guten Zeiten ist er manchmal sogar mit seiner Alten hier aufgetaucht, sie hat gr\u00fcne Lik\u00f6re gemocht. Damals brauchte der Uwe noch keinen Rollator.<\/p>\n<p>Die Helga, die gute Seele der \u201eBergklause\u201c, hat den Uwe nach dem Tod seiner Frau &#8211; Brustkrebs war das wohl \u2013 angerufen (die hatte ja von allen Stammg\u00e4sten die Telefonnummern) und \u00fcberredet, wieder unter die Menschen zu gehen. Hat ihn auch im Krankenhaus besucht, als er wegen einer Herzgeschichte im Krankenhaus zu liegen kam.<\/p>\n<p>Nun ist die Helga seit letztem Sommer im Ruhestand. Und so hat sich auch niemand so richtig gek\u00fcmmert, dass der Uwe pl\u00f6tzlich nicht mehr auftauchte.<\/p>\n<p>Wann das war? Naja, im Oktober oder so.<\/p>\n<p>\u201eEr war sehr krank\u201c, sagt einer. Der hat\u2018s ja fast nicht mehr die Stra\u00dfe hoch geschafft.<\/p>\n<p>Einmal, erg\u00e4nzt ein Anderer, sei der Uwe mit einem papierwei\u00dfen Gesicht in die Kneipe geschoben gekommen. \u201eDer war in den Arcaden gewesen und hatte noch die Kaufland-T\u00fcten dabei. Das hat nur geklimpert. Sp\u00e4ter ist er am Tisch eingeschlafen. Die Helga hat einen von uns mit ihm nach Hause geschickt. Der hat ihn bis r\u00fcber in die Flughafenstra\u00dfe begleitet. Wie es bei dem in der Wohnung ausgesehen hat, hat aber keiner gewusst. Der Typ ist ja wohl ein echter Messi gesen.\u201c<\/p>\n<p>Sie unterhalten sich \u00fcber den M\u00fcllberg. \u00dcber den orangefarbnenen B\u00fcrostuhl mit den defekten Rollen, \u00fcber die zerschlissenen Sessel und die leeren Weinpullen, den Fernseher aus dem letzten Jahrhundert und das kalt gewordene Kopfkissen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_209\" aria-describedby=\"caption-attachment-209\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-209 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000851-300x194.jpg\" alt=\"P1000851\" width=\"300\" height=\"194\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000851-300x194.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000851-600x388.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000851.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-209\" class=\"wp-caption-text\">Weg damit! Zuerst brauchte Uwes Frau den Sessel nicht mehr, nun ist auch seiner zu nichts mehr nutze.<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eWar doch kein Leben mehr\u201c, sagt einer. Die Anderen nicken.<\/p>\n<p>Im Fernsehen l\u00e4uft eine Tiersendung.<\/p>\n<p>\u201eWei\u00df einer, wo sie den begraben haben?\u201c<\/p>\n<p>Nee, keiner wei\u00df es.<\/p>\n<p>Vielleicht mal beizeiten die Helga fragen.<\/p>\n<p>Oder auch nicht.<\/p>\n<p>Ist auch schon egal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Morgen: Hier ist Endstation<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 6. januar 2015 Die freiz\u00fcgige Dame in der Tag und Nacht ge\u00f6ffneten Balkan-Bar ist stocksauer. Der M\u00fcllhaufen vor dem Eingang verderbe das Gesch\u00e4ft, schimpft sie. Das vergr\u00e4tze doch die Kunden, die ordentlich Kohle locker machen w\u00fcrden. Nur die alten Bekannten, die sich stundenlang an einem Bier festhalten, w\u00fcrden kommen. 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